Mentale Stärke durch physische Kraft

Im Nirgendwo in Uri: Die Felsen werden höher, die Flussströmungen stärker. Nur schon zur Schlucht zu gelangen, in welcher die 23-jährige Kletterin Natalie Bärtschi heute klettert, kostet Überwindung.

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Juli 20 2017, 2:05pm

Alle Fotos von Flavio Leone

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Mit elf Jahren platziert sich die Kletterin Natalie Bärtschi in einem Jugendwettkampf auf dem 2. Platz. "Überrascht", sagt sie, sei sie gewesen. Und zudem direkt begeistert vom Gefühl, mit eigenen Händen und Füssen in die Höhe zu steigen. Auch heute noch nimmt sie diese Emotion mit in die Wettkämpfe. "Als Kind traut man sich mehr. Sei es ein Sprung vom 10-Meter-Sprungbrett oder eine Kletterwand zu bezwingen. Diese Leichtigkeit versuche ich stets zu bewahren. Mache ich mir weniger mentalen Druck, kann mich meine Leistung durchaus noch heute überraschen und ich so Unerwartetes schaffen", erzählt die junge Frau mit einer einzigartigen Ruhe. Überhaupt scheinen alle und alles ausgesprochen entspannt und konzentriert. Klettern ist ein ruhiger Sport, das Rauschen des Wildbachs übertönt die Gespräche der Sportler vor dem Fels. Neben Natalie und ihren zwei kanadischen Freunden wagen sich heute noch zwei weitere an die Herausforderung. Obwohl Klettern ein Einzelsport ist, ist der Team-Aspekt enorm wichtig und es wird oft zusammen nach der richtigen Lösung für ein "Boulderproblem" gesucht.

Die körperliche Fitness ist ein Teil des Sports, aber nicht unbedingt der ausschlaggebende, denn dann sind ihre Erwartungen besonders hoch, was den mentalen Aspekt umso schwieriger macht. Aber wie überwindet Natalie Bärtschi den geistigen Druck? "Die Abwechslung und der Spass beim Felsklettern geben mir die nötige Lockerheit, um auch im Wettkampf meine Leistung abrufen zu können. Es hilft mir, den Erwartungsdruck zu reduzieren und mich voll und ganz aufs Klettern zu konzentrieren anstatt aufs Resultat, da es beim Felsklettern auch keine Wertung gibt. Am Klettern gefällt mir besonders, dass es viel mehr um 'ich gegen die Wand' anstatt 'ich gegen die anderen' geht", erklärt Natalie.

Profikletterin sei sie aber nicht, sie mache es aus Leidenschaft, ein intensives Hobby nennt sie es. Geld verdiene sie nicht damit, was bei Randsportarten wie Klettern häufig der Fall ist. Die Fangemeinde ist klein, für Sponsoren nicht prioritär. Die Chiropraktik-Studentin aus der Stadt klettert aber fast täglich, meist in einer Halle in Zürich, als Ausgleich wird gejoggt. Wenn es die Zeit aber zulässt, findet man Natalie Bärtschi in der Natur. Während der Saison von März bis August finden am Wochenende Wettkämpfe statt. Rund zehn Mal startet die junge Frau im Jahr – als grosses Finale wird sie dieses Jahr noch am Boulderweltcup im Olympiastadion in München teilnehmen. Zu den grössten Erfolgen der Schweizer Kletterin gehört auch der 14. Platz beim Weltcup in München 2016.

"Überwindung braucht es, damit man das Gefühl, etwas geschafft zu haben, immer und immer wieder erleben kann – die Belohnung ist es wert, etwas zu riskieren."

Natalie Bärtschi ist Teil der Schweizer Kletternationalmannschaft, sowie des Kletterteams Zürich. Die Sportler sind jung, im Durchschnitt anfangs 20, der Männer- und Frauenanteil ist ausgeglichen. Weltweit sind es jedoch noch immer mehr männliche Sportler, die sich an die verschiedensten Felswände der Welt wagen. Das bestehende Team verbessert sich ständig, die jungen Sportler sind engagiert und motiviert. "Klettern ist ein spannender Sport, weil die Leistung nicht unbedingt geschlechtsabhängig ist, Frauen und Männer können die gleichen Felsen ausprobieren und mit Technik Ähnliches leisten. Ausserdem spielt auch das Gewicht eine tragende Rolle, da sind wir Frauen oft im Vorteil", sagt sie. Der Unterschied läge aber dennoch darin, dass sich Frauen oft weniger zutrauen würden, weniger risikofreudig seien im Klettersport.

