Kunst

Hier erzählen Designer die Storys hinter berühmten Album-Covern

"Blümchen war zwar nicht meine Musik, aber damals habe ich mit solchen Shootings mein Geld verdient." – Hermann, Fotograf

von Jesse Schumacher
10 April 2019, 12:17pm

Hintergrund: Pixaby || Montage: VICE

Musiker sind die gefeierten Superstars eines Albums. Alle Aufmerksamkeit ist auf sie gerichtet: Ihre Songtexte werden auf Unterarme tätowiert, sie werden auf Konzerten bejubelt und sie sind auf Covern zu sehen. Meistens mit ihren Gesichtern – das scheint immer zu ziehen. Es gibt aber auch Cover, die komplett auf die Darstellung der Musiker verzichten. So entstehen ganz neue Kunstwerke. Die Artworks sind Teil des Gesamtkunstwerk eines Albums und deshalb bedeutsam.

Doch wer gestaltet diese Kunstwerke? Die Fotografen und Grafik-DJs. Sie mischen die Fotos, Farben und Schriftzüge der Artworks. Wir schätzen ein cooles Cover und erinnern uns gerne an die Artworks unserer Lieblingsplatten. Jeder kennt die Banane von Andy Warhol, das Prisma auf dem Cover von Pink Floyd oder das sehr einfach gestaltete RUN-DMC-Cover. Diese Motive sind sogar so ikonisch, dass sie es auf T-Shirts von grossen Modeketten geschafft haben.


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Es gibt immer noch Liebhaber, die sich Vinyls in Plattenläden kaufen. Manche sortieren sie fein säuberlich in ihr Plattenregal. Andere hängen sie an ihre Wände. Einige wollen damit ihr kulturelles Kapital zeigen, die anderen einfach schöne Kunstwerke ausstellen. Der Mainstream hört Musik aber nur noch auf Streaming-Plattformen. So sehen sie die Cover nur noch in einem kleinen Format, auf dem Smartphone-Display. Die Dominanz von digitaler Distribution ist offensichtlich – so verändert sich auch die Arbeit der Fotografen und Grafiker. Am Ende wollen sie aber immer noch das Gleiche: Ein geiles Cover, das die Stimmung des Albums widerspiegelt.

Damit ihr etwas über die Cover-Artworks deutscher Alben erfahrt, stellen wir euch sechs ikonische Cover und ihre Entstehungsprozesse vor.

Blümchen - Herzfrequenz

Blümchen Herzfrequenz
Mit freundlicher Genehmigung von Edel AG

"Blümchen war zwar nicht meine Musik, aber damals habe ich mit solchen Shootings mein Geld verdient. Mit dem kräftigen Orange wollten wir einen warmen Ton kreieren, der im Kontrast zu ihrem blauen Outfit stand. Hätte ich eine Grunge-Band fotografiert, hätte das natürlich ganz anders ausgesehen. Aber da das Zielpublikum insbesondere Teenager waren, wurde das Cover dementsprechend konzipiert und bewusst an diese Zielgruppe angepasst. Die Pose und die Farben haben den damaligen Zeitgeist eingefangen. Dieser Stil war typisch in den Jugendmedien. Ich wusste, woran ich mich orientieren muss, da ich damals auch viele Poster- und Titelshootings fotografiert habe. Neben dem Cover für das Album wurden an diesem Tag auch noch mehr Fotos geschossen, die in den Jugend- und Kindermagazinen erschienen. So ein Shooting dauert dann natürlich auch mal den ganzen Tag."

Hermann Jansen

Casper - XOXO

Casper - XOXO
Mit freundlicher Genehmigung von Four Music

"Das Cover ist selbstbewusst, im Gesamtkontext aber auch verletzbar. Insbesondere wenn man das Album dazu hört. Diese Mid-End-20er-Verzweiflung. Gleichzeitig aber der Zukunft die Stirn bieten zu wollen und zu sagen: 'Hey, keine Ahnung wie es weitergeht, aber irgendwie bekomme ich das hin.' Zuerst habe ich das Logo kreiert. Daraus habe ich ein gesamtes Alphabet, weitere Illustrationen und Fotos gebaut. Es war schnell klar, dass es die weisse Schrift mit der Line und den Runen wird. Es rundet die Bildsprache ab und funktioniert sehr gut mit dem Bildmaterial – ohne zu sehr an Black Metal zu erinnern. Aber trotzdem genug, um die Referenz für die coolen Kids durchschimmern zu lassen. Die Punk-Kids sehen was anderes darin als die Rap-Kids. Das ist auch gut so, weil es Freiraum lässt. Sowohl für die Musik als auch für das Artwork selbst. Wir wurden sehr durch meinen und Benjamins (Caspers) Hintergrund aus der Hardcore-Metal- und Skaterszene geprägt. Inspiriert haben mich auch Bands aus dem Witch-House-Genre. Zum Beispiel Young And In the Way, oder Designer wie Justin Blyth oder Sam Chirnside.

