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Der VICE Guide zum Überleben in Österreichs Städten

Der VICE Guide zum Überleben in Salzburg

In einer Stadt, in der es mehr Klischees als Einwohner, Verkehrsverhältnisse wie in Neu-Dehli und Felix Baumgartner gibt, braucht man gewisse Hilfen, um das alltägliche Leben heil zu überstehen.

von Tori Reichel
15 November 2016, 6:29am

Grafik: VICE Media

Salzburg ist neben Wien die österreichische Stadt, die die größte Aneinanderreihung von Klischees verkörpert. Und eine Einleitung zu einem Survival Guide über Salzburg zu schreiben, ohne dabei die Begriffe "Mozart", "Festspiele", "Schnösel", "Touristen" oder "Mateschitz" zu verwenden, ist eine derartig schwere Aufgabe, dass ich schon im zweiten Satz daran gescheitert bin.

Wegen all dieser Klischees, glauben viele Nicht-Salzburger auch, genau zu wissen, was in Salzburg so vor sich geht. Aber ich muss euch enttäuschen: Oft wissen das nicht einmal wir Salzburger selbst so genau. Als Mensch, der den größten Teil seiner Jugend in der Mozartstadt verbracht hat (seht ihr, ich greife schon wieder auf einen dieser Klischee-Begriffe zurück), will ich aber zumindest versuchen, euch ein paar grundlegende Regeln zu vermitteln, mit deren Hilfe man es schaffen kann in Salzburg glücklich und erfolgreich zu leben (oder zumindest zu überleben).

Verkehr:

  • Wenn du dich zwischen Fahrrad und O-Bus fahren entscheiden musst, nimm das Fahrrad.
  • Wenn du dich zwischen zu Fuß gehen und O-Bus fahren entscheiden musst, geh zu Fuß.
  • Entscheide dich prinzipiell immer gegen den O-Bus. Außer du hast Zeit. Sehr viel Zeit. Und Geld. Sehr viel Geld.
  • Stichwort Zeit: Solltest du an einem Werktag versuchen, die Ignaz-Harrer-Straße mit dem Auto zu durchqueren: Stelle sicher, dass du genügend Reiseproviant, einen Kopfpolster und eventuell ein interessantes Buch dabei hast.
  • Sollte im Verkehrsfunk erwähnt werden, dass am Knoten Salzburg ein Unfall passiert ist: Mach dir erst gar nicht die Mühe, das Haus zu verlassen. Ein Unfall am Knoten Salzburg bedeutet, dass nicht nur der Verkehr, sondern viel eher die komplette Infrastruktur der Stadt für mehrere Stunden in sich zusammenbricht.
  • Fahr abends nie von Nonntal in die Innenstadt.
  • Solltest du an einem Wochenende abends mit dem Auto den Rudolfskai entlangfahren müssen: Versuche nicht in Panik zu geraten, aber halte unter keinen Umständen ganz an (auch nicht, wenn dein Auto bereits brennt). Womit wir auch schon beim nächsten Themenblock wären.

"Nachtleben" (ja, die Anführungszeichen sind volle Absicht):

  • Betrete eine Sega Bar niemals ohne intensive mentale und physische Vorbereitung. Meditation oder exzessives Bravo-Hits hören zur Abhärtung im Vorhinein sind unumgänglich.
  • Bestell dir im Flip zumindest einmal einen Schwermatrosen und beobachte fasziniert, wie dein Sichtfeld mit jedem Zug am Strohhalm ein bisschen kleiner wird.
  • Sollte dich jemand um 4:45 Uhr Morgens versuchen, dich zu überreden, ins After Five zu gehen: Sei klug, sag Nein.
  • Solltest du dich um 07:15 Uhr trotzdem im After Five wiederfinden: Halb so schlimm. Aber geh jetzt endlich nach Hause.
  • Solltest du dich um 07:15 Uhr im Felsenkeller wiederfinden: Komm nicht auf die dumme Idee, an der Felswand zu lecken. Du könntest an einer Überdosis sterben.

Menschen:

