Ein Besuch beim legendären Fickstutenmarkt

Eine der wichtigsten Regeln der Party: "Ein Stute darf einen Hengst nicht ablehnen, sie muss sich ihm hingeben."

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28 Juni 2018, 10:39am

Bildmaterial: Shutterstock | Kollage: Noel Ransome

"Hengst?", fragt mich der Typ am Einlass.

Ich nicke. Er reicht mir einen Müllbeutel für meine Kleidung. Ich muss nicht nackt sein, aber ich will mir meine Jeans nicht mit Sperma und Scheisse bekleckern. Also ziehe ich mich bis auf die Unterhose aus. Angezogen käme ich mir hier auch komisch vor. Denn die Stuten müssen nackt sein. Auch wenn sie mich nicht sehen können, würde ich mich mit Kleidung seltsam fühlen.

Nachdem ich meinen Müllbeutel abgegeben habe, führt mich der Stallmeister in den Keller. Eigentlich befinde ich mich in einer typischen Cruising-Bar, die Wände sind schwarz gestrichen, die Beleuchtung schummrig. An der Bar stehen grosse Schüsseln mit Kondomen und über die Anlage läuft Deep House. Etwa 50 Kerle sind hier, die meisten nackt, ein paar in Unterwäsche oder Jockstraps – Slips, bei denen der Hintern frei ist. Etwa die Hälfte von ihnen hat sich nach vorne gebeugt: Hände an die Wand, Arsch in die Luft und einen Baumwollsack über dem Kopf. Willkommen beim Fickstutenmarkt.


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Die schwule Sexparty gibt es seit gut einem Jahrzehnt. Entstanden ist sie in Deutschland – natürlich –, aber mittlerweile finden die Events regelmässig in mehreren europäischen Städten statt. Gäste müssen sich für eine von zwei Rollen entscheiden: Hengst (Top) oder Stute (Bottom). Die Stuten treffen 30 Minuten früher ein, ziehen sich aus und bekommen einen Sichtschutz aufgesetzt. Dann werden sie in den Stall beziehungsweise in den Deckraum geführt. Erst wenn alle Stuten bereit sind, dürfen die Hengste rein, die sich dann für ein beliebiges Loch entscheiden. Eine der wichtigsten Regeln lautet: "Ein Stute darf einen Hengst nicht ablehnen, sie muss sich ihm hingeben."

Ich war schon länger neugierig auf die Veranstaltung. Eine Freund hatte die Party in München besucht und begeistert von den blauen Flecken berichtet, die er als Stute eine Woche danach noch hatte. Ein anderer Freund, der die Ausgabe in London besucht hatte, berichtete von einem besonders unersättlichem Bottom, der extra einen Edding mitgenommen hatte, damit die Hengste nach dem Fick einen Strich auf seinem Rücken machen konnte. Am Ende der Party hatte er 47.

Die meisten Sexpartys haben einen Dresscode – sportlich, Leder, nackt – oder ein Thema – Fisten, Spanking, Anpinkeln –, abgesehen davon kannst du aber tun und lassen, was du willst. Hier, beim Fickstutenmarkt, geht es wesentlich strenger zu. Neben den strickten Einlasszeiten und dem Dresscode für die Stuten darfst du nur mit bestimmten Personen vögeln. Hengst mit Hengst oder Stute mit Stute ist verboten. Die Rollen dürfen nicht getauscht werden. Küssen und Kuscheln sind tabu.

Bild mit freundlicher Genehmigung vom Fickstutenmarkt

Keine Ahnung, was mich hier heute noch erwartet, aber bis jetzt stehen nur ein paar überwiegend nackte Kerle an der Bar und nippen latent gelangweilt an ihrem Bier in Plastikbechern. Zehn Minuten später fühle ich mich eher ambivalent als erregt. Ich beschliesse, eine Erkundungstour zu machen. Vielleicht komme ich ja so in Stimmung.

Neben der Treppe gibt es drei Slings, also Sexschaukeln, die alle besetzt sind. Auf einer wird gerade eine Stute hart von einem untersetzten Hengst drangenommen, die anderen beiden liegen auf dem Rücken, die Beine erwartungsvoll angewinkelt. Ich beginne, an meinem Schwanz rumzuspielen, versuche, einen Ständer zu bekommen.

Nach ein paar Minuten lässt der Top von dem Bottom ab, geht einen Schritt zurück und gibt mir mit einem dezenten Nicken zu verstehen: "Der gehört jetzt dir." Ich streife ein Kondom über und dringe problemlos in ihn ein. Sein Arsch ist offensichtlich gut bearbeitet worden. Ich hatte schon reichlich Sex in schummrigen Kellern wie diesem. In der Regel checke ich potenzielle Partner aber erst mal ab, um zu entscheiden, ob ich wirklich auf sie stehe. Diesmal habe ich einfach meinen Schwanz in einen Typen gesteckt, ohne ihn mir vorher richtig anzugucken.

Mit dem Sack über dem Kopf und der dürftigen Beleuchtung lässt sich ohnehin kaum schätzen, wie alt dein Gegenüber ist. Der Typ hier ist jedenfalls schlank, etwa mittelgross und hat dichtes schwarzes Brusthaar. Als wir zu vögeln anfangen, greift er meinen Brustkorb, zieht mich zu sich ran und drückt sein Gesicht an meinen Hals – eine unerwartet intime Geste, wenn man die Zwangsanonymität der Veranstaltung bedenkt. Es ist schon alles nett, aber wirklich heiss finde ich es nicht.

