Wir blicken in den Abgrund Ausgabe

Vorbereitung auf die Apokalypse in einem Doomsday-Trainingscamp

Ich habe gelernt, wie man Handschellen knackt und musste eine gefakte Entführung überstehen—alles in Vorbereitung auf die gesetzlosen Zeiten, die vor uns liegen.

von Theodore Ross
16 November 2015, 4:00am

Aus der Wir blicken in den Abgrund Ausgabe 2015

Der Jüngere ruft wieder „La ilaha illa Allah!" Das muslimische Glaubensbekenntnis: „Es gibt keinen Gott außer Allah." Sein Partner, der älter klingt, umklammert mit einer Hand meinen Nacken. Er flüstert mir ins Ohr: „Du bist erledigt." Dann lauter: „Konvertiere oder stirb!"

Es ist der frühe Morgen des 10. September und bereits heiß, ich befinde mich in Los Angeles im Schneidersitz auf dem schmierigen Boden eines weißen Lieferwagens, der durch die Industriewüste um den Flughafen von Los Angeles rast. Ohne Schuhe und mit Handschellen schnappe ich nach Luft, als der ältere Mann noch eine Tüte über den weißen Kissenbezug zieht, der bereits eng um meinen Hals geschnürt ist. „Das wird lustig", sagt er.

Einer der vier anderen Männer mit Kapuze über dem Kopf weigert sich zu konvertieren, was offensichtlich keine gute Entscheidung ist. Der ältere Mann weist seinen Partner an, ihn aus dem Transporter zu werfen. Die hintere Tür wird geöffnet, Sonnenlicht dringt durch die stickigen Schichten meiner Kopfbedeckung. Die beiden Männer lachen. Dann wird die Tür geschlossen und alles wieder dunkel und still.

Schließlich bin ich an der Reihe und ich stottere irgendwas, dass ich Atheist sei, was stimmt, wenn ich mich nicht gerade in einer Notlage befinde. Der Arabischsprechende will wissen, ob ich verheiratet bin, und ich hebe als Antwort meine linke Hand und wackle mit dem Ringfinger. Das interpretiert er als Widerstand und schlägt mich, mit der Aussicht auf mehr, sobald wir an dem „sicheren Ort" ankommen.

Danach bleibe ich mit gesenktem Kopf schweigend sitzen und frage mich, was als Nächstes kommt. Plötzlich rufen die Kidnapper: „Drohnenangriff!", und der Ältere stößt mich auf den Boden des Lieferwagens. Wir halten, die hintere Tür schwingt auf und unsere Geiselnehmer fliehen, die Tür hinter sich zuschlagend. Plötzlich sind wir allein, was irgendwie unheimlich ist. Zunächst passiert nichts, unser Reaktionsvermögen ist verlangsamt durch die Flut an Informationen und das Adrenalin, das uns noch immer emotional aufwühlt.

Als ich wieder klar denken kann, reiße ich mir die Kapuzen vom Kopf und schnappe gierig nach der frischen Luft. Ich mache mich an die Handschellen: Smith & Wesson, vernickelt, Polizeiversion, mit Doppelverschluss. Ich habe ein paar Haarspangen aus Metall, wie sie Schulmädchen benutzen, pink mit himmelblauen Punkten, unten in meinen Socken versteckt und einige davon auf den Schlitz meiner Boxershorts geklemmt. Ich fische eine davon heraus, knicke das obere Teil ab und biege die mittlere Strebe vor und wieder zurück, bis sie abbricht. Jetzt habe ich einen dünnen Metallstreifen. Beginnend mit der rechten Hand schiebe ich den Streifen zwischen Zahnung und Ratsche des Bügels der Handschelle, sie mit ein paar Klicks erst einmal enger machend, damit ich meinen Abstandhalter tiefer hineinzwängen kann. Dann, mit einer Aufwärtsbewegung meines Handgelenks, ziehe ich den Streifen raus und löse die Handschelle. Ich schaue auf und sehe, dass auch die anderen Männer sich befreit haben. Keiner spricht groß, aber wir lachen, weil wir erleichtert und vielleicht auch ein wenig hysterisch sind, dass es so einfach war.

Jenseits des Lieferwagens warten gleißendes Licht und die absolute Stille eines aus eintönigen Büroparks und Lagerhäusern bestehenden Stadtteils von Los Angeles. Eine Diskussion beginnt, was als Nächstes zu tun sei, und während wir uns nicht entscheiden können, höre ich das gleichmäßige Tappen sich nähernder Schritte.

