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Dating mit Depressionen ist scheiße

Wir haben uns mit einem Künstler unterhalten, der dieses Thema in einem Animationsfilm umgesetzt hat.

von Nick Keppler
13 März 2017, 8:36am

Titelbild: Screenshot von YouTube

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"Bei Depressionen dreht sich alles darum, in nichts einen Sinn zu sehen, weil man selbst – und die Welt – so scheiße ist. Daran muss man ständig denken, obwohl man weiß, dass das gar nicht stimmt." Das erklärt Safra im Web-Cartoon People Watching. Die Szenerie ist ein erstes Date in einem augenscheinlich hippen Lokal und die Protagonisten haben noch nicht einmal ihre Getränke bestellt, als der Satz fällt. Im Hintergrund ist seichtes Indie-Gedudel zu hören. Safra und Jeremy unterhalten sich zur Auflockerung über Pilze und Nerdcore-Musik, weil es sonst ausschließlich um die gefühlte Existenzangst gehen würde.

Bei People Watching handelt es sich um eine neue Animationsserie eines Cartoonisten, der unter dem Pseudonym Winston Rowntree auftritt. In dem Cartoon geht es um sehr selbstkritische junge Erwachsene auf der Suche nach zwischenmenschlichen Beziehungen. Der deutliche Fokus auf die Dialoge ist dabei an Rowntrees Webcomic Subnormality angelehnt. Im persönlichen Gespräch ist der Künstler jedoch etwas wortkarger als seine Figuren. Er legt oft Pausen ein und beantwortet Fragen über sich selbst manchmal nur in der indirekten "Du"-Form oder mit einer allgemeinen Aussage zur Gefühlslage der "Menschen".

VICE: Im Internet steht nicht viel über dich.
Winston Rowntree: Ich gebe nicht so gerne Details zu mir preis. Ich habe auch keinen Twitter-Account oder Ähnliches. Von selbst würde ich nicht einfach anfangen, über mich zu reden. Ich verstecke mich hinter meinem Pseudonym und lasse lieber meine Arbeiten für mich sprechen. Das ist mir am wichtigsten.

In deinen Arbeiten gibt es viel Text. Fängst du immer mit einem langen Drehbuch an?
Ja, am Anfang steht immer das Drehbuch. Der Part des Schreibens macht mir einfach Spaß. Ich produziere zuerst eine Menge Text und schaue dann weiter.

Ich habe jetzt die ersten drei People Watching-Folgen angeschaut. Wie bist du auf die ganzen Figuren gekommen?
Ich wollte Protagonisten einbauen, deren Aussehen nicht zum Inneren passt. Ihnen allen haftet eine gewisse Dualität an. Das war mein Ausgangspunkt bei den Figuren. Das Aussehen kam dann nach und nach. Vieles war einfach Willkür. Ich fange nämlich gerne mit willkürlichen optischen Merkmalen an, anstatt bewusst zu entscheiden, wie genau jemand aussieht. Das war eine Kombination aus Zufall und Menschen, denen man ihr Innenleben nicht ansieht.

Ich finde, dass deine Figuren so selbstkritisch sind wie viele Menschen Ende 20 oder Anfang 30. Hast du dich an Leute aus diesem Altersbereich orientiert?
Auf jeden Fall. Ich und mein Freundeskreis waren als Inspirationsquelle. Viele meiner Bekannten arbeiten im Kunstbereich und niemand von uns verdient viel Geld. Als Kinder haben wir uns immer vorgestellt, wie wir als Erwachsene leben. Und als wir dann so alt waren, hat die Welt diese Vorstellung zerstört.

In der dritten Folge scheint es, als wollten sich die Protagonisten gegenseitig auf höfliche Art und Weise sagen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt. Hast du diese Konversation schon einmal mit dir selbst geführt?
Das bereitet mir tatsächlich Sorgen. Aufgrund verschiedener Unsicherheiten und Ängste, die auch in dem Video zur Sprache kommen, gehe ich nicht so oft außer Haus. Vieles davon stammt aus meinem eigenen Kopf. Du gehst härter mit dir selbst ins Gericht, als irgendjemand anderes das jemals könnte. Du gehst davon aus, dass andere Menschen dich nicht akzeptieren, obwohl sie das bestimmt würden. Alles ist aus dem Leben gegriffen.

Sie reden außerdem über eine Entscheidung, die typisch für das Online-Dating ist: Wie viel gebe ich jetzt von mir preis? Musstest du dich damit auch schon mal beschäftigen?
Ja. Wenn ich ein Online-Dating-Profil anlege, dann denke ich immer darüber nach, was ich da alles reinschreibe. Mein Instinkt sagt mir, nur etwas zu schreiben, damit sich niemand falsche Vorstellungen macht. Das kann nach hinten losgehen. Ich merke auch, dass viele Leute genau damit ein Problem haben.

In der dritten Folge stellst du die Depressionen der Protagonistin als Bösewicht mit Schnurrbart dar. Wie hast du entschieden, wie die menschliche Abbildung von Depressionen aussehen soll?
Ich wollte den stereotypen Bösewicht einfach etwas witzig aufpeppen. Ich wollte diesem Menschen etwas Vertrautes geben: Er gehört in deine Wohnung und sieht aus wie du. Irgendwann wird dir bewusst, dass er böse ist. Du hast auf einen schrecklichen Menschen gehört. Wir haben hier eine Kombination aus einem Bösewicht und einem Menschen, auf den du deiner Meinung nach hören solltest, weil er so aussieht wie du. Wichtig ist aber auch, dass es sich um einen äußeren Einfluss handelt. Du darfst nämlich nicht denken, dass du selbst schuld bist.

Keine Generation vor uns hatte so viele erste Dates wie wir. Unsere Großeltern haben ja einfach den Menschen geheiratet, neben dem sie standen, als sie 22 wurden. Ich frage mich, wie normal oder gesund es ist, in einem Zeitraum von 15 Jahren so viele Menschen einzuschätzen und auch selbst so oft eingeschätzt zu werden.
Gute Frage. Meine Großeltern kannten sich vor ihrer Hochzeit kaum und mochten sich nicht mal sonderlich. Meine Eltern waren dann schon etwas wählerischer. Und heutzutage herrscht ein Riesendruck, den genau richtigen Lebensweg einzuschlagen – inklusive genau richtigem Job und genau richtigem Beziehungspartner. Die Auswahl ist auch viel größer. 

Ich finde, es hat positive und negative Seiten, dass wir nicht mehr die erstbeste Person heiraten, der wir begegnen. Meine Bekannten, die sich in einer glücklichen Beziehung befinden, sind auch wirklich glücklich. Keine Ahnung, ob das exzessive Dating nun gesund ist oder nicht. Die wahre Liebe kann man aber auch heute noch finden.

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