Gesundheit

Warum deine Lebensmittel-Allergie eine Illusion sein könnte

Eine Allergie hier, eine Nahrungsmittelintoleranz da – fast jeder Fünfte glaubt, daran zu leiden. Tatsächlich sind es aber viel weniger.

von Tobias Häusermann
23 Dezember 2016, 6:00am

Foto: Pixabay 

Wenn du in den Zug steigst, und dich in Gedanken bereits auf Tage der Völlerei einstellst—ja dann liegt Weihnachten in der Luft. Es ist Zeit zum Schlemmen und Geniessen. Doch ganz so einfach ist das gar nicht mehr. Unsere Einstellung zur Ernährung wird immer öfter von (pseudo-)wissenschaftlichen Begriffen absorbiert. Oft reden wir nicht mehr nur vom Essen, sondern sezieren es in Nährstoffe, Vitamine, Fette, Kalorien und Proteine. Und da traditionell jede gute Geschichte von Helden und Schuften handelt, wird der Kampf zwischen Gut und Böse heutzutage auch auf unseren Tellern geführt; zwischen Armeen von hinterlistigen Kohlenhydraten und ungesättigten Fettsäuren, die mit rabiaten Gluten zum Angriff gegen tapfere Omega-3-Säuren und Antioxidantien ausholen. Tag für Tag werden wir mit widersprüchlichen Ernährungsfakten bombardiert, die uns alle als Wahrheiten eingelöffelt werden. Manchmal könnte man vor Wut kochen.

Denn die Geschichte lehrt uns: Viele dieser sogenannten "Fakten" sind alles andere als klar wie Klossbrühe. Einige erinnern sich vielleicht noch an die Tage, an denen uns Spinat als Wunderwaffe gegen Eisenmangel verkauft wurde. Tatsächlich stellte sich Jahre später heraus, dass ein Kommafehler bei der Berechnung den Spinat aufs Wunderpodest gehoben hatte. Ebenso fanden kürzlich Wissenschaftler an der kanadischen University Ottawa heraus, dass der Nachweis für Omega-3-Empfehlungen etwas stinkt. Und obwohl Eier für einige Zeit von Wissenschaftlern und Ärzten als die Cholesterinbomben schlechthin betitelt wurde, heisst es neuerdings, Eier würden Nährstoffe enthalten, die das Risiko für Herzerkrankungen wesentlich reduzieren.

Auch diejenigen, die Fett lange als Arterien verstopfendes Gift porträtierten, haben schliesslich ihr eigenes Fett abbekommen. Schwedens Regierung beruft sich neuerdings bei Ihrer Nahrungsempfehlung auf neue Studien und empfiehlt Ihren Bürgerinnen und Bürgern eine fettreichere Ernährung (mit wenig Kohlenhydraten). Fakt ist, unser Essverhalten wird zunehmend von unverdaulichen Mengen an Informationen und pseudowissenschaftlichen Ratschlägen geprägt.

Doch es kommt noch besser. Verhängnisvolle Reaktionen auf unser Essen nennen wir Nahrungsmittelallergien, Nahrungsmittelunverträglichkeiten oder -intoleranzen. Klingt gut, klingt wissenschaftlich. In vielen Fällen finden wir da jedoch einige Haare in der Suppe. Aktuelle Forschungen zeigen, dass fast jeder Fünfte glaubt, an einer Nahrungsmittelallergie oder einer Nahrungsmittelunverträglichkeit zu leiden.

Allerdings deuten Nachforschungen darauf hin, dass die tatsächliche Zahl von Betroffenen weit geringer ist. Von Medizinern wird behauptet, dass Nahrungsmittelallergien in der Tat nur einen von 20 Erwachsenen betreffen und eine etwas grössere Anzahl an Kindern. Darüber hinaus sind Fälle von lebensbedrohlichen oder tödlichen Allergien, trotz viel medialer Aufmerksamkeit extrem selten. Was bringt so viele Menschen dazu, sich selbst eine Allergie anzudichten? Sind die Bedrohungen nur eine Illusion? Und wie erklären sich die übertriebenen Reaktionen auf eine so harmlose Sache wie unsere Ernährung?

Ein Schlüssel zur Beantwortung dieser Fragen liegt teilweise in den Unklarheiten rund um Nahrungsmittelallergien. Während traditionelle Allergien (zum Beispiel Heuschnupfen) schon seit vielen Jahrzehnten auf der medizinischen Tagesordnung stehen, sind Nahrungsmittelallergien erst vor Kurzem ins Rampenlicht gerückt. Derzeit richten sich die zugelassenen Behandlungen jedoch nur auf die Symptome allergischer Reaktionen. Die Allergie selbst bleibt unbehandelt und das beste Mittel liegt darin, das allergene Nahrungsmittel nicht zu essen. Indessen ist die Entwicklung einer eigentlichen immunologischen und klinischen Toleranz nach wie vor kontrovers und bleibt weiterhin ein intensives Forschungsgebiet.

