Gefängnis

Dieser mutmassliche Drogendealer kämpft im Knast für mehr LGBTQ-Rechte

Zuvor war er mit 40 Kilo Hasch, 6 Kilo Kokain, 5 Kilo Amphetamin und 610 Ecstasy-Pillen in Oslo verhaftet worden.

von Yannah Alfering
02 Dezember 2019, 11:14am

Foto: privat

Hätte ein fremder Typ Dennis auf offener Strasse "Prinzessin" genannt und ihn aufgefordert, ihm an den Schwanz zu packen, hätte er ihm wohl einen Spruch gedrückt und wäre weitergegangen. Dennis ist aber nicht auf der Strasse – er sitzt im Knast. Dennis ist in Untersuchungshaft in einem norwegischen Gefängnis, knapp 70 Kilometer von Oslo entfernt. Und dort ist er als schwuler Mann auf sich allein gestellt. Aus diesem Grund hat er sich entschieden einen Verein zu gründen, der sich für die Rechte von LGBTQ-Personen in Gefängnissen stark macht.

In Deutschland ist Dennis schon lange geoutet. Im Gefängnis behauptet er hingegen, hetero zu sein. Die Angst vor homophoben Übergriffen sei zu gross gewesen, sagt er. Deshalb habe er eine gute Freundin als seine feste Freundin ausgegeben. "Ich war noch nie im Gefängnis und hatte keine Ahnung, wie es hier abläuft", sagt er.

Ich lernte Dennis vor zehn Jahren in einem Kölner Club kennen, in dem wir beide arbeiteten. Dann zogen wir nach Berlin. Zuletzt habe ich Dennis im Kater Blau, einem Berliner Club an der Spree, gesehen – schillernd, lachend. Partymodus. Jetzt sitzt er im norwegischen Indre Østfold Gefängnis. Als wir skypen, sieht er angespannter aus als sonst. Am 25. November begann sein Prozess – angesetzt sind dafür drei Wochen. Dann entscheidet sich, wie lange er im Gefängnis bleiben muss.

Am 8.Oktober 2018 war Dennis auf einem Flugplatz in Niedersachsen in eine Cessna gestiegen. Das Ziel: Oslo. In den 48 Stunden zuvor hatte er wahrscheinlich mehr geballert als die meisten Fusion-Gänger in vier Tagen: Ketamin, Kokain, MDMA-Bowle. Wie durch ein Wunder schafften er und seine Begleitung es, die Maschine gegen 18 Uhr in Oslo zu landen. Das Problem: Dort wartete bereits der Zoll – und an Bord der Cessna befanden sich rund 40 Kilo Hasch, sechs Kilo Kokain, fünf Kilo Amphetamin und 610 Ecstasy Pillen. So erzählt Dennis die Geschichte.

Norwegen ist eigentlich als Paradebeispiel für Resozialisierung bekannt. Niedrige Rückfallquoten, Humanismus, Freizeitangebote, Ausbildungsmöglichkeiten. Der Alltag norwegischer Insassen soll so "normal" wie möglich gestaltet werden. Die einzige Strafe soll der Freiheitsentzug sein. Dennis selbst sagt über das Indre Østfold Gefängnis: "Ich hatte richtig viel Glück." Dennoch sitzt er dort mit rund 110 anderen Häftlingen zusammen. Einige wurden wegen Steuerhinterziehung eingesperrt, andere wegen Körperverletzung. "Als schwuler Mann gehöre ich zu einer Minderheit – und die kriegen es im Gefängnis als erstes ab", sagt Dennis. Dennis ist ein mutmasslicher Straftäter. Er ist aber auch ein Mensch. Zur Strafe wird einem im Knast ein grundsätzliches Menschenrecht genommen: die Freiheit. Aber wie steht es um das Recht auf Unversehrtheit?

"In Pakistan bringen wir Schwule um"

Obwohl Dennis seine Homosexualität bewusst verheimlichte, begann seine Fassade zu bröckeln, als er sich mit einer Büroklammer ein altes Ohrloch durchstach. Daraufhin habe sein Mitinsasse A. plötzlich angefangen, ihn "Prinzessin" zu nennen. Für ihn und seinen Kumpel K., laut Dennis ein pakistanischer Islamist, gilt Dennis ab diesem Zeitpunkt als "Schwuchtel" – auch dann noch, als er den selbstgebastelten "Ohrring" entfernt. "Einmal meinte K., dass ich ihm an den Schwanz packen soll", sagt Dennis.

Am Anfang habe er die Sprüche für dumme Witze gehalten, später seien sie jedoch "krass unangenehm" geworden. Als er sich nach einigen Wochen gegen die Schikane wehrte, habe K. auf ihn eingetreten. Zu einem anderen Insassen soll er später gesagt haben: "In Pakistan bringen wir Schwule um."

