No Billag

Ich habe 12 Stunden Privat-TV geschaut, um No-Billag zu verstehen

Die SRG muss mit einem Ja zu No-Billag wohl dicht machen. Ein Blick in die Dystopie danach.

von Kamil Biedermann
08 Februar 2018, 3:04pm

Alle Fotos von Jojo Schulmeister

Donnerstag, 7:30 Uhr: Mein Wecker klingelt mich aus dem Bett. Doch heute ist kein normaler Arbeitstag, heute darf ich das tun, wovon jeder frustrierte Bürogummi auf dem Weg zur Arbeit insgeheim träumt: Ich darf den ganzen Tag zuhause rumhängen und fernsehen. Mein Chef hat mir das ganz offiziell erlaubt. Anstatt mich zu duschen und verschlafen ins Büro zu hetzen, werfe ich mich im Wohnzimmer meiner WG auf die Couch und schalte die Glotze ein. Einen Haken hat die ganze Sache dann aber doch noch: Einfach nach Lust und Laune rumzappen darf ich nicht. Heute darf ich nur TV-Sender schauen, die nicht durch sogenannte Gebührengelder finanziert werden.

Als "Zwangsgebühren" bezeichnen rechte und libertäre Kreise diese Gebühr. Jeder Haushalt, der theoretisch über Kabel, Internet oder Handy Fernsehen oder Radio empfangen kann, muss diese 451.50 Franken Gebühren pro Jahr bezahlen. Sich um die Gebühren zu drücken, ist also ziemlich schwierig, wenn man nicht als Einsiedler lebt oder jegliche digitale Kommunikation ablehnt. Damit die Schweiz von diesen "Zwängen" befreit werden kann, kamen vor vier Jahren drei junge FDP-Politiker auf die Idee, die Billag-Gebühren doch einfach abzuschaffen. Dass die Idee irgendwann mal auf dem Stimmzettel der Nation landet und den vielleicht längsten und emotionalsten Abstimmungskampf der jüngeren Schweizer Geschichte anstösst, glaubte damals wohl keiner der Jungpolitiker. In einem Interview mit den geistigen Vätern der Initiative betitelte ein Tagesanzeiger-Journalist die Initiative als "Bieridee", weil sie bei einem Feierabendbier entstand. Um sich mit den Folgen der Initiative auseinanderzusetzen, hat der Bierphilosoph Yves Collet heute aber keine Zeit mehr, sagte er im Interview. Weil der libertäre Jungpolitiker also wohl weder Zeit noch Lust hat, sich Gedanken über unsere Fernseh- und Medienwelt nach No-Billag zu machen, übernehm das jetzt einfach mal ich. Einen Tag lang sehe ich so fern, wie es in einer durchaus möglichen dystopischen Vorstellung in einer Zeit nach einem Ja zu No-Billag aussehen könnte: Ohne gebührenfinanzierte Sender, dafür mit einer Menge RTL, 3+ und Co.

Ein solcher TV-Marathon braucht seine Vorbereitung: Deswegen hole ich noch ungeduscht (wer muss für einen Tag vor der Glotze geduscht sein?) Snacks und ein paar Bier im Laden. Bierideen klingen bekanntlich besser, solange man noch nicht wieder nüchtern ist. Vielleicht hilft mir der Alkohol ja auch, die Bieridee No-Billag zu verstehen.

Die SRG-Sender sind die bekanntesten, die mit Billag-Geldern finanziert werden. SRF 1, 2 und info sind heute also tabu. Dasselbe gilt auch für die deutschen und österreichischen Staatssender, die mit ähnlichen System wie die Billag finanziert werden. Was mir erst in diesem Moment klar wird: auch praktisch alle lokalen Fernsehstationen wie Telebasel, TeleBärn oder TVO werden von den Billag-Gebühren mitfinanziert. Die fallen also auch weg. Was bleibt mir heute übrig?

Oder ist die bessere Frage, wer zur Hölle an einem Donnerstagmorgen überhaupt Fernseh schaut? Wenn ich sehe, was ich mir gerade auf 3+ reinziehe, gibt es nur eine Antwort darauf: Willenlose Hausfrauen und -männer, die beim Bügeln vor dem Fernseher von den Dauerwerbesendungen hypnotisiert werden und telefonisch die automatische Scheuerbürste zum Aktionspreis bestellen. Heute sogar im Spezialangebot mit Extra-Aufsatz zur Entfernung von abgestorbenen Hautschuppen.

