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„Welcome to SVP“ ist zum Kotzen genial

Mit ihrem neuen Song will die SVP mit Selbstironie und Selbstgefälligkeit die Schweiz retten.

von Daniel Kissling
11 September 2015, 5:30am

Bild von Welcome to SVP

Es mag an Shots und Bier liegen, die ich gestern gekippt habe, aber: Nachdem ich mir den neuen SVP-Song inklusive Hochglanz-Video ein halbes dutzendmal in Folge reingezogen habe, ist mir schlecht. Und zwar so richtig. Nicht nur, weil er alle Klischees und Attribute des patriotischen Bünzlitums in einer 3-Minuten-Mallorca-Party-Nummer vereinigt. Sondern weil er auf eine perverse, bei Menschen, die noch an den Fortschritt und das Gute glauben, eben Übelkeit erzeugende Weise genial ist.

Aber der Reihe nach. Zuerst einmal muss ich anmerken: Ich hatte recht. 14 Stunden vor Release hatte ich in einem Artikel (in diesem Artikel) vorhergesagt, dass sich die Schweizerische Volkspartei an „Welcome to St. Tropez" von DJ Antoine vergehen und die an sich schon platte EDM-Hymne noch einmal auf ein tieferes Niveau führen würde. Und tatsächlich haben sie einen gewissen DJ Tommy (Zitat Homepage: „Ich gehöre nicht zu den DJs, die sich strikt und stur an immer neue Etnotrends halten") noch die letzte Seele aus dem Song producen lassen.

Nun denn, schauen wir uns den neusten—ich geb es nicht gerne zu—Geniestreich aus der Küche der SVP-Chefwerber genauer an:

Irren ist menschlich

Das Bildmaterial ist die kleinste Überraschung am Ganzen. Die neun Teaser-Clips haben den Inhalt eigentlich schon vorneweg genommen: Partei-Papa Schlumpf Blocher stutzt seinen Rasen mit der Nagelschere, macht einen Köpfler in den Pool mit Ausblick auf den Zürichsee, hisst die Schweizer Flagge. Danach liest Köppel auf dem Klo die WOZ, Nathalie Rickli schaut verhasstes Staatsfernsehen, Thomas Matter wäscht wortwörtlich Geld und Ueli Maurer fährt ein Gripen-Modell mit dem Velo spazieren.

Foto von Welcome to SVP

„Ou mir sind nöd perfekt / Fähler sind öppis, wo de Zämehalt weckt", singt der Rapper in Bündner Dialekt, während Mörgeli ein Skelett-Imitat mit dem Staubwedel streichelt. Ob man das nun als Schuldeingeständnis—man erinnere sich an Doktor M.'s vernachlässigte, medizin-historische Sammlung, die Alibi-Doktorarbeiten—werten will oder nicht, es suggeriert: Wir sind auch alles nur Menschen, Menschen wie du und ich und wenn du auch mal was vergeigst, wir haben dich trotzdem lieb (nicht so wie die pingeligen, linken Gutmenschen).

Oder anders interpretiert, auch wenn es nicht so detailliert ausgeprochen wird: Auch wenn du mal mit 80 innerorts fährst oder vergisst, dein drittes Konto bei den Steuern anzugeben oder dir ab und zu mal die Hand gegenüber deiner Frau ausrutscht: Du gehörst trotzdem zu uns. Aber natürlich nur, wenn du einen Schweizer Pass hast, denn ansonsten gehörst du dorthin, wo du herkommst und zwar egal ob du dort an die Wand gestellt wirst. Ausschaffungs-Initiative und Asyl-Moratorium olé!

Feiern ist menschlich

Und dazwischen, während dem Refrain: die Retter der Eidgenossenschaft, arschcool wie die Men in Black, stehen stramm mit Sonnenbrille und helvetisch roter Krawatte, und werden umtanzt von gelenkigen Mädchen und Party-Lichtern. Die Verteidiger der Freiheit, witzig und entschlossen zugleich („Politik esch ärnscht, aber höt nämme mer's chlii easy"), angefeuert von dauergrinsenden Tänzerinnen, die ihr Bein über den Kopf schwingen können und damit bei jedem Youporn-User für glänzende Augen sorgen.

Foto von Welcome to SVP

DJ Antoine bzw. der russische Rapper Timati machen in ihrem Original einen auf dicke Hose, feiern die Dekadenz und sich selber als die unschlagbaren Meister darin. Unter den Bügelfalten der SVP-Herrschaften zeichnet es sich nicht weniger mächtig ab. Der Unterschied: „Wir haben etwas geleistet und jetzt dürfen wir es auch einmal geniessen", sagen sie oder im O-Ton: „Weisch dörfsch ou mol lache, wenn's ganze Johr debi besch."

„Welcome to SVP" ist in Songform das, was für den fleissigen Bürger die Chilbi oder die Fasnacht, ein paar Tage verdientes Gaudi nach Monaten der Pflichterfüllung. Und das haben wir Schweizer uns verdient, denn wir sind „fliisig, pönktlech ond händ es Land erschaffe / Demokratie esch eusi Waffe". Die Waffe gegen wen? Wer sind „si", die sagen, „mir sind gnau en Schoggi und Uhre"?

Feindbilder sind menschlich

Ein konkretes Feindbild sparen Tony, Roger und Christoph (wahrscheinlich) bewusst aus. Das braucht es auch nicht, die Bösewichte sind eh schon klar: Die miesepetrigen Linken, die immer nur auf unsere Makel zeigen, anstatt sich über unser „Paradies uf Ärde" zu freuen. Und die anti-demokratische EU und die anti-demokratischen Islamisten oder was auch immer.

Genau das ist die versteckte Genialität, welche man der SVP, ob man will oder nicht, zum Release von „Welcome to SVP" neben der perfekt ausgeführten Werbe-Kampagne attestieren muss: Kaschiert von glatt poliertem YOLO-EDM-Gedöns, durchaus sympathischer Selbstironie und einem gut gelaunten Patriotismus, wie man ihn von Fussball-Weltmeisterschaften kennt,schaffen es die notorischen Angstmacher, implizit eine Bedrohung an die Wand zu malen. Unser Land ist toll und schön und wir müssen es bewahren und beschützen.

„Hey, du bisch eusi Schwiiz / liebet dich genau wie d'besch", singt der Girlie-Chor im Refrain und meint damit natürlich nicht nur die holde Helvetia. Gemeint bist auch du und ich. Wir sind Teil dieses tollen Projekts und es ist unsere Pflicht, dafür einzustehen: „D'Schwiiz i dine Händ, muesch Verantwortig träge."

Ja, es liegt an dir und mir. Es liegt an dir und mir, ob wir diese, „eusi Schwiiz", diese vermeidliche Idylle aus gut gelaunten, narzisstischen, den Rasen Millimeter genau trimmenden Bünzlis behalten werden oder nicht. Es liegt an dir und mir, ob selbstgerechter Patriotismus, unbegründete Angst vor Veränderung und die bequeme Ablehnung von Neuem gepaart mit Brechreiz hervorrufendem Eimer-Sangria-Sound und einer handvoll Schenkelklopfern am 18. Oktober gewinnen wird.

Tipps gegen Brechreiz nimmt Daniel auf Twitter entgegen: @kissi_dk

Vice Schweiz auf Twitter: @ViceSwitzerland


Titelbild zur Verfügung gestellt von Welcome to SVP

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