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Meinung

'Pokémon' beweist, dass du Remakes nicht hassen musst

Ich bin ein Kind der 90er, liebe Originale und freue mich trotzdem auf die Neuverfilmungen. Was haben eigentlich alle gegen Remakes?

von Jesse Schumacher
15 März 2019, 2:54pm

Screenshots aus den Trailern beider Pokémon-Filme || Montage: VICE

Ich bin sechs Jahre alt, es muss Nachmittag gewesen sein, und ich liege schon seit Stunden mit meinem Gameboy auf meinem feuerroten Teppich. Ich laufe durch die Pokémon-Welt Kanto, fange und trainiere Pokémon und trete den Arenaleitern mit meinem Schiggy in den Arsch. Ich verstehe die Dialoge nicht. Die Version, die ich spiele, ist auf Englisch und von meinem Cousin. Trotzdem bin ich sofort begeistert und längst süchtig. Natürlich schaue ich mir auch jeden Tag die dazugehörige Anime-Serie auf RTL2 an. Noch mehr aber liebe ich den Film. Im Jahr 2000 startete Pokémon – Der Film: Mewtu gegen Mew. Als Pikachus bester Freund Ash zu Stein verwandelt wurde, musste ich heulen. Genau wie Pikachu. Für mich war das weinende Pikachu trauriger als der weinende Leo in Titanic.

Jetzt ist 2019 und Anfang März wurde auf YouTube ein japanischer Trailer für den 22. Pokémon-Film hochgeladen. Doch wirklich neu ist nur der Look: Denn es handelt sich um ein Remake des ersten Pokémon Films, der Szene für Szene in CGI umgewandelt wird. Also: statt dem zweidimensionalen Anime-Zeichenstil eine dreidimensionale Computergrafik. Der Film erscheint im Sommer mit dem Zusatztitel Evolution. Ich finde den Trailer für die Neuauflage richtig geil. Viele andere empfinden das nicht so.

"Warum sollte man ein Remake von etwas machen, dass man eh nicht schöner umsetzen kann?" fragt sich Redditor "Warburzz" in einem Thread. "$$$" lautet eine Antwort. Jemand mit dem Namen "Mimighost" findet, dass "jedes Pokémon jetzt aussieht wie Plastik". Und auf Twitter schreibt ein Nutzer: "Hört lieber direkt hier auf". Gerade der neue Animations-Stil wird heftig kritisiert. Die grosse Ablehnung kann ich nicht verstehen.

In den letzten Jahren wurden viele Remakes von bekannten Filmen umgesetzt oder angekündigt. Vor allem bei Disney wird den alten Klassikern neues Leben eingehaucht. Die Reaktionen auf den ersten Trailer der Neuauflage von Aladdin sind auch ziemlich einseitig. Ein Typ namens "Bob McGee" kommentiert auf YouTube: "Es ist 2019 und CGI sieht immer noch so aus? Kommt schon Leute, Aladdin ist einer meiner Lieblingsfilme, versaut ihn nicht!". Ausserdem hagelt es Lach-Emojis auf Will Smith, der den Flaschengeist spielt: "Warum sieht Will Smith aus wie eine Kombination aus Avatar und Zahnpasta, die ins Waschbecken gefallen ist?", fragt sich " XBOX GT: LightRebel77".

Ich frage mich: Warum haben so viele Leute ein Problem mit Remakes? Warum freuen wir uns nicht darüber, dass einer unserer Lieblingsfilme noch mal erscheint – und dazu noch einen Hochglanz-Look bekommt?

Als der erste Pokémon-Film in die deutschen Kinos kam, liess das mein Trainerherz höher schlagen. Sogar eine exklusive Mewtu-Sammelkarte kam mit dem Kauf eines Tickets. Super rare! Alle Poké-Fans der Welt strömten in die Kinos. Ich wurde nicht enttäuscht, denn der Film hat alles: coole Pokémon-Kämpfe, flashige Bilder, Emotionen und eine bewegende Geschichte.

Ich habe mir den neuen Trailer für das Remake natürlich direkt reingezogen. Mit verschränkten Armen und skeptischem Blick sitze ich vor dem Bildschirm und OMG, SIEHT MEW SÜss AUS!!!

Bei einer Neuauflage seines Lieblings ist man zuerst immer kritisch. Aber sobald das gelb-blaue Pokémon-Logo eingeblendet wird, haben sie mich. Allein das Logo gibt mir den ultimativen Nostalgie-Kick: Sofort bin ich wieder im Urlaub auf dem Campingplatz. Unter der Sonne in Nordfrankreich tausche ich sorglos mit den anderen Kids meine Sammelkarten. Dabei immer das Ziel vor Augen, meinen fein säuberlich sortierten Sammelordner irgendwann vielleicht doch noch voll zu bekommen. Gelungen ist es mir nie, es blieb eine kindliche Sehnsucht.

Nachdem ich aus meinem Flashback wieder aufwache, gebe ich mir den Rest des Trailers. Meine kritische Grundhaltung ändert sich endgültig und ich merke: Fuck, das sieht echt richtig gut aus. Die Farben sind bunt und kraftvoll. Das Feuer, dass in dem Rachen des Pokémons Glurak brodelt, bevor es den Feuersturm aus seinem Maul speit – Gänsehaut. Die menschlichen Figuren wirken alle noch ein wenig fremd. Sie erinnern mich sehr an die Knetfiguren aus der Kinderserie Pingu. Aber das ist ja klar, meine Augen waren jahrelang einen klassischen Zeichenstil gewohnt. Und die Story ist die gleiche: Mewtu ist sauer auf Mew und will sich boxen. Aber die Pokémon sehen fantastisch aus. So schön animiert habe ich sie noch nie gesehen.

