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Wie die Schweizer Behörden mit Chemtrail-Truthern umgehen

Wenn Verschwörungstheoretiker beim Bund anklopfen: Chemtrails über der Schweiz.

von Daniel Kissling
12 Mai 2015, 11:00am

Foto: Pixabay

Es ist wohl eine der ältesten und am weitesten verbreiteten Korrespondenzformen der Menschheit: der Beschwerdebrief. Früher auf Papier, heute vornehmlich elektronisch formuliert man dabei seinen Missmut, seine Kritik und allfällige Verbesserungsvorschläge an die dafür Verantwortlichen, seien es Privatpersonen, Firmen oder andere Institutionen. Mein Vater hat sich mal über eine komisch riechende, kohlesäurefreie Flasche Coca Cola beschwert und dafür eine Wochenladung plus zwei limitierte, nummerierte Ansteck-Pins (es waren die 90er) als Ersatz und Wiedergutmachung erhalten.

Im besten Fall schaut bei einer Beschwerde also sogar eine Belohnung heraus. Voraussetzung dafür ist natürlich, dass man sein Schreiben an die richtige Adresse sendet. Und diese Adresse wiederum das Problem und das Gemecker darüber anerkennt. Nicht immer ist das der Fall. Vor allem der Staat und seine Behörden sehen sich hin und wieder mit polternder Post konfrontiert, die nicht einfach zu handhaben ist. So bin ich letzte Woche zufälligerweise im Internet auf einen Brief gestossen, der vor kurzem ans Schweizer Bundesamt für Umwelt BAFU geschickt worden war. Das streitbare Thema: Chemtrails.

Mit „Geschätzter Mensch" beginnt der Absender sein Schreiben, um danach dem BAFU „freundschaftlich, doch mit Nachdruck und Dringlichkeit" eine „Änderung der Handlungsweise" nahezulegen, sicherheitshalber noch einmal zu erklären, was Chemtrails überhaupt sind, dann auf die stetig wachsende „Anzahl der Menschen, welche erkennen, was über ihren Köpfen geschieht, so auch in der Schweiz" hinzuweisen und gegen Ende zu prophezeien („drohen" wäre ein wohl zu hartes Wort): „Wenn genügend Menschen wissen, dass ihr Land und sie selber unter Mitwissenschaft von Behördemitgliedern (!!!) vergiftet wurden und werden, dann werden Behördemitglieder voraussichtlich zur Verantwortung gezogen werden".

Screenshot vom Beschwerdebrief. Das ganze Schreiben findet ihr hier.

Für alle, die sich ihre Freizeit nicht wie ich mit der Wort gewordenen Paranoia von Verschwörungstheoretikern versüssen: Chemtrails sind angeblich die wolkenartigen, von Flugzeugen verursachten Kondensstreifen am Himmel, die eben nicht wie normale Kondensstreifen aus Wasserdampf und Abgasen, sondern aus anderen Chemikalien bestehen und zur Wetter-, Umwelt- und je nach Theorie sogar Gesundheits- oder Geistesmanipulation der Bevölkerung versprüht werden sollen.

Bei selbsternannten Thruthern, Infokriegern und Anti-NWO-Aktivisten sind sie Common Sense, beim Gros der Bevölkerung sind sie Nonsens. So auch fürs Bundesamt für Umwelt. Schnell zeigt sich, dass der oben zitierte Brief kein Einzelfall ist, denn das UVEK, zu dem das Bundesamt für Umwelt gehört, hat für solche Fälle sogar ein Faktenblatt mit dem Titel „Warum Kondensstreifen keine Chemtrails sind" als Beilage zu den Antwortschreiben parat. Verfasst wurde dieses vom Bundesamt für Zivilluftfahrt, welches ebenfalls schon solche Antworten verfassen musste, wie dieses Beispiel zeigt.

Dennoch frage ich beim Bundesamt für Umwelt nach. „Jede Anfrage von besorgten oder interessierten Bürgern wird von uns gelesen und beantwortet. Genau dafür sind wir ja da", erklärt mir Rebekka Reichlin, Informationsbeauftragte des BAFU, am Telefon, „Gäbe es Beweise für dieses Versprühen von Chemikalien, so würde der Bund natürlich unverzüglich dagegen vorgehen. Doch es liegen uns einfach keine Anhaltspunkte für die Richtigkeit einer solchen Theorie vor." So weit, so einfach, könnte man also meinen, doch würden Chemtrails ja nicht zu den Verschwörungstheorien zählen, würden die Menschen, die davon reden, nicht davon ausgehen, dass die offizielle Darstellung nicht die wahre Darstellung, sondern Täuschung, also Verschwörung wäre. Oder anders: Hast du schon mal einem gottesfürchtigen Menschen erklärt, dass es keine Beweise für eine höhere Macht gebe und ihn damit von seinem Glauben abgebracht? Die Problematik kennt auch Frau Reichlin: „Wenn jemand an die Existenz von Chemtrails glaubt und dann auch noch daran, dass wir das vielleicht vertuschen, dementsprechend sind unsere Antworten für solche Leute selten befriedigend."

