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Wie du in Zürich überlebst, wenn du jung und pleite bist

Zürich ist die zweitteuerste Stadt der Welt. Diese Tipps helfen dir, diesen Fakt so gut es geht zu ignorieren.

von Sebastian Sele
24 März 2016, 2:22pm

Foto: Christian Schnettelker

Es gibt viele schwierige Kombinationen im Leben: Pizza-Burger, Cola und Mentos oder Money Boy und Politik zum Beispiel—oder Student/Künstler/arbeitslos zu sein und in Zürich zu leben. Zürich ist laut einer Studie der Economist Intelligence Unit die zweitteuerste Stadt der Welt. Thronst du im Ranking der reichsten Menschen in der Schweiz nicht zwischen den nach Millionen-Schecks klingenden Namen wie Kamprad, Oeri oder Vekselberg, sondern dümpelst irgendwo am anderen Ende der Skala herum, wird Zürich automatisch zu deinem Feind.

Doch auch all jene, die sich mit monatlich nicht viel mehr als dem von der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe als existenzsichernden Betrag festgelegten 986 Franken durchschlagen, schaffen es mit etwas Fantasie und Erfahrung in der herausgeputzten Limmatstadt zu überleben und dabei eine gute Zeit zu haben.

Auf eines musst du dich dabei aber einstellen: Menschen, sehr viele Menschen. Ziemlich genau 59.999 andere Studenten oder 9.624 andere Arbeitslose teilen dein Schicksal—und auch sie wollen neben allen anderen Sparwütigen möglichst günstig in der Heimat von Sprüngli, Bahnhofstrasse und Paradeplatz über die Runden kommen.

Iss dich reich

Im Leben gibt es nur zwei Dinge, die wirklich wichtig sind: Essen und Essen. Natürlich schränkt dein Portemonnaie deine Auswahl an Köstlichkeiten bereits ein. Trotzdem gibt es einige Tricks, wie du auf echten Lebensmitteln und nicht dem "Hungertuch" herumnagst.

Coop-Filialen kleben ab etwa 19:00 Uhr auf alle Produkte, die am nächsten Tag nicht mehr verkauft werden dürfen, 50-Prozent-Sticker. Ich habe schon von Leuten gehört, die ganze solche Sticker-Rollen mitgehen liessen und so einige Wochen oder sogar Monate nur die Hälfte ihres normal eingeplanten Budgets für Essen gebraucht haben. Möchtest du aber nicht das Arschloch sein, dass irgendwann vom Coop- zum Migros-Kind werden muss, weil in der Ladenkette deines Vertrauens Zettel mit einem Foto von dir und der Aufschrift „Gesucht" herumhängen, lässt du das lieber bleiben. Du kannst einfach am Abend zum nächsten Bahnhof gehen und dir all die leckeren Pendler-Sandwiches zum halben Preis abgreifen.

Dein Mittagsmenü kannst du dir einfach in einer der zahlreichen Uni-Mensen (hier siehst du, wo sie alle liegen) holen oder in der Äss-Bar im Niederdorf. Die Sandwiches, Pizzen und Quiches vom Tag zuvor werden dort zu Schleuderpreisen verkauft.

Coop und die Uni-Mensen teilen sich aber ein grosses Problem: Nach einigen Wochen schmeckt alles gleich. Bist du an diesem Punkt angekommen, musst du zu härteren Massnahmen greifen—zum Beispiel zum Prozentbuch. Das funktioniert so, dass du ein Mal 45 Franken bezahlst und dafür nicht nur verbilligt (oftmals gibt es 2-für-1-Angebote) zu deinem Gourmet-Dinner, sondern auch zu einem Hammam- oder Alpamare-Besuch kommst.

Die Clubs sind deine Freunde—manchmal zumindest

Willst du in Zürich am sozialen Leben teilhaben, landest du früher oder später in einem Club—vorausgesetzt du kannst dir den häufig zwischen 20 und 30 Franken liegenden Eintritt leisten.

Die Clubs sind durchaus darum besorgt, dass auch Menschen wie du zu ihrer Dosis an institutionalisierter Party kommen. Allerdings verlangen sie von dir den Kompromiss, dass deine Party-Nächte—egal ob du ein Nachtleben-Hasser oder -Liebhaber bist—nicht am Wochenende, sondern unter der Woche stattfinden. Im Gonzo kannst du dich am Mittwoch mit Mexikaner-Shots auf Trap und Hip Hop einstimmen und am Donnerstag hast du die Auswahl zwischen gleich drei Clubs. Der Gang über die Treppen zur Zukunft bleibt die ganze Nacht lang gratis, das Plaza und das Hive betrittst du bis 24:00 Uhr ohne einen Franken springen zu lassen—danach wollen beide nur fünf Franken von dir.

