Menschen

Ich habe meine eigene Beerdigung geplant

Und weiss jetzt, wie ich leben will: mit mehr Sex.

von Johanna Senn
20 September 2019, 3:30am

Alle Fotos von Hannah Gottschalk

Ich habe mich schon lange gefragt, wie das wohl ist, in einem Sarg zu liegen, und nun ist es soweit. "So ist es also", sage ich. In diesem Sarg ist es viel enger, als ich es mir vorgestellt hatte. Die Holzplanken links und rechts zwingen mich dazu, meine Arme auf meinen Bauch zu legen. Wenn ich meine Füsse strecke, kann ich das Ende fühlen. Das Ende des Sargs, nicht mein eigenes. Bei jeder Bewegung knistert das Plastik, in das die Sägespäne eingefüllt wurden. Sie sorgen nicht für Komfort. Sie sind dazu da, austretende Körperflüssigkeiten aufzusaugen.

Das Modell, in dem ich liege, heisst "Zürisarg". Es handelt sich um einen Gratissarg der Stadt Zürich. Aussen steht mit schwarzer Schrift "175" auf dem hellen Pappelholz, das ist die Grösse, ein Meter und 75 Zentimeter. Der Sarg passt perfekt.

Wenn ich einmal in einem Sarg liege, kalt und tot, werden sich kiloweise Erde über mir stapeln. Jetzt sehe ich nur die graue Betondecke über mir. In dieser Halle werden die Fahrzeuge des Bestattungsamts geparkt und Särge aufbewahrt, die nur darauf warten, gefüllt zu werden. Es sind Dutzende.

Meine Einstellung dem Tod gegenüber ist weit weniger pragmatisch, als ich mir das zu Beginn dieser Recherche vorgestellt hatte. Nun da ich in diesem Sarg liege, denke ich daran, dass es also einmal so sein wird, wenn ich tot bin: eng, unbequem und wegen der Sägespähne im Plastik irgendwie laut. In mir breitet sich Schwermütigkeit aus.

Ich will nicht länger liegen bleiben und stehe auf. Auf dem Kissen ist der Abdruck meines Kopfes zu sehen. Ich denke daran, dass die nächste Person, die hier drin liegt, nicht mehr in die Welt der Lebenden zurückkehren wird.

Beerdigung in Zürich Särge aufegstapelt

Ich lebe in Zürich. Wer auch hier wohnt, kann sich entweder für sehr viel Geld oder praktisch gratis beerdigen lassen. Ich gehe nicht davon aus, dass ich reich sterben werde. Darum möchte ich wissen, was ich bekomme, auch wenn ich nicht Tausende von Franken auszugeben habe. Wie sich der Gratissarg anfühlt, zeigt mir ein Mitarbeiter des Bestattungsamts Zürich.

Vorweg: Ich bin nicht sterbenskrank. Aber der Tod fasziniert mich schon seit meiner Jugend. Als meine Freundinnen als Jugendliche spasseshalber ihre Hochzeit planten, plante ich meine Beerdigung. Das hat nichts damit zu tun, dass ich einen Todeswunsch hege. Viel eher faszinierte mich das Thema, weil es sich damals wie ein Tabuthema anfühlte. Eine meiner Freundinnen verwaltete auf ihrem Handy sogar eine kleine Beerdigungsliste, die sie ständig aktualisierte. Für uns war das, besonders wenn wir zu viel getrunken hatten, alles ein grosser Witz. So übertrafen wir uns gegenseitig in den Ideen: Gästeliste! Goodie Bags! Vor dem Einäschern Maiskörner essen!

Beerdigung in Zürich Inneres des Sargs

Im hinteren Teil des Raumes liegen sehr kleine, weisse Särge. Einige von ihnen kaum grösser als mein Unterarm. Das ist schon tragisch, denke ich.

Zurück in meiner WG. Ich habe Besuch von einem Freund, aber in Gedanken liege ich immer noch im Sarg.

"Hast du Angst vor dem Tod?", frage ich.
"Nein", sagt er.
"Wieso nicht?"
"Ich hatte jetzt schon so ein erfülltes Leben. Ich habe immer alles gemacht, was ich wollte. Ich glaube, das hilft." Er schaut mich an: "Und du? Hast du Angst vor dem Tod?"
"Irgendwie schon."

Wenn ich daran denke, dass ich nie mehr Tränen lachen werde, nie mehr mit meiner besten Freundin dumme Kommentare zu schlechten Filmen abgebe, nie mehr die Blumen im Brunnen vor meinem Haus anschauen kann, ja, eben einfach nicht mehr in diesem Leben mitmache, dann macht mich das traurig.