Mutmassungen, weshalb Nahrungsmittelallergien zunehmen, greifen auf eine breite Palette an Argumenten zurück. Die Hygienehypothese setzt zum Beispiel voraus, dass, um wirksam auf eine Reihe von Bakterien im späteren Leben zu reagieren, unser Immunsystem früh mit einer Vielzahl von Mikroorganismen und Bakterien in Kontakt kommen muss. Angesichts der modernen hyperhygienischen Umgebungen, könnten die meisten Kinder daher eine Tendenz zur Allergie frühzeitig dadurch entwickeln, dass sie nicht genug Bakterien ausgesetzt sind.

Andere Erklärungen sehen die vermehrte Einführung von mehr Allergenen wie etwa Erdnüssen und Ananas als Auslöser. Wieder andere finden den Grund in den rückläufigen Mengen an Nährstoffen wie Omega-3-Fettsäuren, Antioxidantien oder Vitamin D in unserer Nahrung. Was alle genetischen und ökologischen Erklärungen gemein haben, ist, dass sie alleine nicht für die steile Zunahme der Nahrungsmittelallergien der letzten Jahrzehnte verantwortlich sein können.

Dies fand auch die Weltgesundheitsorganisation und begann im Jahre 2006 mit dem EU-finanzierten Projekt EuroPrevall zusammenzuarbeiten, um ihr Wissen über Lebensmittelallergien weltweit zu vertiefen. Die Studienresultate zeigten signifikante Unterschiede in der Allergiehäufigkeiten in den neun teilnehmenden Ländern. Bei den Müttern aus Deutschland (30 Prozent), Island, dem Vereinigten Königreich und den Niederlanden (alle 20 bis 22 Prozent) waren die Meldungen deutlich häufiger als in Italien ( 11 Prozent), Litauen, Griechenland, Polen und Spanien (alle 5 bis 8 Prozent). Auffällig an diesen Abweichungen ist, dass individualistische und wohlhabendere Nationen deutlich mehr Vorfälle melden. Dies gilt auch für nationale Studien.

Foto von NY | BlueDiamond | CC BY-SA 3.0

Eine finnische Fallbeobachtungsstudie zeigte beispielsweise, dass ein niedrigerer sozioökonomischer Status mit einem verminderten Risiko für Kuhmilchallergie bei Säuglingen bis zu zwei Jahren einherging. Dieselbe Entwicklung spiegelt sich in früheren Studien, die darauf hinweisen, dass die Angabe von Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen stark mit der sozioökonomischem Position einhergeht und bei Gruppen, die in relativ kleinen Haushalten leben, häufiger vorkommt.

Es stellt sich die Frage: Inwiefern sind Lebensmittelallergien ein neues Statussymbol? Wer sagt, er leide an einer (nicht tödlichen) Lebensmittelallergie, kann bewusst oder unbewusst nach sozialer Anerkennung und Prestige lüstern. Denn wer seine Allergie (selbst) diagnostiziert, gibt dadurch einiges von sich Preis: Er kann es sich leisten, auf gewisse Nahrungsmittel zu verzichten und lebt in Verhältnissen, in denen er sich seine Mahlzeiten aussuchen kann. Und als kleiner Bonus, gibt er preis, dass er auf seinen Körper hört.

Durch die zunehmende Individualisierung übt unsere Gesellschaft zudem weniger Druck auf die Menschen aus, um sich den breiteren sozialen Normen anzupassen. Es muss nicht mehr gegessen werden, was auf den Tisch kommt. Dieser Akt der Nahrungsmittelvermeidung bietet den Betroffenen letztlich ein neu erworbenes Kontrollgefühl über die Unmenge an Lebensmittelauswahl und bringt Stabilität ins Leben. Dies behaupte ich jedenfalls in einem wissenschaftlichen Artikel für ein soziologisches Journal.

Zugegeben, die Erkundung von Ernährungsfragen ist stets kontrovers. Auch unser Wissen über unser Essen ist im steten Wandel. Doch während die gewinnhungrige Gesundheitsindustrie gerne mit falscher wissenschaftlicher Autorität auftritt, damit die Konsumenten ihnen aus der Hand fressen, sehen sich die Ernährungswissenschaftler oft mit hart zu knackenden Nüssen konfrontiert. Denn die Frage, welches Nahrungsmittel genau was auslöst, ist schwieriger als viele denken.

Letztlich geht es mir jedoch nicht um die Frage, ob bestimmte Nahrungsmittel gut für unsere Gesundheit gut sind und andere nicht, oder ob man sinnvolle Vorsichtsmassnahmen ergreifen soll, falls einem eine Lebensmittel tatsächlich schadet. Aber die Idee, dass wir bestimmte Lebensmittel vermeiden müssen, vernachlässigt die Tatsache, dass nicht jeder den Luxus hat, sich seine Mahlzeiten immer auszusuchen. Einige haben gar nichts zu beissen. Und zudem schafft die Vermeidung Ängste, die sich an unsere ursprünglichsten Gewohnheiten haften: unsere Nahrung.

Unsere Herausforderung besteht darin, zu erkennen, wie pseudowissenschaftliche und marktgetriebene Erklärungen unser grundlegendes Verständnis des täglichen Essens beeinflussen und uns zudem mit neuen Ängsten beliefern. Wenn ihr also in den nächsten Tagen wie die Katze um den heissen Weihnachtsbrei schleicht, aber Angst habt, ihn zu essen: Denkt mal drüber nach.

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