„Sie kommen zurück! Lauft!"

Die Entführer übergießen den Autor mit Wasser, als er beim Verhör eine falsche Antwort gibt. Fotos von David Mcnew

Zwei Tage zuvor sitzt Kevin Reeve, der Gründer und Leiter von onPoint Tactical, an einem langen Tisch im tristen Konferenzraum eines Flughafenhotels, umgeben von seinen Unterrichtsmaterialien: Handschellen, eine Reihe von Vorhängeschlössern, Zubehör zum Schlösserknacken, Rollen mit Klebeband, jede Menge Kabelbinder, Seilstränge, Päckchen mit Haarclips und Haarklammern und mehr.

Ich gehöre zu den fünf Teilnehmern des Seminars „Urban Escape and Evasion" von onPoint Tacticals, einem dreitägigen Praktikum, dass uns auf den Fall vorbereiten soll, den Reeve gern als „WROL" (Without Rule of Law) bezeichnet, als Situation im rechtsfreien Raum. Das Seminar besteht aus zwei Tagen Schulung und Vorträgen und einer „praktischen Übung" an Tag drei: Ein Kidnapping, bei dem sich jeder Teilnehmer selbst aus der Gefangenschaft befreien und seinen Weg in Sicherheit finden muss, wo immer das auch sein mag.

Ich habe mich nicht aus irgendwelchen konkreten Entführungsängsten für die Teilnahme an Reeves Seminar entschieden: Ich bewege mich normalerweise selbstbewusst zwischen den einschüchternden Wohnprojekten, Nagelstudio-Ausbeuterbetrieben und Filterkaffeepalästen von Park Slope in Brooklyn. Ich habe drei Kinder, einen unsicheren Job und ein Radiogesicht. In meiner Garage gibt es weder Hühnerställe noch in Entstehung befindliche Computerimperien. Man müsste einen Großteil der Nachbarschaft entführen, um genügend Lösegeld zusammenzukriegen. Nichtsdestotrotz werde auch ich von Ängsten heimgesucht. Sucht euch eine Sorge aus, ob begründet oder unbegründet, ob kryptorassistisch oder offen fremdenfeindlich, und aller Wahrscheinlichkeit nach wird mein Herz heftig zu pochen anfangen. Also habe ich mich nach Los Angeles zu Kevin Reeve aufgemacht, um meine Nerven zu beruhigen, meine geistigen Fähigkeiten zu testen und ein paar simple Hacks zu lernen, falls mal alles schiefgehen sollte, und das wird es, wie ich weiß und wie ihr wisst— endgültig, mit gutem Grund, tragikomischerweise und vielleicht schon bald.

Reeve ist ein stämmiger Mann in den Fünfzigern, mit sandfarbenem Bürstenhaarschnitt, tief liegenden Augen und einer leichten Ähnlichkeit mit Clint Eastwood. Seine Handgelenke wurden eng mit Kabelbindern zusammengebunden. „Das ist einfach", sagt er. „Das werdet ihr bald alle können."

Reeve entfernt den Schnürsenkel aus einem seiner Stiefel: eine Fallschirmschnur mit einer Zugfestigkeit über 200 Kilo. Man kann so fest ziehen, wie man will, sie reißt nicht. Mit einer Bewegung zieht er die Schnur zwischen seinen Handgelenken und den Kabelbindern hindurch und fertigt dann an den beiden Enden kleine, fünf Zentimeter große Schlaufen, die er über die Spitzen seiner Stiefel zieht.

„Damit müsst ihr vorsichtig sein", sagt er. „Wenn es nachgibt, können eure Arme hochschlagen und euch das Gesicht ruinieren."

Er beginnt, schnell mit den Füßen Fahrrad zu fahren, die Schnur dabei als Säge für den Kabelbinder verwendend. Nach vielleicht zehn Sekunden Reibung gibt es eine Rauchwolke, es riecht süß nach verbranntem Plastik, und dann ist der Kabelbinder durch.


