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Am Set mit Bonnie Rotten

Nachdem ich mich bei Punkte-Küche mit Bonnie über ihren Beruf unterhalten habe, konnte ich es mir nicht nehmen lassen, sie zur Arbeit zu begleiten.

von Till Rippmann
10 Juli 2014, 9:33am

Alle Fotos von Nadja Stäubli

Nachdem ich ein mehr oder minder sinnliches Dinner mit dem Menschen hinter dem Pornostar Bonnie Rotten erleben durfte, war es der logische nächste Schritt, mir live ein Bild von der Realität der Porno-Welt zu machen—und zwar abseits von gefälligen 5-Minuten-Clips und ohne die bequeme Funktion des kleinen roten X am oberen Bildrand. Das ist mein Bericht vom Abend im Pornokino, als gleichzeitig ein Porno lief und ein Porno gedreht wurde.

Wir kommen um 20:30 Uhr in der Lobby des Hotels „Regina" an. Das Stunden-Hotel ist die pulsierende Prostata der Langstrasse. Kaum eingetreten werden wir von einer Herrenrunde mittleren Alters mit „Ah, ihr seid von VICE!" begrüsst.

Die fünf Typen bilden den Anabolika-Kreis des Lebens. Von einer mutierten Johnny Bravo-Karikatur bis zur fast aus dem T-Shirt platzenden Presswurst, ist alles dabei. Wir finden bald heraus, dass diese Leute selbst im Pornogeschäft und die Freunde des Produktionsleiters sind.

Eine gute Stunde später werden wir endlich zur Maske in Bonnies Hotelzimmer vorgelassen. Bonnie wird geschminkt und geht alle paar Minuten aufs Klo—Analspülen. Mir wird erklärt, dass ein Analkanal erst dann richtig sauber ist, wenn man einen Finger reinstecken kann und eine gallertartige Flüssigkeit daran hängen bleibt. „Ass-jelly" heisst das Zeug im Fachjargon.

Eine weitere Stunde später versammeln wir uns im Kino Roland. Dort treffen wir auch den Rainer vom Kult-Magazin. Erst werden ein paar Aussenaufnahmen gemacht, was für uns eher langweilig ist. Ich geh im Laden gegenüber ein paar Bier holen.

Ich erzähle Rainer wie der Kameramann und der Produktionsleiter beim Location-Scouting am Tag davor auf zwei alte Männer mit Bierbauch und Bart gestossen sind, die sich in der ersten Sitzreihe gegenseitig einen runtergeholt haben. Sie sollen die Augen dabei geschlossen gehabt haben, was durchaus nachvollziehbar ist.

Nach den ersten zwei Bier und der verzweifelten Suche nach einem Klo werden wir in den Kinosaal gesetzt. Die Sitze dort sehen aus, als hätte ein Jungeninternat den Auftrag bekommen, die ganzen Polster mit Wichse zu bemalen. Im Saal herrscht tropisches Klima.

Irgendwann wird mein Schweiss durch mein Hemd dringen und die Spermien reanimieren. Ich bekomme panisches Herzklopfen bei diesem Gedanken und stelle mir vor, wie ich mein Hemd und meine Hosen hinterher verbrenne. Wenigstens haben wir das Klo gefunden.

Es ist unter der Leinwand—das hätten wir ahnen können. Rainer und ich setzen uns hin. Wir sind jetzt Statisten, das ist uns ziemlich egal.

Bonnie kommt auf Rollschuhen (der Film heisst „Rollergirl"!) reingerollt, schaut sich um und setzt sich in die erste Reihe. Sie fingert sich zu ihrem eigenen Film, wie es im Drehbuch vorgesehen ist.

Dann tritt Mike Angelo, der männliche Darsteller, auf den Plan. Er greift ihr von hinten an die Brüste und schiebt ihr irgendwas in den Mund.

Rainer meint, das muss schon sein Penis sein. Ich glaube, es sei erst mal seine Faust. Jedenfalls beginnt nun die Soundkulisse, die den Rest des Drehs dominiert: Eine würgende Bonnie, die klingt wie ein wütender Donald Duck.

