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Wir haben eine der letzten Hausbesetzergruppen Wiens getroffen

In den letzten Jahren wurde es ruhiger in der Wiener Besetzerszene. Die Gruppe "Evora" kämpft aber hartnäckig gegen Immobilienfirmen und polizeiliche Räumungen.

von Maximilian Stark
23 Juli 2016, 5:00am

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Von Hausbesetzungen in Wien hört man in den letzten Jahren immer weniger. Und das, obwohl es hier in den 70er und 80er Jahren eine ganze Reihe von erfolgreichen Hausbesetzungen gegeben hat, von denen einige heute noch bestehen. Seit 2004 versuchten wieder verschiedene Gruppen, sich Raum durch Hausbesetzungen anzueignen. Seit der Räumung der Pizzeria Anarchia im Jahr 2014 und dem damit verbundenen großen medialen Aufsehen wurde es dann endgültig ruhiger. Waren die Leute durch das rasche Eingreifen der Polizei in den letzten Jahren resigniert? Oder gab es in der vermeintlich "lebenswertesten Stadt der Welt" einfach keinen Bedarf mehr für autonome, selbstverwaltete Räume?

Die Antwort ist nicht ganz so einfach—vor allem, weil es gerade in letzter Zeit sehr wohl wieder Hausbesetzungen in Wien gab. Auch, wenn die ein bisschen unter dem Radar liefen. Hauptverantwortlich dafür ist eine Gruppe, die sich "Evora"—Evolutionäre Randgruppe—nennt. Es begann im November 2015 mit der Besetzung der Franziska-Fast-Anlage im Hörndlwald.

Die Polizei räumte das Gelände keine zwei Wochen später. Danach zog die Gruppe auf den leerstehenden Haschahof im 10. Bezirk um. Offiziell bekannt gaben sie die Besetzung am 3. Februar—geräumt wurden sie zwei Tage später. Anfang Juli 2016 gab es dann die Meldung, dass die Gruppe die leerstehende Disco Anaconda besetzt hätte, die sie später aber anscheinend selbstständig wieder verließen. Informationen zu ihren Aktionen veröffentlicht die Gruppe nur unregelmäßig. Umso neugieriger machte mich, was diese Gruppe antrieb, die so hartnäckig versucht, ein Objekt zu besetzen.

Als ich mich mit "Evora" verabrede, wird mir als Treffpunkt eine Wendeschleife am Ende des 13. Bezirk vorgeschlagen. Nicht gerade leicht zu erreichen, wenn man im Stadtzentrum startet, aber nach zwei unendlich langen Busfahrten und einem 12-minütigen Fußmarsch komme ich doch an. Die Umgebung erinnert mich eher an eine Kleinstadtsiedlung; es ist viel grüner, als ich es vom Stadtinneren gewohnt bin. Ich rechne fast damit, dass mir die Besetzer die falsche Adresse gegeben haben, als ich am Ende von Wien und der schweißtreibenden Bergetappe endlich an unserem Treffpunkt ankomme.

Tatsächlich treffe ich auf vier Mitglieder der Besetzergruppe, die hier auf mich warten. Wir betreten den angrenzenden Wald und nach einem kurzen Marsch stehen wir vor einem kaputten Maschendrahtzaun. Wir stehen im Hörndlwald und das Gelände, das wir gerade betreten, ist die Franziska-Fast-Anlage. Das Grundstück ist ziemlich grün und der Lärm der Großstadt kaum wahrnehmbar. Die Häuser sehen allerdings nicht sehr wohnhaft aus; sie sind mit Brettern vernagelt und mit schlechtem Graffiti beschmiert.

"Wir sind erst seit Kurzem wieder hier", erklärt mir einer der Besetzer, als wir uns in einem der kargen Häuser zusammensetzen. "Dementsprechend gibt es noch eine Menge Arbeit." Strom, fließend Wasser oder WLAN gibt es derzeit nicht, aber das scheint hier auch nicht im Vordergrund zu stehen. Die Gruppe setzt sich vor allem aus Leuten aus dem linken bis anarchistischen Spektrum zusammen und hat keine fixe Mitgliederzahl. Unabhängig von staatlichen Einflüssen möchten sie ein "selbstverwaltetes und unkommerzielles Wohnprojekt" schaffen. Neben Raum für kulturelle Veranstaltungen wie Theateraufführungen und Konzerten, soll es auch ausreichend Grünflächen geben, um urbane Landwirtschaft betreiben zu können.

