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In den engen Höhlen, wo die neue Spezies prähistorischer Menschen gefunden wurde

Dr. Marina Elliott ist quasi die echte Lara Croft, denn die Wissenschaftlerin hat sich durch winzige Felsspalten gezwängt, um schließlich einen neuen Vorfahren des Menschen zu entdecken.

von Julie Chadwick
17 September 2015, 7:05am

Lee Bergers Tochter Megan war als Klettersicherung bei der Expedition dabei. Foto: Robert Clark / National Geographic

Dr. Marina Elliott hatte keine Ahnung, welches Abenteuer ihr bevorstehen würde, als sie sich dafür entschied, auf einen Facebook-Post zu antworten, in dem Leute mit ausgezeichneten archäologischen Ausgrabungs-Fähigkeiten gesucht wurden. In dem Eintrag vom Herbst 2013 wurde zwar kein genauer Ort angegeben, aber es hieß, dass die Bewerber „dünn und am besten auch klein" sein müssen. Elliotts Neugier war geweckt. Geschrieben wurde der Post von Lee Berger, einem Paläoanthropologen der Witwatersrand-Universität von Johannesburg.

Nachdem sie nochmals von ihrem Vorgesetzten an der Universität ermutigt worden war, antwortete Elliott auf die Anfrage und führte mit Berger dann auch ein Skype-Gespräch. Drei Wochen später war sie unterwegs nach Südafrika.

Aus 60 geeigneten Bewerbern aus der ganzen Welt stellte sich Berger ein Team von sechs Frauen zusammen. Neben der Kanadierin Elliott, die gerade erst ihren Doktor in biologischer Anthropologie gemacht hatte, waren da noch vier Amerikanerinnen (Hannah Morris, Alia Gurto, K. Lindsay Hunter, Becca Peixotto) sowie die Australierin Elen Feuerriegel.

Und ja, alle diese Frauen waren in der Tat zierlich und damit perfekt geeignet für die vor ihnen liegende Aufgabe: das Durchsuchen einer Reihe von Höhlen innerhalb der Rising Star Cave. Dort gibt es auch eine besonders enge Stelle, die nur 18 Zentimeter breit ist.

Was das Team allerdings noch nicht wusste, war die Tatsache, dass ihnen die bahnbrechende Entdeckung des Homo naledi bevorstand, einer ganz neuen Spezies mit uns verwandter Kreaturen. Dieser Fund sollte sich dazu auch noch als ungewöhnlich ergiebig herausstellen, denn es handelt sich dabei um die bis dato größte Menge an prähistorischen Hominin-Fossilien, die in ganz Afrika bei einer einzigen Ausgrabung entdeckt wurden. In der Oktober-Ausgabe von National Geographic wird ebenfalls über die Aufsehen erregende Entdeckung berichtet.

Marina Elliott in der südafrikanischen Höhle | Foto: bereitgestellt von Marina Elliott

„Ich glaube, dass sich alle Teilnehmer des Projekts bei sich zu Hause unter irgendwelche Möbel gequetscht haben, um zu sehen, ob sie durch eine 18 Zentimeter breite Lücke passen", erzählte mir Elliott lachend.

Mit 46 Jahren war sie eine der erfahrensten Höhlenkletterinnen des Teams und genau dieser Umstand hat Berger wohl auch dazu gebracht, Elliott darum zu bitten, die erste Crew anzuführen und in die 25 Meter unter der Erdoberfläche liegende Höhle zu bringen.

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Anfang November versammelte sich ein Unterstützerteam von mehr als 50 Wissenschaftlern, Höhlenkletterern und anderen Experten an der Ausgrabungsstätte, die sich ungefähr 50 Kilometer nordwestlich von Johannesburg befindet und in einem größeren UNESCO-Welterbe-Gebiet liegt, das wegen der vielen dort gefundenen menschlichen Fossilien als die „Wiege der Menschheit" bezeichnet wird.

