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Interviews

Wie zwei Teenager zu Mördern für ein mexikanisches Kartell wurden

Sie haben zugegeben, zusammen mehr als 50 Menschen getötet zu haben. Für dicke Autos und die neusten Sneaker.

von Seth Ferranti
26 September 2016, 7:00am

Die Augenlid-Tattoos des jungen Auftragsmörders Gabriel Cardona | Alle Fotos: bereitgestellt von Dan Slater/Simon and Schuster

Als der US-Bundesstaat Texas Gabriel Cardona und Rosalio "Bart" Reta—alias die "Wolf Boys"—zu einem Leben hinter Gittern verurteilte, galten die beiden US-amerikanischen Teenager einfach als Serienmörder im Stile von John Wayne Gacy oder Jeffrey Dahmer. Es stimmte zwar, dass die in Laredo, Texas, geborenen Jugendlichen zusammen mindesten 50 Menschen getötet haben, aber im Gegensatz zu Gacy oder Dahmer taten die beiden das nicht zum Vergnügen. Nein, die Teenager waren Auftragsmörder der Zetas, einem für seine brutale Gewalt berüchtigten Kartell aus Mexiko. Sie wollten mit dem blutigen Geld dicke Autos und die neuesten Sneaker kaufen.

Mit Wolf Boys: Two American Teenagers and Mexico's Most Dangerous Drug Cartel hat der Journalist Dan Slater nun ein neues Buch veröffentlicht, das sich mit der Kartell-Kultur und dem Krieg gegen Drogen beschäftigt—und zwar aus der Perspektive der jüngsten Involvierten. Der Autor hat sich die vergangenen vier Jahre mit dem Drogengeschäft auseinandergesetzt und in diesem Zug auch intensiven Briefverkehr mit Cardona gehabt. Dabei hat er erfahren, wie zwei in den USA geborene Teenager mit einem der brutalsten Verbrechenssyndikate des Nachbarlands in Berührung kamen. Aber auch der Mordkommissar, der die beiden letztendlich schnappte, bleibt in der wahren Krimigeschichte nicht unerwähnt. Und so zeigt uns Slater die traurige Wahrheit auf: "Unter gewissen Umständen kann man quasi jedes Kind zum Mörder machen."

Durch das Buch erfahren wir außerdem, warum die Kartell-Bosse Minderjährige rekrutieren und wie sie sie zu Henkern ausbilden. Und je mehr wir über die Wolf Boys erfahren, desto weniger machen sie den Eindruck von gestörten Mördern und desto komplizierter scheint die ganze Situation von einem moralischen Standpunkt her zu sein. Sind sie nur Opfer von Einschüchterung, Kapitalismus und trostlosen Heimatstädten? Lässt sich so ihr gewalttätiges Verhalten rechtfertigen? Und wie kann es die US-Regierung schaffen, der Rekrutierung von jungen Auftragsmördern einen Riegel vorzuschieben und die Teenager dann auch noch zu resozialisieren? Wir haben mit Slater über dessen Buch (das bald auch verfilmt wird) sowie die Entwicklung der Wolf Boys von unterprivilegierten Kindern zu Killern gesprochen.

VICE: In vielen Geschichten über Drogendealer und Kartelle geht es vor allem um die Bosse, die alles in der Hand haben. Wolf Boys konzentriert sich jedoch eher auf die Fußsoldaten, die in der Rangliste ganz unten stehen. Warum hast du dich so für die jungen Kartell-Mitglieder interessiert?
Dan Slater: Ich war in Mexiko unterwegs und schaute mir dort im Bundesstaat Sinaloa einen Friedhof an, der inoffiziell auch "Kartellfriedhof" genannt wird. Dort gibt es viele dieser protzigen und aufwändigen Mausoleen, in denen die Kartellmitglieder liegen, die etwas zu sagen hatten. Daneben findet man aber auch viele einfache Grabsteine für die extrem jungen Kartellangehörigen. Ich habe einige dieser Grabsteine untersucht und dabei festgestellt, dass die meisten jungen Männer mit 18 oder 19 starben. Es waren aber auch viele Grabsteine für 13- oder 14-jährige Jungs dabei. Das hat mich echt schockiert.

Ein paar Monate zuvor hatte ich in der New York Times etwas über Gabriel Cardona und Bart Reta gelesen. Endlich konnte ich ihre Geschichte in den richtigen Kontext setzen und sie schienen zu den jungen Männern zu gehören, die in diesem Krieg wirklich kämpfen müssen und auch am ehesten sterben. Da entschloss ich mich dazu, ihre Story zu erzählen und intensiver hinter die Kulissen zu schauen. Wo kommen sie her? Wie ist die Gegend, in der sie aufgewachsen sind? Wie sah ihr Familienleben aus? Hatten sie irgendwelche männlichen Vorbilder? Von daher rührte auch mein Drang, sie etwas zu vermenschlichen. Für mich ist es sehr wichtig, solche jungen Männer menschlich darzustellen, weil sie einen so großen Teil des Kriegs gegen Drogen ausmachen.

Wie war es, Cardona und Reta im Gefängnis zu besuchen? Und was habt ihr in den Hunderten Briefen besprochen?
Als ich Reta im Gefängnis besuchte, haben wir acht Stunden lang geredet. Er hat mit viele Geschichten erzählt und war dabei aufmerksam, wissbegierig und manipulativ. Wir haben uns dann auch drei Monate lang Briefe geschrieben. Meine Interaktion mit Gabriel war da etwas anders. Nachdem ich ihn besucht hatte, meinte er zu mir, dass er mir zwar gerne seine Geschichte erzählen würde, ihm viele Medienvertreter aber auch schon Lügen aufgetischt hätten. Wir hatten dann mehr als zweieinhalb Jahre lang Briefkontakt und dabei kam jeder Abschnitt seines Lebens auf den Tisch—von seiner Kindheit bis hin zur Inhaftierung. Bei Missverständnissen und Streitereien kam es immer wieder zur Versöhnung. Diese Briefe sind auch die Grundlage für einen Großteil des Buchs. Im letzten Kapitel beschreibe ich dann die Berichterstattung—inklusive der Entwicklung meiner Beziehung zu den Jungs.