Auf die Frage, wie sie es schaffe, ihre Ängste zu überwinden, erklärt Natalie ganz klar, dass man nur weiterkomme, wenn man sich neue Kletterakte zutraue: "Das Gefühl, es schaffen zu können, und es dann auch zu meistern ist so stark und erfüllend, dass ich es mir so gut merken und dann jeweils abrufen kann, wenn ich vor einer neuen Herausforderung stehe." Auch betont sie, dass Bouldern zwar leicht zugänglich sei und keine spezielle Ausrüstung brauche. Jedoch empfiehlt sie Anfängern, erstmal in der Halle zu beginnen.

Verschwindet die Angst und wird die Überwindung kleiner? Natalie bestätigt dies, denn je besser man technisch werde, desto sicherer fühle man sich. Auch das ein Grund dafür, Neues auszuprobieren. Ein zu grosses Risiko würde sie aber nicht eingehen: "Aus Erfahrung kann man abschätzen, wann die Verletzungsgefahr einfach zu hoch ist". Klettern ist ein analytischer und strategischer Sport und erfordert eine hohe Konzentration. Die Einzigartigkeit von Natalies Talent besteht aus ihrer Schnellkraft und Dynamik und darin, erst zum richtigen Zeitpunkt der physischen und mentalen Stärke neue Felsblöcke zu erzwingen. So hat sich die junge Sportlerin auch in all den Jahren noch nie ernsthaft verletzt, und wenn, dann in der Halle.

Das Verrückteste, was Natalie bislang erklettert hat, war eine überdurchschnittlich hohe Felswand im Tessin, in dieser Region klettert sie im Übrigen am liebsten. In jenem Moment hatte sie auch am meisten Angst: "Auch wenn ein Fels nicht allzu schwierig ist, die Angst, es von der mentalen Kraft her nicht zu packen, hat mich Überwindung gekostet." Wenn es Natalie in die weite Welt verschlägt, klettert sie gerne in Südafrika, die roten Felsen und die endlosen Wände haben es ihr angetan. Es erinnere sie an König der Löwen, erzählt sie lachend. Ein grosser Traum von ihr ist zudem, in Australien zu klettern. "Das Tolle an meinem Sport ist, dass ich ihn überall auf der Welt ausüben kann, wo es Felsen gibt. Ich entdecke die Natur, das gibt mir Kraft, so überwinde ich Ängste."

"Ohne neue Herausforderungen anzunehmen, bleibe ich stehen"

Natalies persönliche Ziele beziehen sich nicht nur auf Wettkämpfe – das Wichtigste für die Sportlerin ist die Dynamik; mental und physisch. "Ich möchte mich stetig steigern. Mir ist klar, dass ich nicht für immer so intensiv Klettern kann, aber solange ich noch überwinden, begeistern und weiterkommen kann, lasse ich von keinem Felsen ab". Weiters ändern sich auch die Wettkämpfe, immer öfter kommen Parcours dazu, Natalie geht mit der Entwicklung mit. Schnell fällt auf, die Energie, um weiterzukommen und durchzuhalten zeichnen Natalie Bärtschi aus.

Ob Indoor oder Outdoor, beides habe seinen Reiz, erklärt sie, sicherer aber fühle man sich oft in der Halle, was auch dazu führe, dass man sich mehr zutraue und somit auch höhere Risiken eingehe. Die Halle ist fürs Training, man erklimmt verschiedene Boulder, in der Natur hingegen lässt man sich bewusst auf einen speziellen Felsen ein. "Die Natur ist unberechenbar, jeder Fels, jede Struktur des Steins ist anders. Es ist eine Art Kennenlernen, bevor man sich überwindet und beschliesst, den Schritt in die Höhe zu wagen", sagt sie. Natalie Bärtschi wird noch viele Felsblöcke überall auf der Welt entdecken und sich davon begeistern lassen.

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