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10 Fragen

10 Fragen an eine Dragqueen, die du schon immer stellen wolltest

Wie viel kostest du pro Abend? Schmerzt es, den Penis abzuklemmen? Wie gehst du als Drag aufs Klo?

von Rebecca Wey
30 Oktober 2017, 6:00am

Foto zur Verfügung gestellt von R. Denus

In der Primarschule waren Zwillingsschwestern in meiner Klasse. Die eine trug am liebsten Pink, lackierte sich die Nägel und bekam monatlich die Wendy zugeschickt. Die andere hatte einen Unisex-Namen, lief in Klamotten aus der Männerabteilung rum und spielte nur mit Jungs. Ich war überrascht, als ich erfuhr, dass eineiige Zwillinge fast immer dasselbe Geschlecht haben. Die Freiheit, das zu tun, was man möchte, scheint sie mittlerweile aufgegeben zu haben: Heute kauft auch sie in der Frauenabteilung ein.

Tristan verkörpert die beiden klassischen Geschlechterrollen in ein und derselben Person, indem er in der Nacht zu Ennia Face wird. In mit Tüll, Schmetterlingen und Spielsachen erweiterten Kleidern von der Stange tritt er als Drag in Zürcher Clubs wie Friedas Büxe und der Amboss Rampe auf. Nicht primär, um Geld zu verdienen, sondern weil es ihm Spass macht.

Auch private Anlässe gehören zu seinem Leben als Dragqueen dazu: als nächstes etwa ein 50. Geburtstag, an dem er in zwei Lagen Petticoat und auf Rollschuhen Longdrinks servieren wird. Das frühere Gästezimmer in seiner Wohnung hat mittlerweile den Übernamen "Ennia-Zimmer" erhalten, nachdem sich dort immer mehr Kleider, Perücken, Strümpfe und Heels angesammelt hatten. "Viele Leute, die mein Drag-Zimmer sehen, fragen sich, ob sie in einem Spielzeugladen gelandet sind", meint Tristan lachend.

Früher hatte der 38-Jährige im Verkauf gearbeitet. Er brauchte aber ein freies Wochenende, um sein Hobby richtig aufgleisen zu können. Tagsüber kleidet Tristan jetzt Schaufensterpuppen anstatt sich selber ein: Wir treffen uns in seiner Mittagspause vor dem Schaufenster der C&A-Filiale in Zürich, wo er Vollzeit als Dekorateur arbeitet.

VICE: Wie viel kostest du pro Abend?
Tristan: Unter 200 Franken begebe ich mich nicht für jemanden in Drag. Aber das, was ich damit verdiene, stecke ich im Prinzip auch wieder rein: Wenn ich bei Null anfangen würde, müsste ich für ein Durchschnittsoutfit aus Perücke, Strümpfen, Schuhen, Korsett, Unterwäsche, Brüste, Kleid und Make-up mindestens 600 bis 1.000 Franken ausgeben.

Machst du dich nicht über Frauen lustig, wenn du sie karikierst?
Für den Showeffekt ist es spannender, nicht einfach als Frau, sondern als Frau im Quadrat aufzutreten. Ausserdem muss ich ja gegen die Männlichkeit ankämpfen: Eine breite Schulter soll schmal wirken und die Beine länger erscheinen. Drags haben sich ursprünglich also am stereotypen weiblichen Schönheitsideal orientiert. Mittlerweile hat sich ihr Stil jedoch so weit entwickelt, dass es in England sogar eine Bewegung gibt, wo Frauen wahre Drag-Elemente übernehmen und sie im gleichen Mass bei sich selber einsetzten. Viel schöner kann gesellschaftliche Akzeptanz gar nicht funktionieren.


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Was halten deine Eltern davon, was aus dir geworden ist?
Ich muss gestehen, dass ich ihnen lange gar nichts von meinem Hobby erzählt habe. Ich bin mir sicher, dass sie trotzdem davon wussten. Aber live haben sie mich noch nie gesehen. Wäre ja auch nicht normal, als 70-Jährige im Techno-Nightlife zu verkehren. In einem TV-Spot haben sie mich zum ersten Mal in Drag gesehen. Sobald ich wieder über ihren Bildschirm flimmere, rufen sie sich gegenseitig vom einen ins andere Zimmer zu. Das finde ich echt süss.