2007 hatte der grüne Ständerat Luc Recordon tatsächlich eine Motion—die von einigen Nationalräten der Grünen mitunterzeichnet wurde—eingereicht, in der er den Bundesrat um eine Stellungsnahme zu Chemtrails bittet. Auch 2015 weist uns Frau Reichlin auf die bis heute geltende Antwort des Bundesrats:

„Zumindest im europäischen Raum entbehrt diese Chemtrail-These jeglicher Grundlage, denn das geheime, systematische Versprühen von Chemikalien ist einerseits verboten und andererseits aufgrund der permanenten Kontrolle des Luftraums praktisch unmöglich. Alle Flugzeuge im europäischen Luftraum müssen einen detaillierten Flugplan einhalten, der durch die Flugsicherung überwacht wird. In der Schweiz reicht der kontrollierte Luftraum bis in eine Höhe von rund 20 Kilometern. Ein unbewilligter, nicht identifizierbarer Einflug kann eine Abfangmission der Schweizer Luftwaffe auslösen. Ob "Chemtrail-Aktivitäten" ausserhalb von Europa stattfinden oder stattgefunden haben, entzieht sich der Kenntnis des Bundesrates. "

Luc Recordon mag bloss nachgefragt haben—bis jetzt hat er meine Anfragen per Telefon und Mails noch nicht beantwortet. Aber echte, überzeugte Chemtrails-Truther, warum schreiben die überhaupt an Behörden? Ist die Regierung, zum Beispiel UVEK-Vorsteherin Doris Leuthard, im Weltbild von Verschwörungstheoretikern nicht sowieso korrumpiert und steht mit den Chemikalien-Versprühern unter einer Decke? „Persönlich denke ich, dass Doris Leuthard davon weiss. Der Grossteil der Politiker und Behörden werden nichts oder nur wenig wissen, aber ohne dass Leuthard informiert ist, ginge das ja gar nicht", beantwortet Serge meine Frage. Serge ist Mitglied der IG Blauer Himmel, einer Organisation gegen Chemtrails in der Schweiz. Auch Serge hat bereits Briefe und Mails nach Bern geschickt und auch er war nicht zufrieden mit den Antworten, weswegen er inzwischen damit aufgehört hat. „Natürlich erwarte ich keine Geständnisse, aber diese abschmetternden Standardantworten zeigen mir eher, dass da was dran ist."

Serge ruft mich—wohl szenetypisch—von einer anonymen Nummer an. Er klingt am Telefon gefasst, beinahe rational. Er passt nicht ganz in mein Bild von einem Verschwörungstheoretiker, auch wenn er auf die Frage, wer denn hinter diesen Chemtrails stecke, auch die Zionisten nicht ausschliesst. Welche Antwort er sich also wünschen würde, frage ich ihn. „Wenn es keine Chemtrails geben würde, dann könnte die Regierung uns ja Beweise vorlegen", sagt er, „Sie könnten zusammen mit uns und unabhängigen Wissenschaftlern an einen Tisch sitzen, das Ganze offen diskutieren." Aucas klingt vernünftig, zumindest im Moment und so vergesse ich weiter nachzufragen.

Nachzufragen, was für Wissenschaftler für die Chemtrails-Menschen denn als „unabhängig" gelten, ob es diese Wissenschaftler überhaupt gebe und wie man ganz allgemein beweisen könne, dass es etwas nicht gibt. Als mir das einfällt, hat Serge schon lange aufgelegt und seither auch nicht mehr auf meine Mails reagiert. Wie hätte Coca Cola meinem Vater auf seinen Beschwerdebrief geantwortet, wenn er die schlechte Flasche Cola damals nicht gleich mitgeschickt hätte? Er hat damals auch nicht einfach behauptet, dass es sie irgendwo gebe.

Daniel Kissling auf Twitter: @kissi_dk

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Titelbild von Prashanta; Wikimedia Commons; CC BY-SA 3.0