Illustrationen von Nicholas Gazin

Reese war Pfadfinder und hatte als Sohn eines Lehrers und einer Hausfrau eine Mittelschichtskindheit in Pasadena. In den 80ern und 90ern arbeitete er im Silicon Valley für Apple und machte Dinge wie „Organisationsentwicklung" und „Führungskräfte-Coaching". Er stieg aus und verwandelte sich zu einem landesweit anerkannten Überlebenskünstler, Fährtenleser und Sicherheitsberater. Er zeigt Polizeibeamten, Soldaten, ins Ausland reisenden Geschäftsleuten und in Kriegsgebieten tätigen Journalisten, was sie tun können, wenn ihr Leben plötzlich einem Actionfilm ähnelt, nur, dass die Action echt ist. Neben „Urban Escape and Evasion" bietet onPoint noch Seminare wie „Surviving Deadly Contact" und „Off Grid Medical Care" an. 2011 bekam Reeve mit Off the Grid: Million Dollar Manhunt eine eigene Sendung im History Channel. Die Teilnehmer der Show versuchten einen Tag lang, in Los Angeles nicht von Reeve aufgespürt zu werden. Keiner hat es geschafft. „Es gibt nur sehr wenige Leute, die von den Navy SEALs respektiert werden", sagt Charlie Ebersol, der Executive Producer der Show. „Und Kevin ist ein echt harter Kerl."

Das mit den Handschellen hatten wir schon. Jeder Teilnehmer verfügt über ein achtteiliges Set zum Schlösserknacken mit einer Reihe Spannungswerkzeugen. Wir diskutieren das „Sich-Rauswinden" als Methode, um sich von einem Seil zu befreien, und wechseln dann zu Techniken, mit denen man jemanden erdrosseln, schneiden, niederstechen und aufschlitzen kann, unter Verwendung von „Hilfsmitteln, die dafür gedacht sind, die Körperhöhle zu durchdringen". Und jetzt bekommen wir alle die Handgelenke mit Klebeband zusammengeklebt und müssen uns befreien.

Zu den anderen Seminarteilnehmern gehören ein Experte für Visual Effects beim Film, der Manager eines Luftfahrtunternehmens, das für das Militär arbeitet, ein Romanautor, der in Harvard studiert hat, und Dan, ein hagerer, ruhiger und eindringlicher Typ, der einen eigenen Laden für Überlebenstrainings in der Wildnis betreibt. Dan folgt den Vorträgen aufmerksam und berichtet hier und da aus seinen eigenen Erfahrungen.

Ich bin zweifelsohne der schlechteste Schüler im Kurs. Ich fummle ungeschickt an den Handschellen herum und schaffe es kaum, die Schlaufen in die Fallschirmschnur zu machen. Einmal gelingt es mir, ein Vorhängeschloss zu öffnen. Der Manager entwickelt schnell ein Gespür für die Schließmechanismen der Vorhängeschlösser und der Filmtyp erzählt, er würde öfters ein Paar Handschellen mit in die Bar nehmen, um den Damen zu imponieren (kein Wort darüber, ob er damit Erfolg hat). Der Romanschriftsteller ist sehr effektiv im Sich-Rauswinden. Und Dan—Dan ist in allem gut.

Reeve umwickelt meine Handgelenke vorsichtig mit dem Klebeband. Aus der Nähe hat er eine sanfte Art. Vielleicht liegt es daran, dass er 795 Dollar pro Seminarteilnehmer nimmt, vielleicht erinnere ich ihn aber auch an die Person, die er einmal war. „Du kannst das", sagt er. „Ich weiß, dass du es kannst." Er grinst leicht. „Aber es wird weh tun."

Ich atme ein paar Mal tief ein und schwinge meine Handgelenke dann Richtung Decke, um sie gleich wieder fallen zu lassen und mit voller Kraft gegen meinen Rumpf zu schlagen. Die Luft entweicht aus meiner Lunge, ich muss keuchen, fühle, wie Hitze meinen Nacken hochsteigt, und beiße die Zähne zusammen angesichts der Schmerzen, die der Schlag verursacht hat. Ich schaue runter auf meine Handgelenke. Das Klebeband ist zur Hälfte gerissen.

„Das ist gut", sagt Reeve. „Einmal reicht. Versuche es mit der anderen Methode."

Ich gehe rüber zur Toilettentür und beginne, die ausgefransten Kanten des Klebebands am Türrahmen zu scheuern. Das Band ist fast sofort durch. Ich habe, wie Reeve es nennt, das Klebeband „besiegt".

Kevin Reeve zeigt einige der—mitunter tödlichen—Verwendungsmöglichkeiten einer 200-Kilo-Fallschirmschnur.