Dann muss ich daran denken, was einer der Bestattungsinstitutsmitarbeiter zu mir gesagt hat: "Die Zeit, die wir haben, ist geschenkt." Und in mir steigt das Gefühl hoch, dass ich so noch nicht kannte: Ich bin einfach dankbar, überhaupt hier zu sein.

Vielleicht ist mein Freund hier auf der Spur des Geheimnis zu einem erfüllten Leben: immer das machen, was man will, und nicht vergessen, dass die Zeit hier geschenkt ist. Das ist doch schön. Irgendwie befreiend.

Ich glaube nicht an Gott oder an ein Leben nach dem Tod. Ich glaube daran, dass es wichtig ist, ein guter Mensch zu sein, solange man lebt. Und die Lebewesen um einen herum zu achten. In seinem eigenen kleinen Kreis Gutes zu bewirken.

Wenn ich jetzt wirklich darüber nachdenke, wie ich einmal aus dieser Welt verabschiedet werden möchte, denke ich nicht mehr an Party. Schöner wär's, wenn jeder, der Lust hat, zu meinem Grab geht und alle zusammen in diesem Kreis von guten Menschen schöne Erinnerung teilen, die ihnen von mir geblieben sind. Beat Achermann von der Gräber-Administration soll mir helfen, diesen Wunsch festzuhalten.

Beat Achermann ist Bestatter bei der Stadt Zürich und sorgt dafür, dass jeder seine Beerdigung so gestalten kann, wie er gerne möchte. Bei ihm kann man seinen Beerdigungswunsch festhalten, also seine eigene Beerdigung vorplanen. Genau das mache auch ich heute.

Ich treffe Beat Achermann in der Aufbahrung im Friedhof Sihlfeld, ein Gebäude aus hellgrauem Stein mit verschnörkelten Säulen und hohen Fenstern. Mitten im Raum, in dem die verstorbenen Menschen aufgebahrt werden, steht ein viereckiges Konstrukt aus dickem, dunklem Stein, der sogenannte Katafalk, zur Aufbahrung der Toten. Es ist kühl und riecht nach frischer Luft – nicht nach Tod. Jeder Schritt auf dem glänzenden Stein hallt vom hohen Deckengewölbe wider.


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"Ertragen Sie es, einen toten Menschen zu sehen?", fragt Beat Achermann.
"Ich weiss nicht", antworte ich. "Ich habe noch nie einen fremden toten Menschen gesehen."

Ich erinnere mich an meinen Grossvater. Er ist langsam gestorben, der Prozess zog sich über mehrere Tage. Sein Gesicht sah angestrengt aus. Bis er verstarb. Da entspannte sich sein Körper, ganz so, als würde er schlafen.

"Ich denke, ich kann das aushalten", sage ich. Behutsam hebt er das Holzfenster am Sarg um einige Zentimeter an und legt es schräg über die etwa DIN-A4 grosse Öffnung. Meinem Mund entgleitet ein "Oh". Eine alte Frau in einem roten Kleid liegt dort, gebettet auf weissem, samtenem Stoff. In ihren Händen hält sie einen Blumenstrauss und einen Brief. Ihr Gesicht ist blass, ihre Gesichtszüge entspannt. Obwohl die Frau sicher über 80 Jahre alt geworden ist, sieht man auf dem Gesicht kaum Falten. Sie sieht zerbrechlich aus. Wie feines Porzellan.

"Sie sieht so entspannt aus", sage ich nach einer gefühlten Ewigkeit, "irgendwie voll schön."

Beat Achermann führt mich in einen Nebenraum zwischen Kapelle und Aufbahrung. Wir nehmen an einem kleinen, weissen Tisch mit silbernen Beinen aus Stahl Platz, daneben steht ein Schreibtisch mit Computer, an den Wänden hängen Whiteboards; ein stinknormaler Büroraum, die Verwaltungszentrale des Todes.

Der Bestatter erklärt mir ausführlich, welche Möglichkeiten es in Zürich für meine sterblichen Überreste sonst noch gibt. Wenn man sich kremieren lassen will, kann man die Urne zum Beispiel im Wald, an einem Mietgrab mit Rebstock auf dem Friedhof beisetzen lassen. Es gibt in Zürich mehr als ein Dutzend Möglichkeiten. "Die meisten, ich würde sagen über 80 Prozent, lassen sich heute kremieren", sagt Herr Achermann.

