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Überlebenskampf

Dieser Schweizer erzählt, wie es ist, zehn Tage lang in einer Höhle eingeschlossen zu sein

In Thailand sitzen zwölf Jugendliche seit eineinhalb Wochen in einer Höhle fest. Lothar Kaiser ist das vor 66 Jahren auch passiert. Er weiss, wie die Gruppe sich jetzt verhalten muss.

von Jan Karon
04 Juli 2018, 10:11am

Collage: Foto Lothar Kaiser, Screenshot Schweizer Filmwochenschau

Wenn das Wasser bis zum Hals steht, sollte man den Kopf nicht hängen lassen: Was wie ein Glückskeks-Spruch klingt, müssen aktuell zwölf Jugendliche in Thailand am eigenen Leib erfahren. Gemeinsam mit ihrem Fussballtrainer sind die 11- bis 16-Jährigen am 23. Juni in die Höhle Tham Luang-Khun Nam Nang Non geklettert. Dort überraschte sie eine Sturzflut und überschwemmte meterhoch den Ausgang. Seitdem sitzt die Gruppe in einem höheren Teil der Höhle fest und muss womöglich noch einige Monate dort ausharren.

Wie überlebt man solch eine Lebensgefahr, die auch als Drehbuchvorlage oder Konfrontationstherapie für Menschen mit Klaustrophobie taugen würde? Lothar Emanuel Kaiser weiss es.

1952 stieg der Schweizer gemeinsam mit zwei Fabriklehrlingen und seinem Biologielehrer Professor Alfred Böckli in das Hölloch im Muotatal: ein unterirdisches Höhlensystem zwischen Zürich und Liechtenstein, das mit 200 Kilometern so lang ist wie eine Tour-de-France-Etappe. Der Professor wollte die Höhle ausmessen, der damals 18-jährige Kaiser war sein Schriftführer und notierte Massstäbe und Abstände. Doch ebenso wie die Jugendlichen in Thailand wurden Kaiser und der Rest der Expedition von Sturzfluten eingeschlossen. Der Lehrer Böckli schrieb in sein Tagebuch: "Wir sind bis zum Pas de l'échelle vorgestossen und finden in Hexenkessel und Regenhalle eine wahre Wasserhölle. Der Saxerfall tost fürchterlich, Wasserdom ein See."

Von nun an lebten sie in Dunkelheit und rationieren Vorräte. Um sechs Uhr morgens und abends gab es pro Person "zehn Gramm hartes Brot, einen Becher warmes, schwach gesüsstes Nescaféwasser […] und den vierten Teil einer Fleischkonserve", schreibt Kaiser in seinen Memoiren. Die vier mussten insgesamt 242 Stunden in der Höhle verbringen, bevor der Pegel in der Höhle sank und sie sich befreien konnten.

Wir haben mit dem heute 85-jährigen Kaiser darüber gesprochen, wie es möglich ist, in aussichtsloser Lage nicht aufzugeben.

VICE: Herr Kaiser, Sie waren zehn Tage lang eingesperrt, in einer Höhle, umgeben von Wasser. Was war das für ein Gefühl?
Lothar Kaiser: Anfangs überdeckt das Adrenalin die Angst, denn die Situation überwältigt einen und wühlt auf. Man funktioniert nur, rennt, klettert, begibt sich in Sicherheit. Erst wenn man ein bisschen zur Besinnung kommt, die Dunkelheit bemerkt und die Ausweglosigkeit realisiert, kommt die Angst.

Was war damals Ihr grösstes Problem?
Die Unsicherheit: Komme ich raus oder nicht? Überlebe ich die nächsten 24 Stunden? Dann die Verpflegung. Wir hatten zehn Tage lang kaum Essen, ich nahm in der Zeit zehn Kilo ab. Dazu kam die ständige Dunkelheit. Irgendwann haben wir das Gefühl für Tag und Nacht verloren.