Nur weil Hausfrauen und -männer unbezahlte Hausarbeit verrichten, heisst das nicht, dass sie geistig anspruchslos und für jeden Scheiss zu haben sind, denke ich mir. Und überhaupt, wer zur Hölle kauft in Zeiten von Zalando und Galaxus überhaupt noch über Teleshopping ein? Wobei, aus unerklärlichen Gründen bleibe ich eine ganze Weile auf den Dauerwerbesendungen hängen. Irgendwann glaube ich sogar, der "Black Hawk Eye Ring" für schlappe 65 Franken würde mir halb ironisch getragen noch stehen. Vielleicht wird es auch einfach Zeit umzuschalten.

Erst als ich von den Schweizer Privatsendern zu den deutschen wechsle, finde ich wenigstens ein paar Trash-TV-Wiederholungen statt Dauerwerbebeschuss. Das Beste an Trash-TV ist ja, dass die Werbung jeweils so lange geht, dass man gleichzeitig zwei Sendungen verfolgen kann. Wenn man lange genug sucht, findet man sogar bei Sendungen wie "Anwälte im Einsatz" auf Pro7 etwas, das in Richtung "gesellschaftlicher Bildungsauftrag" gehen könnte, wie ihn die mit "Zwangsgebühren" finanzierten Sender haben: Da ist die Frau, die von einem Mann dauernd sexuell belästigt wird und im Off die gescripteten "Anwälte", die erklären, dass das in der heutigen Zeit nicht mehr in Ordnung sei und strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen könne. Oder die Szene in der US-Sitcom "The Middle", in der eine Schülerin zu Boden fällt und anstatt dass die Mitschüler ihr helfen, richten sie ihre Handykameras auf sie. Beides hat fast schon etwas von Sozialkritik, wenn auch auf Laiendarstellerniveau oder als amerikanisch-weichgespültes Serien-TV. Aber wie heisst es so schön, der Zweck heiligt die Mittel.

Am Mittag holt mich der Drang ein, wissen zu wollen, was neben Trash-TV draussen in der Welt passiert. Weil aber Schweizer TV-Sender überhaupt keine Mittagsnachrichten kennen und die Tagesschau um 12:45 Uhr tabu ist, gönne ich mir eine Sendung, mit der ich viele Kindheitserinnerungen verbinde: Das RTL-Mittagsmagazin "Punkt 12". In meiner Primarschulzeit sass ich immer mittags mit meiner Mutter vor dem Fernseher und schaute die von Katja Burkard moderierte Sendung. Heute lerne ich: Katja Burkard ist immer noch da und sieht mit ihren unverkennbaren, blond-gekrausten Haaren aus, als wäre sie seit 2004 kein Jahr älter geworden. Ein kurzer Google-Check bringt einige Einträge im Zusammenhang mit Botox zutage – was mich in diesem Moment aber wenig interessiert. Dank Katja Burkard fühle ich mich heute wieder wie das sorgenfreie Primarschulkind und erinnere mich an den Geschmack von Mamas Nudelsuppe, als hätte ich sie gerade vor mir.

Was ich aber schon als Kind vermutete, weiss ich heute mit Gewissheit: Wertvolle Nachrichten liefert "Punkt 12" nicht. Heute muss ich mich damit zufrieden geben, dass mir RTL vermittelt, welche Umgangsformen auf die neue britische Prinzessin Meghan Markle zukommen werden. Wenigstens "kann sie schonmal Händeschütteln" und weiss, dass Selfies als Royal tabu sind, erklärt mir die "Punkt 12"-Moderatorin. Einen Beitrag später erklärt mir ein Arzt, dass gemäss aktuellen Studien fast jeder fünfte Mann beim Sex zu früh kommt und sich viele weigern würden, Medikamente gegen dieses Problem zu nehmen. Ein neues App soll nun mit einem Patch, der unter den Penis geklebt wird, den vorzeitigen Samenerguss verhindern können. Soft-News haben ihre Daseinsberechtigung und unterhaltsam ist "Punkt 12" auch. Aber was wirklich Wichtiges auf der Welt passiert ist, kann mir das Privatfernsehen heute Mittag nicht vermitteln. Stattdessen bringen private Sender in erster Linie Geschichten, die Emotionen wecken aber wenig relevant sind. Das ist wohl der richtige Moment, um umzuschalten.

