Menschenrechte

Die EU sieht zu, wie Geflüchtete auf dieser Mülldeponie festgehalten werden

"Dieses Camp ist wie ein Gefängnis" – Mesbah, 25

von Alexandra Stanic
16 Juli 2019, 9:14am

Alle Fotos von der Autorin

Es wird gerade Abend im bosnischen Flüchtlingscamp Vučjak, als ein Polizeiauto auf das Gelände fährt und eine Gruppe Männer absetzt. Einer von ihnen humpelt. Er habe versucht, über die kroatische Grenze zu kommen, erzählt er. "Die Polizei hat mich gezwungen, zurück nach Bosnien zu schwimmen", sagt er. "Ich kann aber nicht schwimmen, das habe ich ihnen auch gesagt."

Glück gehabt, dass ihm der Fluss an der Grenze nur bis zum Kinn ging. Seine Kleidung klebt an ihm, die Turnschuhe sind abgenutzt, er wirkt niedergeschlagen und erschöpft. Sein Rucksack in grünem Camouflage reicht ihm bis zu seinem Oberschenkel. Müde legt er ihn im Zelt des Roten Kreuzes ab. Andere Geflüchtete begrüssen ihn, wie einen alten Freund. Er ist wieder da. So wie alle, die versuchen zu fliehen, und es nicht schaffen.

Das Camp Vučjak liegt etwa 25 Minuten vom Zentrum der bosnischen Stadt Bihać entfernt. Auf dem Weg setzt Google Maps aus, es gibt keinen Empfang. Der Asphalt wird zu einem schmalen Sandweg, dann stehen da plötzlich – wie fehl am Platz – ein Container und ein Polizeiauto. Früher war das hier eine Müllhalde – jetzt ist es ein Flüchtlingscamp.


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Auf den ersten Blick sieht es hier einfach nur traurig aus: Weisse Zelte mit türkischer Aufschrift ragen in den Himmel, eine Spende einer türkischen NGO, stehen auf einem Boden aus Sand und Steinen. Überall liegt Müll, vor den Zelten liegen Essensreste, leere Dosen und zerfledderte Schuhe. Ein Windzug weht über das Camp, fegt lose, schwarze Plastikplanen weg. Die Geflüchteten verdecken ihre Gesichter mit Kleidung, wenige von ihnen tragen Gesichtsmasken. Staub liegt in der Luft.

Die Zelte sind in Länder unterteilt, um Streitigkeiten zu vermeiden. "Afghanistan" steht auf einem, "Pakistan" auf einem anderen. Ein Zelt teilen sich bis zu zehn Männer. Es fehlt an medizinischer Versorgung, die Hygienebedingungen sind katastrophal. Es gibt kaum Wasser, keine Duschen. Auf dem Dach eines kleinen Hauses steht ein gelber Wassertank mit der Aufschrift: "Water is not for drink".

Ein Wassertank im Flüchtlingscamp
Im Camp fehlt es an Wasser und Strom; es gibt keine Duschen, die Hygienebedingungen sind verheerend

Am Mittag knallt die Sonne auf das Camp, schattige Plätze gibt es nur wenige. Manche Männer kochen auf improvisierten Eisenplatten, sitzen in Gruppen zusammen und unterhalten sich. Die meisten liegen auf bunten Decken in ihren Zelten, starren die Decke an oder schlafen.

Zwei Mal am Tag wird von freiwilligen Helfern und dem Roten Kreuz Essen ausgeteilt, sonst passiert hier nichts. Die Geflüchteten dürfen das Camp nicht verlassen, dafür sorgen Polizisten und Polizistinnen.

Flüchtlingscamp in Bosnien-Herzegowina
Das Flüchtlingscamp Vučjak liegt auf einer ehemaligen Mülldeponie

Die Geflüchteten sind in Bihać, weil die bosnische Stadt an der kroatischen Grenze liegt. Bosnien-Herzegowina ist weder Teil der Europäischen Union noch liegt das ex-jugoslawische Land auf der Balkanroute. Aber es grenzt an Kroatien – und viele Geflüchtete versuchen über Kroatien nach Westeuropa zu kommen. Seit Slowenien und Kroatien ihre Grenzen dicht machen, ist Bosnien-Herzegowina für viele Geflüchtete die Endstation.

