Drei Menschen erzählen, wie ihre Querschnittslähmung ihr Sexleben verändert hat

Ein Leben im Rollstuhl macht Geschlechtsverkehr zu einem relativ komplizierten Unterfangen. Es kann einem aber auch neue Möglichkeiten im Bett aufzeigen.

|
Dez. 5 2018, 9:07am

Fotos: privat

Früher war Sex für Nadia noch aufregend, spontan und vor allem normal. Dann hatte die 25-Jährige vor drei Jahren einen schweren Autounfall, der sie von der Hüfte abwärts vollständig lähmte. Plötzlich ist das Ganze zu einer völlig neuen Erfahrung geworden, sagt sie. Dabei war es gar nicht der Sex, der der jungen Frau jetzt Sorgen bereitete, sondern die ständigen Erklärungen, warum ihre Beine vielleicht verkrampfen oder warum da ein Katheter in ihrem Schambereich hängt. Weil sie immer wieder über ihren Körper reden musste, habe sie sich wie eine springende Schallplatte gefühlt. Ausserdem habe sie sich Sorgen gemacht, was andere Leute über sie denken: "Am liebsten hätte ich mir kleine Kärtchen zum Verteilen besorgt, auf denen steht: 'Hallo, meine Name ist Nadia, ich habe das und das, das und das kann passieren, es ist schon OK, wenn meine Beine verkrampfen'", sagt sie.

Als Nadia nach ihrer langen Reha-Phase wieder nach Hause durfte, traf sie einen guten Freund. Seine erste Frage sei gewesen: "Kannst du noch Sex haben?" Heute lacht Nadia, wenn sie an diese Situation zurückdenkt. "Ich antwortete nur, dass ich da unten ja nicht zugenäht sei", erzählt sie.

Aber dann sei sie ins Grübeln gekommen. Würde ihr Leben von nun an so weitergehen? Mit Leuten, die ihr einfach so intime und sehr persönliche Fragen stellen? Auch heute wollen ab und zu noch Leute von ihr wissen, ob sie Sex haben kann. Diese Menschen seien dann immer total fasziniert, wenn sie die Frage bejaht, sagt Nadia.

1543803607588-Nadia
Nadia | Foto: Zahra Shahtamasebi

Nach ihrem Unfall sei ihr klar geworden, dass sie sich beim Sex anpassen muss. Sie habe aber auch Angst vor den Vorurteilen der Leute gehabt, die nicht wussten, wie es ist, mit einer Querschnittslähmung zu leben. Für Sex müsse sie deshalb immer einen Menschen finden, dem sie voll vertrauen kann. Nadia sagt, sie sei zwar noch in der Lage, Sex zu haben, aber der Akt sehe jetzt ganz anders aus. Die grösste Veränderung zu früher sei die fehlende Spontaneität: Sie kann jetzt nicht mehr einfach schnell mit jemanden in die Kiste springen. Nein, jetzt heisst es: "Moment, ich muss zuerst noch mal auf die Toilette gehen, meine Blase ist ziemlich launisch."

Nadia sagt, sie sei sich selbst ihr grösster Feind. Sie sabotiere sich selbst, um die Möglichkeit einer Beziehung gar nicht erst aufkommen zu lassen. Sie wolle sich nämlich nicht wie eine Last fühlen: "Bei mir gibt es jetzt so viel zu beachten. Alles dauert länger, alles muss genau geplant werden. Tausende Arzttermine stehen an. Ich habe Schmerzen, Krämpfe und eine schwache Blase. Da kommt alles zusammen", erzählt sie.

Zudem verspüre sie eine Art Verpflichtung, potentielle Sexpartner vorzuwarnen, dass es "etwas schwieriger" ist, mit ihr zu schlafen. Die Antworten überraschten sie dann aber immer wieder: "Alle sagen, dass das schon OK sei. Das ist mir fast schon unangenehm."

1543803498306-Cody
Cody und Jess | Foto: privat

Anfangs stiess der 23-jährige Cody nicht auf so viel Verständnis. Er war 15, als er sich beim Rugby schwer verletzte. Seitdem ist er von der Brust abwärts gelähmt. In seinen späten Teenagerjahren sei er immer anders behandelt worden, wenn er auf Partys war oder mit seinen Freunden feierte, sagt er. Vor allem Frauen hätten sich immer wieder darüber gewundert, dass er durch die Nacht zog und Alkohol trank: "Schon komisch, viele Leute gehen direkt davon aus, dass man zu gar nichts mehr fähig ist, wenn man in einem Rollstuhl sitzt."