Ich setze das Kreuz über das Kästchen, auf dem "Erdbestattung" steht. Sobald der Sarg unter der ganzen Erdmasse begraben ist, wird er vom Gewicht der Erde kaputt gehen. Aber so kann mein Körper immerhin als Nahrung von Käfern und Würmern dienen. Mir gefällt die Vorstellung nicht, dass mein Körper von Flammen aufgegessen wird. Ich kenne auch die faszinierenden Bilder einer Körperfarm in Texas, genau so möchte ich auch einmal aussehen. Ich möchte einmal in der ursprünglichsten aller Formen in der Erde liegen; als angefressenes halb verwestes Skelett. Ich möchte auf natürlichste Art und Weise verschwinden.

Plötzlich fühlt sich dieses Experiment hier verdammt real an. Jetzt denke ich daran, dass ich einmal sterben werde, einmal tot sein werde. Und dass auch alle Menschen, die ich jetzt kenne, einmal sterben und irgendwann nicht mehr da sind. Meine beste Freundin. Meine Eltern. Mein Chef. Ja, sogar mein Hund.

Das Gefühl ist beklemmend. Wie damals, als ich mich als Kind gefragt habe, wie es wohl ist, wenn ich einmal tot bin. Ich habe mir versucht vorzustellen, wie es wäre, für alle Ewigkeit im Nichts zu existieren. Also nicht zu existieren. Der Gedanke löst in mir das Bedürfnis aus, irgendwas Dummes zu tun. Irgendwas zu tun, um mir zu beweisen, dass ich jetzt lebendig bin und die Zeit hier unten nicht verschwende. Jetzt habe ich Lust, mit meinem Freund zu schlafen.

Ich gucke wieder auf den Zettel vor mir. Welcher Friedhof? Ich wähle den Friedhof Sihlfeld aus, ein Reihengrab für 83 Franken im Jahr, eine kostenlose amtliche Todesanzeige und den Gratissarg der Stadt Zürich. Früher hatte ich mir ausgemalt, in einem prunkvollen Sarg aus dunklem Mahagoniholz beerdigt zu werden. Dazu ein Grabstein aus schwarzem Marmor, auf dem mein Name mit goldenen Lettern geschrieben steht.

Beerdigung in Zürich Grabstein im Friedhof Sihlfeld

Jetzt aber erscheint mir diese Vorstellung angesichts dessen, dass der Welt zunehmend die Ressourcen ausgehen, als verschwenderisch. Im Gratissarg lag es sich ja ganz gemütlich. Statt eines teueren Grabsteins aus schwarzem Marmor wähle ich einen günstigen Stein, den man ab 3.000 Franken bekommen kann.

Bevor ich das Formular unterschreibe, gilt es eine letzte Frage zu beantworten: "Welche speziellen Wünsche zur Bestattung/Abdankung habe ich?" Ich schreibe: "Für meine Abdankung wünsche ich mir, dass die anwesenden Personen, wenn sie denn möchten, ein Glas des Getränks ihrer Wahl auf mich trinken und eine Erinnerung teilen, die sie von mir haben."

Sollte ich in meinem Leben nichts mehr leisten, was die durchschnittliche Mittelmässigkeit übertrifft – und davon gehe ich aus –, so ist nebst meinen sterblichen Überresten das einzige, was bleibt, die Erinnerungen, die andere Menschen von mir haben. Und vielleicht ist es ja auch genau das: dass man schauen soll, dass die Erinnerungen zählen. Dass es bedeutsame Erinnerungen sind, auch wenn sie banal sind.

Wenn ich heute an einen Bekannten von mir denke, der mit nur 23 Jahren bei einem Motorradunfall ums Leben kam, dann denke ich daran, wie fröhlich er immer war. Wie er in der Mittagspause in der Mensa alle mit seinen selbst gedichteten Liedern über Lehrerinnen und Mitschüler zum Lachen brachte. Und wenn ich an meinen Grossvater denke, denke ich daran, wie er mir immer vielsagend zulächelte, wenn sich meine Eltern am Tisch zankten.

Beerdigung in Zürich Friedhof Sihlfeld

Vielleicht geht es gar nicht darum, ein Leben zu leben, an das mit einem grossen Denkmal oder einem schweren Grabstein aus Marmor erinnert werden muss. Vielleicht geht es viel eher darum, dass man immer macht, wonach einem der Sinn steht, solange man es eben kann. Dass man Risiken eingeht, dass man dumme Entscheidungen trifft, dass man Dinge bereut. Aber nie, weil man sie nicht gemacht hat. Vielleicht geht es einfach darum, die Zeit, die wir hier haben, als das zu nehmen, was sie ist: ein Geschenk. Dann scheint der Tod nur halb so beängstigend – und auch nur halb so wichtig.

Ich überfliege das Formular noch einmal. Dann nehme ich den Kugelschreiber in die Hand schreibe Ort und Datum darauf und setze meine Unterschrift.

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