Reeves Assistenztrainer ist ein gewisser Jerry Cobb, ein 22-jähriger Veteran der Green Berets, ein großer, barsch wirkender Kerl mit rasiertem Schädel und wildem grauen Bart. Er ist Mormone wie Reeve und lebt bei St. George, Utah, in einem für alle Katastrophenfälle gerüsteten Haus. Ein ehemaliger Seminarteilnehmer, der Cobb daheim besucht hat, erzählte mir, sein Boden sei gepflastert mit 20-Liter-Kanistern mit Trinkwasser und einem Notvorrat Linsen. Cobb selbst sagt, er verfüge über umfassende Kampferfahrung aus seinen „wilden Zeiten".

Trotz seiner mürrischen Ausstrahlung und beeindruckenden Physis besitzt Cobb einen ausgezeichneten Sinn für Komik. Während der beiden Vorlesungstage sitzt er hinter uns, die Beine auf einen Drehstuhl gestützt. Er schläft immer mal wieder leicht ein, um passend in strategischen Momenten aufzuwachen und Reeves Aussagen zu unterstreichen. „Ich hab mir im Kampf ständig in die Hose gepinkelt", sagt er während einer Diskussion über Angst im Krieg. „Kann euch gar nicht sagen, wie oft." Und zu der Möglichkeit eines Angriffs des Islamischen Staats in Los Angeles: „Ich sage nur, versucht es doch. Zeigt uns, was ihr draufhabt." Dann schlummert er wieder ein.

Worüber sich Cobb jedoch am meisten ereifern kann, sind nicht feindliche Ausländer, sondern ihr heimisches Pendant, die städtischen Straßengangs. „Immer mehr von diesen Typen verfügen über militärische Hardcore-Erfahrung", meint er. „Die bringen sie mit zurück und bilden ihre Homies aus."

Reeve projiziert das Bild einer Karte an die Wand hinter ihm. Es veranschaulicht die Rassengrenzen einer größeren amerikanischen Stadt: pinkfarbene Bereiche für Weiße, Blau für Afro-Amerikaner, Grün für Asiaten, Braun für Latinos und ein undeutliches Grau für „andere". Die Karte zeigt eine Situation, von der sich die meisten wünschen würden, dass sie längst der Vergangenheit angehörte: extreme Rassentrennung, jede Gemeinschaft in ihrer eigenen, einfarbigen Region.

Reeve fordert uns auf, uns ein WROL-Ereignis vorzustellen. Es könnte in New Orleans sein, wo er im Anschluss an die Hurrikane Ivan und Gustav als Sicherheitsberater tätig war. In New Orleans, so erzählt er uns, starben nach Katrina mehr als 600 Menschen an Schussverletzungen. Ich halte diese Zahl für aus der Luft gegriffen. Als ich Reeve frage, woher diese Zahl stammt, sagt er, sie stamme von einem Polizeibeamten.

Eine Störung, in welcher Form auch immer, verursacht laut Reeve voraussagbare Verhaltensmuster. Die „Kooperationsphase", gekennzeichnet durch nachbarschaftliches Verhalten und gegenseitige Unterstützung nach einer Katastrophe, dauert 24 Stunden. Wir teilen Nahrung, Strom und Wasser, kümmern uns gegenseitig um unsere Kinder. An Tag zwei und drei nimmt die Kooperationsbereitschaft jedoch ab und das Bewusstsein, dass die Ressourcen knapp sind, setzt ein. Es gibt immer noch keinen Strom, die Konserven werden weniger, es gibt keine Notfallmedizin—und alles, was ich dir gebe, fehlt mir. Falls bis Tag drei keine Hilfe eingetroffen ist, folgt der Abstieg in den Tribalismus. „Es sind nur neun Mahlzeiten bis zur Anarchie", sagt Reeve.

In größeren städtischen Gebieten, warnt Reeve, orientiere sich Tribalismus strikt nach Rassen; Gleich und Gleich gesellt sich. Kommt es zu einer WROL-Situation, müssen wir alles tun, um wieder zu unserer Farbe zu gelangen. „Ich will das nicht gutheißen", meint er. „Das ist schlicht die Realität."

Die anderen Seminarteilnehmer und ich—die wir in ethnischer Hinsicht aus den pinkfarbenen Sektoren auf Reeves demografischer Karte stammen—rutschen unruhig auf den Stühlen hin und her. Die Stimmung im Kurs hat gewechselt.

