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Popkultur

Die Wahnsinns-Liste der wahnsinnigsten Filme aller Zeiten – bewertet nach Wahnsinn

Anlässlich des /slash Filmfestivals haben wir für euch die kaputtesten Kinomomente gesammelt

von Josef Zorn
15 September 2017, 7:20am

Foto: VICE Media

Mit zehn Jahren bin ich das erste Mal hinter den "Ab 18"-Vorhang in einem Filmmuseum geschlichen. Dort lief ein Stummfilm, in dem ein Junge mit einem Messer vergewaltigt wird, während ein bärtiger Mann das Ganze durch ein Fernrohr beobachtet, lacht und Tee trinkt. Das Gesehene hat mich zwar nicht wahnsinnig gemacht, aber es brannte sich definitiv tief in mein Gehirn ein.

Heute liege ich viel zu oft auf dem Sofa vor so richtig miesen Wegwerffilmen auf Netflix wie The Intern oder Men in Black 3, bis irgendwo wieder einmal etwas von Matthias Schweighöfer aufblitzt und ich an der Filmkunst als Ganzem zweifle. Zum Glück holen mich aber die verstörenden Erinnerungen an all die Experimental-, Horror- und Anarcho-Filme meines Lebens wieder auf den Boden der Tatsachen. Die pure Kreativität und ausartende Verrücktheit dieser Filme wird auch 100 weitere Transformers, Emoji-Movies und unnötige Reboots wett machen können.

Film ist und bleibt für mich die grossartigste, emotionalste und einprägsamste Kunstform, wie mein verstörendes Stummfilm-Erlebnis und viele andere wahnsinnige Produktionen mit grenzenlosem WTF-Faktor beweisen. Für den Fall, dass auch ihr hin und wieder den Glauben an die Filmkunst verliert, folgt nun eine Art Beruhigungstablette in Artikelform. Eine ziemlich gestörte Beruhigungstablette.


Fear and Loathing in Las Vegas

Starten wir direkt mit einem vertrauten Titel aus dem vermeintlichen Drogenverherrlichungsgenre – obwohl der Macher, Terry Gilliam, nie auch nur annähernd psychotrope Drogen ausprobiert hat.

Jeder drogenaffine Mensch vom kiffenden Studenten bis zum LSD-Superfreak liebt diesen Film – zumindest ein bisschen und häufig aus den falschen Gründen. Acid-Halluzinationen und überreizter Rauschwahnsinn werden perfekt in Filmbildern nachempfunden, bis man vor lauter Placebo-Contact-High nur noch bestätigend nicken oder verzweifelt mitlachen kann.

Der Hintergrund ist freilich die semi-fiktionale Geschichte von Gonzo-Journalist Hunter S. Thompson und seinem Anwalt, die Anfang der 70er-Jahre für einen Schreibauftrag nach Las Vegas fahren und ganz nebenbei so ziemlich alle der Menschheit bekannten Drogen nehmen. Vom "Fledermausland" über haarige Busenmonster auf Adrenochrom bis hin zu bumsenden Dinosauriern in der Hotelbar bietet Fear and Loathing das cineastische Äquivalent zu einem Picasso-Gemälde; und das vor dem ziemlich politischen Hintergrund von Nixons Anti-Vietnam-Amerika und dem Untergang des Amerikanischen Traums am Beispiel des disneyfizierten Vegas.

WTF-Punkte: 7 von 10


Der Mann, der lacht

Nicht, dass die deutschen Expressionisten an sich besonders geistig gesunde Filme gemacht hätten – man muss nur an Das Cabinet des Dr. Caligari denken –, aber dieser Horrorstummfilm gehört bis heute mit zum Gestörtesten, was nicht nur das Genre, sondern das gesamte Kino hervorgebracht hat.

Und das liegt zu einem guten Teil an Conrad Veidt, der hier ein festgefrorenes Joker-Lachen ins Gesicht geritzt hat und wahrscheinlich nicht ganz zufällig auch bei Dr. Caligari schon den schlafwandelnden Killer gespielt hat. Nichts gegen Heath Ledger und Jack Nicholson als fast genauso gestörte Joker, aber dieses Gesicht wird sich euch genauso einbrennen wie ihm das Lachen im Film.

