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"Eigentlich ist nichts passiert – und trotzdem sitze ich jetzt da und weine"

Betroffenene von sexueller Belästigung kämpfen oft mit Schock, während für Außenstehende "nichts passiert ist". Eine Frau erzählt.

von Katharina I.
15 Juli 2016, 9:25am
Foto: nerdmeister | Flickr | CC BY 2.0

Dieser Text wurde von einer VICE-Leserin im Rahmen unserer #NichtMehrWegschauen-Aktion verfasst. Schreib uns, wenn auch du eine Geschichte zu erzählen hast.

Ich würde mich als laute, nicht leicht einzuschüchternde Frau bezeichnen, die bei Nachpfeifen, unpassenden Kommentaren oder Anglotzen auch mal direkt zurück faucht oder nachfragt, ob Glotzer noch nie Oberschenkel oder gut sitzende Jeans gesehen haben. Solange meine Komfortzone nicht durchbrochen wird, werde ich persönlich ganz gut mit verbalen Äußerungen fertig. Leider ist das nicht bei allen Frauen so.

Ich erinnere mich an eine gut besuchte Vorlesung im Audimax. Unser Professor hat uns zu Beginn der Vorlesung gewarnt, dass einige Studentinnen sich beschwert hätten, dass ein älterer Herr ihnen während den Vorlesungen zu nah gekommen war, sie belästige, an ihren Haaren und am Nacken roch und ihnen eindeutige Angebote zugeflüstert hatte. Er bat uns, Augen und Ohren offen zu halten. Außerdem bat er die Betroffenen, sich sofort lautstark zu melden, falls sie sich bedrängt oder unwohl fühlen. Das alles brachte nichts.

"Für mich ist es unerklärlich, dass so etwas in einem vollbesetzten Audimax möglich ist."

Nach der Vorlesung sammelten sich einige Studentinnen vorm Pult und berichteten, dass sie von einem Mann—alle beschrieben ihn gleich—belästigt wurden. Ich saß zufällig in der ersten Reihe und hörte die Gespräche zwischen den Studentinnen und dem Professor mit an. Irgendwann mischte ich mich ein. Für mich ist es unerklärlich, dass so etwas im vollgestopften Audimax möglich ist. Ich fragte, wieso die Studentinnen nicht sofort aufgesprungen sind und sich bemerkbar gemacht haben. Ihre Antworten: "Zu peinlich", "Ich war komplett überfordert", "Ich wollte die Vorlesung nicht stören" und: "Ich fühlte mich machtlos". Der Professor konnte nichts machen, außer die Studentinnen erneut zu ermuntern, sich sofort laut und deutlich zu melden, falls sie sich in irgendeiner Art bedrängt fühlten.

Einige Wochen später saß ich wieder im Audimax. Schräg vor mir saß ein älterer Mann, der in etwa den Beschreibungen entsprach, die die Studentinnen geschildert hatten. Er war in den Stuhl versunken und lehnte sich etwas eigenartig zu seiner linken Nachbarin hinüber, die vor mir saß. Ich tippte der Studentin auf die Schulter. Sie drehte sich um und ich sah sofort, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. Eine Studienkollegin sprang auf und alarmierte die Tutoren. Dann ging alles ganz schnell, und der Mann wurde von Securitys aus dem Saal gebeten. Die Studentin bedankte sich und begann zu weinen.

Ich fragte sie, wieso sie sich nicht bemerkbar gemacht hat; immerhin waren hunderte Leute um sie herum. Sie erklärte, dass sie sich nicht sicher war, ob ihr das wirklich gerade passierte. Sie fühlte sich versteinert und überhaupt könne sie doch nicht einfach aufspringen und schreien: "Der neben mir begrapscht mich!"

Foto: Andrew Nash | Flickr | CC BY-SA 2.0

"DOCH KANNST DU!", hätte ich ihr gerne gesagt. Dass ein Schrei aber nicht ausreicht, habe ich leider bei mir selbst erfahren. Es war an einem Abend in einer Wiener Straßenbahn, ich hörte Musik und stützte meinen Kopf auf den linken Arm, der aufs Fensterbrett gelehnt war. Ich hatte einen Parka an, auf den ich mich ein bisschen zu straff gesetzt hatte, weshalb er ziemlich gespannt an meinem Körper anlag. Drei Reihen vor mir saß ein Paar mittleren Alters, hinter mir ein Mann mit einer großen Zeitung. Ich war in mein Buch und die Musik versunken und saß ungefähr 5 Stationen so da, ohne mich zu bewegen.