Welche Umstände haben diese jungen Männer in das Verbrecherleben getrieben, das die Kartelle ihnen geboten haben?
In Laredo gibt es viel Armut und in den Gegenden, aus denen die Wolf Boys stammen, ist es besonders schlimm. Der finanzielle Aspekt wiegte also schwer. Oftmals werden die Kinder dort nur von ihrer Mutter großgezogen. Und viele der älteren männlichen Familienmitglieder geben ein schlechtes Vorbild ab. Letztendlich spielen fehlende Orientierung, fehlende Erziehung, fehlende Disziplin sowie eine weit verzweigte Drogenkultur große Rollen. Viele Familienmitglieder haben irgendwie ihre Finger im Drogenschmuggel und das führt dann dazu, dass auch die Kinder bereits früh mitmachen.

Das soll jetzt aber nicht heißen, dass jeder junge Mensch aus diesen Gegenden irgendwann bei einem Kartell landet. Viele fangen auch ein Studium an. Allgemein gesprochen ist es jedoch schwer, da rauszukommen. Während meiner Recherchen für Wolf Boys habe ich viele Eltern kennengelernt, deren Söhne entweder gestorben oder für immer im Gefängnis gelandet sind. Das war dort etwas ganz Normales.

Detective Robert Garcia

Die Erzählperspektive wechselt immer zwischen den Teenagern und dem Polizisten Robert Garcia hin und her. Hast du dich schon vor dem Buch mit Garcia, der gegen die Wolf Boys ermittelt hat, beschäftigt?
Ohne die Wolf Boys hätte ich niemals etwas über Robert Garcia geschrieben. Sie haben mich ja erst auf diese ganze Geschichte gebracht und ich wollte eigentlich zuerst auch nur ihr Schicksal dokumentieren. Dann stieß ich jedoch auf Garcia und mir wurde klar, dass er bei den Ermittlungen eine entscheidende Rolle gespielt hatte und auch so etwas wie der Erzfeind der beiden Teenager war. Ich kam allerdings erst später auf die Idee, das Buch als Thriller zu strukturieren und dabei zum Spannungsaufbau zwischen der guten und der bösen Sichtweise hin- und herzuwechseln.

Haben das Nordamerikanische Freihandelsabkommen NAFTA und der Krieg gegen Drogen deiner Meinung nach dabei geholfen, dass sich Kartelle in so mächtige Organisationen verwandeln konnten?
Ein großer Teil der US-amerikanischen Polizeibehörden ist doch nur wegen dieses Kriegs angestellt. Ich vermeide es allerdings, den Drogenhandel und die Gegenmaßnahmen mit irgendetwas zu begründen, denn so läuft es nicht. Ich bin nicht der Meinung, dass eine bestimmte Sache der Grund für das alles ist. Aber natürlich gibt es viele politische Schritte, die die Folgen des Kriegs gegen Drogen verschlimmert haben. NAFTA ist dabei besonders interessant, weil mit dieser wirtschaftlichen Maßnahme viele Leute reicher geworden sind—und zwar auf Kosten anderer. Das hat man so auch vorhergesehen. Was man bei NAFTA jedoch nicht erwartet hat, waren die Folgen für den Drogenhandel. Der ist dadurch nämlich viel leichter geworden. So gesehen hat NAFTA also den Markt aufgeblasen und in diesem Zug auch mehr Menschen ins Verbrechen getrieben.

Die Medien stempeln die beiden jungen Mörder oft als Monster ab. Und die Wolf Boys haben natürlich auch schreckliche Dinge getan. Aber verdienen sie diesen Stempel deiner Meinung nach wirklich?
Nun, wir alle wissen, was sie getan haben. Das Rechtssystem von Texas betrachtet die beiden aber zum Beispiel nicht als Kartell-Auftragsmörder oder Mitglieder der Zetas. Nein, dort gelten sie einfach als Serienmörder. Und das überrascht viele Leute, denn wenn wir das Wort "Serienmörder" hören, dann denken wir zuerst an solche Leute wie etwa John Wayne Gacy. Im Grunde haben die beiden Teenager aber genau das Gleiche gemacht, nämlich viele Menschen getötet. Sie hatten halt nur andere Gründe.

Wenn man sie darauf reduziert, dann ist der eben erwähnte Stempel auch angebracht. Es liegt wohl in der Natur des Menschen, dass man gedanklich direkt in düstere Gefilde abdriftet, wenn man nicht alle Aspekte eines Falls kennt. So war es ja auch bei mir. Als ich mich zum ersten Mal mit den Wolf Boys beschäftigte, wusste ich nur sehr wenig über sie. Und das Wenige, was ich über ihre Herkunft wusste, war richtig brutal. Je mehr man jedoch auf eine Sache eingeht, desto menschlicher sieht man das Ganze. So verändert man seine Perspektive. Die Tatsache, dass ich die beiden Jungs jetzt besser kenne, macht ihre Taten jedoch nicht ungeschehen. Ich hoffe, dass jeder Wolf Boys-Leser das Thema mit neuen Augen betrachtet und sich die Sache mit dem Stempel dann auch noch mal überlegt. Manche Leute werden vielleicht Verständnis für die Teenager zeigen, andere wiederum nicht. Ich bin gespannt.