Anzeige
Stuff

Eine Testerin für Sextoys erzählt von den besten, schlimmsten und extremsten Spielzeugen

„Ich werde mich garantiert nicht eine Stunde lang mit einem schlechten Sextoy quälen und darauf hoffen, dass noch irgendetwas passiert."

von Iris Hoekstra
01 April 2016, 4:00am

Alle Fotos: Rebecca Camphens

Man könnte annehmen, dass niemand so viel mit Sexspielzeug zu tun hat wie Porno-Stars. Aber auch die 40-jährige Niederländerin Chantall hat in ihrem Leben schon eine ganze Menge Dildos, Buttplugs und Vibratoren in der Hand gehabt.

Vor gut vier Jahren hat Chantall ihren Blog climaximaal.nl ins Leben gerufen, für den sie alle nur vorstellbaren Sexspielzeuge ausprobiert—darunter auch mehrere Tarzan-Vibratoren, ein lächelnder Buttplug und ein doppelt penetrierender Dildo. Besagter Blog wird täglich rund 2000 Mal angeklickt und Chantall bekommt auch häufig Mails, in denen sie um Ratschläge rund um das Thema Sex gebeten wird. Neben den Sexspielzeug-Bewertungen findet man auf dem Blog aber auch noch etwas tiefgründigere Artikel wie etwa einen leicht verständlichen Gleitgel-Guide sowie Tipps und Tricks zur Säuberung der sexuellen Hilfsmittel.

Um sich dieses Menge an Expertise anzueignen, bringt sich Chantall nun seit fast 15 Jahren regelmäßig selbst zum Höhepunkt. In anderen Worten: Sie ist schon viel länger in der Sexspielzeug-Industrie unterwegs, als es ihren Blog gibt. Ich wollte mehr über diesen unendlichen Quell an Sextoy-Wissen herausfinden und habe Chantall deshalb zu Hause besucht.

Als ich um 11:30 Uhr auf ihre Klingel drücke, öffnet mir eine fröhliche Rothaarige in einem knallgrünen Polka-Dot-Kleid die Tür. Nachdem wir uns eine Tasse Tee gegönnt haben, bittet sie mich hoch in ihr kleines Büro, wo viele bunte Traumfänger herumhängen, die sie selbst anfertigt und online verkauft. In unserem anschließenden Gespräch geht es dann um Chantalls Blog, um gesundheitsschädliches Sexspielzeug und um den ultimativen Orgasmus.

VICE: Warum hast du mit deinem Sexspielzeug-Blog angefangen?
Chantall: Ich habe einen Abschluss im Fach Medienwissenschaften und nach meinem Studium habe ich dann damit angefangen, als freiberufliche Autorin für mehrere Magazine zu schreiben. Das Thema Sexualität hat mich schon immer interessiert und deshalb habe ich auch sofort Ja gesagt, als mich der Chefredakteur des niederländischen Porno-Magazins FOXY gefragt hat, ob ich für sie arbeiten will. Das ist jetzt gut 15 Jahre her. Dort war ich dann für die Produktseite zuständig und ich schrieb jeden Monat über zehn neue Sextoys. So ist mein Interesse an Sexspielzeug immer größer geworden und vor vier Jahren meinte mein Mann schließlich zu mir: „Warum bringst du nicht etwas Eigenes an den Start?" So ist mein Blog zustande gekommen.

Wie viele Sextoys hast du in diesen 15 Jahren schon ausprobiert?
Wohl so an die tausend—wenn man jetzt auch das Spielzeug mit einberechnet, das so schlecht war, dass ich es eigentlich gar nicht erst in die Hand nehmen wollte. Ich meine, ich schalte die Geräte zwar immer ein, benutze sie dann jedoch nicht richtig. Wenn es wirklich nur um die Sextoys geht, die ich wirklich getestet habe, dann wohl rund 600.

Munchies: Sex + Food: Sexspielzeug mit Geschmack

Schicken die Hersteller dir ihre Produkte einfach so zu?
Ja, ich habe mir noch nie etwas selbst gekauft. Ich stehe mit den ganzen großen Marken wie etwa Lelo, Fun Factory oder Rocks-Off in Kontakt und sie schicken mir ihre neuesten Sextoys zu—sogar noch bevor diese überhaupt im Laden erhältlich sind. Ich probiere sie dann aus und schreibe darüber. Dazu arbeite ich auch noch mit einigen Sexshops zusammen. Die lassen mich aussuchen, was ich testen will, und schnüren mir dann ein entsprechendes Paket.