Schon bald nach seiner Verletzung habe er sich Gedanken darüber gemacht, wie es "da unten" weitergehen soll. Er habe sich gefragt, ob sein Penis noch funktioniert und ob er noch Sex haben kann. Die Ärzte erklärten ihm zwar alles mit "ihren Fachausdrücken", aber letztendlich wisse man erst Bescheid, wenn man es ausprobiere, sagt Cody. "Das macht einen richtig fertig. Nichts ist mehr so wie vorher und das erste Mal kommt einem immer ein bisschen komisch vor."


Auch bei VICE: Die Welt der Sexualassistenz


Nach seiner Verletzung sei Sex für ihn nicht mehr vorrangig gewesen, sagt Cody: Es drehte sich nicht mehr alles darum, One-Night-Stands zu haben. Es sei es ihm wichtiger geworden, die richtige Frau zu treffen und nichts zu überstürzen. Das führte dazu, dass er Jess kennenlernte, mit der er inzwischen gut ein Jahr lang zusammen ist.

Als er dann wieder bereit für Sex war, habe er sich keine grossen Gedanken darüber gemacht: "Wenn irgendetwas gemacht werden muss, zum Beispiel eine Viagra nehmen, dann ist das halt so. Das Leben verläuft nicht immer nach Plan, man muss dann einfach weitermachen. Ich will nur Spass haben und das meiste aus meinen Möglichkeiten rausholen."

Querschnittsgelähmte Menschen können gewisse Sexstellungen nicht mehr durchführen und je nach Verletzungsgrad auch kein Gefühl mehr in bestimmten Körperteilen haben. Alles in allem sei der sexuelle Aspekt seiner Beziehung aber richtig gut, sagt Cody: "Ich habe Glück, weil ich da noch ein bisschen was spüre. Bei anderen Leuten ist da gar nichts mehr. Ich glaube, das wäre richtig hart für mich."

1543803532824-Claire
Claire | Foto: privat

Die 40-jährige Claire ist seit 1995 querschnittsgelähmt. In ihren 20ern habe sie gerne One-Night-Stands gehabt, weil es ihr beim Sex damals nur um den Spass und das Experimentieren ging: "Ich sagte mir, dass ich meinen Partnern einen Gefallen tat. In meinem Kopf halfen sie mir nicht bei meinen Problemen, sondern ich half ihnen dabei, Neues auszuprobieren", erklärt sie. "Damals kam ich nur so mit meiner Situation klar."

Für querschnittsgelähmte Menschen kommt es beim Geschlechtsverkehr vor allem darauf an, über den Tellerrand hinauszuschauen. Es geht nämlich nicht mehr nur noch um penetrativen Sex. Und weil die Verletzung dazu führt, dass die Verbindungen zwischen Geschlechtsteil und Gehirn gekappt werden, ist es vielleicht körperlich nicht mehr sichtbar, wenn diese Menschen erregt sind. Das bedeutet: Die Sexpartner und -partnerinnen müssen geduldig sein, Verständnis zeigen und neue Wege der Stimulation ausprobieren. Claire findet, dass man besser über das Gehirn aufklären müsse. Das Ding in unserem Kopf könne nämlich auch ein "wahres Sexualorgan" sein, sagt sie, wenn man nur wisse, was man damit zu machen hat.

Bevor Claire ihren derzeitigen Partner im echten Leben traf, hatten die beiden schon mehrere Monate lang online geschrieben und sich so gut kennengelernt. Später habe er ihr erzählt, dass er sie wegen ihres Rollstuhls wohl nie angesprochen hätte, wenn sie sich in einer Bar zum ersten Mal begegnet wären. Claire sagt, sie finde die sozialen Medien im Allgemeinen sowieso sehr nützlich, um Vorurteile zu bekämpfen und ein Bewusstsein zu schaffen – vor allem bei jungen Menschen. "Vor drei Jahren kam ich zum ersten Mal mit dem Thema Social Media in Kontakt. Plötzlich sah ich, wie viele Frauen aus der ganzen Welt sich da auf richtig sexy Art und Weise präsentierten", erzählt sie. "Jahrelange habe ich meinen Körper gehasst. Ich dachte immer, ich sei nichts wert. Heutzutage scheint bei Menschen mit körperlicher Behinderung viel mehr Selbstbewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper zu herrschen."

Auch Cody will die Macht der sozialen Netzwerke nutzen und mithilfe eines YouTube-Kanals körperlich gesunden Menschen das Leben mit einer Querschnittslähmung näherbringen. Er ist der Meinung, dass man das eigene Leben nicht von irgendwelchen Einschränkungen bestimmen lassen darf: "Das, was du tun kannst, ist viel wichtiger als das, was du nicht tun kannst."

Folge VICE auf Facebook, Twitter und Instagram.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE NZ.

Mehr VICE
VICE-Kanäle