Originalfilme verbinden die meisten von uns mit der unbeschwertesten Zeit unseres Lebens: der Kindheit. Die alten Filme triggern in mir persönliche Erinnerungen: Während meine Eltern noch schlafen, schnappe ich mir die Flauschdecke, haue mich auf die Couch und lege zum zehnten Mal die VHS-Kassette von Hercules ein. Nachdem mir meine Polypen entfernt worden sind, war ich eine Woche ans Bett gefesselt. Doch das war für mich okay, ich hatte ja Hercules. Für mich war dieser Film ein Wohlfühlort, in seiner Welt war ich zu Hause. Die Filme sind mehr als nur 90 Minuten Unterhaltung. Sie sind die Träger unserer Erinnerungen. Und darin suhlt man sich gerne.

Heute sammeln sich die guten Gefühle von damals in einem einzigen: Nostalgie. Die Filme erinnern mich – aber muss ich deshalb Angst haben, dass ein neuer Film diese Erinnerungen ersetzt? Werde ich nur noch an mein heutiges Büroleben denken, wenn ich in zehn Jahren das Remake gucke? Oder sind die Erinnerungen an die Originale unzerstörbar?

Scarfarce? Der grosse Gatsby? Alles Neuauflagen. Und wem haben die geschadet? Genau: Niemandem.

Bei manchen Filmen handelt es sich sogar um Remakes, ohne dass die Mehrheit davon weiss. Das legendäre und viel zitierte Mafia-Epos Scarface von 1983 ist zum Beispiel eine Neuauflage seines 1932 erschienenen Originals. Der grosse Gatsby von 2013 wurde nach 1949 sogar schon drei mal neu aufgelegt.

Wem haben die Neuauflagen geschadet? Genau: Niemandem.

Ausserdem gibt es da ja auch noch die Hardcore-Fans, die gar nicht genug Neues bekommen können. Die sich wünschen, dass Geld und Mühe in neue Projekte gesteckt werden. Sie vermissen Innovation und Mut.

So wie im Film Pokémon Detective Pikachu, der im Mai erscheint. Die Produzenten haben sich ein Spin-off geschnappt und weiter gedreht. Die Revolution in diesem Film ist die Kombination von animierten Pokémon und echten Schauspielern. Das gab es so noch nicht. Der neue Protagonist Tim Goodman hat seinen Traum aufgegeben, Meistertrainer zu werden, und sucht nun seinen vermissten Vater – einen legendären Detektiv. Auf dem Weg trifft er ein Pikachu, mit dem er sprechen kann.

Ein sprechendes Pokémon? Eigentlich ein No-Go. Als in Pokémon - der Film: Du bist dran! Pikachu das erste Mal mit einem Menschen redete, schrie das Kino-Publikum laut "What the fuck!". Da haben sich die Produzenten mal etwas getraut. Das war den Fans aber auch zu viel des Guten.

In der Kommentarleiste vom Trailer der Neuauflage von Aladdin ist vor allem eines Thema: die Umsetzung des Flaschengeistes. Will Smiths Performance stösst auf grosses Gelächter. Er sehe aus wie Papa Schlumpf.

Klar, Will Smith als blauer Flaschengeist ist die perfekte Vorlage für Memes. Ein wenig unnatürlich sieht er schon aus. Fantastisch nicht wirklich. Aber reicht das schon um die Hardcorefans wütend werden zu lassen? Anscheinend schon. Vielleicht liegt es daran, dass die Erwartungen der Fans gebrochen werden. Die Vorstellung des Flaschengeistes sieht in den Köpfen der Leute anders aus. Entspricht die Umsetzung nicht der eigenen Vorstellung, ist die Enttäuschung vorprogrammiert. Ob der Trailer gut ist, oder nicht, ist egal. Das innere Kind ist verschreckt und schreit. Eigentlich schade. Dabei gibt es doch die heutigen Kinder, die sich einfach darüber freuen, eine tolle Geschichte erzählt zu bekommen – ohne beim körnigen Bild die Augen zusammen zu kneifen. Dazu müssen sie nicht mal die ganzen Referenzen verstehen, die für die Älteren geschrieben werden.

Diese Remakes sind für ein anderes Kind ein Original. Und in ihm werden sie neue Erinnerungen schaffen, die irgendwann Nostalgie sind.

Durch die Weiterführung einer Serie, werden neue Generationen mit der Welt von Pokémon, oder der Welt von Aladdin, einem Franchise, vertraut gemacht. Die Marke verdient weiter, das ist die eine Seite. Aber vielleicht lernen diese Generation sie eben genauso lieben, wie wir. Als Kind fand ich Star Wars Episode l - Die Dunkle Bedrohung gut. Sogar den trotteligen Jar Jar Binks fand ich witzig. Ich weiss, Hot Take, aber ich war ja auch noch ein Kind. Dass mein grosser Bruder den Film, und insbesondere Jar Jar Binks, nervig fand, habe ich mitbekommen. Mir war das egal. Ich wurde Star Wars-Fan. Und das ist auch gut so.

Wenn du keine Remakes sehen willst – lass es. Aber reg dich nicht darüber auf. Diese Remakes sind für ein anderes Kind ein Original. Und in ihm werden sie neue Erinnerungen schaffen, die irgendwann Nostalgie sind.

Ich habe eine Nichte. Bald werde ich sie mit meinem Pokémon-Wahn nerven. Ein Plüsch-Schiggy liegt auf jeden Fall schon länger in meinem Amazon-Warenkorb. Im August hat sie Geburtstag, sie wird ein Jahr alt.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.