Und das machst du jeden Tag?
Ich probiere nicht jeden Tag ein neues Spielzeug aus, den hier verhält es sich wie mit normalem Sex: Manchmal ist man in der Stimmung und manchmal eben nicht. Ich versuche jedoch, meinen Blog täglich zu aktualisieren und die Fragen der Leser so oft wie möglich zu beantworten.

Ab und an kommt es auch vor, dass wochenlang nichts Neues ins Haus flattert, und dann kommen plötzlich wieder zehn neue Sextoys auf einen Schlag. Zwei neue Reviews pro Woche sind so mein grundlegendes Ziel. Dazu kommen dann noch andere Artikel—zum Beispiel über meine bizarrsten Vibratoren oder über den Nachttisch-Inhalt meiner Leser. Wenn ich Lust habe, streue ich auch mal ein versautes Bild oder ein sexy Video ein.

Wie lange brauchst du, um ein Sextoy auf Herz und Nieren zu prüfen?
Das kommt ganz darauf an. Wenn mir ein Spielzeug viel Vergnügen bereitet, dann teste ich es auch mehr als nur ein Mal. Wenn das Spielzeug jedoch richtig beschissen ist—was übrigens leider häufiger vorkommt als das Gegenteil—, dann bin ich mit meiner „Inspektion" recht schnell durch. Ich werde mich garantiert nicht eine Stunde lang mit einem schlechten Sextoy quälen und darauf hoffen, dass noch irgendetwas passiert. Wenn ich nach zehn Minuten nicht gekommen bin, dann werde ich auch nach ein oder zwei Stunden nicht gekommen sein.

Wie läuft ein solcher Test genau ab?
Normalerweise probiere ich das Spielzeug alleine aus, aber manche Sachen sind ja auch für Pärchen gedacht—da hole ich mir dann meinen Mann dazu. Zuerst kommt der „Trockentest": Ich schaue mir die Verpackung an, lese die Online-Beschreibung, fühle das Material, gebe mir die Gebrauchsanweisung, checke alle Knöpfe und untersuche schließlich noch die Funktionen des Geräts. Es ist auch schon vorgekommen, dass ein Sextoy direkt beim Anschalten kaputt gegangen ist. Und wenn ein Spielzeug stinkt, rühre ich es gar nicht erst an.

Wenn es stinkt?
Ja. Die Form und der Motor eines Sextoys können noch so gut sein, aber wenn es aus potenziell gefährlichen Materialien besteht, dann wird es nicht getestet. Diese potenziell gefährlichen Materialien haben diesen typischen Plastikgeruch. Sichere Materialien sind zum Beispiel Glas, Metall oder 100 Prozent Silikon, denn die sind nicht porös und können deshalb ganz einfach saubergemacht werden. So haben Bakterien, Pilze und andere eklige Dinge gar keine Chance, da irgendwo haften zu bleiben.

Ein potenziell gefährliches Material, aus dem Sextoys manchmal bestehen, ist zum Beispiel Jelly—also ein PVC-Kunststoff mit Weichmachern. Genau diese Weichmacher sind extrem gesundheitsschädlich. Zum einen verursachen sie Ausschlag und Juckreiz und zum anderen hat man auch schon Studien mit Ratten durchgeführt, bei denen die Tiere nach dem Kontakt mit Weichmachern unfruchtbar wurden. Jelly-Sexspielzeug kommt mir also unter keinen Umständen ins Bett.

Sextoys aus Silikon gehen in Ordnung?
Klar, aber hier kommt dennoch ein anderes Problem zum Tragen: Die Sexspielzeug-Unternehmen dürfen auch dann auf die Verpackung schreiben, dass das Produkt aus 100 Prozent Silikon besteht, wenn das gar nicht der Fall ist. Was neben dem Silikon dann noch alles drin ist, bleibt ein chemisches Geheimnis. In Bezug auf Sextoys gibt es zu meinem großen Bedauern keine Regeln und Vorschriften.

Schummeln die Unternehmen da wirklich so viel?
Auch in dieser Branche geht es vordergründig ums Geld. Die Hersteller sind sich natürlich bewusst, dass sich ein Produkt mit der Verpackungsaufschrift „100 Prozent Silikon" besser verkauft. Deshalb führen leider immer noch eine ganze Menge Unternehmen die Kunden in die Irre. Wenn man sich ein Sexspielzeug kauft, kann man einige Dinge beachten, um am Ende nicht mit irgendwelchem gefährlichen Schrott dazustehen. Sextoys mit lüstern dreinblickenden Frauen auf der Verpackung kann man gleich stehenlassen. Gleiches gilt für Produkte, die wie oben beschrieben stinken oder in irgendeiner Art und Weise als „Scherzartikel" vermarktet werden. Erstes Gebot ist jedoch, sich entweder gut zu informieren oder einen ordentlichen Sexshop aufzusuchen. Ich meine, heutzutage achten wir penibel auf eine gesunde Ernährungsweise, benutzen aber gleichzeitig total ungesunde Vibratoren. Das wird oft vergessen.