Die Dialoge sind schwer verständlich, weil sie in einer Art Esperanto gehalten sind: Viel Französisch (Wortwitz, haha.) vermengt mit Englisch, Deutsch und Tschechisch. Es klingt, als würde Mike Bonnie ausrauben oder verprügeln wollen. Bonnie antwortet mit Würgen.

In Nullkommanichts sind beide nackt und der Hauptteil der Szene beginnt. Eigentlich müsste ich jetzt mal einen Ständer bekommen, aber das passiert wider Erwarten nicht.

Wir hören den Ton von zwei Filmen, die parallel laufen, wir sehen wie Bonnie Rotten auf Grossleinwand massiv gevögelt wird und wie Bonnie Rotten in der ersten Sitzreihe massiv gevögelt wird. Es gibt also auch beim Porno ein „zu viel" (oder zu meta). Meine fehlende Erregung hilft immerhin dabei, die Mechanik der Situation nicht aus dem Blick zu verlieren.

Ich sehe Beine, Arme, sowie ab und an einen Kopf, Arsch oder Penis, die aus der Sesselformation in die Höhe ragen. Alle drei Minuten spritzt ein Strahl „Squirt" in die Luft.

Das hat was von einem Springbrunnen inmitten eines Friedhofs aus verwichsten Kinosesseln. Einmal bekommt Mike den ganzen Strahl ins Gesicht, was an eine Duschszene aus der Werbung erinnert.

Bonnie schreit, er grunzt und sagt gemeine Sachen. Sportliche Höchstleistungen liefern beide.

Die schiere Menge an Flüssigkeit, die im Dreiminutentakt aus Bonnie austritt, finde ich für sich schon beeindruckend. Sie ist ein Wasserkatalysator; nach jedem Spritzen trinkt sie ein paar Schlucke in tiefen Zügen, bevor sie wieder loslegt.

Mir wurde am Vorabend erklärt, dass eine Frau so lange squirten kann bis sie dehydriert. Der Produzent steht mit einer Wasserflasche neben dem Kameramann.

Es gibt an und für sich keine Steigerungsmomente mehr: Sie haben Vollkontaktsex, jemand spritzt nach ein paar Minuten ab (meistens Bonnie), dann gibt es einen Moment Drehpause, welche die beiden nutzen, um neu Stellung zu beziehen.

Das ist nicht wirklich Sex, sondern Profi-Sport. Ich empfinde tiefen Respekt für die erbrachte Leistung, wie jeweils im Zirkus.

Beide Darsteller wirken zufrieden bei der Arbeit, reissen Witze und haben ausserhalb der Drehmomente ein nahezu zärtliches Verhältnis zueinander, obwohl sie sich erst vor einer Stunde kennengelernt haben.

Nach dem ersten Schnitt machen sich die meisten anderen Pressevertreter aus dem Staub. Ich bleibe, da ich dieses Pornoerlebnis nicht einfach ausblenden will. Heute will ich die Illusion überwinden. Während der dritten Szene muss sich Bonnie dreimal übergeben.

Das liegt wohl daran, dass sie dauernd Wasser trinkt und dann wieder eine kleine Anakonda an die Gurgel geschoben bekommt. Das würde jedem ähnlich ergehen.

Direkt nach dem Dreh kommt Bonnie lächelnd zu mir und bietet mir eine Umarmung an. Sie ist von oben bis unten voll mit diversen Flüssigkeiten. Ich lehne eine nackte Umarmung mit der momentan gefragtesten Pornodarstellerin der Welt ab—das hätte ich bisher nicht für möglich gehalten. Nach dem Dreh gehen wir noch zusammen aus, in die Zukunft.

Es ist, als hätte ich alle Cup-Schalen im Arm: Jeder sagt mir nett „Hallo" und will ein bisschen quatschen. Vor allem Männer, versteht sich.

Bonnie ist derweil die beste Begleitung, die man sich wünschen kann: Sie tanzt, singt alle Notorious BIG Songs mit—fehlerfrei—trinkt wie ein Holzfäller, lässt andauernd lustige Sprüche vom Stapel und ja, sieht aus wie die AVN Performerin des Jahres.

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