Eine Auswahl von Schlössern samt der Werkzeuge, mit denen man diese knacken kann.

Der Seminarteil mit der Menschenjagd beginnt an Tag drei. Reeve hat uns über den Drohnenangriff und die Möglichkeit zur Flucht informiert. Uns bleibt Zeit bis 16 Uhr nachmittags, um einen sicheren „Ausstiegspunkt" zu erreichen. Die Jäger, unter ihnen möglicherweise Reeve, seine Assistenten und einige ehemalige Seminarteilnehmer, werden uns auflauern. Reeve sagt nicht genau, was mit uns passiert, wenn wir gefangen werden, aber es gibt Andeutungen, wir könnten an einem entlegenen Ort an einen Zaun gekettet oder auch mit einer Elektroschockpistole bearbeitet werden. Was die Sache noch komplizierter macht, sind die WROL-typischen Aufgaben, die uns gestellt werden. Sie reichen vom Knacken eines Schlosses in der Öffentlichkeit bis zum Erbetteln von Geld von einem Fremden. Nach jeder erfolgreich bewältigten Aufgabe können wir Reeve eine SMS schicken und er teilt uns den nächsten Schritt in Richtung Sicherheit mit. (Abgesehen davon dürfen wir unsere Handys unter keinen Umständen verwenden.)

Fürs Erste weiß ich jedoch nur, dass ich in den Norden muss, und gelange in eine bizarre Stadtlandschaft von Los Angeles: zwei zubetonierte Flussarme, in der Mitte durch einen schmalen Inselkeil geteilt, und jenseits davon ein ausladendes, unwirtliches Sumpfgebiet, bewacht von knotigem Queller-Gestrüpp und übersät mit Wildblumen.

Ich spaziere einen abgezäunten Zugangspfad neben einem der Flussläufe entlang, als ich plötzlich innehalte. Ein paar Hundert Meter vor mir, direkt hinter einer von Bäumen verdeckten Biegung, sehe ich den Umriss eines Mannes. Er lehnt lässig an einem Gebäude, den Rücken mir zugewendet. Ich verstecke mich hinter einigen Büschen. Er könnte ein Jäger auf der Lauer sein. Nach einer Weile dreht er sich, zieht ein letztes Mal an seiner Zigarette und begibt sich ins Innere des Gebäudes. Falscher Alarm. Ich komme mir dumm vor, aber ich weiß nicht, wie viele Jäger Reeve engagiert hat oder wo diese positioniert sind. Jeder, den ich hier treffe, könnte ein Feind sein. Ich habe das fast schon existenzielle Bedürfnis zu entkommen, viel mehr noch, als ich erwartet habe. Auch wenn dies ein Spiel ist, wäre ein Versagen unerträglich. Es ist dir nicht bestimmt, frei zu sein.

Ich gehe weiter. Der Boden ist übersät mit Müll, mit kleinen Mörtelstücken, weggeworfenen Metallstangen, Bierdosen, Lebensmittelverpackungen, Kondomen und Drogentütchen.

Am Ende der Halbinsel stoße ich auf eine aufwändig konstruierte Hütte. Irgendjemand hat hier aus Baustahl, Fahrradrahmen, Pappkartons und Einkaufswagen eine Unterkunft gebaut, mit einem Dach aus blauen Nylonplanen. Darauf ragt eine Fernsehantenne hervor und ich kann das Brummen eines benzinbetriebenen Generators hören: Es gibt Strom. Zwei Chihuahuas stürzen heraus, als sie mich kommen hören. Ich gebe ein freundliches Schnalzen von mir, bis die Frau vom Entwässerungsstollen erscheint, gefolgt von einem misstrauisch aussehenden männlichen Partner. Sie erklären mir, wie ich durch den Sumpf komme, und ich danke ihnen und gehe.