Einige Zeit später wurde Dennis zu seinem eigenen Schutz in eine ruhigere Abteilung verlegt. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich die Gerüchte bereits rumgesprochen. "Ein Mitinsasse nannte mich Cicciolina und ein anderer packte mir an den Arsch", erzählt Dennis. [Anm. d. Red.: Cicciolina ist eine ungarisch-italienische Politikerin und ehemalige Pornodarstellerin.] "Dabei geht es darum, andere Männer zu dominieren." Wer nicht mitmacht oder besonders schmal ist, würde von den anderen Insassen verweiblicht werden – ob schwul oder nicht.

In der Bibliothek findet Dennis einen Hinweis auf Hilfe

In der Gefängnisbibliothek fand Dennis kurz nach seiner Inhaftierung ein Insassen-Handbuch der norwegischen Organisation Jussbuss, die von Jura-Studierenden geführt wird und kostenlose Rechtshilfe anbietet. Dort lernte er viel über die Rechte von Gefangenen. Eine Organisation, die sich für die Rechte Homosexueller und Transpersonen in Gefängnissen stark macht, fand er hingegen nicht. "Also habe ich entschieden, selbst eine zu gründen", sagt Dennis.

In Berlin gibt es eine solche Organisation bereits: die AG Haft. Neun Ehrenamtliche betreuen schwule Häftlinge, geben Tipps zur HIV-Prävention, halten den Kontakt in die Szene und unterstützen bei Problemen, die in Haft auftreten können. Dazu gehören laut AG Haft "Isolation, Kontaktverlust zu Freunden und Angehörigen, Vorurteile und Diskriminierung innerhalb und ausserhalb der Anstalt".

Probleme, die auch Dennis wahrnimmt. Mit Hilfe seines Anwalts Patrick Lundevall-Unger gründet Dennis aktuell aus dem Gefängnis heraus den "Goys'N'Birls"-Verein. In Deutschland setzte sich Dennis bereits seit Jahren für die LGBTQ-Community ein – bis zu seiner Festnahme. Vor zehn Jahren gründete er die gleichnamige Partyreihe Goys'N'Birls. In den letzten Jahren brachte er queere Parties nach Köln, Berlin, Ibiza, Haifa und ins polnische Festivaldorf Garbicz. Jetzt möchte er auch im Gefängnis eine Atmosphäre schaffen, in der sich LGBTQ-Personen repräsentiert und akzeptiert fühlen.

Das Hauptproblem des norwegischen Gefängnis sieht Dennis darin, dass die Gefängnisleitung nicht präventiv agiere, sondern erst dann, wenn etwas passiert. Er erzählt, dass er sich mehrfach über homophobe Insassen beschwert habe. Passiert sei selten etwas. Eine Offizierin, so werden norwegische Justizvollzugsbeamte genannt, soll sogar gesagt haben, dass man ihn zu seiner eigenen Sicherheit in Isolationshaft stecken müsse, wenn es mit den anderen Insassen zu gefährlich sei. Laut Helge Valseth, Leiter des Indre Østfold Gefängnis, sei das nicht üblich. In der Regel würde der Angreifer oder das Opfer in eine andere Abteilung verlegt werden. Selten auch in ein anderes Gefängnis. Laut Dennis wüssten die Offiziere und Offizierinnen jedoch oft nicht mit der Situation umzugehen. "Als K. auf mich los ging, galt das offiziell als Mobbing", sagt Dennis. Als homophober Übergriff sei der Angriff nicht vermerkt worden.

Dennis sucht für die Umsetzung seiner Ziele Organisationen, die ihn unterstützen – zum Beispiel dabei, den Besitz von Kondomen für alle Insassen zu erlauben. Sex mit Ehepartnern und Ehepartnerinnen, die zu Besuch kommen, ist in norwegischen Gefängnissen erlaubt. In den privaten Besuchsräumen liegen sogar Gleitgel und Kondome aus. Sex zwischen Insassen wird im Gefängnis nicht geduldet. Als Dennis den Offizier vor einigen Wochen um Kondome bat, habe dieser ihn gefragt, wofür Dennis die bräuchte. "Na ja, ich will jetzt nicht meinen Porsche hier drin damit waschen", habe er geantwortet. Daraufhin teilte der Offizier ihm mit, dass der Besitz von Kondomen im Gefängnis verboten sei. "Bei den Heteros sagt aber keiner was, wenn sie Kondome aus dem Besucherraum mitnehmen", erzählt Dennis. Und da wisse man ja auch nicht, was sie damit machen. Offiziell erlaubt sind Kondome auch nicht für heterosexuelle Insassen. "Da wir nicht möchten, dass Insassen untereinander Sex haben, dürfen sie auch keine Kondome besitzen", sagt Helge Valseth. Ein offizielles Gesetz gebe es in Norwegen jedoch nicht.