  • Solltest du Felix Baumgartner in der Öffentlichkeit begegnen—zugegeben, ein beängstigendes Szenario, das in Salzburg aber durchaus Realität werden kann—verhalte dich ruhig, mach keine ruckartigen Bewegungen und schau ihm auf keinen Fall direkt in die Augen. Mit etwas Glück sucht er schnell wieder das Weite.
  • Wenn Salzburger während einer Konversation von einem gewissen "Gemma Gemma" sprechen: Tu so, als würdest du wissen, von wem sie reden. Nur wenn du weißt, wer der "Gemma Gemma" ist, wirst du von Salzburgern als einer von ihnen akzeptiert werden.
  • Junge Menschen sind in Salzburg—zumindest gefühlt—eine nahezu unbedeutende Minderheit. Solltest du dich trotzdem in einem Gespräch mit ihnen wiederfinden, versuche möglichst oft die Wörter "gwandt", "schwechen", "tschuren" und "Lobe" zu verwenden, völlig ungeachtet des Gesprächs-Inhalts.
  • Wenn du zu der ebenso kleinen Minderheit Salzburgs gehörst, die eine Abneigung gegenüber betrunkenen Menschen in Tracht hat: Meide das gesamte Stadtgebiet zwei Wochen vor und nach dem Rupertikirtag großräumig. Ziehe überhaupt in Erwägung, ob Salzburg ganz allgemein überhaupt die richtige Stadt für dich ist.

Natur:

  • Das Leben in der Altstadt kann dich schnell zu einem schnöseligen Langweiler machen. Spazier deshalb ab und zu durch den Lehener Park, um dir zumindest ein kleines Bisschen Street Credibility zu erhalten.
  • Tu dir selbst einen Gefallen und freu dich nicht auf den Salzburg-Sommer. Sommer ist in Salzburg ein sehr relativer Begriff, der mit dem, was du dir bisher immer darunter vorstellst hast, wenig bis gar nichts zu tun hat.
  • Glaub nicht alle Märchen, die man dir über den Rosenhügel im Mirabellgarten erzählt.
  • Glaub schon gar nicht alle Märchen, die man dir über den Untersberg (aka "Zauberberg") erzählt.
  • Apropos Märchen: Es wird auch nicht lange dauern, bis dir ein Salzburger erzählen wird, dass der Wolfgangsee und der Krottensee eine unterirdische Verbindung haben, und am Boden des Krottensees ganz nebenbei tonnenweise Nazi-Gold liegt. Ganz ehrlich: Glaub, was du willst, leih dir meinetwegen sogar Taucherausrüstung aus. Aber sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.

Kulinarik:

Foto: VICE Media

  • Egal, wie betrunken und übermütig du gerade in der Gstättengasse herumstolperst: Komm niemals auf die Schnapsidee, dein Il Sole Pizza-Stück ohne Soße zu essen. Deine Geschmacksnerven werden es dir niemals verzeihen.
  • Sitze nicht dem Irrtum auf, dass in dieser Stadt tatsächlich irgendeiner der Einwohner Mozartkugeln oder Salzburger Nockerl isst. Die meisten Salzburger, die du treffen wirst, haben Salzburger Nockerl noch nicht einmal aus der Nähe gesehen.
  • Wenn ein Salzburger aufgeregt die Laute "Aganigi Naganigi" ausstößt, so erleidet er nicht etwa einen Schlaganfall, sondern will mit dir das beste Kebap der Stadt essen gehen.

Sport und Kultur:

  • Wenn dich jemand fragt, ob Salzburg eine inoffizielle Hymne hat, sing ihm den Refrain dieses Klassikers vor:
  • Frag nicht nach, warum es in dieser Stadt ein Fußballstadion mit 30.000 Plätzen gibt. Niemand wird dir eine zufriedenstellende Antwort darauf geben können. Und Fans des ansässigen Bundesliga-Clubs werden beim Gedanken an 29.500 leere Sitzplätze womöglich zu weinen beginnen.
  • Wenn wir schon beim Thema Fußball sind: Sprich das Thema Champions League-Qualifikation in Salzburg nur an, wenn du wirklich gezielt die Gefühle von Menschen verletzen willst oder du ausschließlich in Gesellschaft von Austria Salzburg Fans bist.
  • Mach dich NIEMALS über die SBG Hot Boyz lustig. Für viele Salzburger hat "Unsere Stadt" auch 10 Jahre nach seiner Veröffentlichung immer noch spirituellen, ja nahezu religiösen Stellenwert.

Sonstiges:

  • Mach dir nicht die Mühe, auf den Festungsberg zu gehen, um den beeindruckenden Ausblick über Salzburg zu genießen. Der Witz an der Sache ist: der Ausblick auf Salzburg ist nur beeindruckend, wenn du AUF die Festung schaust. Von der Festung aus schaut Salzburg irgendwie aus wie jede andere Stadt auch.
  • Komm nicht mal auf die Schnapsidee, an einem verregneten Samstag in den Europark zu gehen. Wähle dafür lieber einen der vier oder fünf Samstage im Jahr, an denen es nicht regnet, sondern lediglich bewölkt ist.
  • Sollten Salzburger dir gegenüber den Begriff "Erdäpfelbauer" verwenden, so sprechen sie nicht von tatsächlichen Landwirten, sondern von den Bewohnern des benachbarten (und in den Augen der Salzburger sehr exotischen) Bundeslandes Oberösterreich.