Das echte Leben des Mafiosos Whitey Bulger war noch viel wahnsinniger als das in den Filmen

Auf der Fahndungsliste des FBI stand er hinter Osama bin Laden auf Platz 2 – jetzt ist er im Gefängnis totgeprügelt worden.

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01 November 2018, 8:49am

Linkes und mittiges Bild: bereitgestellt von Warner Bros.; rechtes Bild von Whitey Bulger: Wikimedia Commons | Public Domain

Wie hätte das Leben von James "Whitey" Bulger anders zu Ende gehen können als mit einem Mord? Ein Greis von 89 Jahren, einer der berüchtigtste Gangster in der Geschichte der USA, vermutlich erschlagen in seiner Gefängniszelle – nichts ist so abgeschmackt wie die Wirklichkeit.

Dabei war das Leben des aus Boston stammenden Mafiabosses vor allem eines: eine über Jahrzehnte andauernde Identitätskrise. Bulger war nicht nur eine der gefürchtetsten Unterweltfiguren in der Geschichte Amerikas, sondern auch ein FBI-Spitzel. Aus zuerst noch unklaren Gründen (Spekulationen ahoi!) hatten ihn die Behörden vor Kurzem von einer Haftanstalt in Florida in das United States Penitentiary im Bundesstaat West Virginia verlegen lassen. Nur wenige Stunden nach seiner Ankunft war Bulger tot, wohl von drei Mithäftlingen erschlagen.

Es ist die Pointe einer Geschichte mit sehr langem Anlauf: Es ist die eines Mannes, der 1929 in South Boston in arme Verhältnisse geboren wurde und es zu Reichtum brachte – dank seines Hangs zur hemmungslosen Gewalt. Bereits in seinen Teenagerjahren erarbeitete sich James Joseph Bulger Jr. den Ruf eines schlagfreudigen Diebs – und erfüllte damit viele Klischees, die man mit Boston verbindet. Seine bedingungslose Loyalität zu seiner Herkunft wurde zum Fundament einer Kriminellenkarriere, die ihn zu einer der bekanntesten Figuren in der amerikanischen Gangstergeschichte macht.

Jahrzehnte später diente er sogar als Vorlage des biografischen Crime-Dramas Black Mass mit Johnny Depp in der Hauptrolle. Schon vorher hatte Jack Nicholson im Oscar-prämierten Thriller The Departed – Unter Feinden einen Charakter gespielt, der mit seinen fast schon psychotischen Ausbrüchen stark an Whitey Bulger erinnerte.


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Bulgers rohe Gewalt war legendär. Noch legendärer war nur, wie schnell er darauf zurückgriff und wie er sie mit vermeintlich guten Taten rechtfertigte. So wurde der Gangster oft als eine Art Robin Hood dargestellt, der an Thanksgiving Truthähne in seiner Nachbarschaft verteilte oder alten Damen über die Strasse half.

Gleichzeitig erpresste er Drogendealer und versorgte die Irisch-Republikanische Armee in den 80er Jahren mit Waffen. Sogar einige seiner ehemaligen Geschäftspartner beschrieben ihn als "böse". Und laut der Zeitung New York Times haben ihn die Behörden vielleicht deswegen nach West Virginia verlegt, weil er in Florida einen Gefängnismitarbeiter bedroht hatte.

Bulger war die überzeichnete Karikatur eines prototypischen Gangsters. Er mischte bei illegalen Wetten und im Kreditgeschäft mit. Er schütze seine Geschäfte um jeden Preis. Damit war er wie geschaffen für eine Karriere als Mafioso.

Dabei war er in einem katholischen Haushalt aufgewachsen. Sein Vater arbeitete im Hafen von Boston. Bulger hatte fünf Geschwister. Sein jüngerer Bruder William war später 18 Jahre lang Präsident des Senats von Massachusetts – von seinem kriminellen Bruder distanzierte sich William übrigens nie.

In den 70ern untermauerte Bulger dann seinen Status als irrer Mobster der alten Schule.

Hätte sich ein Autor diesen Werdegang ausgedacht, niemand hätte ihm diese Story abgekauft, wegen zu viel krankhafter Fantasie. In den 50er Jahren überfiel Bulger mehrere Banken an der US-Ostküste und im Bundesstaat Indiana. Dafür wanderte er rund zehn Jahre hinter Gitter – einige davon in Atlanta (wo ihn die CIA als Versuchskaninchen für Drogenexperimente missbraucht haben soll), einige im berühmten Alcatraz-Gefängnis.

In den 70ern untermauerte Bulger dann seinen Status als irrer Mobster der alten Schule. Wie es in einem Nachruf der New York Times heisst, machten grausame Geschichten von Bulgers Taten die Runde: Er soll Menschen genau zwischen die Augen geschossen, seinen Rivalen Eispickel ins Herz gerammt und Frauen erwürgt haben, die ihn womöglich hintergangen hatten. Seine Opfer vergrub er laut den Geschichten an geheimen Orten – natürlich nicht ohne ihnen vorher die Zähne gezogen zu haben, damit man sie nicht mehr identifizieren konnte.

Nach etlichen Raubzügen stiegen Bulger und sein Verbündeter Stephen Flemmi zu den Anführern der Winter Hill Gang auf, einer Bande in den Reihen der irischen Mafia von Boston. Wie die New York Times berichtet, wurde das Duo zur ungefähr gleichen Zeit allerdings auch zu FBI-Informanten, angesetzt auf die Patriarca-Familie der italienischen Mafia. Eine Schlüsselrolle spielte dabei der Agent John Connolly, ein Kindheitsfreund von Bulger.

Diese Verbindung ermöglichte es Bulger, schreckliche Morde in Auftrag zu geben oder selbst zu begehen, ohne wirkliche Konsequenzen von Seiten der Behörden fürchten zu müssen. Als Connolly 1994 erfuhr, dass man Bulger nun wirklich festnehmen wollte, warnte er seinen langjährigen Kumpel. Der Mobster liess alles stehen und liegen und floh aus Boston.

Bulger soll beim entscheidenden Eishockey-Spiel um den Stanley Cup zwischen den Boston Bruins und den Vancouver Canucks gesehen worden sein.

In den darauffolgenden 16 Jahren befand sich Bulger auf der Flucht und stand auf der Fahndungsliste des FBI hinter Osama Bin Laden direkt auf Platz zwei. Dennoch soll der alternde Verbrecher während dieser Zeit immer wieder gesehen worden sein – zum Beispiel in London, in Uruguay oder beim entscheidenden Eishockey-Spiel um den Stanley Cup zwischen den Boston Bruins und den Vancouver Canucks.

2011 wurden der inzwischen 81-jährige Bulger und seine Freundin Catherine Greig im kalifornischen Santa Monica verhaftet. 2013 folgte die in der Öffentlichkeit aufmerksam verfolgte Gerichtsverhandlung: Die Familien von Bulgers Opfern waren anwesend, sein ehemaliger Schützling Kevin Weeks sagte gegen ihn aus und die Geschworenen befanden den schweigenden Ex-Gangster in 11 der 19 Mordfälle aus der Anklageschrift für schuldig. Bulger wurde schliesslich zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne die Möglichkeit einer vorzeitigen Freilassung verurteilt. Mit dem Tod des ehemaligen Gangsterbosses schliesst sich nun ein fesselndes, aber auch eines der widerwärtigsten Kapitel seiner Heimatstadt.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.