Ich erreiche den Starbucks gegen Mittag, mit wunden Füßen, und ziemlich matt in der Birne von dem ganzen Rumschleichen in Seitenstraßen und Hinterhöfen, um den Jägern nicht in die Hände zu fallen. Ich bin getarnt: blaue Surfshorts, ein ärmelloses Basketballtrikot, eine rote Baseballkappe schief auf dem Kopf und Flipflops, alles Klamotten, die ich am Abend vorher in einem Second-Hand-Laden gekauft habe. Reeve hat uns angewiesen, ein paar grundlegende Dinge—die Klamotten, zusätzliche Metallkeile, mein Set zum Schlösserknacken und etwas Wasser—entlang des voraussichtlichen Fluchtwegs zu „verstecken". (Reeve selbst hat eigene Verstecke, mit Waffen und anderen Vorräten, in seinem Haus in St. George und in der Nähe angelegt. „Es macht Spaß, ein gutes Versteck zu finden. Obdachlose machen das jeden Tag."). Als ich aus dem Sumpf auftauche, hole ich schnell meine Sachen, die ich am Abend zuvor hinter einigen großen Büschen verstaut habe.

Wie Reeve während des Unterrichts erklärt hat, besitzen die Jäger Handyfotos ihrer Opfer. Je besser es uns gelingt, unser Äußeres zu verändern, desto größer sind unsere Chancen, dass wir nicht erneut gefangen werden. Er ließ sich ausführlich über die „Baseline" einer Umgebung aus. „Damit sind die ganz speziellen Geräusche, Aktivitäten und das Tempo eines Umfelds gemeint", sagte er. „Solange ihr die Baseline trefft, seid ihr unsichtbar." Die Jäger, so Reeve im Unterricht, hätten verschiedene Verkleidungskonzepte, von denen mir das des „grauen Mannes" am besten gefiel. Durchschnittsgröße, Durchschnittskleidung, Durchschnittsverhalten—der graue Mann ist völlig gewöhnlich und damit unsichtbar. „Niemand von euch hat je einen grauen Mann gesehen", sagte er. „Wenn ihr ihn gesehen habt, dann war er nicht grau." Reeve sagte, ich hätte die Voraussetzungen eines grauen Mannes. „Du hast eine sehr zurückgenommene, gedämpfte Energie." Das war als Kompliment gedacht (glaube ich).

Ich hocke zusammen mit dem Experten für Visual Effects und dem Typen von dem Luftfahrtunternehmen hinter dem Müllcontainer eines Restaurants gegenüber vom Café. Wir sollen einen „Partisanen" treffen, der uns wichtige Informationen geben wird. Reeve hat uns einen Codesatz genannt, „Ganz schön kaltes Wetter, oder?", auf den der Partisane mit: „Nicht für den Winter" antworten wird. (Randnotiz: Es ist es über 30 Grad warm.) Das Alberne an diesem Szenario stört mich ein bisschen. Ein wichtiger Bestandteil der Entführung besteht zumindest für mich darin, einen hohen Stresspegel zu erzeugen, ein Gefühl echter Angst und echter Schwierigkeiten. Um dies zu erreichen, muss ich meine Skepsis unterdrücken und das erfundene Szenario als echt akzeptieren. Diese Vorstellung aufrechtzuerhalten wird zur echten Herausforderung, wenn ich einem Fremden in der Niederlassung einer bekannten Kaffeehauskette unsinniges Zeug zurufen soll.

Ein gewitzter Jäger, so denken wir, würde an diesem Ort warten—sie wissen, was unser Ziel ist—und uns einfach schnappen, sobald wir eintreffen. Ich biete mich an, allein hineinzugehen. Auf diese Weise wird nur einer von uns gefasst, sollte die Gefahr real sein.

„Gebt mir 20 Minuten", sage ich. „Falls ich nicht zurückkomme, geht davon aus, dass sie mich geschnappt haben. "

Über den Partisanen weiß ich lediglich, dass er ein Mann mit einem schwarzen Hut ist. Wie sich zeigt, tragen alle Mitarbeiter in diesem Starbucks eine solche Kopfbedeckung, ebenso wie ein oder zwei der aufstrebenden Drehbuchautoren, die vor ihren Laptops hocken und an einem Frappuccino nuckeln. Ich versuche es bei einem der Baristas.

„Kaltes Wetter, nicht?" Er gibt keine Antwort und starrt mich nur an. Ich versuche es erneut, dieses Mal in genauem Wortlaut. Wieder nur Starren. Der falsche Typ.

Ich trete zurück und bemerke einen jungen Mann mit einem leichten Bauchansatz und Glupschaugen an einem der Tische, der mich anfeixt. Er trägt eine marineblaue Baseballkappe. Der Partisan. Mit der falschen Kopfbedeckung.

