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Die längste Wahl der Welt

Die Präsidentschaftswahl sollte den Linken eine Lehre sein

Linkswähler sollten sich die Frage stellen, warum die FPÖ so viele Stimmen bekommt und endlich ihre Blase verlassen.

von Bence Jünnemann
25 April 2016, 4:30pm

Bereits kurz nach der ersten Hochrechnung der Bundespräsidentenwahl ging meine Facebook-Timeline vor Reaktionen über. Schock und Überraschung prägten das Gesamtbild. Die einen kündigten an, auswandern zu wollen, die anderen sprachen von einem Horrorszenario und einer Schande für das gesamte Land. Positive Reaktionen? Fehlanzeige. Aber auch nicht weiter verwunderlich. Ich kenne nur sehr wenige Menschen, die die FPÖ wählen.

Dass in meinem Bekanntenkreis die Überraschung über den Erdrutschsieg Hofers so hoch war, ist ganz klar ein Blasenphänomen. Ich bin im 18. Bezirk aufgewachsen, maturierte auf einem Gymnasium und fing gleich anschließend mein Studium an. Seit meiner Kindheit lebe in einer Blase aus Studenten und Akademikern. Wie auch ich wohnen sie im Westen Wiens—manche noch immer bei den wohlhabenden Eltern am Stadtrand, andere hat die Gentrifizierung in neumodischere Stadtteile gezogen.

Wir leben in unserer feinen Welt, bestehend aus Bio-Produkten, Soya-Chai-Lattes und Stofftascherln und vergessen dabei, dass es auch noch ein Leben außerhalb unserer Blase gibt. Wir merken nicht, was in den anderen Teilen der Gesellschaft passiert. Dort braut sich nämlich ein Sturm zusammen, der seit Jahren immer mehr Auswirkungen zeigt und schlussendlich bei der Nationalratswahl 2018 mit seiner ganzen Wucht zuschlagen könnte.

Vermutlich sollte jeder, der sich als Teil der besagten Blase angesprochen fühlt, hin und wieder einen Ausflug nach Liesing, Favoriten, Floridsdorf oder auch in ländliche Gebiete wagen, um verstehen zu lernen, wie unsere Gesellschaft wirklich tickt. Um zu verstehen, dass nicht alles so gut läuft wie in unserer kleinen, armseligen Blase. Dass es auch Menschen gibt, die mit ihrem Leben, ihrem Job, ihrem sozialen Status höchst unzufrieden sind und hierfür Sündenböcke und Lösungen suchen. Die FPÖ meint, ihnen diese bieten zu können.

Auch viele Meinungsmacher dieses Landes sind in genau dieser Blase gefangen; allem voran unsere Journalisten und Politiker. Deshalb kommen sie auch nicht damit klar, wenn eine Berühmtheit, die eine andere politische Meinung vertritt, die Öffentlichkeit mobilisieren will. Am Besten zeigen das die Reaktionen auf das Posting Felix Baumgartners, in der er eine klare Wahlempfehlung für Norbert Hofer abgab. Die meisten Blasenbewohner reagierten auf dieses Posting mit Häme: Sie beschimpften den Extremsportler und machten sich über seine Rechtschreibfehler lustig. Doch genau solche Reaktionen treibt die Wählerschaft der FPÖ noch enger zusammen.

Dass wir die Klugen sind und alle FPÖ-Wähler dumm, ist in gehobenen Kreisen eine weit verbreitete Meinung. "Ich hätte mir nicht gedacht, dass es so viele dumme Menschen in Österreich gibt", meinte eine Wahlhelferin Van der Bellens in einem TV-Interview schockiert. Wenn ich mir nach jeder Wahl von Dutzenden Menschen anhören müsste, wie dumm ich bin, würde ich meine Meinung erst recht nicht ändern wollen. So geht es vermutlich auch vielen FPÖ-Sympathisanten.

Natürlich haben die 1,3 Millionen Menschen, die am Wahlsonntag Norbert Hofer gewählt haben, einen Grund für ihre Entscheidung gehabt. Sie kommen nicht sturzbesoffen in die Wahlkabine getorkelt und machen das Kreuz neben dem nächstbesten Kandidaten. Sie haben eine Meinung und sind von ihrer Meinung überzeugt. So lange sich niemand für diese Meinung interessiert und inhaltlich auf diese eingeht, wird sich die Situation auch kein bisschen ändern.

Wir alle—und allen voran unsere Politiker—sollten von unseren hohen Rössern steigen. Die Überheblichkeit der Oberschicht ist ein großer Teil des Problems. Wir sollten vermehrt über den Tellerrand schauen und uns jenen Dingen widmen, die Menschen außerhalb unserer Blase bei der politischen Entscheidungsfindung antreiben. Egal, ob das Frust, Enttäuschung oder Angst (oder eine Mischung aus allen diesen Gründen) ist. Je ernster wir einander nehmen, umso weniger müssten wir von den Meinungen und Wahlentscheidungen der anderen schockiert sein. Und mehr noch: Vielleicht würden sich diese dadurch sogar verändern.

Bence auf Twitter: @BenceJuennemann

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