10 Fragen

10 Fragen an eine Frau, die abgetrieben hat

Fühlst du dich schuldig? Wird es ab dem zweiten Schwangerschaftsabbruch leichter? Bereust du es?

von Ania Kozlowska
21 Oktober 2019, 7:48am

Fotos: Bernardo Martins

Lisa war 20, als sie zum ersten Mal schwanger wurde: Sie hatte die Schule abgebrochen und reiste bereits seit zwei Jahren durch die Welt, ohne viele Gedanken an die Zukunft zu verschwenden, sagt sie. Als ihr bewusst wurde, dass ihre Periode schon gute drei Monate überfällig war, waren sie und ihr Freund gerade in Kirgisistan. Obwohl Abtreibungen dort auch 2016 schon legal waren, habe sie selbst den Schwangerschaftstest nur unter der Ladentheke bekommen. Der einzige Ort, an dem es die Medikamente für eine Abtreibung gab, sei ein Geburtenzentrum an der chinesischen Grenze gewesen, sagt Lisa: Zwei Tabletten für umgerechnet fünfzig Euro. Dann habe man sie sich selbst überlassen.

Rückblickend bereue sie die Entscheidung nicht. Sie sei viel zu jung gewesen, die Lebensumstände unpassend und Mutterinstinkte habe sie auch keine gehabt: "Für mich war da kein Hadern, es war kein emotionales Ding beim ersten Mal."


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Gerade einmal neun Monate später und zurück in Deutschland wurde sie jedoch wieder von ihrem Freund schwanger. Das habe sie geärgert: "'Wie blöd oder naiv kann man sein?', dachte ich mir." Lisa entschied sich erneut für einen Abbruch. Auch Jahre später wissen nur ihre Mutter, ihr Freund und dessen Mutter von den Abtreibungen. Damit das so bleibt, haben wir Lisas richtigen Namen hier geändert.

Wir haben Fragen.

VICE: Wie verlief die Abtreibung?
Lisa: Bei meiner ersten Abtreibung war ich in Kirgisistan und musste mir erstmal einen ruhigen Ort suchen, um die Tabletten für den Abbruch einzunehmen. Wir sind bei einer kirgisischen Familie untergekommen. Ich habe dann die erste Tablette genommen und 72 Stunden danach die zweite am Abend. In dieser Nacht bin ich mit heftigen Krämpfen aufgewacht – es war das Schmerzhafteste, das ich je erlebt habe. Die Toilette lag ausserhalb des Hauses, ich zitterte und mir war schwindelig vor Schmerzen. Das ging drei oder vier Stunden so, also die halbe Nacht durch. Am nächsten Tag war aber alles wieder gut.

Bei meinem ersten Schwangerschaftsabbruch habe ich schon etwas gesehen – da kam ein Blutklumpen raus, in der Grösse einer Walnuss. Ich habe hingeguckt, weil ich bei den Schmerzen dachte: "Jetzt zerreisst dein Körper." Weil ich so spät, also etwa im dritten Monat, abgetrieben habe, frage ich mich, ob da nicht tatsächlich schon ein Embryo war – erkennen konnte ich aber nichts.

Wusstest du nicht, wie man verhütet?
Ich war aufgeklärt und wusste vor meiner ersten Abtreibung auch alles über Verhütung. Also die Fakten. Wie wichtig es war, sie ernst zu nehmen, wusste ich nicht. Meine Eltern haben nie wirklich mit mir darüber geredet, weil ich schon so aufgeklärt wirkte. Meine Informationen habe ich vor allem durch Freunde und sowas wie die Bravo bekommen. Bevor ich mit meinem jetzigen Freund zusammen kam, habe ich mit Kondom verhütet – da war ich viel vorsichtiger, vielleicht weil ich nur etwas mit flüchtigen Bekanntschaften hatte. Aber mein Freund und ich haben nicht mehr wirklich verhütet. Das hat er auch nicht hinterfragt. Rückblickend kann ich mir nicht erklären, wie ich so naiv sein konnte.

Eine Frau und ein Schwan

Fühlst du dich schuldig?
Bei der ersten Abtreibung hatte ich schon ein komisches Gefühl, weil da so viel rauskam. Man hat es gesehen, das hab mich überrascht. Aber schuldig fühle ich mich nicht. Auch weil die Abtreibung so einfach abläuft: Man nimmt die Tabletten und dann ist es auch schon vorbei.