Die Temperatur betrug durchgehend sechs Grad. Dementsprechend schwer war es, auf nackten Felsen in durchnässten Kleidern ohne Decke einzuschlafen. Und dann kommen die Gedanken: an die Eltern, die Geschwister, das Leben, den Tod.

Wie ist die Gruppendynamik in solch einer Situation?
Der Lehrer Böckli war unser Kopf in der Situation, er hat uns angewiesen und zu ihm haben wir aufgeschaut. Wir haben Sand zusammengescharrt und eine kleine Schanze errichtet, auf der wir schlafen konnten. Das Trinkwasser haben wir aus kleinen Tümpeln geschöpft. Das Wichtigste aber ist, dass man sich gegenseitig beschäftigt: miteinander spricht, sich an alte Zeiten erinnert, Berechnungen anstellt, Anekdoten und Witze erzählt. Die Messutensilien waren in alte Zeitungen eingewickelt gewesen, aus denen lasen wir uns mit dem wenigen Licht unserer Karbidlampen [ Anm. d. Red.: Gaslampen mit Lichtschnur, die auch im Bergbau genutzt wird] vor.
Man muss fantasievoll sein. Sobald man alleine ist, kommen die dunklen Gedanken.

Sie waren länger als eine Woche eingeschlossen. Ist die Stimmung nicht irgendwann gekippt?
Am sechsten Tag kam die Krise. In einem Teil der Höhle tropfte es in einem bestimmten Rhythmus von der Decke. Und plötzlich beschleunigte sich dieser Rhythmus – er wurde fast doppelt so schnell. Wir wussten, dass es draussen wieder regnen musste. Das hat uns damals fast die Hoffnung genommen.

Was würden Sie der Fussballmannschaft in Thailand raten?
Gesellschaft macht die Situation erträglich. Die Mannschaft muss sich Mut zusprechen, mit hoffnungsvollen Themen bei Laune halten. Sie darf sich nicht gegenseitig runterziehen. Sie braucht eine Lichtquelle, um sich in dem Höhlensystem orientieren zu können. Aber: Sie muss auch sparsam mit den gelieferten Vorräten umgehen. Wir haben unsere die Lichtschnur nur aufgedreht, wenn wir irgendwo hingingen, um so mehr zu sehen. Und: Die Rolle des Trainers ist nicht zu unterschätzen. Er hat die Orientierung, ist der reifste und weiss auch, dass er die Jüngeren beschäftigen und aufheitern muss.

Wie haben Ihre Familie und Freunde damals auf das Unglück reagiert?
Meine Mutter, eine deutsche Schwäbin, und mein Vater hatten spät geheiratet und zwei Kinder, mich und eine Schwester. Sie waren damals unfassbar bestürzt, mein Vater hing Tag und Nacht vor dem Hölloch bei den Rettungsleuten und hat gebangt. Es gab ja keine sozialen Medien, nicht mal Fernsehen, das heisst, das Radio und die Zeitung waren die einzigen Wege, sich zu informieren.

Wie oft denken Sie noch an die Zeit in der Höhle zurück?
Mich haben nach der Erfahrung lange Zeit Träume heimgesucht, in denen ich einer Höhle eingesperrt bin und nicht mehr rauskomme. Ich musste im Traum immer wieder einen spiralförmigen Tunnel hochklettern. Er wurde immer kleiner und enger, war nass und glatt. An seinem Ende musste ich in einen dunklen Abgrund springen. Da bin ich immer wieder schweissgebadet aufgewacht.

Wie hat die Erfahrung Sie verändert?
Ich bin ernster, humorvoller geworden und habe mehr Abstand zu Dingen. Vor allem aber bin ich durch die Erfahrung gläubig geworden. Wenn du zehn Tage lang eine Nahtoderfahrung durchlebst, wirst du religiös. Wir haben damals in der Höhle zusammen gebetet. Wenn man nicht weiss, ob man morgen oder übermorgen noch lebt, beginnen man zu überlegen, wohin man nach dem Tod kommt. Ich weiss nun, wohin die Reise geht.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.