„Es sollte dich verunsichern. Ich wollte sehen, wie du reagierst", sagt er. Ich reagiere irritiert. Ich bitte um einen Schluck von seinem Eiswasser. Er sagt mir, ich müsse eine „sozialtechnische" Aufgabe im Café absolvieren. Das hat Reeve mit uns abgesprochen. Bei jeder Flucht ist es ihm zufolge notwendig, Dritte davon zu überzeugen, einem zu helfen, oft gegen deren eigene Interessen. Der Test, den sich der Partisan für mich ausgedacht hat, erreicht jedoch lediglich, dass ich erneut innerlich aussteige. Überzeuge jemanden, dir den Code fürs Klo zu verraten. Ein freundlicher—anderer—Barista verrät ihn mir. Ich geh pinkeln und kehre zum Partisanen zurück.

Er fragt mich, ob ich wüsste, was mit den anderen beiden Teilnehmern sei, und ich beschließe, eine eigene sozialtechnische Maßnahme durchzuführen. Ich erzähle, ein Mann habe sich auf der Flucht den Knöchel verletzt und würde an einem „sicheren Ort" in der Nähe warten. Ob der Partisan uns helfen und das Geld für den Bus vorstrecken könnte? Er lehnt ab, ein wenig verärgert über die Bitte, aber er scheint besorgt.

„Ich sage Kevin Bescheid", sagt er. „Er wird ihn holen kommen."

„Nicht nötig", sage ich, vielleicht etwas zu aggressiv. „Ich habe gelogen. Ich wollte nur sehen, ob du mir etwas geben würdest."

Ich stehe auf und gehe.

Der Ausstiegspunkt erweist sich als Pizzaladen mit roten Tischdecken an der Promenade in Santa Monica. Ich treffe ebenso wie die anderen Teilnehmer am späten Nachmittag ein, nachdem wir Schlösser geknackt, Fremde angebettelt, uns falsche Ausweise besorgt, viele Kilometer hinter uns gebracht und weitere dümmliche Codesätze von uns gegeben haben. (F: „Was ist der Nektar der Götter?" A: „Mountain Dew.")

Niemand wurde gefasst, was mich persönlich erleichtert und zugleich ein wenig enttäuscht. Reeve hält eine kurze, von Pizza und Bier begleitete Nachbesprechung ab, zusammen mit Cobb und den beiden Jägern dieses Tages. Bryce, der Jüngere der Vernehmer im Lieferwagen—Cobb war der andere—ist ehemaliger Marine und Irakveteran. Er sagt mir, ich hätte mich im Lieferwagen zu streitlustig verhalten. Rafael, der andere Jäger, war außerdem der Partisane. Wir rekapitulieren die Szene im Starbucks und er behauptet, er habe meine List durchschaut. „Er hat sich sozialtechnisch an mir versucht", erzählt er den anderen mit einem leisen Lachen. „Hat nicht funktioniert."

Die Anstrengungen des Tages machen sich bemerkbar. Ich bin erschöpft, körperlich und geistig. Gleichzeitig bin ich immer noch nervös und total aufgekratzt, sondiere sorgfältig den Raum und halte Ausschau nach Einstiegs- und Ausstiegspunkten. Später am Abend, in meinem Hotel, laufe ich umher, bearbeite meine Handschellen und versuche, meine Methode im Schlösserknacken zu perfektionieren.

Bryce, einer der Vernehmer. Er ist der, der Arabisch spricht.

Am nächsten Morgen, dem 11. September, einem noch immer sehr düsteren Tag, um sich an einem Flughafen aufzuhalten, fliege ich nach Hause. Ich fühle mich mit meinen Handschellen und dem Zubehör zum Schlösserknacken im Gepäck ein wenig unwohl an den Kontrollen. Aber alles läuft glatt. Ich reihe mich in die Schlangen der Leute ein, die auf den Körperscan zutrotten. Ich bin ruhig, aber wachsam, ein wenig unter Adrenalin. Ich gehe—langsam und gleichmäßig—an einem der Sicherheitsmitarbeiter vorbei. Es ist mir gelungen, in meinen Socken versteckt zwei Metallspangen einzuschmuggeln, fest in meine Fußballen gepresst. Ich rechne nicht damit, dass mir mitten im Flug Handschellen angelegt werden. Aber wer weiß. Wenn etwas passiert, muss ich mir selbst helfen können.