WTF-Punkte: 8 von 10 (alleine schon, weil man von Stummfilmkino was Harmloseres erwartet)

Paprika

Anime-Filme sind immer ein dankbarer Kandidat in Punkto Wahnsinn – siehe Tekkonkinkreet, Ghost in the Shell oder der Hentai-Klassiker Adventure Kid. Auch Paprika ist auf der Insanity-Skala mit seiner Dichte der gestörten Scheisse ziemlich gut dabei.

Paprika, eine Therapeutin beziehungsweise ihr Alter Ego, steigt mit einem psycho-invasiven Gerät in die Träume ihrer Patienten ein – vier Jahre vor Inception. Ein mysteriöser Fall um einen Ermittler löst eine Lawine an Surrealismus und genialen Szenen voller Traum-Logik aus, die über die reale Welt in einem typisch über-übernatürlichen Finale à la Akira hereinbricht. Warum? Keine Ahnung. Es gibt ganze Foren voller Leute, die den Film nicht verstehen.

Alles, was ich weiss, ist, dass die Parade an Dämonen, Monster und Babuschka-Puppen, die durch die Stadt wüten, wie mit einem Ghosterbusters-Protonenstrahler aus Hayao Miyazakis Frontallappen herausgeschnitten scheinen. Häutungen zerfliessender Körper, Urängste und Schattenwesen, alles ist dabei.

WTF-Punkte: 8 von 10


Slaughtered Vomit Dolls

Aus der Reihe "Filmtitel, die einem den Schlaf rauben, und die Existenz Satans in den Köpfen der Menschen verifiziert": In diesem Film sägen Rednecks hübschen Mädels die Arme ab, um ihn sich in den Hals zu stecken und Blut zu kotzen (tatsächlich, ohne Effekte). Die Kotze sammelt der Erbrecher in einem Bierglas und trinkt sie aus, um sie – erraten – wieder auszukotzen.

Still (c) Lucifer Valentine & Unearthed Films

Ein Call Girl mit tief gepitchter Stimme – damit sie wie Luzifer persönlich klingt – schwört dem Teufel ewige Treue, hält Drogen-Episoden-Monologe, tanzt komplett nackt an einer Stripper-Stange und kotzt natürlich auch regelmässig. Ach ja, kurz masturbiert sie mit einem Kruzifix. Dazwischen werden in extrem blutigen Splatter-Szenen Augen ausgelöffelt, und alles in allem kann man die Macher nur als komplett wahnsinnig bezeichnen. Wenigstens ist das Ganze aber sehr gekonnt und überlegt geschnitten.

WTF-Punkte: 10 von 10


Tetsuo: The Iron Man

Wenn wir gerade bei irrsinnigem Editing sind: Dieser japanische Experimental-Geniestreich aus 1989 könnte durchaus leichte Anfälle und Desorientierung auslösen, durch die Strobo-Cuts und sprunghafte verrückte Kameraführung. Stockmaterial von Grossstadtwetter und Industriemaschinerie wurde hier mit einer Werwolfgeschichte gegengeschnitten, die das Opfer zu einem metallenen Schrottmonster mutieren lässt.

Extrem coole Stop Motion-Spielereien, die Inspiration für Dutzende spätere 90s-Musikvideos sein MÜssEN, und mechanophiler Body Horror treffen kreischend wie Blixa Bargeld aufeinander. Metallhexen, ein riesiger Bohrerpenis und diverse Schlauchpenetrationen folgen ohne Verschnaufpause aufeinander. Beim Endkampf trifft der verfluchte Herr des Lötzinns auf den zum Blech-Dämonen gewordenen Metallfetischisten. Schliesslich vereinen sie sich, um die ganze Welt in Metall zu verwandeln.

WTF-Punkte: 7 von 10 (aber schaut euch bloss nicht die anderen Tetsuo-Teile an!)


Two Girls One Cup

Zwei Mädels essen Scheisse und so weiter. Bis heute glaube ich, dass dieses Video ein Fake war – auch, wenn ich mir der Existenz von Kacke-Ess-Videos bewusst bin. Und trotzdem oder vielleicht sogar deshalb stellt der Trailer für Hungry Bitches, der dann den Spitznamen 2 Girls 1 Cup bekam, ein unglaublich wahnsinniges Phänomen dar.