Alle Informationen, die vor dem ersten Abstieg verfügbar waren, wurden mithilfe der Berichte und Fotos der Höhlenforscher Rick Hunter und Steve Tucker zusammengetragen, die die erste Entdeckung gemacht hatten.

Berger, der bereits 2008 durch seinen Fund des homininen Australopithecus sediba in der nahegelegenen Malapa-Höhle Bekanntheit erlangte, hatte die Vermutung, dass das Rising-Star-Höhlensystem vielleicht noch weitere Überreste eines anderen bis dato unbekannten Verwandten des Menschen enthalten könnte.

Eine Zusammenstellung der Überreste des Homo naledi, umgeben von Hunderten anderen gefundenen Fossilien | Foto: Robert Clark / National Geographic; bereitgestellt von Lee Berger, Wits und fotografiert im Evolutionary Studies Institute

Um das herausfinden zu können, war das von Berger zusammengestellte Team essentiell. Ausgestattet mit blauen Overalls und Helmen, wurden die Frauen liebevoll auch als die „Höhlen-Astronautinnen" bezeichnet.

„In der Höhle wurden in der Vergangenheit nie prähistorische Fossilien gefunden und deshalb ging man auch davon aus, dass das Ganze eine Art Bergungsaktion für nur ein Skelett wäre", meinte Elliott.

„Wir dachte alle, dass es sich hier um eine einmalige Expedition handeln würde—also einfach reingehen, die Knochen bergen und fertig. Ich glaube nicht, dass irgendjemand erwartet hätte, dass sich dieses Projekt so entwickelt", fügte sie hinzu. „Aber dann wurde da einfach so viel mehr draus."

Von Anfang an wurden alle Beteiligten über die gefährlichen Bedingungen in der Höhle aufgeklärt. Falls es zu einer Verletzung kommen sollte—selbst nur ein verstauchter Knöchel—, dann könnte sich die Rettung extrem schwierig gestalten.

„Der Weg von der Oberfläche zur Ausgrabungsstätte war körperlich extrem anstrengend und eine echte Herausforderung. Dazu kam dann noch die Tatsache, dass es dort unten stockdunkel ist. Wenn man also ein technisches Problem hat und die Lichter ausgehen, dann steckt man quasi ... mitten im Nirgendwo fest", erklärte Elliott. „Man braucht wirklich beide Hände, beide Beine und alle geistigen Fähigkeiten, um da drin zurechtzukommen."

Nur minimal mit CO2-Anzeigegeräten, Lichtern, Ausgrabungswerkzeugen und Gurten ausgestattet, machten sich Elliott und zwei weitere Teammitglieder dazu bereit, die Höhle zu betreten.

Zu den schwierigeren Abschnitten gehörten auch ein Engpass mit dem Namen „Superman-Krabbler" oder eine zerklüftete, fast vertikal verlaufende Passage, die man „Drachenrücken" getauft hatte.

„Das Ganze befindet sich in einem Bereich, den wir als ,Rutsche' bezeichnen. Dabei handelt es sich um einen 12 Meter tiefen Spalt in den Felsen. Eigentlich ist das eher nur ein langer Riss und deswegen muss man dort auch in der Lage sein, sich durch eine Lücke von nur 18 Zentimeter Breite zu quetschen. Man hat zwar links und rechts ein wenig Platz, aber direkt vor deiner Nase und an deinem Rücken befindet sich das Gestein", erzählte Elliott. „Nach unten zu schauen ist nicht wirklich möglich, weil man ja seinen Kopf kaum bewegen kann. Man muss sich da mehr auf sein Gefühl verlassen."

Die Rutsche war der letzte Abschnitt, den Elliott durchqueren musste, bevor sie schließlich am Zielort ankam: Dinadeli, auch die Kammer der Sterne genannt.