Nach ein paar Minuten merke ich, wie mein Schwanz langsam in ihm schlaff wird. Ich ziehe ihn raus, nehme mir eine Handvoll Papiertücher, die es hier in einem Spender an der Wand gibt, zieht das Kondom ab und wische mir den Schwanz sauber. Die Stute gönnt sich derweil eine Nase Poppers und macht es sich in der Sling für den nächsten Hengst bequem.

Als ich in den Hauptraum zurückkehre, ist schon etwas mehr los. An der Seite hat sich eine Stute mit einem besonders knackigen Hintern auf einer Bank drapiert. Um sie herum steht gierig eine Gruppe Hengste. Sie alle wollen ran. Ich geselle mich dazu, hole meinen Schwanz raus und warte, bis ich an der Reihe bin.

Beim Sex geht es am Ende eigentlich immer um den Bottom. Beim Fickstutenmarkt ist das noch deutlicher als sonst. Wir Hengste warten vielleicht alle darauf, unsere Schwänze eintauchen zu können, aber diejenigen, der wirklich bekommen, was sie wollen, befinden sich auf ihren Knien. Da wir uns zu fünft abwechseln, wird mir die Sache schnell langweilig. Ich entferne mich wieder aus der Runde und suche nach anderen Gelegenheiten.

An der gegenüberliegenden Wand kniet ein junger Typ mit milchweisser Haut und einem sternförmigem Arschgeweih auf einer Bank. Ein paar Strähnen blondes Haar schauen unter seiner Kapuze hervor. Ich nähere mich von hinten und reibe meinen Schritt an seinem Arsch. Er macht kurz einen Buckel, dann presst er seinen Hintern gegen mich. Ich stelle ihn auf seine Füsse und führe ihn zu einer Reihe Kabinen, die sich gegenüber des Sling-Raums befinden. Ich ficke ihn seit etwa zwei Minuten, als eine Taschenlampe über meiner Schulter angeht und meinen Schwanz erhellt.

Kurz halte ich inne, um dem Deckhelfer einen freien Blick zu ermöglichen. Er geht zufrieden weiter. Da die Stuten nicht sehen können, ob wir Kondome benutzen, machen die Deckhelfer regelmässige Kontrollgänge.

Eine strickte Safer-Sex-Party ist das hier allerdings nicht. Stuten haben die Möglichkeit, sich als Barebacker zu markieren – also für ungeschützten Sex bereitzuerklären. Bei dieser Party tragen die Bareback-Stuten eine rote Armbinde. Von ihnen sehe ich allerdings nur eine Handvoll.

Mit dem Aufkommen der HIV-Prophylaxe PrEP ist ungeschützter Sex bei solchen Veranstaltung relativ normal geworden. Das vor allem unter dem Markennamen Truvada erhältliche Präparat ist eine Kombination aus zwei Mitteln, Tenofovir und Emtricitabin. Wenn du die Pille vorschriftsmässig nimmst, kannst du das Risiko einer HIV-Infektion erheblich senken. Und weil immer mehr Leute das Medikament nehmen, sind auch immer mehr zu Barebacking bereit. Vor zehn Jahren hättest du etwas sagen müssen, wenn du auf ein Kondom verzichten willst. Heute musst du etwas sagen, wenn du eins benutzen willst. Beim Fickstutenmarkt wollen aber nur die wenigsten Körperflüssigkeiten austauschen. Gegen klassische Geschlechtskrankheiten hilft nämlich auch PrEP nicht.

Nachdem ich meinen gesichtslosen Bottom ein paar weitere Minuten gevögelt habe, verabschiede ich mich mit einem herzlichen Klaps auf seinem Arsch und ziehe weiter. Ich ficke noch drei weitere Typen, zwei davon hängen nebeneinander in den Slings, den dritten bediene ich im Kabinenbereich.

Als ich in den Hauptraum zurückkomme, lehnen die meisten Stuten an der Wand und werden von hinten genommen. Von den nackten Wänden hallt das Stöhnen durch den Deckraum, übertönt manchmal sogar die Musik. Gleichzeitig geht es etwas zivilisierter zu, als ich erwartet hatte. Es tropft kein Sperma aus den Löchern. Es gibt keine sichtbaren Schrammen. Keine Analprolapse.

Die Uhr über der Bar zeigt an, dass wir noch eine gute halbe Stunde haben. Bei mir setzt aber langsam die Sexmüdigkeit ein und ich mache mich auf den Heimweg. Ich kann nur so und so viel Ärsche pro Abend bedienen.

Die Anonymität hatte zwar ihren Reiz, aber so zügellos wie angekündigt ging es doch nicht zu. Es war weniger ein enthemmtes Fickfest als eine klassische Sexparty mit ein paar sonderbaren Regeln. Ich hatte gedacht, dass mich die strengen Regeln anmachen würden, aber am Ende war ich vor allem gelangweilt. Jetzt weiss ich, dass ich anscheinend nicht darauf stehe, wenn mir jemand Drittes sagt, wen ich vögeln darf und wie.

Vielleicht hat es mir auch nicht so viel Spass gemacht, weil es bei dieser Party wirklich um die Bottoms geht. Obwohl sie jede Wahlmöglichkeit und sogar Sehfähigkeit abgeben, haben sie am Ende das Sagen. Ich als Top fühlte mich jedenfalls irgendwann mehr wie ein Dienstleister. Ständig suchst du die Räume nach Kerlen ab, denen du deinen Service anbieten kannst. Ich hätte lieber mehr Kontrolle. Vielleicht komme ich beim nächsten Mal als Stute.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE CA.