Im Kanton Una-Sana gibt es rund 6.000 Geflüchtete, die Camps bieten aber nur Platz für die Hälfte. Auch das von der UN unterstützte Flüchtlingscamp Bira ist überfüllt, die Bedingungen verheerend. Vučjak unterstützt die UN erst gar nicht, weil sie die Lage des Camps, die ehemalige Müllhalde, nicht gutheissen.

Dabei möchte kaum einer der Geflüchteten in Bosnien-Herzegowina bleiben. Die Folgen des Jugoslawienkriegs prägen das Land auch noch nach mehr als 25 Jahren. Laut der Weltbank liegt die Arbeitslosigkeitsquote bei 15 bis 24-Jährigen bei rund 60 Prozent, viele Menschen sind verarmt. Deshalb verlassen viele Junge und Gebildete das Land und suchen ihr Glück in der EU. Die problematische politische Lage Bosniens und die fehlenden Jobs sprechen sich auch unter den Geflüchteten herum.

Mesbah, 25, sagt, das Problem seien nicht die bosnischen, sondern die kroatischen Beamten

Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Roten Kreuzes bringen eine provisorische Handy-Ladestation in Gang. Um die Station drängen sich etwa zehn Männer, laden ihre Telefone auf; ein Aggregat brummt im Hintergrund. Strom gibt es hier keinen. Einer der Männer ist Mesbah. Er ist 25 Jahre alt, hat in Kabul Philosophie studiert. Mesbah hat Afghanistan vor neun Monaten verlassen, auf seiner Flucht durchquerte er sechs Länder und landete schliesslich in Bosnien-Herzegowina. Sein Ziel: Italien. "Dieses Camp ist ein Gefängnis", sagt er. "Nur sind wir keine Kriminellen."

Ein Geflüchteter in seinem Zelt
Die Geflüchteten dürfen das Camp nicht verlassen

300 bis 400 Männer leben laut Schätzung des Roten Kreuzes und der Stadtverwaltung derzeit auf der ehemaligen Mülldeponie. Anfangs sollen es noch rund 700 gewesen sein, wobei die Zahl stark variiert. Als sie noch inder Stadt Bihać lebten, soll es zu Einbrüchen in Häusern und Schlägereien unter den geflüchteten Menschen gekommen sein. Geflüchtete sollen Polizisten attackiert haben, Medien berichteten darüber. Daraufhin fasste der Bürgermeister Šuhret Fazlić den Entschluss, sie aus der Stadt abzutransportieren.

Die Polizei sucht seither gezielt nach Geflüchteten in der Stadt. Jeden, den sie finden, bringen sie in das improvisierte Lager. "Weil ein paar wenige Probleme machen, werden Hunderte bestraft", sagt eine ehrenamtliche Helferin, die anonym bleiben möchte.

Zerstörtes Handy
Geflüchtete berichten von Gewalt und Erniedrigungen an der kroatischen Grenze

Das Problem sei aber nicht die bosnische Polizei, so Mesbah. Männer, die um ihn herumstehen, nicken. "Die kroatischen Zollbeamten sind es, die uns behandeln, als wären wir keine Menschen", sagt einer von ihnen in gebrochenem Englisch.

Die Geflüchteten bestätigen, was die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schon im März diesen Jahres festhält: Die kroatischen Zollbeamten schieben die Geflüchteten zurück nach Bosnien-Herzegowina, oft mit Gewalt. Junge Männer sprechen von Schlägen und Erniedrigungen an der Grenze. Die kroatische Polizei würde ihnen Geld und Handy abnehmen – dürfen sie Letzteres behalten, zerstören es die Beamten oft. Manche von ihnen erzählen, dass ihnen die Grenzpolizei selbst ihre Schuhe abgenommen hat.

Der Bürgermeister hat die Geflüchteten auf die Müllhalde abgeschoben – gibt die Verantwortung aber an die EU und die bosnische Regierung ab

Die Stadt Bihać sagt, sie sei überfordert mit der Situation. Der Bürgermeister fühlt sich sowohl von der Regierung in Sarajevo als auch von der EU im Stich gelassen. "Niemand ist zufrieden mit der Lokalität des Camps, aber wir mussten dringend eine Lösung finden", lässt der Bürgermeister über seinen Pressesprecher ausrichten. "Wir warten seit Ende Mai darauf, dass uns das Ministerium für die Sicherheit Bosniens, die Regierung in Sarajevo und die EU eine Alternative vorschlagen", so die Stadtverwaltung. "Wir würden den Migranten gerne bessere Bedingungen bieten, aber hätten wir sie nicht nach Vučjak gebracht, hätten wir ein Sicherheitsproblem in der Stadt." Bihać habe sich für die ehemalige Müllhalde entschieden, um die Geflüchteten möglichst weit weg vom Zentrum unterzubringen.

