Was aus zwei Hochbegabten wurde, die schon als Jugendliche zu studieren begannen

Der eine startet mit 14, der andere mit 17, Zeitungen schrieben von "Wunderkindern". Uns haben sie erzählt, wann ihnen die Selbstzweifel kamen.

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Okt. 17 2018, 7:24am

Bastian Eichenberger | Foto: N. Manuel Eichenberger

Es gibt ein Gefühl, das kennen nur Menschen, die von ihrem Umfeld als "anders" wahrgenommen werden: der Moment, in dem sie endlich akzeptiert werden. Für Bastian Eichenberger war das, als ihn sein heutiger Chef vorstellte. Der Arbeitsplatz ist ein Labor für Molekulare Genetik, der Vorgesetzte ein Professor, der nur beiläufig erwähnt, dass der "neue Kollege" 17 ist. Für den heute 18-Jährigen Eichenberger endete damals die Zeit, in der er dafür gehänselt wurde, dass er besser war, eine Eins nach der anderen schrieb und andauernd alles infrage stellte.

Heute verbringt Eichenberger fast jeden Tag der Woche im Labor. Während sich Jugendliche in seinem Alter Gedanken darüber machen, in welchen Fächern sie Abitur schreiben sollen, spritzt er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Proteine in Fadenwürmer. Mit 65 Mikrometern sind die so dünn, dass er sie nur unter dem Mikroskop erkennt. Vor zwei Wochen hat er seine Bachelor-Arbeit abgeben.

Weil der 17-jährige Boris Becker gerade Wimbledon gewonnen hatte, gaben Medien Hösle den Namen "Boris Becker der Philosophie".

Eichenberger ist hochbegabt. Mit 14 Jahren schrieb er seine Matura an einer Schweizer Schule und begann ein Chemie-Studium in Freiburg, Deutschland. Als das bekannt wurde, stürzten sich die Medien auf ihn, nannten ihn ein Wunderkind. Warum, will Eichenberger bis heute nicht verstehen können: "Ich bin nur etwas spezieller als andere", sagt er schüchtern und leise, als wir ihn im Labor erreichen. "Ich will nur ich sein."


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In Deutschland sind zwei von 100 Menschen hochbegabt. Wenn ihre besonderen Fähigkeiten erkannt werden, stehen ihnen oft akademische Turbo-Karrieren bevor. Sie sitzen im Hörsaal, während Gleichaltrige in der Schule binomische Formeln erklärt bekommen, machen ihren Doktor und schreiben Paper für wissenschaftliche Publikationen, wenn andere für die erste Prüfung büffeln. So wie Eichenberger. In Baden-Württemberg, wo seine Uni liegt, gab es 2016 lediglich 26 Menschen, die im Alter von 15 oder 16 Jahren ihr Studium begannen, teilt das Wissenschaftsministeriums des Bundeslandes mit. Etwas mehr als 500 waren 17 Jahre alt.

Auch der Philosoph Vittorio Hösle war ein Frühstarter. Zu einer Zeit, als in Deutschland das Abitur 13 Jahre dauerte und anschliessend Wehrpflicht herrschte, ging er mit 17 Jahren an die Uni. 1982 promovierte er. 22 Jahre alt war er damals und vier Jahre später der jüngste Professor Deutschlands. Weil der 17-jährige Boris Becker gerade Wimbledon gewonnen hatte, gaben Medien Hösle den Namen "Boris Becker der Philosophie". Zwei Dokumentarfilme wurden über ihn gedreht.

Boris Becker ist heute in Sportlerrente, hat sich insolvent erklärt, Vittorio Hösle lehrt an der University of Notre Dame in den USA Philosophie, Politik und Literatur und hat 16 Bücher veröffentlicht. Anders als noch in den 80ern finden sich in den Zeitungen heute immer mal wieder Berichte über Kleinstgenies, die immer jünger ihr Abitur machen. Vor Kurzem musste der 8-jährige Laurent Simons aus Amsterdam die Tortur über sich ergehen lassen. Wortkarg lächelt er in einem Fernsehbeitrag in die Kamera und antwortet brav auf die Standardfrage, wer sein Vorbild sei: Albert Einstein. "Warum?" – da zuckt er dann mit den Schultern.

Drei Jahre sind vergangen, seitdem Eichenberger in den Medien herumgereicht wurde, bei Hösle haben sich auch schon lange keine Filmschaffenden mehr gemeldet. Die Erwartungen an sie, die "Wunderkinder", haben sie erfüllt. Aber so wie Studierende überfragt sind, ob sie nach dem zehnten schlecht bezahlten Praktikum noch eines machen sollen, wussten Eichenberger und Hösle nicht, ob sie sich immer richtig entschieden hatten.

"Meine Mitschüler konnten die Tragweite vieler meiner Fragen nicht nachvollziehen und ich verstand nicht, dass ich sie damit nervte."

Als 14-jähriger Maturand wollte Bastian Eichenberger endlich im Labor stehen und experimentieren können. Den Zeitungen hatte er gesagt, er wolle Medikamente entwickeln; Krankheiten heilen, für die es noch keine Lösung gibt. Das zweite Semester sah im Studienplan Laborstunden vor. Kurz bevor er den weissen Kittel überziehen konnte, verweigerte die Universität ihm den Zugang. Aus rechtlichen Gründen durfte er nicht in die Labore und mit den Chemikalien experimentieren: zu gefährlich. Es tue der Leitung leid, liessen sie ihn wissen. Er sei der Uni nicht böse gewesen, sagt Eichenberger, "aber ich war schon enttäuscht, meine Motivation war gebremst."