Irgendwann fiel mir dann ein Druck auf meiner linken Brust auf. Ich dachte, es wäre mein Parka, der einfach durch den Druck über meine Brust gespannt war. Noch immer in mein Buch versunken, griff ich an die Stelle, an der es drückte und griff direkt auf eine warme Hand, die sich gleich wieder zurückzog. Ich war so perplex, dass ich mir im ersten Moment unsicher war, ob das jetzt wirklich passierte. Dann drehte ich mich aber zu dem Mann um, der mit seiner Hand durch die Spalte zwischen Sitz und Fenster auf meine Brust gegrapscht hatte. Er versteckte sich hinter seiner riesigen Zeitung.

"Eigentlich ist ja nichts passiert"—und trotzdem sitze ich jetzt in meinem Wohnzimmer und weine. Ich fühle mich schmutzig und ekelhaft.

"Haben Sie mir gerade ernsthaft auf die Brust gegriffen?" Er reagierte nicht. Ich wiederholte meine Frage noch etwas lauter. Er grinste unverschämt hinter seiner Zeitung hervor und versteckte sich dann wieder. Das Paar vor mir reagierte nicht, obwohl ich mir sicher war, dass sie mich gehört hatten. Außerdem waren wir nur zu viert im ganzen Wagon und es war dementsprechend leise—meine Schreierei war nicht zu überhören. Aber es passierte nichts. Niemand half. Ich fühlte mich machtlos, mir war speiübel, ich begann zu zittern und zu weinen. Ich stieg aus.

Zuhause rief ich die Polizei an. Die Beamten waren wirklich sehr freundlich und verständnisvoll, sie fragten mich, ob ich verletzt sei oder ob der Vorfall in der Nähe meiner Wohnung passiert sei und der Täter nun wisse, wo ich wohne. Ich verneinte beides. Als nächstes meinten sie, ich könnte die Fotos von Sexualstraftätern durchschauen, aber das wäre bei solchen Fällen leider fast sinnlos, weil solche "kleinen Vergehen" meistens nicht gemeldet werden. Sie sagten zwar nicht, dass meine Meldung bei der Polizei ein Fehler war, aber sie gaben mir doch zu verstehen, dass es wohl keine Konsequenzen geben würde. Wie sollte es auch anders sein? Immerhin ist ja eigentlich nix passiert.

"Eigentlich ist ja nichts passiert"—und trotzdem sitze ich jetzt meinem Wohnzimmer und weine. Ich fühle mich schmutzig und ekelhaft, weil mir ein wildfremder Mann einfach so auf meine Brust gegriffen hat. Einfach, weil ihm danach war. Und ich habe es nicht einmal sofort bemerkt! Wer rechnet auch mit sowas?

Plötzlich war ich all das, was ich eigentlich nicht zu sein glaubte: machtlos, verunsichert und mit der Situation überfordert. Ich fühlte mich wie ein Objekt, zu dem ich innerhalb weniger Augenblicke gemacht wurde. Die Grenzen des Gesetzes waren vielleicht damals, 2014, nicht überschritten worden, aber meine eigenen definitiv schon.

Verena Bogner hat Tipps gesammelt, wie man am besten auf sexuelle Belästigung reagiert.

Ich glaube, dass es vielen Betroffenen so geht und viele Vorfälle nicht gemeldet oder verschwiegen werden, weil für außenstehende Beobachtende "eigentlich nix passiert ist". Solange kein Blut fließt und keine "wirkliche" Vergewaltigung stattfindet, sei es die Aufregung nicht wert. Aber das ist falsch. Selbstverständlich sollten auch solche Fälle ernst genommen werden. Vor allem, weil seit 2016 auch ein Übergriff wie dieser nach österreichischem Recht strafbar ist.

Aber das Strafrecht ist nur ein Aspekt. Ich hätte mir in der Bim sehr gewünscht, dass sich das Paar einfach umdreht und nachfragt, ob bei mir alles in Ordnung ist. Dann hätte ich mich nicht so alleingelassen gefühlt. Die fehlende Zivilcourage ist oft das größere Problem.

Ich wünsche mir deshalb, dass Menschen wieder beginnen, mehr aufeinander aufzupassen, mit offenen Augen und offenem Herzen durch die Stadt zu gehen, um einander zu helfen—egal, in welchen Situationen. Es ist nichts dabei, jemand anderem zu helfen oder zumindest kurz nachzufragen. Umso größer ist die Wirkung: Es macht stark, glücklich und gibt den Betroffenen das Gefühl, nicht allein zu sein.

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