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Interviews

Worum es bei dem Hungerstreik am Karlsplatz geht

Ali Gedik trat am 3. Jänner in Hungerstreik, weil er die Situation in der Türkei nicht mehr erträgt. Wir haben mit ihm gesprochen.

von Mario Wolf & Paul Donnerbauer
05 Januar 2016, 1:25pm

Ich habe gerade mit meinem angekündigten Hungerstreik,mit dem ich auf die Menschenrechtsverletzungen gegen KurdInnen in der Türkei aufmerksam machen will, am Karlsplatz begonnen. Posted by Ali Gedik on Sonntag, 3. Januar 2016

Seit die türkische Führung den Friedensprozess mit den Kurden Ende Juli 2015 für beendet erklärt hat, verstärken sich die Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Militär und kurdischen Kämpfern beinahe täglich. Die türkische Luftwaffe fliegt derzeit regelmäßig Angriffe gegen PKK-Stellungen sowohl im Südosten der Türkei als auch im Nordirak. Allein in den letzten Monaten sollen in der Kurdenmetropole Diyarbakir und anderen belagerten Städten über 100 Zivilisten durch die Bombardements der türkischen Sicherheitskräfte ums Leben gekommen sein.

Der Konflikt hat mittlerweile auch Österreich erreicht. Während die Grünen vor allem Außenminister Kurz zum Handeln auffordern, kommen von der SPÖ klare Töne. „Was sich derzeit in der Türkei abspielt, ist ein Krieg gegen einen Teil der eigenen BürgerInnen", kritisiert Schieder scharf. „Die in der Türkei eskalierende Gewalt ist scharf zu verurteilen und muss unverzüglich ein Ende finden", fordert auch ÖVP-Klubobmann Reinhold Lopatka.

Doch nicht nur auf bundespolitischer Ebene werden die Forderungen nach einem sofortigen Ende der Gewalt größer. Seit dem 3. Jänner macht auch der kurdisch-stämmige Sozialarbeiter Ali Gedik mit einem Hungerstreik in der Karlsplatzpassage auf die Situation in der Südost-Türkei aufmerksam. Wir haben ihn dort besucht und mit ihm über die Situation in der Türkei, aber auch die der Kurden in Österreich gesprochen.

VICE: Warum hast du den Hungerstreik begonnen?
Ali Gedik: Seit Monaten hört man eine schreckliche Nachricht nach der anderen aus der Türkei. Städte mit kurdischer Mehrheit werden tagelang abgeriegelt, Zivilisten getötet und als Terroristen diffamiert. Die Toten dürfen von den Angehörigen nicht beerdigt werden, der türkische Staat hat das verboten. Irgendwann habe ich es nicht mehr ausgehalten und wollte ein Zeichen setzen: Genug ist genug!

Welche Reaktionen hast du bisher erhalten?
Überraschend viele positive Reaktionen. Sowohl von Österreichern, als auch von Kurden und Türken. Viele Künstlerfreunde und Politiker haben schon vorbei geschaut, um mich zu unterstützen. Ich möchte meine begrenzte Popularität auch ein wenig dazu nutzen, um den Kurden in Österreich eine Stimme zu geben.
Es gab aber auch negative Reaktionen: Einmal von Türken, ein andermal haben ein paar Leute gesagt, ich solle lieber in Ankara demonstrieren—aber ich bin Österreicher und möchte hier ein Zeichen setzen.

Was hat Österreich mit dem Kampf der Kurden und der Situation in der Türkei zu tun?
Die Türkei ist kein Land, das uns nichts angeht und mit dem wir nichts zu tun haben. Es besteht ein enger politischen und wirtschaftlichen Kontakt zwischen Europa, Österreich und der Türkei. Außerdem leben viele Kurden und Türken in Österreich und anderen europäischen Ländern. Die Konflikte, die es dort unten gibt, kommen auch zu uns.

Die beiden Regierungsparteien und die Grünen haben das Vorgehen der türkischen Regierung gegen die Zivilbevölkerung kritisiert.
Ja, aber jetzt ist der österreichische Außenminister Sebastian Kurz am Zug. Er sollte der türkischen Regierung die österreichische Regierungsposition mitteilen. Auf die Worte der Parteien müssen Taten folgen.

Wie lange dauert dein Protest noch und was passiert danach?
Der Hungerstreik war von Anfang an auf einige Tage ausgelegt. Ich möchte nicht mit den Krankenwagen abgeholt werden. Es ist ein symbolischer Hungerstreik. Ich möchte auf das Schicksal der Kurden in der Türkei aufmerksam machen, ich hatte einfach genug. Danach werde ich eine gute Suppe essen—ich habe dafür schon Tipps von Leuten bekommen, die in türkischen Gefängnis im Hungerstreik waren.

Wie empfindest du die Situation der Kurden in Österreich?
Ich bin mit 14 Jahren nach Österreich gekommen und lernte erst in Vorarlberg Kurdistan und die Türkei wirklich kennen. Die Kurden in Österreich sind heute ein Teil dieses Landes. Sie sind Arbeiter, sie sind Ärzte, sie sind Selbstständige. Ich fühle mich als Österreicher und als Kurde.

Wenn du dich nicht gerade für die Sache der Kurden einsetzt, betreust du zur Zeit unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Warum?
Für mich ist es eine unglaubliche Erfahrung, mit diesen tollen Menschen zusammenzuarbeiten. Sie haben unfassbare Geschichten hinter sich und trotzdem einen ungebrochenen Lebenswillen. Viele mussten vor der IS-Miliz fliehen, wurden gefoltert, waren wochenlang auf der Flucht, und konnten das erste mal wieder in Wien eine Nacht ruhig schlafen. Trotzdem lernen sie motiviert die deutsche Sprache und wollen etwas bewegen. Es bräuchte mehr solche Menschen.

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