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Der Streit sprach sich bis in die juristische Abteilung rum. Sein Kontaktoffizier habe ihn daraufhin gefragt, ob er Sex im Gefängnis habe. Dennis verstehe zwar, dass Sex unter Insassen nicht gern gesehen wird, trotzdem sei es sein Grundrecht, sich zu schützen, falls es zu sexuellen Handlungen kommt. Ausserdem bezweifelt er, dass einvernehmlicher Sex verboten werden darf. "Du musst deine Rechte hier drinnen kennen", sagt er. Dennis Anwalt, der ihn bei seinen Plänen unterstützt, kritisiert das Kondom-Verbot in norwegischen Gefängnissen hart. "Hier muss viel geschehen", sagt er. Sex im Gefängnis würde stattfinden, auch wenn er nicht geduldet wird. "Um Krankheiten vorzubeugen, muss die Verteilung von Kondomen stattfinden", sagt er. "Egal, wer wen bumst."

Dennis kämpft allerdings nicht nur für Kondome, er möchte auch, dass Insassen sich weiterbilden können. "Ich möchte zum Beispiel LGBTQ-Literatur für die Bibliothek besorgen", sagt Dennis. Durch sein Engagement beim Gefängnis-Theater schaffte er es im August zur feierlichen Eröffnung der neuen Bibliothek. Den Moment nutzte Dennis, der Gefängnisleitung und den anwesenden Politikern und Politikerinnen eine Liste LGBTQ-relevanter Bücher und Filme zu überreichen. Die Liste sei zwar gut aufgenommen worden, trotzdem sei sich die Leitung unsicher bei der Umsetzung gewesen. "Ich habe denen dann erklärt, dass die den Bücherkasten nicht pink anmalen müssen. Die sollen die Bücher einfach gesammelt in eine Ecke stellen", erzählt er und lacht. Da das Budget für die Ausstattung der Bibliothek begrenzt ist, ist Dennis auf Bücherspenden angewiesen.

Diskriminierung findet im Gefängnis auf verschiedenen Ebenen statt

Für Dennis ist die fehlende Sichtbarkeit von LGBTQ-Personen ein grosses Problem. Den Kampf für mehr Sichtbarkeit kämpft er im Gefängnis nicht allein: Gemeinsam mit anderen Insassen aus seiner Abteilung stellte er vor einigen Wochen einen Antrag an die Gefängnisleitung, mit der Bitte, eine Regenbogenflagge in den öffentlichen Räumen des Gefängnisses anzubringen. Die Leitung teilte in einem Schreiben mit, dass sie offen für Anregungen sei. "Wir müssen Dennis Ideen aber intern diskutieren", sagt Helge Valseth.

Dennoch habe es Dennis sehr geärgert, sagt er selbst, dass das Gefängnis als staatliche Institution am CSD nicht die Pride-Flagge als Zeichen für Diversität gehisst hat. "Wenn das Gefängnis eine Regenbogenflagge anbringt, fühlen sich schwule Insassen gesehen", sagt er. Ausserdem sei sie ein klares Statement gegen Homofeindlichkeit.

Dennis würde von der Leitung hier grundsätzlich gut behandelt, sagt er. Aber seit Erna Solberg von der konservativen Partei Høyre Ministerpräsidentin ist, seien den Gefängnissen die Gelder gekürzt worden. Es würde also weniger an der grundsätzlichen Bereitschaft hapern als an den fehlenden Ressourcen. Auch wenn die Bereitschaft da zu sein scheint, bisher ist nichts geschehen. Auch nicht als Dennis der Gefängnisleitung seine Vereinspläne vorlegte und darum bat, die Insassen bei ihrer Ankunft im Gefängnis zu fragen, ob sie besonderen Schutz benötigen. "Zwei Monate später haben sie uns einen homophoben Häftling in die Abteilung gesteckt", sagt er.

Patrick Lundevall-Unger rechnet damit, dass der Verein Anfang 2020 offiziell gegründet werden kann. Wenn Dennis verurteilt werden sollte, drohen ihm im schlimmsten Fall neun Jahre Haft. Diese Tatsache kann auch Dennis nicht weglachen, auch wenn er es versucht: "Ich halte mich ans Kölsche Grundgesetz: Et kütt, wie et kütt", sagt er. Ganz verbergen kann er seine Aufregung trotzdem nicht: "Ich hoffe natürlich, dass die Strafe gering ausfällt", sagt er. Fest stehe, dass er seine Stiftungsarbeit fortführt. "Ich wünsche mir, dass ich mit meinem Verein irgendwann LGBTQ-Personen in Gefängnissen in ganz Europa unterstützen kann", sagt er.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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