Für die Mitglieder von "Evora" gibt es genügend Gründe, sich ohne Hilfe der Stadt um ihren Wohnraum zu bemühen: Steigende Mieten, fortschreitende Gentrifizierung, die Räumung der Pizzeria Anarchia oder drohende Obdachlosigkeit. Dementsprechend begrenzt sind auch die Mittel der Besetzer. Ihre Aktionen und die Reparaturarbeiten an den besetzten Objekten meistern sie ohne irgendwelche Ressourcen. Auch das sei Teil des Projekts—möglichst viel DIY. Bei der Gruppengründung hat jeder einfaches Werkzeug beigesteuert, ansonsten bekomme man Sachen von solidarischen Personen oder über Spenden.

"Durch den hohen Lebensstandard in Wien sind die Leute zu bequem, um sich für ihre Rechte einzusetzen und aktiv für ihre Anliegen zu kämpfen."

Seit der Räumung der Pizzeria Anarchia hatte sich zumindest bei mir die Vorstellung breit gemacht, dass Hausbesetzungen eine harte Gesetzesübertretung darstellen. Warum auch sonst sollten 1700 Polizisten mit Räumungspanzern anrücken, um 19 Besetzer aus einem Haus zu schmeißen? Tatsächlich wird mir aber erklärt, dass Hausbesetzungen in Wien gar nicht als Strafdelikt zählen.

Wenn man den Räumungsbescheid des Gebäudeeigentümers ignoriert, würde man maximal eine Besitzstörung begehen. Diese beläuft sich im Regelfall auf 100 bis 200 Euro—nicht schlimmer als Falschparken also. Nur bei der Räumung festgestellte Sachbeschädigungen oder Widerstand gegen die Staatsgewalt könnten strafrechtlich verfolgt werden. "Für uns ist es essentiell, es zumindest zu versuchen. Eine Hausbesetzung bedeutet nicht zwangsläufig, dass man am Ende mit gebrochenem Gesicht das Gebäude verlässt", fügt einer der Besetzer im Spaß hinzu. Er bezieht sich wohl auf das medial vermittelte Bild von Hausbesetzungen: Tagelange Straßenkämpfe , schwerbewaffnete Polizisten, wütende Hausbesetzer und vor allem Brutalität und Blut.

Trotz der nicht allzu harten Gesetzeslage scheint "Evora" derzeit die einzig wahrnehmbare Gruppe zu sein, die in Wien Häuser besetzt. Die Gründe dafür sehen sie vielfältig. Durch andere alternative Wohnprojekte in Wien würden einige Mitstreiter wegfallen. "Die strikten Räumungen in den letzten Jahren haben außerdem viele resigniert. Durch den hohen Lebensstandard in Wien sind die Leute auch zu bequem, um sich für ihre Rechte einzusetzen und aktiv für ihre Anliegen zu kämpfen", sagen die Besetzer weiter.

Dass sich in den nächsten Jahren ein gesteigerter Aktionismus oder sogar ein Trend entwickeln könnte, glauben die Mitglieder von "Evora" nicht. "So etwas entwickelt sich erst, wenn sich die Leute die Miete nicht mehr leisten können oder aus ihren Wohnungen geschmissen werden. Derzeit sehen wir in Wien aber keine solche Tendenz", erklärt mir einer der Besetzer.

Ich möchte wissen, ob es noch Austausch mit der alten Hausbesetzerszene in Wien gibt, die in den 80ern so aktiv war. Häuser wie die Arena, das WUK oder das Amerlinghaus haben schließlich immer noch eine feste Stellung in der Wiener Kulturszene. "Von den damaligen Besetzern sind nur noch vereinzelt Leute aktiv. Viele sind weggezogen, gestorben oder haben sich auf ihre Familien konzentriert", wird mir erklärt. Die wenigen, die noch übrig wären, würden sich allerdings immer noch sehr solidarisch mit der Szene zeigen.