In der Schweiz bietet abseits des SRF gar kein anderer Sender umfassende Nachrichten, die im ganzen Land wichtig sind oder das internationale Geschehen abdecken. Gleichzeitig kommt kaum ein anderes Medium an die Qualität der SRG an – wie das Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich praktisch jedes Jahr bestätigt. In den Kategorien Relevanz, Vielfalt und Professionalität sind öffentliches Radio und Fernsehen auf den Plätzen eins und zwei. Unser Schweizer Gebührensystem ist ein Konstrukt mit einer ausgelagerten Firma, die im Auftrag des Bundes Gebühren einsammelt. Von dieser Firma werden die Gebühren direkt an die SRG weitergegeben. Der Staatshaushalt bleibt so unangetastet. Bis Ende 2018 ist diese Firma die Billag, die aber den Auftrag verloren hat und ab 2019 durch die Firma Serafe ersetzt wird. Ironischerweise werden wir nächstes Jahr so oder so keine Gebühren an die Billag bezahlen – "No-Billag" hört sich halt wahrscheinlich sexyer an als "No gebührenfinanziertes Fernsehen".

Diese externe Eintreibungsfirma bringt den Journalisten der SRG einen entscheidenden Vorteil: Weder eine launische Regierung kann die Geldvergabe an Bedingungen bezüglich Inhalten und Berichterstattung knüpfen, noch können gewinnorientierte Verleger, wie sie in allen grossen Schweizer Medienhäusern existieren, reinreden. Durch diese finanzielle Freiheit kann die SRG frei und ausgewogen berichten – und tut dies besser als alle anderen.

Der Nachmittag auf der Couch zieht sich eher unangenehm in die Länge – wie schon der Morgen. Auf den meisten Sendern laufen Wiederholungen von US-Serien oder Trash-TV. Meine Chipsschüssel ist leer und das Bier hat mich auch noch nicht schlau gemacht, wie privat finanziertes Fernsehen die Zukunft sein soll. Ich komme ins Grübeln: Hat Fernsehen überhaupt eine Zukunft? Die Statistiken sagen: 124 Minuten verbringen Deutschschweizer pro Tag im Durchschnitt vor der Röhre. Hört sich nach viel an, ist verglichen mit Resteuropa aber wenig: Schweizer belegen in Statistiken zur TV-Nutzung regelmässig den letzten Rang. Nur die italienische Schweiz sticht etwas hervor, dort sind es 171 Minuten – was womöglich an der geographischen und kulturellen Nähe zu den italienischen Nachbarn liegt: Der Italiener liebt seinen Fernseher und verbringt täglich fast vier Stunden mit ihm. Trotz allen Unkenrufen ist das Fernsehen immer noch das meistgenutzte Medium in der Schweiz. Am liebsten sieht der Schweizer die Sender der SRG, die einen Marktanteil von fast einem Drittel halten. Auch wenn wir Schweizer besser als andere Nationen auf Mamas Warnung gehört haben, dass zu viel Fernsehen viereckige Augen macht, schauen wir doch noch ziemlich oft in die Röhre – und besonders gerne die Sender der SRG.

Nur ich nicht, zumindest heute. Stattdessen lasse ich mir von Daniela Katzenberger den Nachmittag über Fashion-Tipps geben oder schau den neuen Sender Teleclub Zoom, den kostenlosen Kanal von Swisscoms Pay-TV Tochter Teleclub. Dort diskutiert gerade Gülsha Adilji mit dem Comedian Renato Kaiser über Medienzeug, als ob sie zu zweit beim fünften Bier in der Bar sitzen und so auch die besten Freunde, die nicht selbst in den Medien arbeiten, aus dem Gespräch ekeln würden. So kommt es, dass ich zum ersten Mal fast vor dem TV einschlafe. Bis die heute vielleicht einschläferndste Talksendung der Schweiz doch noch ihre Pointe kriegt: Als Gülsha aus dem Nichts die Vermutung in den Raum stellt, dass Renato Kaisers Video-Blog über die Schwierigkeiten des St. Galler Dialekts sozialkritischen Anspruch habe, zerstört der Comedian das ewige Mediengelaber und sagt, er mache seine regelmässig breit diskutierten Videos sowieso nur für sich. Was sie auslösen, sei ihm egal. Mir heute auch, denn ich hoffe heute einfach auf bessere Fernsehzeiten am Abend.