Die Bedingungen im Camp sind katastrophal
Die Bedingungen im Camp sind katastrophal

Es hätte zwar nicht viele Vorfälle gegeben, aber mit dem Angriff auf die Polizei und zwei Überfällen auf Einwohner sah sich die Stadt gezwungen, zu handeln. Auf welchem Gesetz basiert diese Entscheidung? Bei dieser Frage schiebt die Stadt die Verantwortung an das Ministerium für Inneres: "Es gibt kein Gesetz, auf dem dieser Entschluss basiert. Aber wir mussten uns entscheiden, ob wir sie nach Vučjak bringen oder ob die Stadt unter der Situation leidet."

Das Camp in Vučjak dient als Abschreckung für Geflüchtete. Viele würden Bihać wieder verlassen oder gar nicht erst anreisen. Das kommt der Stadtverwaltung Bihaćs gelegen. "Wir sind nicht schuld, dass die Migranten bei uns landen", sagt der Pressesprecher. "Aber die Geflüchteten verschrecken die Touristen, die im Sommer kommen."

So lange die EU nichts unternimmt, profitieren Schmuggler an der Grenze

Meshab wartet unterdessen darauf, dass ein "Agent" ihn zur kroatischen Grenze bringt. "Agent" – damit meint er Schmuggler, die von den Geflüchteten bezahlt werden. "Ich könnte Probleme bekommen, wenn ich Details verrate", sagt er. Er plane, die Grenze Kroatiens diese Woche zu überqueren. "Aber die meisten von uns schaffen es nicht und brauchen mehrere Anläufe."

Mesbah, ein 25-jähriger Afghane, der seit einer Woche in Bosnien-Herzegowina ist
Der 25-jährige Mesbah möchte Bosnien-Herzegowina verlassen, so schnell es geht

Die Geflüchteten bezeichnen ihre Versuche, nach Kroatien zu kommen, als Game. "Game Over" kommentiert Mesbah, als einer erzählt, wie er von kroatischen Beamten erwischt, verprügelt und zurück nach Bosnien-Herzegowina gebracht wurde. Mesbah ist erst seit einer Woche in Bosnien-Herzegowina, andere Campbewohner warten länger auf ihre Weiterreise. Kaum einer möchte hier bleiben, sie alle möchten über die kroatische Grenze. Muhamed, ein 45-jähriger Mann aus Pakistan, lebt seit einem Jahr in Bosnien-Herzegowina. Er zeigt Fotos von seinem Kind und erzählt, dass er darauf wartet, dass ihm Verwandte Geld schicken. "Selbst wenn das Geld jetzt da wäre: Ich darf ja nicht in die Stadt, um es abzuheben", sagt er und schüttelt müde den Kopf.

Ein verletzter Geflüchteter im Camp
Ein Geflüchteter wird nachts im Park von zwei anderen Geflüchteten angegriffen und muss am darauffolgenden Tag ins Krankenhaus gebracht werden

Muhamed ist frustriert, so wie alle hier. An einem der Zelte hängt ein Dartbrett. Dart spielen und kochen – das ist das einzige, womit die Männer sich hier beschäftigen können. In einem der Zelte spielen vier Männer Karten, sie kommen aus Pakistan, erklären in gebrochenem Englisch das Spiel, während sie sich Zigaretten drehen.

Warum ist es nötig, die Menschen hier so festzuhalten? "Was sollen wir denn sonst mit ihnen machen?", antwortet ein Polizist. Eine Diskussion zwischen Geflüchteten und dem Polizisten entsteht. Der Beamte versichert, es sei kein Problem, wenn die Geflüchteten den nächsten Supermarkt aufsuchen, der auf dem Weg in die Stadt liegt. "Aber wieso geht ihr immer ins Zentrum?", fragt der Polizist eine Gruppe von Männern vorwurfsvoll. Er brauche Schuhe, sagt einer von ihnen. Seine seien von der Flucht ruiniert. "Aber wir dürfen ja noch nicht einmal neue Schuhe kaufen gehen."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.