Für Rapper ist es ein totales Unding, nicht auf dem Cover zu sein. Aber ein Casper kann das. Die Zusammenarbeit war sehr persönlich. Benjamin und ich kannten uns zu diesem Zeitpunkt schon fünf oder sechs Jahre. So war es auch nicht das erste Mal, dass wir zusammengearbeitet haben. Aber es ist immer eine Herausforderung, ein Artwork zu gestalten. Ich spreche vorher immer mit meinen Kunden über das Projekt: Das ist die Basis einer guten Zusammenarbeit. Klar gab es Ideen, aber die waren so formuliert, dass ich sie frei interpretieren konnte. Ausser den Fotos war nichts vorgegeben. Aber witzigerweise wurde das Foto mit den Tiermasken im Booklet auch von mir geschossen. Benjamin hat das irgendwann ausgekramt und fand es cool. Das war sogar noch aus Myspace-Zeiten. Es gab ein paar Varianten und Collagen, die ich mal angerissen hatte. Über eine gezielte Zielgruppe haben wir uns aber nie Gedanken gemacht. Erst recht nicht über die daraus entstandenen Tattoos der Fans. Das ist einfach so passiert. Aber wir freuen uns darüber, dass es Menschen gibt, die sich damit identifizieren können."

Hassan Haider

Bonez und Gzuz - High & Hungrig 2

Gzuz & Bonez - High und Hungrig 2
Mit freundlicher Genehmigung von Chapter One

"Viele Artworks, die ich für die 187 Strassenbande gemacht habe, leben von Spontanität. Auch bei High und Hungrig 2 hatten wir einen spontanen Einfall, auf den wir geflasht sind. Vieles passiert im Moment. Vorgaben oder grosse Pläne gibt es bei unserer Arbeit meist nicht. Dafür: Teamwork! Unsere Vision basierte auf dem Flavour der 80er und 90er Jahre: Der Colucci-Sweater, der 'Schuh-ans-Ohr'-Gag, die Farben und der Bildaufbau. Alles tanzt so ein bisschen aus der Reihe und erinnert an damals. In der Zeit sind wir aufgewachsen und haben diese Ästhetik als Kinder gefeiert. Witzig, aber Gangster.

Ein Grafiker, Designer oder Künstler ist in der Industrie nur ein Mittel zum Zweck. Die Gestaltung soll möglichst zielorientiert, mit einer dezenten eigenen Note, für das Publikum erstellt werden. Die Branche ist dir dankbar, wenn du es möglichst schnell und günstig machst. Wenn es dann auch noch geil aussieht: Jackpot. Beim Publikum scheiden sich die Geister: Da gibt es solche, die es schätzen und solche, denen es egal ist. Dadurch, dass die Cover heutzutage auf Streaming-Plattformen kleiner angezeigt werden, fallen viele Details weg. Allerdings ist es natürlich immer noch genauso wertig. Insbesondere YouTube-Playlists zeigen das Cover gross an und spielen eine wichtige Rolle."

Bobby Analog

Schwesta Ewa - Aywa

Schwesta Ewa - Aywa
Mit freundlicher Genehmigung von Alles oder Nix Records

"Das Label hat mir Fotos von Schwesta Ewa geschickt und die Idee vorgestellt: Es sollte eine Anlehnung an ein Tupac-Poster sein. Auf dem Poster liegt Tupac in einer Badewanne und ist mit Schmuck bedeckt. Auf dem Foto lag Ewa in einer Badewanne mit Fuffies. Aber das sah mir zu leer aus. Da dachte ich mir: 'Sollen wir die Wanne nicht erst mal komplett füllen?' Ich lese da schon die Kommentare: 'Was denn?! 300€ in der Wanne?' Wenn schon Geld in der Wanne, dann richtig viel. Aber als Cover-Format hat das nicht so geil gezogen. Da kam mir die Idee, die Wanne zu löschen und Ewa raus zu schneiden. Dann hab ich ein paar Fuffies gescannt und in das Bild eingefügt. Das finale Cover ist an den Film American Beauty angelehnt. Ich weiss gar nicht, ob Ewa den Film jemals gesehen hat. Gefallen hat es ihr trotzdem.

Das Cover wirkt heftig. Der Fokus fällt auch genau auf sie, in der Mitte. Ich finde wir haben das Maximum an Ewa rausgeholt. Ewa in einem Bett von Geld - das ist das Endgame. Hat nachher auch perfekt als Poster funktioniert. Ewa ist sehr authentisch: Sie ist das, was sie in ihren Texten rappt. Und so spiegelt auch das Cover die Musik wider. Ich hab schon so viele Rap-Cover gemacht, da muss ich nicht extra die Musik vorher hören. Ich kenne Ewa und ihre Mukke. Die Bilder kamen auch vom Label. Da kann ich mich auch gar nicht so an die Musik anpassen. Denen ist es wichtig, dass es ein geiles Cover wird. Die Leute sollen sich das angucken, darüber reden und sich vielleicht sogar aufregen. Ich war direkt mit Ewa im Kontakt und so haben wir immer mal Änderungswünsche ausgetauscht. Sie ist dann auch immer höflich und sehr nett. Sie ändert teilweise sogar selber etwas am Cover – auf ihrem Handy!