Vergleiche zwischen der heutigen und der damaligen Situation lassen sich jedenfalls nur schwer ziehen—da sind sich alle einig. Als in Wien die ersten Häuser besetzt wurden, gab es ähnliche Aktionen in ganz Europa. Im Zuge der 68er-Bewegung rebellierten junge Menschen gegen die herrschenden Verhältnisse. Der Mangel an alternativen Freiräumen motivierte viele, sich den Besetzern anzuschließen oder sich zumindest mit ihnen zu solidarisieren.

Die Polizei war überfordert und Medien berichteten ausführlich über diese neue Aktionsform im Kampf um mehr Recht auf Stadt. Heute hat sich die Situation verändert. Hausbesetzungen sind nicht mehr das Symbol einer breiten Protestbewegung, sondern werden nur noch vereinzelt von politischen Gruppen genutzt, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Das mediale Interesse ist gesunken—die gesellschaftliche Kämpfe finden heute woanders statt. Und wenn doch mal ein Objekt besetzt wird, räumt die Polizei oft binnen weniger Tage.

Während im Haus bereits an allen Ecken gebaut wird, frage ich noch: "Warum seid ihr eigentlich wieder in der Franziska-Fast-Anlage gelandet, nachdem die Gruppe ja bereits im letzten Jahr vom Gelände geräumt wurde?"

Die Antwort der Gruppe: "Für uns ist das einfach der ideale Objekt, um unser alternatives Wohn- und Naturprojekt umzusetzen." Bei dem großflächigen Gelände und dem idyllischen Hörndlwald durchaus keine schlechte Wahl, um ein selbstverwaltetes Wohnprojekt ins Leben zu rufen. Doch auch der Grundstückseigentümer, ein Verein für die Betreuung psychisch kranker Menschen, hat Pläne für das Areal; hier soll bald ein Rehabilitationszentrum entstehen.

Seit der Räumung im letzten Jahr habe sich auf dem Gelände allerdings nichts getan. "Wir glauben, dass man die Anlage bewusst verfallen lassen will, damit man sie nicht anderweitig nutzen kann", sagen die "Evora"-Mitglieder. Der Eigentümer hat 2017 als Baubeginn der Rehaklinik angegeben, zuletzt hatte es aber Auseinandersetzungen mit Anrainern gegeben.

"Eine Hausbesetzung bedeutet nicht zwangsläufig, dass man am Ende mit gebrochenem Gesicht das Gebäude verlässt."

Als ich die Anlage besuche, deutet noch nichts auf eine bauliche Veränderung hin: Die Grünflächen sind verwildert und die Häuser heruntergekommen. Die Besetzer scheinen die einzigen zu sein, die sich derzeit um die Instandhaltung des Grundstücks kümmern. Wie lange sie dieses Mal bleiben können, bevor sie von der Polizei geräumt werden, ist im Moment trotzdem ungewiss.

Am Ende frage ich noch das Offensichtlichste: ob Hausbesetzungen in der heutigen Zeit noch Sinn machen. Schließlich konnte sich seit den frühen 90ern kein besetztes Haus mehr dauerhaft halten und die Räumungen wurden oft schnell und kompromisslos durchgezogen. Von den "Evora"-Mitgliedern, die gerade um mich herum sitzen, bekomme ich eine eindeutige Antwort: "Es macht für uns immer Sinn, etwas zu besetzen. Es geht vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erregen und zu zeigen, dass es auch andere Lebenswege abseits des Mainstreams gibt." Außerdem machen solche Projekte auf den wachsenden Leerstand in Wien aufmerksam.

Ein alter Ton-Steine-Scherben-Song dröhnt aus einem Handylautsprecher, als ich die Franziska-Fast-Anlage am Abend verlasse. Beeindruckt hat mich die Hartnäckigkeit, mit der die Gruppe versucht ihre Vorstellung von einem selbstbestimmten Leben umzusetzen. Derzeit scheinen sie einen einsamen Kampf gegen Immobilienfirmen und polizeiliche Räumungen zu führen.

Doch auch in Wien steigen die Mieten, Immobilienspekulationen nehmen zu und Zwangsräumungen häufen sich. Das merken nicht nur die "Evora"-Punks—zunehmend engagieren sich unzufriedene Bürger gegen die fortschreitende Gentrifizierung in ihren Grätzln. Nun liegt es bei der Stadt Wien, auf diese Signale zu reagieren.