Bereust du es?
Nein, ich bin eher erleichtert. Ich hab vielleicht noch ein, zwei Mal danach darüber nachgedacht, aber eher emotionslos. Es war in jedem Fall die richtige Entscheidung für mich.

Warum nimmst du dir das Recht, über das Leben des ungeborenen Kindes und das seines Erzeugers zu entscheiden?
In den ersten zwei Monaten ist es ja nur eine gespaltene Zelle ohne Herzschlag. Drei Monate finde ich mittlerweile schon weit in einer Schwangerschaft. Aber wenn man sagen kann, nach zwei Monaten ist da noch kein Embryo, dann finde ich eine Abtreibung nicht schlimm. Und kein Mann kann mich dazu zwingen, ein Kind auszutragen und ein Leben lang Mutter zu sein, wenn ich das gar nicht will. Das Kind ist erst seins, wenn es da ist – vorher gar nicht.

Was war psychisch belastender: Die ungewollte Schwangerschaft oder der Schwangerschaftsabbruch?
Die ungewollte Schwangerschaft. Die Tabletten für die Abtreibung wirken so, als würde man seine Periode bekommen – und die kriegt man ja eh einmal im Monat.

Schwäne

Wird es ab dem zweiten Schwangerschaftsabbruch leichter?
Bei der zweiten Abtreibung hatte ich Angst, dass sie genauso schmerzhaft wird wie die erste. Das war dann aber nicht so. Meine zweite Schwangerschaft erkannte ich eine Woche nach meiner Periode – also maximal in der fünften Woche – und der Abbruch hat sich dann auch nur wie eine starke Periode angefühlt. Der zweite Abbruch war in dem Sinne leichter, dass ich hier in Deutschland war und viel besser betreut wurde. Das hat einen grossen Unterschied gemacht.

Eine Sache hat mir jedoch Panik gemacht: Vor der zweiten Abtreibung musste ich mir eine Rhesusspritze setzen lassen. Weil ich die Blutgruppeneigenschaft Rhesus negativ habe und mein Partner Rhesus positiv, würde mein Immunsystem bei einer zweiten Schwangerschaft Antikörper gegen die rhesuspositiven Blutkörperchen des Kindes bilden. Der Körper würde direkt Alarm schlagen und das Kind abstossen. Auch bei einer Abtreibung kann das zu schweren Komplikationen führen. Wenn ich also das nächst Mal schwanger werde und das Kind haben möchte, muss ich die Schwangerschaft eigentlich sofort erkennen, damit das Kind gesund wird.

Hättest du auch abgebrochen, wenn dein Freund das Kind hätte behalten wollen?
Er hat genauso getickt wie ich. Beim ersten Mal war es direkt klar, dass ich abtreibe, und wir mussten nicht diskutieren. Beim zweiten Mal meinte er, er würde mich zu nichts zwingen und auch wenn ich das Kind haben möchte, würden wir das zusammen schaffen. Ich hatte ihm schon gesagt, dass ich das Kind nicht will, als er meinte, dass er auch nicht bereit ist. Wenn ich gesagt hätte, ich will es haben, hätte er wohl auch eingewilligt. Im Stich gelassen hätte er mich nicht. Im Endeffekt war das Ganze aber absolut meine eigene Entscheidung.

Ein Kinderfahrrad

Willst du noch Kinder haben?
Ja, viele! Drei oder vier. Würde ich jetzt schwanger werden, würde ich wohl nicht mehr abtreiben. Aber ich will es noch nicht. Ich habe jetzt zwar die Pille abgesetzt, aber ich achte sehr auf meine fruchtbaren Tage. Ich verhüte momentan mit Kalender, Temperaturmessen und Zervixschleim, das ist für mich bequemer als mit Kondom.

Hättest du dich noch schneller für einen Schwangerschaftsabbruch entschieden, wenn die Hürden niedriger wären?
In Deutschland sehe ich keine grossen Hürden. Der Weg ist relativ einfach: Ich bin zum Arzt gegangen und wurde beraten. Auch das Gespräch mit der Familienplanerin vor der Abtreibung war angenehm, sie hat mich nicht in eine Richtung gelenkt oder mir krass zu denken gegeben. Aber wenn man in einem anderen Milieu steckt, kann es natürlich schwierig werden.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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