Wenn man nach den Hunderten Reaction-Videos und dem Internet-Hype geht, stellt dieser "Scat Short" in gewisser Hinsicht den WTF-Effekt von Filmen wie Naked Lunch oder Requiem for a Dream in den Schatten.

WTF-Punkte: 6 von 10


Zardoz

"The Penis is evil! It makes new life to poison the Earth with a plague of men. But the gun shoots death and purifies the earth. Go forth, and kill! Zardoz has spoken." Ein steinerner Titanenschädel (wie aus der "Get Schwifty"-Folge von Rick and Morty) ist ein Gewehre spuckender Gott für langhaarige Barbaren mit Pornoschnauzern. Aber in Wirklichkeit steckt eine weiterentwickelte Gesellschaft an unsterblichen Bobos dahinter, die keine Libido mehr haben.

Sean Connery und Regisseur John Boorman dachten tatsächlich, sie würden mit diesem Borat-Badeanzug tragenden Helden eine umwerfende philosophisch-geniale Sci-Fi-Reihe kickstarten. Das ist zum Glück nicht passiert, aber dafür haben wir ein traumhaftes Beispiel dafür, wie verdreht und kaputt Filme aussehen können, wenn man Leute einfach mal machen lässt, weil ja eh James Bond mitspielt.

WTF-Punkte: 4 von 10 (weil der restliche Film teilweise eher lame ist)


Irreversible

Die Sequenzen dieses Films laufen rückwärts (dieses Mal zwei Jahre nach Memento, aber trotzdem "Fuck Chris Nolan"), aber auch die dramaturgische Dynamik ist verkehrt abgespielt. Wir steigen direkt am Anfang mit einem extremen Climax ein, mit Gaspar Noés wohl unmenschlichster Szene, der ultrarealistischen Zertrümmerung eines Kopfes durch einen Feuerlöscher. Und am Ende des Films ist alles heile Welt und Sonnenschein.

Die Mitte des FIlms ist aber das eigentlich wirklich Schreckliche, das dir, egal ob Frau oder Mann, die Tränen in die Augen treiben und komplette Fassungslosigkeit auslösen wird: Die zehnminütige Vergewaltigung von Monica Belluccis Figur in einer Fussgängerunterführung.

WTF-Punkte: 1 von 10 (weil in einer Welt, die rückwärts läuft, 1 nunmal 10 ist)


Holy Motors

Ein schlaksiger Typ, gespielt von Denis Lavant, der wie eine Kreuzung aus einem Leprechaun und Helge Schneiders Bruder erscheint, fährt mit einer Limousine von einem surrealistischen Kurzfilm zum nächsten. In jeder Sequenz nimmt er eine andere Rolle ein, samt Verkleidung – ob stummer Anbeter von Eva Mendes, besorgter Papa, Lynchesquer Lauscher von Kylie Minogue, blutiger Selbstzerstörer oder anarchistischer Ziehharmonika-Spieler.

Jede Sequenz in diesem französischem Fest der Crazyness hat andere Sensibilitäten, einen anderen Look und eben die völlig unterschiedlichen Darstellungstypi von Lavant. Umwerfend und komplett gaga.

WTF-Punkte: 7 von 10


Import/Export

Warum gerade der, wenn alle Filme von Ulrich Seidl zur Wahl stünden? Bei Import/Export gibt es diese eine Szene, die mir den Verstand raubt – jedes Mal, wenn ich daran denke.

Der fette Stiefvater und Chef von Pauli, der in der Ukraine Spielautomaten aufstellt, holt eine wahrscheinlich minderjährige Prostituierte in deren räudiges Hotel-Zimmer. Der grindige Wiener hat Sex mit der Kleinen und will Paul ständig überreden, dass er sie doch auch ficken solle. Der Realismus in diesen Szenen ist furchtbar. Ihr Zittern. Der glasige Ausdruck in ihren Augen. Wie auch immer das alles zustande gekommen ist, das ist wahnsinniges Filme-Machen in Rein- und Rohform.

WTF-Punkte: 5 von 10


Hobo with a Shotgun

Ich war so dermassen besoffen, als ich mir diesen Film angesehen habe, dass mir der Irrsinn noch irrsinniger in Erinnerung geblieben ist. Die Bösen werden als abartige und gewissenlose Biester und komplett legitimes Kanonenfutter für den Hobo etabliert.

