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Ich möchte keine Kinder und will mich dafür auch nicht rechtfertigen müssen

Mein Lebensentwurf beinhaltet keine Kinder und das ist nichts, weswegen ich mich schlecht fühlen muss.

von Franz Lichtenegger
11 Mai 2015, 12:25pm

Foto: Chicken Pox via photopin (license)

Foto: Chicken Pox via photopin (license)

„Das sagst du vielleicht jetzt." Diesen Satz bekomme ich jedes Mal zu hören, wenn ich nebenbei mal erwähne—sofern es der Kontext verlangt—, dass ich eigentlich gar keine Kinder möchte. Zum Beispiel, wenn ich mit jemandem spreche, der von vornherein davon ausgeht, dass ich tief in meinem Innersten den Wunsch verspüre, ein Kind großzuziehen—was aber nun mal nicht so ist.

Das heißt nicht, dass ich Kinder nicht mag. Es gibt ein paar, die ganz cool sind. Der Neffe einer Freundin von mir ist zum Beispiel super—ich mag, wie höflich der ist. Ansonsten finde ich die meisten Kinder einfach doof. Das macht mich aber meiner Meinung nach nicht zu einem schlechteren Menschen.

Und wenn ihr jetzt meint, ich müsse mir das anscheinend selbst immer wieder vorsagen, um es zu glauben, dann habt ihr verdammt recht. Denn von meinem Umfeld bekomme ich immer wieder das Gefühl, dass ich mich schuldig fühlen sollte. Wer keine Kinder will, wird dafür verurteilt. Das erlebe schon ich als Mann so—wie erst eine Frau behandelt wird, die sich bewusst für ein kinderloses Leben entscheidet, will ich mir gar nicht erst vorstellen. Wenn man sich durch ein paar Posts in gängigen Foren wühlt, sieht man schnell, dass Frauen ohne Kinderwunsch entweder belächelt, abgestempelt oder sogar angegriffen werden. Sie gelten als gefühlskalt, selbstsüchtig oder nicht normal.

Eine gewollt kinderlose Frau, die diese Entscheidung auch offen ausspricht, ist anscheinend für viele eine Provokation—vielleicht auch, weil es wirkt, als ob Frauen sich damit ihrem „biologischen Programm" und damit ihrer „wahren Bestimmung" widersetzen würden.

„Mah, aber du könntest doch adoptieren. Oder Leihmutter." Dass ich keine Kinder möchte, hat aber halt nichts damit zu tun, dass ich schwul bin. Es hat damit was zu tun, dass ich mit Kindern einfach nichts anfangen kann, also sollte ich wohl auch selbst keine machen, geschweige denn welche adoptieren. Dass meine Sexualität dennoch meistens als der Grund für meinen kinderlosen Lebensentwurf vermutet wird, ist schon ganz lustig.

Ich lese auch öfters, es wäre egoistisch, keine Kinder zu wollen. Ich finde eigentlich, wenn ich mich gegen das Projekt Kind entscheide, einfach weil es ein Kind bei mir nicht gut hätte, dann ist das nicht wirklich Egoismus. Im Gegensatz zu den Leuten, die meinen, sie bräuchten ein Kind in ihrem Leben, um glücklich zu sein.



Foto:stevegatto2|Flickr|CC BY 2.0

Ein Kind läuft nun mal nicht mit und erledigt sich auch nicht nebenbei von ganz alleine—ein Kind ist eine Lebensaufgabe und diese riesige Verantwortung wird man einfach nicht mehr so schnell los. Eigentlich sollte man glauben, dass es heute vor allem in einer Großstadt wie Wien genügend alternative Lebenskonzepte gibt, damit sich niemand mehr zu einer gutbürgerlichen Existenz genötigt fühlen muss. Wir haben theoretisch alle Möglichkeiten und Tausend Optionen, glücklich zu werden. Aber gleichzeitig habe zumindest ich in meinem Umfeld immer wieder den Eindruck, dass die Leute das alles nur als Spielwiese sehen—solange man jung ist, darf man sich austoben, aber am Ende sollte der Weg immer zu einer klassischen Existenz mit Kind, Frau, Haus, Garten und Hund führen.

Foto: Caption this via photopin (license)

Wenn ich irgendwo auf die Kinder von Freunden treffe, mögen die mich meistens nicht, was OK ist, weil ich sie ja auch nicht mag. Auf die Art kommen wir ganz gut klar. Schwieriger wird es da schon bei Babys. Da kommt man einfach nicht drum herum, mindestens ein „Awww" oder halt „Wow, gut gemacht!" herauszudrücken. Dann freut man sich für die Eltern, tut kurz verliebt, gibt das Kind aber auch direkt im Anschluss wieder dankend ab.

Witzig finde ich dann immer, wie alle genauestens meine Reaktion auf das Neugeborene beobachten, in der Hoffnung, bei mir würde sich nun endlich irgendein Schalter umlegen und mein innerer Vaterinstinkt geweckt werden. Bis jetzt ist es noch nicht passiert.

„In zehn Jahren siehst du das alles schon ganz anders." Ja, vielleicht. Jetzt gerade weiß ich aber, dass ich keine Kinder möchte und mich dafür auch nicht entschuldigen will. Die Vorstellung, einmal der coole Onkel zu sein, der dicht halten kann, wenn er seine Nichte mal beim Rauchen erwischt, reicht mir vollkommen.

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