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Vittorio Hösle | Foto: Matt Cashore

Vittorio Hösle kann nachvollziehen, wie es Bastian Eichenberger damals ging. "In solchen Momenten braucht es Mentoren, die einem Mut machen, und einen starken Willen, sich von seinem Weg nicht abbringen zu lassen", meint er. Hösle wollte im ersten Studienjahr sogar abbrechen. Hösle überlegte, ob er nicht "etwas Nützlicheres" studieren sollte, wie Medizin. Dann traf er den Hegel-Experten Dieter Wandschneider. Der ermutigte ihn, nicht aufzugeben. Hösle wurde einer der bekanntesten Philosophen und jüngsten Professoren Deutschlands.

Dass Hochbegabte intellektuell weiter sind als Gleichaltrige, führt bei vielen von ihnen schon in der Schule zu Langeweile. Eine Möglichkeit, dem zu entgehen, ist, die Kinder Klassen überspringen zu lassen. Hösle sagt: "Meine Mitschüler konnten die Tragweite vieler meiner Fragen nicht nachvollziehen und ich verstand nicht, dass ich sie damit nervte." Zwei Klassen liess er damals aus, Eichenberger sogar vier.

Hösle erinnert sich noch, dass es im Studium nur bedingt leichter für ihn wurde. Als 17-Jähriger hatte er wenig Kontakt zu älteren Mitstudierenden, isolierte sich sozial und versank stundenlang in seinen Bücher, vor allem Platon und Hegel. Die anderen reagierten irritiert. Als Hösle mit Mitte 20 vor den versammelten zwanzig Jahre Älteren mit seiner Habilitationsschrift steht, der allerhöchsten akademischen Weihe, konnte er Verärgerung und Zerknirschung in ihren Blicken lesen. "Es ist wichtig, sich nicht von Abneigung ablenken zu lassen", gibt er heutigen Jung-Studierenden wie Bastian Eichenberger als Rat mit. Solche Spannungen auszudiskutieren, führe zu keinem gutem Ergebnis, weiss Hösle sicher. Lieber konzentriere er sich auf seine "Bestimmung": Bücher schreiben.

Als Hochbegabter müsse man nicht dauerhaft isoliert leben, sagt Hösle. Nach der Promotion habe er viel nachgeholt, sei gerne abends ausgegangen. Mit den Jahren habe sich auch die Abneigung seiner Kollegen und Kolleginnen gelegt. Schliesslich ist der Altersunterschied zu den anderen Lehrenden immer kleiner geworden und so fiel Hössle irgendwann nicht mehr auf. Mit 22 Jahren lernte er einen seiner besten Freund kennen, einen Studenten aus den USA. Der holte ihn später, als er selbst zu arbeiten begann, in die USA.

Für Hochbegabte sei es wichtig, ihre Fähigkeiten für das Wohl der Menschheit einzusetzen, glaubt Hösle. Auf einem Flug nach Moskau sass er mal neben einem Werber für Zigaretten und fragte ihn, warum er einen Beruf ausübe, der Menschen tabakabhängig macht. Der Mann habe irritiert geschaut und sich nicht erklären können. "Das verstehe ich nicht", sagt Hösle. Mit seiner Forschung will Eichenberger noch immer Krankheitserreger erforschen und Medikamente gegen sie entwickeln, vorerst reiche es ihm aber, sein Wissen zu vergrössern.

Eichenberger hatte sich nach dem Ausschluss aus dem Labor aufgerafft. Ihm fiel ein, dass er in der Schule Biologie mochte. Er wechselte das Studienfach, durfte nun auch in ein Uni-Labor und strengte sich an. Eine Hochbegabung ist schliesslich keine Garantie für ein erfolgreiches Beenden eines Studiums, sagt er.

"In meinem jetzigen Umfeld spielt Leistung eine höhere Rolle als in der Schule."

Seine Bachelor-Arbeit hat Eichenberger in der Regelstudienzeit eingereicht. Wenn er über sein Leben nachdenke, falle ihm dennoch auf, dass sein Weg vorgezeichnet scheint – und nicht nur seiner: "Von Hochbegabten wird erwartet, dass sie schneller sind und grosse Leistungen vollbringen." Ein Problem habe er damit nicht, schliesslich wollte er die Schule so schnell wie möglich hinter sich lassen und mit seiner Berufung starten. Er hoffe nur, dass er irgendwann das Label des Wunderkindes ablegen kann, dass ihn Menschen für seine Erfolge wertschätzen und nicht für den einfachen Umstand, dass er einen höheren Intelligenzquotienten hat als 98 Prozent aller Mitteleuropäer. "Wäre die Akzeptanz grösser, könnte ich mich mehr auf mich konzentrieren." So wie es Vittorio Hösle im Alter von 58 Jahren vorlebt. 2013 wurde er von Papst Franziskus in die Päpstliche Akademie der Sozialwissen berufen, es ist eine der höchsten christlich-wissenschaftlichen Auszeichnungen.

Die Arbeit im Labor helfe Bastian Eichenberger dabei, sein Lebenstraum zu realisieren. Er werde dort dafür geschätzt, wie professionell er Versuche durchführe, und sei ein gleichberechtigter Kollege. "In meinem jetzigen Umfeld spielt Leistung eine höhere Rolle als in der Schule." Sein Professor hat Eichenbergers Bachelor-Arbeit innerhalb von zwei Wochen bewertet – Note: 1,0.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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