Wenn ich selbst überhaupt lineares Fernsehen schaue, dann sind das meistens Live-Events. Beim SRF bedeutet das Sport – und Sport ist der König unter den Einschaltquoten. Über eine Million Menschen sahen Beat Feuz letzten Winter an der Ski-WM in St. Moritz zu, wie er zur Goldmedaille raste. Das Rennen war somit im ersten Halbjahr 2017 die meistgesehene Sendung überhaupt. Auch übers Wetter muss ja irgendwie gesprochen werden: Die tägliche Wettersendung Meteo macht 2017 sogar der am meisten geschauten Doku über den Schweizer Skiheld Bernhard Russi Konkurrenz – fast eine Million Menschen wollten mehr über das Wetter oder die Story hinter Russis Privatleben wissen. SRF überträgt an die 100 Sportarten live und gibt 50 Millionen allein für die Lizenzen aus. Mit der No-Billag-Abstimmung schielen auch private Schweizer Sender auf die ertragreichen Lizenzen aus Skisport und Fussball – die Randsportarten, die wenig Werbeerträge generieren, will der SRG aber kaum jemand streitig machen. Da gesteht sogar der SVP-Mann und Präsident von Swiss Olympics Jürg Stahl ein, dass die SRG beim Sport unverzichtbar ist: "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass diese die gesamte Palette mit allen wenig publikumswirksamen Sportarten so gut abdecken können, wie es bei der SRG dank den Gebühren der Fall ist", sagte er dem Tagesanzeiger. Heute während meines Selbstversuchs überträgt gar kein Privatsender Sportevents, dafür wartet auf 3+ eine neue Folge "Bauer, ledig, sucht..." auf mich.


Auch betroffen von No-Billag – Kulturschaffende und Musiker aus der Schweiz:


Du kannst dich sicher noch erinnern, als Jan Böhmermann zwei Schauspieler bei "Schwiegertochter gesucht" eingeschleust hat, die sich so dermassen nicht-zurechnungsfähig gegeben haben, dass sie niemals bei der Sendung auftreten hätten dürfen? Der Shitstorm, den diese Aktion auslöste, hielt nicht lange. Stattdessen kopieren Schweizer Privatsender wie 3+ diese Formate munter weiter und lassen Menschen darin auftreten, bei denen ich mir nicht sicher bin, ob sie sich auch wirklich bewusst waren, wie sie in der Öffentlichkeit dar-, oder besser gesagt blossgestellt werden. Oft war ich heute kurz davor, den TV einfach mal auszuschalten – jetzt ist es Zeit, es wirklich zu tun.

Die No-Billag-Initianten mögen zwar Recht damit haben, dass der Markt manche Angebote der SRG übernehmen könnte – solange die Nachfrage nach Information und Unterhaltung da ist, werden kommerzielle Sender sie auch befriedigen. Private Sender werden aber nie aus tiefen Schweizer Bergtälern senden, Randsportarten erfassen oder umfassend über Konflikte in der Welt berichten, die weit weg sind und uns nicht direkt betreffen. Die Initianten laufen Gefahr, mit ihrer feuchtfröhlichen Bieridee eine unserer wenigen unabhängigen Informationskanäle zu vernichten und wahrscheinlich somit den Weg für Privatsender freizumachen, denen der nationale Zusammenhalt der Schweiz wohl egaler nicht sein könnte. Denn die SRG und Experten sind sich sicher: Mit der No-Billag-Initiative in unserer Verfassung müsste die SRG dicht machen. Was ich nach heute auf jeden Fall auch weiss: Unsere Mamas hatten Recht. Nach soviel Fernsehen fühle ich mich wirklich, als ob ich viereckige Augen hätte.

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