Die „Höhlen-Astronautinnen" Marina Elliott, Becca Peixotto und Hannah Morris arbeiten in der Höhle, wo die Fossilien des Homo naledi gefunden wurden. Foto: Garrreth Bird

„Ich habe einen Faible für Geschichte und ich liebe die Schriften aus dem Zeitalter der Entdeckungen. Als ich mich durch das enge Höhlensystem arbeitete und endlich wusste, dass ich gleich die eigentliche Ausgrabungskammer betreten würde, dachte ich mir: ‚So muss sich Howard Carter gefühlt haben, als er das Grab Tutanchamuns geöffnet hat.' Denn in seinen Erzählungen sind auch Zeichnungen enthalten, auf denen man im Hintergrund einen Mann sieht, der Carter fragte, was er sehen würde. Darauf antwortete der Entdecker, dass er wundersame Dinge sehen könne", erzählte Elliott.

Beim Betreten der Kammer sah sich die Wissenschaftlerin im Licht ihrer Kopflampe um. Dabei erblickte sie die ganzen auf dem Boden verteilten Knochenstücke.

„Ich dachte mir nur: ‚Oh wow, was ist denn hier los? Das habe ich ja so gar nicht erwartet. Das wird jetzt 'ne richtig verrückte Nummer.' In mir kam eine Mischung aus Heiterkeit und ein wenig Angst hoch. So nach dem Motto ‚Mann, Leute! Ich glaube, ihr habt keine Ahnung, auf was ihr euch da eingelassen habt'", meinte sie lachend.

Das Team begann damit, die riesigen Mengen an Material zu bergen—täglich 50 bis 80 Fragmente. Eine solche Fülle finden manche Archäologen laut Elliott oft nicht mal im Laufe eines ganzen Jahrzehnts.

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Bis heute haben sich so über 1550 Fossilien von 15 Individuen der gleichen Spezies angesammelt. Die Altersspanne dieser Individuen reichte dabei von jung bis alt.

Obwohl sich die Wissenschaftler sicher sind, dass der Homo naledi aufrecht gegangen ist, wurden in der Höhle keine Spuren von Werkzeugen oder Hilfsmitteln zum Feuermachen gefunden. Des Weiteren machte der Ort nicht den Eindruck eines Lebensraums.

Es ist außerdem auch nicht bekannt, wie die Leichen (die nicht von Flora oder Fauna umgeben waren und anscheinend auch nicht von Tieren dorthin geschleppt wurden) in der Kammer gelandet sind. Berger und sein Team vermuten, dass sie absichtlich dort platziert wurden—eine Verhaltensweise, die man bisher einzig und allein dem Menschen zugeschrieben hat.

Der Paleo-Künstler John Gurche rekonstruierte mithilfe der Fossilien das Gesicht des Homo naledi. Foto: Mark Thiessen / National Geographic

Berger und das ganze Unterstützerteam entschieden sich zu einem ungewöhnlichen Schritt und dokumentierten ihre Funde im Laufe der Bergung nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern veröffentlichten ihre Ergebnisse auch in einem von Kollegen geprüften, kostenlos zugänglichen Open-Source-Wissenschaftsmagazin namens eLife. Sie wollten alle Informationen so schnell und einfach wie möglich verfügbar machen.

„Marina und die anderen Höhlen-Astronautinnen sind meiner Meinung nach Heldinnen", schrieb Berger in einer E-Mail. „Es ist schon ein bewundernswerter Schritt, alles stehen und liegen zu lassen, um in Südafrika unter solch gefährlichen Umständen Fossilien zu bergen. Ich hoffe, dass ihr Handeln und ihr beispielhaftes Dasein als moderne Forscherinnen viele junge Männer und Frauen dazu inspiriert, selbst Forscher und Entdecker zu werden."

Elliott zufolge ist die Arbeit an der Ausgrabungsstätte noch immer nicht zu Ende und es werden auch weiterhin täglich neue Fossilien freigelegt. Allerdings fügte die Wissenschaftlerin auch hinzu, dass es wohl noch Jahrzehnte dauern wird, bis man die Bedeutung des ganzen Materials komplett verstehen wird.

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