Liebe

Fotos: Wenn deine Eltern beide an Krebs sterben werden

Nancy Borowick hat ihre Mutter und ihren Vater mit der Kamera bis in den Tod begleitet. So entstanden berührende Bilder vom Leben und der Liebe.

von Rebecca Kamm
28 Februar 2019, 9:32am

Alle Fotos: Nancy Borowick

Es gibt wohl keine persönlicheren Fotoprojekte als die, die sich um die eigene Familie drehen. Die Fotografin Nancy Borowick ist allerdings noch einen Schritt weitergegangen: Sie begleitete ihre Eltern bei deren finalen Kampf gegen den Krebs. So hielt sie nicht nur die letzten Erinnerungen fotografisch fest, sondern auch die Stärke und die Anmut, die die beiden selbst kurz vor ihrem Tod noch ausstrahlten.

Wir haben uns mit Borowick über das Projekt mit dem Titel The Family Imprint unterhalten und dabei erfahren, wie es sich anfühlt, die Liebe und das Leben im Schatten des drohenden Tods zu dokumentieren.

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"Mein Vater nannte diese Sessel 'seinen und ihren Stuhl'. Fast jede Woche gingen meine Eltern zusammen zur Chemotherapie. Obwohl das Ganze für sie mehr als unangenehm war, hatten sie dabei zumindest noch sich selbst."

VICE: Dein Fotoprojekt The Family Imprint ist unglaublich bewegend. Was genau wolltest du mit deinen Bildern einfangen?
Nancy Borowick: Die Krebserkrankungen meiner Eltern waren der Auslöser für das Projekt. Mit der Zeit wurde aber klar, dass meine Eltern und ich eben keine Geschichte über die Krankheit, den Tod oder Angst erzählen wollen. Uns ging es um das Leben und die Liebe. Die Bilder zeigen, wie mutig und ausdauernd meine Eltern waren. Sie haben mich immer inspiriert.

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"Egal wie schlecht es meinem Vater auch ging, er freute sich immer, wenn er meine Mutter zum Lachen brachte. Hier sind sie beim Abendessen, mein Vater hat gerade das Geschirr in die Spüle gestellt."

Wie fühlst du dich, wenn du dir die Bilder heute anschaust?
Das fällt mir erstaunlich leicht. Natürlich werden da manchmal Erinnerungen getriggert, aber ich weiss, dass ich meine Eltern gebührend würdige. Ich halte sie so auf gewisse Art am Leben und teile ihre Weisheiten und Ansichten mit der Welt.

Was mir emotional sehr hilft: Die Bilder sind schwarz-weiss. Ursprünglich waren sie in Farbe, aber ich habe sie aus mehreren Gründen abgeändert. Zum einen brach für mich eine Welt zusammen, Farben fielen mir zu diesem Zeitpunkt gar nich mehr auf. Ich hätte ja niemals gedacht, dass meine Mutter und mein Vater sterben, wenn ich 28 Jahre alt bin.

Zum anderen fühlte sich jedes Foto wie eine Erinnerung an – und Erinnerungen sind für mich schwarz-weiss. Farben hatten für die ganze Geschichte keine Bedeutung. Inzwischen weiss ich gar nicht mehr, wie die farbigen Bilder aussahen.

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"Moses ist ein sechs Jahre alter Mops-Terrier-Mix von einer Freundin. Sie lieh ihn uns, damit er als Therapiehund die Stimmung aufhellte. Und das tat er. Er war der Spassmacher, den wir in den letzten beiden Wochen meiner Mutter dringend brauchten. Von uns wollte sie nicht mehr berührt werden, Kuscheleinheiten mit Moses waren aber OK."

Meine Entscheidung, die Fotos schwarz-weiss zu machen, wurde wichtig für mein Wohlbefinden. 2016 wurde ich im Zuge des "World Press Photo"-Wettbewerbs ausgezeichnet und musste dafür die unbearbeiteten Fotos einreichen. Ich klickte mich durch die Bilder und plötzlich schossen mir Tränen in die Augen, als ich meinen Vater in seinem Sarg sah. Ich fragte mich, warum das gerade jetzt passierte, ich hatte das Bild vorher doch schon hunderte Male angeschaut.

Dann fiel mir ein, dass ich das Foto zum letzten Mal in Farbe gesehen hatte, als ich es schoss und den Moment selbst erlebte. Die Wirklichkeit ist bunt, deswegen versetzte mich das unbearbeitete Bild direkt zurück zur Beerdigung meines Vaters. Die schwarz-weissen Fotos hatten mich irgendwie davor bewahrt, die Schwere der Realität zu spüren. So konnte ich Abstand gewinnen.

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"Dieses Bild zeigt, warum meine Mutter so toll war: wegen ihrer Stärke, ihres Muts und ihrer Fähigkeit, selbst in den schwierigsten Situationen ihren Humor zu bewahren. So half sie in dieser Zeit nicht nur sich selbst, sondern uns allen."

Welche Hürden musstest du bei deinem Projekt überwinden? Und wie fanden es deine Eltern, deine Motive zu sein?
Es gab eigentlich gar nicht so viele Hürden. Meine Eltern waren mir gegenüber sehr offen und hatten kein Problem damit, dass ich unser Leben in einer solch schwierigen Phase dokumentiere. Die Medien berichteten bereits über die Anfänge des Projekts, als meine Eltern noch lebten. Als sich dann Menschen aus der ganzen Welt bei meinen Eltern für deren Offenheit bedankten, wollten sie noch mehr von ihrem Alltag teilen – weil das anderen Leuten da draussen zu helfen schien.

Ich glaube, sie wollten mir so auch ein Ventil geben und mir dabei helfen, das alles besser zu verarbeiten. Sie lebten für uns, ihre Kinder. Wir können uns glücklich schätzen, sie gehabt zu haben.

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"Mein Vater musste meiner Mutter zum dritten Mal die Haare abrasieren, weil sie schon zum dritten Mal Krebs hatte. Meine Mutter nahm das Ganze mit Humor, so war sie einfach. Das Klischee stimmt wirklich: Lachen ist die beste Medizin."
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"Als ich mich für einen Hochzeitstermin entschied, wollte ich unbedingt, dass meine Eltern noch mit dabei sind. Das waren sie auch. Für dieses Bild hängte ich eine Kamera oben an einem Baum auf und drückte einem Freund den Fernauslöser in die Hand."
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"Dieses Foto entstand in Florida – direkt nachdem meinem Vater gesagt wurde, dass er an Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium leide. Meine Eltern waren 34 Jahre lang verheiratet. Aber selbst nach so langer Zeit und trotz ihres Gesundheitszustands gingen sie immer noch so süss miteinander um wie am Anfang."
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"Das ist mein Lieblingsbild. Es erinnert mich daran, wie verletzlich meine Eltern waren, wie viel Kraft sie hatten, wie sie sich gegenseitig unterstützten und wie sehr sie sich liebten."
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"Im Judentum trauern die Kinder ein Jahr lang um ihre verstorbenen Eltern. Zum Abschluss besuchen sie das Grab, 'enthüllen' den Grabstein und erinnern sich an sie. Meine Eltern waren wieder vereint. Diese Vorstellung half uns dabei, in gewissem Masse mit der Sache abzuschliessen."

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE AU.