Ein bisschen Make-up und Perücke kann im Grunde ja jeder. Warum hast du nichts mit Grips gemacht?
Meine Lieblingsfächer in der Schule waren nie solche, die zu erfolgreichen Jobs führen. Zu meiner Zeit wurden die musischen Fächer nicht gefördert – wenn, dann habe ich diese Dinge in die Freizeit verschoben. Das, was ich jetzt mache, habe ich damals in Chor-, Theater- und Musicalvereinen ausgelebt. Heute wäre ich wohl eines der Kinder, denen man Ritalin verschreibt.

Fühlst du dich ohne Schminke hässlich?
Auch ich habe die typische schwule Karriere durchgemacht, indem ich mich als Jugendlicher hässlich gefühlt und meinen Platz in der Welt nicht gefunden habe. Aber mittlerweile verstehe ich so viel vom Leben, dass das meiste davon egal ist. Sicher kann es sehr viel Spass machen als Drag. Schlussendlich finde ich es aber wichtig, dass ich mich ungeschminkt im Schlabberpulli vor dem Fernseher genauso gut fühle wie mit hundert Kilo Make-up in der neuesten Kollektion des Lieblingsdesigners.

Wie entfernst du deine Körperhaare?
Zum Glück bin ich asiatischer Abstammung und habe verhältnismässig wenig Haare. Die in meinen Ohren entferne ich mit drei gezielten Pincettengriffen. Für die Beine gibt es einen alten Showtrick aus vier Schichten Tanzstrümpfen: Die erste Lage ist eine Blickdichte in blassrosa für den Farbausgleich, dann kommen zwei hautfarbene Schichten und darüber noch ein hautfarbener, glänzender Strumpf. So ist alles flach und straff wie bei einer Schaufensterpuppe.

Tristan vor dem von ihm dekorierten Schaufenster | Foto von der Autorin

Hast du Sex mit anderen Dragqueens oder mit deinen Fans?
Weder noch. Ich bin seit 18 Jahren mit demselben Mann zusammen. Das gibt mir Gelassenheit, wenn mich zum Beispiel irgendein Betrunkener begrabschen will. Dann kontere ich mit Sprüchen wie "Hey, das kostet extra!". Ich kenne jemanden, der schon mal in Drag einen Typen nach Hause genommen hat. Der Typ sagte, er sei hetero – er wolle einfach mal erfahren, wie es ist. "Aber zuhause lege ich meine Brüste in die Schublade und ziehe meine Strümpfe aus", hat mein Drag-Freund ihn gewarnt. Als er dann während des Aktes die Perücke abnahm, hat ihn der Typ gebeten, sie doch bitte wieder anzuziehen. Ich persönlich verbinde aber tatsächlich nichts Sexuelles mit Drag. Ein Clown oder Zauberer denkt ja auch nicht als erstes darüber nach, wie es wäre, einen Fan abzuschleppen. Für Dragqueens, die miteinander Sex haben, gibt es übrigens einen Ausdruck: "kai kai".

Schmerzt es, den Penis abzuklemmen?
Nein, nein – die Natur hat da recht gute Geheimfächer installiert. Ich bin sicher, jeder Mann hat irgendwann in seinem Leben einmal das Zeug nach hinten gequetscht, die Oberschenkel geschlossen und geschaut, wie er ohne Penis aussehen würde.
Ich mache das folgendermassen: Nach der vierten Strumpfhose fasse ich von hinten hinein, greife mir das ganze Gemüse und ziehe es nach hinten. Wenn ich es dann loslasse, übernehmen die vier Lagen Strumpfhosen den Rest. Mit denen habe ich schon eine ähnliche Spannung wie bei Stützstrümpfen. Danach musst du einfach aufpassen, wie du sitzt. Und wer so noch Radfahren kann, ist ein verdammter Künstler.

Wie gehst du als Drag aufs Klo?
In Drag trinke ich nur Shots, damit ich möglichst selten auf die Toilette muss. Falls es doch sein muss, melde ich mich je nach Kostüm für eine Dreiviertelstunde ab: Es dauert schon seine Zeit, bis sämtliche Schichten zur Seite geschoben, gerollt und gebunden sind.

Was hat dein Drag-Ich, was dir im sonstigen Alltag fehlt?
Sie schafft es schneller, mit Fremden ins Gespräch zu kommen. Auf Partys wählen mich andere zum Treffpunkt: "Falls wir uns verlieren sollten, versammeln wir uns bei der grossen Blonden wieder". Ein Korsett und Highheels können aufs Körpergefühl schon unterbewusst einen Einfluss haben, indem Bewegungsabläufe automatisch graziler werden. Aktiv die Stimme verstellen oder mir selber sagen, dass ich nicht rülpsen darf, mache ich nicht.

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