Insgesamt hab ich zwei, drei Nächte Arbeit reingesteckt. Nach ein paar mal hin- und herschicken stand es dann nach anderthalb Wochen. Die Arbeit an Cover-Artworks hat sich in Deutschland komplett verändert. Es geht nur noch um Tempo. Völlig egal, ob das Album erst in drei Monaten rauskommt. Wenn übermorgen schon die erste Single stehen soll, dann muss man auch schon etwas parat haben. Muss ja am Ende auch alles zusammenpassen. Früher war es so, dass du ein Album bekommen hast, die Zeit hattest, dir das alles anzuhören und vielleicht sogar tiefgehender mit dem Musiker darüber zu reden. Aber im Endeffekt kommen die Cover genauso gut an. Die Leute feiern es – und das ist den Musikern am Ende auch das Wichtigste. Ich finde es schade, dass heute Booklets quasi egal geworden sind. Ausser für die Liebhaber. Die ganzen Infos fallen auch weg: Wer hat die Songs produziert? Wer hat das Cover gestaltet? Heute gilt nur noch das Hauptcover und die Musik."

Adopekid

102 Boyz - Asozial Allstars

102 Boyz - Asozial Allstars
Mit freundlicher Genehmigung von JINX Music

"Die 102 Boyz haben mich plötzlich angerufen. Das Konzept hatten sie schon: Ein altes Wrestling-Videospiel. Da kam mir sofort die Idee, eine alte PlayStation-Spielehülle zu entwerfen. Ich habe mich an Wrestling-Shows, echten Hüllen von Wrestling-Games und an Verpackungen von Actionfiguren orientiert. Ausser dem Wrestling-Thema hatte ich aber keine Vorgaben. Hab dann schnell eine Skizze aufgezwirbelt und absegnen lassen. Auf dieser Skizze konnte ich meine Arbeit aufbauen. Das lief alles über den Manager Dustin Greis. Richtiger Ehrenmann, mit ihm kann man echt gut arbeiten. So wurde einiges erleichtert. Mit den Jungs gäbe es vielleicht Meinungsverschiedenheiten. Bei so vielen Leuten hat immer jemand etwas auszusetzen. Also hat jeder mir einzeln sein Lieblingsfoto von ihm geschickt, das mit auf das Cover sollte.

Das Album habe ich vorher nicht gehört, aber ein paar Tracks waren schon veröffentlicht, die ich mir reingezogen habe. Ich feiere die Jungs sehr – die Mukke ist übertrieben fire. Das Cover passt sehr gut zu der aggressiven und energetischen Musik. Die Blitze symbolisieren die harten 808-Bässe. Dazu hat der Chrom-Schriftzug perfekt gepasst. Auch die Hintergründe habe ich mit Kratzer-Texturen extra rough gewählt. So sieht alles ein wenig verbrauchter und authentischer aus. Also genauso wie die Musik von den Jungs.

Die Arbeit an dem Cover fand ich geil, weil die Idee perfekt zu meinem persönlichen Stil passt. Das Ding war innerhalb von einer Woche fertig. Vor allem, weil das Album schnell veröffentlicht werden sollte. Da musste ich Gas geben, dass alles so schnell wie möglich steht und abgesegnet ist. Am Ende habe ich dann noch das Logo meiner Marke Globalgang drauf gepackt. Einen vorbestimmten Weg, um erfolgreich Cover-Artworks zu gestalten, gibt es nicht. Aber über die Etablierung einer Marke checken die Leute, wer es gemacht hat."

J.S. Artworks

Lena - Only Love, L

Lena - Only Love, L
Mit freundlicher Genehmigung von Polydor/Island

"Wir haben zusammen mit Selam X das Cover für die Vinyl gestaltet. Lena reflektiert in ihren Songs eine schwere Zeit aus ihrem Leben. Nach dieser Phase ist sie jetzt stärker als je zuvor. Liebe kann eine Antwort auf alles sein – das wollten wir auf dem Cover zum Ausdruck bringen. Dazu nutzten wir die starke Symbolik von Kintsugi: die japanische Kunst, zerbrochene Keramik mit Gold zu reparieren. So wird etwas Kaputtes schöner, als es vorher jemals hätte sein können. Wir haben ihr Herz modelliert und es mit einer Keramikstruktur versehen. Nachdem es in tausend Teile zersprungen ist, haben wir es mit Gold wieder zusammengesetzt. Das Gänseblümchen symbolisiert das 'Liebt mich, liebt mich nicht'-Spiel."

Sucuk & Bratwurst

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.