Was ist deiner Meinung nach das beste Sexspielzeug?
Mein persönlicher Favorit ist der Europe Magic Wand—und zwar nur aufgrund der unglaublich stimulierenden Vibration. Rein optisch ist das Gerät nämlich total hässlich: Es sieht aus wie ein Mikrofon mit einer großen Kugel obendrauf. Als Sextoy-Anfängerin sollte man vielleicht auch eher noch die Finger davon lassen, denn die Vibrationen sind wirklich unglaublich intensiv.

Und das schlechteste?
In diese Kategorie fällt wohl gut die Hälfte alle Sextoys, die ich bisher ausprobiert habe. Jedes Spielzeug aus gefährlichen Materialien ist vor vornherein raus. Dazu kommen dann noch die Sachen, die schlecht vibrieren. Ich vergleiche das Ganze gerne mit einem brummenden Bär oder einer quietschenden Maus: Vibratoren, die wie ein brummender Bär klingen, sind gut, die anderen schlecht—und zwar nicht nur akustisch, sondern auch gefühlsmäßig. Zu diesen Vibratoren gehören vor allem die batteriebetriebenen Exemplare mit dieser schrill klingenden Vibration. Dann gibt es natürlich noch die Sextoys, die schon nach wenigen Anwendungen den Geist aufgeben, weil der Motor durch ist. Es hat schon fast den Anschein, als ob diese Geräte kaputt gehen sollen.

Gibt es sonst noch etwas?
Bei mir existiert auch noch die „Kirmes in der Muschi"-Kategorie. Darin enthalten sind alle Sexspielzeuge, die total bunt oder mit unglaublich vielen Gadgets und Funktionsweisen ausgestattet sind. Ich gebe zu, dass das oft echt gut aussieht, aber empfehlen kann ich diese Teile trotzdem nicht wirklich. Und letztendlich gibt es noch die Sextoys, die wie richtiges Spielzeug für Kinder aussehen—und die finde ich direkt scheiße.

Hast du auch schon richtig extremes Sexspielzeug ausprobiert?
Ja, die Sybian-Maschine. Richtig schrecklich! Als ich das Teil einschaltete, fing mein ganzes Haus an zu vibrieren. Die Maschine wiegt fast zehn Kilo und man gab mir den Ratschlag, sie auf mein Bett zu stellen, damit die Vibration von der Matratze absorbiert wird und meine Nachbarn nicht an meinem kleinen Abenteuer teilhaben müssen. Für mich war das schon wieder viel zu viel Stress. Guter Sex in allen Ehren, aber ich will dafür nicht mein halbes Wohnzimmer umbauen müssen.

Motherboard: Mit dieser App kann jeder Dildos drucken

Wieso hast gerade du die ultimative Test-Vagina?
Nun, das ist wahrscheinlich gar nicht mal der Fall. Jede Frau tickt anders und ich kann natürlich nicht garantieren, dass man immer mit mir übereinstimmt. Ich kann jedoch genau sagen, welche Sextoys schlecht sind und nicht benutzt werden sollten. Ich habe hier so viel Sexspielzeug rumstehen und ich glaube nicht, dass irgendeine andere Niederländerin sich schon so lange und ausführlich mit diesem Thema beschäftigt. Ich bin außerdem der Meinung, dass meine Ehrlichkeit im Vergleich zu anderen Reviews den Unterschied macht. Diese ganzen Versprechungen wie etwa „Ultimativer Orgasmus garantiert" oder „Komme so, wie du noch nie gekommen bist" finde ich unglaublich schrecklich. Ich meine, was soll ein ultimativer Orgasmus denn überhaupt sein? Und woher wollen die Hersteller wissen, wie gut ich im Allgemeinen zum Höhepunkt komme?

Ein qualitativ minderwertiger „Hello Kitty"-Vibrator, der laut Chantall jedoch ein richtiges Sammlerstück ist

Gibt es für jede Frau das passende Sexspielzeug?
Ja, ich denke schon. Wenn man jedoch nicht das Verlangen nach einem solchen Gerät hat, dann ist das ebenfalls vollkommen OK. Bei einem gesunden Sexleben oder ausgeprägter Fingerfertigkeit ist ein Sextoy natürlich überflüssig—außer man findet es aufregend oder komplettierend. Es gibt jedoch auch eine Menge Frauen, die Probleme haben, einen Orgasmus zu bekommen. Da kann ein Hilfsmittel schon sehr nützlich sein!