Foto: Public Domain

Möchtest du deinen Arschloch-Level unbedingt deinem Pleite-Level anpassen, kannst du auch an allen anderen Abenden kurz vor 24:00 Uhr in die Bar3000 gehen und warten, bis sie nach Mitternacht zum Fumoir der Zukunft wird. Von Zeit zu Zeit passiert es, dass du ohne Stempel zum Club durchkommst—doch wer will schon einen der besten Clubs der Stadt hintergehen?

Zum Vorglühen quälst du am einfachsten deine Freunde mit einer Wohnung an der Langstrasse so lange, bis sie eine spontane WG-Party starten. Ist dir das zu privat, setzt du dich in eine der alteingesessenen Kneipen. Im Strauss etwa kostet das Bier kaum mehr als vier Franken. Wenn das immer noch deine Budgetplanung sprengt, setzt du dich in der Billig-Billig-Variante mit einigen Anker-Dosen auf die im Epizentrum der Langstrasse gelegene Piazza Cella und du wirst schneller Teil einer real gewordenen Trash-TV-Sendung als du Trash TV aussprechen kannst.

Liebe ist (fast) gratis

Die Liebe kennt keinen Kontostand—das klingt gut. In der Realität möchtest du die Lebensgeschichte deines Dates, dann aber doch in der hübschesten Bar oder dem angesagtesten Club der Stadt kennenlernen. Und Bars und Clubs haben es nunmal so an sich, dass die Getränke und Eintritte dort meistens etwas kosten, es sei denn, du hast dir bereits ein solides Netzwerk an Barkeepern und Listenplatzverschenkern aufgebaut.

Gehörst du nicht zur Spezies der ausgewählten Gäste-Elite, kaufst du dir eine akzeptable Flasche Wein—im Denner ist Wein immer in Aktion—und führst dein Date auf den Üetliberg, den Hönggerberg oder zur Bergstation der Seilbahn Rigiblick. Dort liegt euch die Stadt zu Füssen und ihr könnt euch ohne die störenden Menschenmassen der Szene-Bars kennenlernen.

Foto: Public Domain

Klingt dir das noch nicht genug nach Romantic Comedy, löst du für weniger als zehn Franken ein ZVV-Ticket und kannst mit deinem Date 24 Stunden lang durch die Stadt fahren und über all die Leute urteilen, die in ihren schicken Kleidern Richtung überhyptem Club fahren. Nichts lässt dich eine Person so gut kennenlernen, wie gemeinsames Lästern—ausser einem Spaziergang-Gespräch, aber spazieren gehen ist zum Glück auch gratis.

Die Mietpreishölle ist dein Freund

Du bist jung, du bist pleite, du lebst in einer Mietpreishölle—in anderen Worten: Du wohnst in einer WG. Die billigsten WGs findest du bei der JUWO (wenn du unter 25 Jahre alt bist), der WOKO (wenn du Student bist) oder der Stadt Zürich (wenn du auf hundert Meter lange Schlangen bei Wohnungsbesichtigungen stehst). Diese Wohnungen sind dementsprechend beliebt. Am einfachsten bekommst du ein JUWO- oder WOKO-Zimmer deshalb, indem du Leute kennst, die sich schon länger über die günstige Miete freuen dürfen. Am einfachsten lernst du diese Menschen in den Cafeterias der Uni-Bibliotheken kennen. Natürlich gibt es auch immer die Möglichkeit, dir einen Partner mit einer Attika-Wohnung an der Langstrasse zuzulegen und so lange dort zu crashen, bis du rausgeworfen wirst—doch bei der Kategorie „Arschloch-Sein" waren wir ja schon.

Hast du ein Zimmer oder sogar eine Wohnung gefunden, stehst du aber schon vor der nächsten Hürde: Wie richtest du ein Zimmer ein, wenn dein Kontostand gleichweit unter dem Meeresspiegel liegt wie die Titanic? Neben den Möglichkeiten, deine Verwandten um ein paar alte Staubfänger zu erleichtern, hat auch das Brocki-Land zwischen abgeranzten „Möbeln" hin und wieder etwas Brauchbares zu bieten. Jeden Samstag treffen sich ausserdem auf dem Kanzleiareal Velo-Diebe, Schrankausmister und Antiquitätensammler zum wohl grössten Flohmarkt der Stadt. Quasi als Konkurrenzflohmarkt wird auch auf dem Bürkliplatz jeden Samstag um Preise gefeilscht.

In deinen Keller gehört—wenn du das Schwarzfahren nicht professionalisiert hast—auch ein Velo. Das findest du bei einer der zahlreichen Velobörsen oder den mehrmals pro Jahr stattfindenden Veloversteigerungen der Stadt. So bleibst du fit und ersparst dir wahlweise das Ticket oder die Busse.

Sebastian auf Twitter: @seleroyale

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Titelbild: Shuichi Aizawa | Flickr | CC BY 2.0

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