Wirklich grausliche Weihnachtsmänner, sadistische Bubis mit scharfen Eislaufschuhen und viel over-saturated over-the-top Gewalt wüten durch den, erstmals im Grindhouse-Contest als Fake-Trailer geborenen, Film, dass einem schwindelig wird. Rutger Hauer als der obdachlose Racheengel dezimiert mit seiner Wahlwaffe die "Plage" und das Verbrecherkartell. Brennende Schulkinder sind nur die Spitze des Eisbergs aus Splatter und Psycho-Action. Kanadier – alle verrückt!

WTF-Punkte: 6 von 10


Cannibal Holocaust

Italiener sind aber auch nicht ohne. In verschiedensten Kunstformen waren sie schon Vorreiter – und so auch in diesem blutig grausamen und rassistischen Höhepunkt des Mondo/Exploitation-Genres, rund um eine Gruppe Dokumentarfilmer im Amazonas. Bei so viel Menschenfresserei, Pfählung und Vergewaltigung kann wohl nur noch Gesichter des Todes mithalten.

Italiens Trash-Splatter-Elite hat sich ein Jahr später überlegt, in Punkto Titel und Trash-Faktor mit Porno Holocaust noch eins drauf zu setzen, in dem nach 40 Minuten klassischem Porno plötzlich ein riesiger Zombie-Eingeborener die Mädels zu Tode bumst. Es geht aber gut aus und der Film gipfelt in einem Blowjob auf einem Rettungsboot.

WTF-Punkte: 8 von 10


Antichrist

Eines meiner Lieblingszitate, an das ich immer denken muss, wenn ich im Wald bin, stammt auch aus diesem Film: "Nature is Satan's church." Aber machen wir es kurz, weil ich vor Phantomschmerzen sterbe, wenn ich zu lange an diese eine Szene in Lars Von Triers depressivstem Werk EVER denke – Kindstod und Willem Dafoes Gesicht inklusive.

Charlotte Gainsbourg schneidet sich mit einer Schere in der unheiligsten Nahaufnahme aller Zeiten die Klitoris ab. Und Tschüss!

WTF-Punkte: 9 von 10


A Clockwork Orange

"Well, well, well, well, well, ..." Grossmeister Kubricks Zukunfts-Vision einer psychologisierten Zwangs-Läuterung. Ein überstilisierter Vandale und gewaltbereiter Gang-Leader in altmodischer Unterwäsche samt Lidstrich wird zum hilflosen Sandsack umkonditioniert. Und das mit Hilfe von Beethovens Musik, die als moralischer Schlag auf die Finger fungiert.

Alex ist für mich das inoffizielle Vorbild der Punk-Bewegung – wie nicht nur ein Tote Hosen-Lied beweist – und anderer antiautoritärer, autonomer, anarchistischer Fans von Prügeleien. Und wer wünscht sich nach diesem Film eigentlich nicht eine riesige Penis-Gipsskultpur?

WTF-Punkte: 6 von 10


Jodorowsky's Dune

Das wirkliche Wahnsinnige an dieser Dokumentation über einen Film, den es nie gegeben hat, ist vielmehr das "Kopfkinoerlebnis", das in der Fantasie entsteht, wenn man dem verrückten Chilenen bei seinen Ausführungen zu der Mitte der 70er geplanten Produktion zuhört.

Jodorowsky wollte ein Sci-fi-Epos kreieren, das uns vor sonst nur H. R. Gigers Horrorkunst geboten hätte. Darüber hinaus hätten wir Orson Welles, Mick Jagger, David Carridine, Udo Kier und Salvadore Dali (Un Chien Andalou gehört eigentlich auch in dieser Liste erwähnt) in diesem Monumental-Projekt vereint erleben können. Man stelle sich nur die psychedelischen Effekte und unmöglichen Sets vor.

WTF-Punkte: 0 von 10 (weil es den wahnsinnigen Film aus meiner Vorstellung nicht gibt)


Alle anderen wahnsinnigen Highlights der Filmwelt wie zum Beispiel 'A Serbian Film' oder 'The Greasy Strangler' sind sicher bereits am /slash Filmfestival gelaufen oder werden es noch tun.

Josef auf Twitter: @theZeffo
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