Mode

Ich habe Weihnachten in der Festtags-Kollektion von Heidi Klum gefeiert

"Wenn man dich in den Outfits an die Decke hängen würde, bräuchte man keine Weihnachtsdeko mehr."

von Rebecca Baden
29 Dezember 2017, 8:37am

Fotos, sofern nicht anders angegeben: Martyn Jean-Jacques

Man kann Heidi Klum vorwerfen, dass sie verzerrte Körperideale vermittelt, ein eintöniges Repertoire an Lieblingsausrufen hat oder ziemlich geschmacklose Klamotten entwirft, aber: Sie ist konsequent. Nachdem die 44-Jährige andere Frauen bei ihrer ersten Kooperation mit Lidl und seiner hauseigenen Modemarke "esmara" im September mit Animal-Prints, elektrisierendem Blau und dem schreienden Hashtag #LETSWOW malträtierte, folgte Anfang Dezember die psychedelische Festtags-Edition der Modestrecke: Kunstfell, Pailletten und der Aufruf #LETSCELEBRATE. Ich nahm die Aufforderung an. Und feierte Weihnachten in Heidi-Wear.

"Ich wollte Mode kreieren, die uns an den Festtagen glänzen lässt und dabei unkompliziert und elegant ist", liess Chefdesignerin Klum über ihren Mode-Kollaborateur Lidl verkünden. Als mein Kollege mir vor Weihnachten begeisterungslos die Papiertüte mit meiner Festtags-Garderobe überreichte, sagte er: "Wenn man dich in den Outfits an die Decke hängen würde, bräuchte man keine Weihnachtsdeko mehr." Ich merkte, dass Klums Beschreibung ein Understatement ist. In der Tüte: Pailletten in Weinrot, Mitternachtsblau, Roségold, Schwarz, ein Satin-Oberteil in Puderrosa, dazu eine passende Hose und der obligatorische Festtags-Blazer.

Optisch würde ich zweifellos mit dem billigen Glitzerschmuck meines Plastik-Weihnachtsbaumes mithalten können. Meine Garderobe mit sieben Teilen für drei Tage kostete in etwa so viel wie mein diesjähriges Weihnachts-Menü: 91,13 Euro.

Heiligabend

Mein Experiment startet am Sonntagmorgen. Ich trete gerade meine Heimreise aus London an, wo ich das Wochenende bis dahin verbracht habe. Weihnachten feiere ich dieses Jahr zum ersten Mal ohne meine Familie in Berlin. Dafür werde ich mich Heidis kreativen Vorstössen hingeben – und so feiern, backen und Gäste empfangen, wie die sechs schillernden Heidi-Versionen aus dem Werbeclip für die Kollektion es vorgemacht haben.

Als ich den diagonal gestreiften Bleistiftrock überziehe, bin ich überrascht: Er sitzt gut, hat eine für Weihnachten akzeptable Glitzer-Quantität und mit Weinrot und Facebook-Blau Farben, die ich mit eher angenehmen Dingen verbinde. Bei dem Typen, den ich date und in London besuche, wecken sie andere Assoziationen: "Du siehst aus, als würdest du Grossbritannien bei der Olympiade repräsentieren."


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Als ich über den Flughafen Heathrow laufe, bin ich nicht die einzige in Weihnachts-Stimmung: Zwischen Vätern mit Sternen-Hemden, Kindern mit Pinguin-Pullis in 3D-Optik und älteren Paaren mit zueinander passenden, leuchtenden Christmas Jumpern falle ich kaum auf. Als ich aus der Toilette komme, laufe ich fast gegen eine Flughafen-Mitarbeiterin, die Kommandos erteilt und deren Aufdruck auf dem Rücken ihres minzfarbenen Strickpullis sie als "Head Elf" ausweist: Sie ist heute die Chef-Elfe.

Und die Briten scheinen nicht nur für Weihnachten, sondern auch für Leo-Prints eine höhere Toleranz zu haben: Als die erste Kollektion im September in die Discount-Läden kam, verkaufte Lidl in Grossbritannien 106 Kleidungsstücke pro Minute. In Deutschland kamen die Leo-Prints eher mässig an. Dabei zählt Lidl laut dem Branchenmagazin Textilwirtschaft zu den zehn grössten Modehändlern des Landes. Aldi ist in der Liste ebenfalls vertreten.

mittellanger Rock: 12,99 Euro
Rollkragen: uralt, unglamourös und nicht von Heidi – aber in der Kälte Londons überlebenswichtig

Foto: Marvin Xin Ku

Pünktlich zu Heiligabend bin ich wieder in Berlin. Dort verbringe ich die erste Etappe der Weihnachtstage mit iranischen Geflüchteten, syrischen Studenten und deutschen Ehrenamts-Helferinnen in der Wohnung einer der Frauen. Dazu trage ich einen schwarzen Bleistiftrock mit Pailletten und ein dazu passendes, ärmelloses Oberteil. Dieses ist so üppig mit harten Glitzerteilen behangen, dass ich mir die Schultern aufscheuere. Als mein syrischer Kumpel Alaa mich am U-Bahnhof begrüsst und mein Outfit sieht, schüttelt er den Kopf und sagt: "Du siehst mit den ganzen Pailletten aus wie eine arabische Frau. Ich hasse diesen Stil."

Einen ähnliches Feedback bekomme ich im Laufe des Abends auch von den anderen Männern. Ein angehender Chirurg zeigt mir auf seinem Handy Videos des Henna-Abends, einer Art Junggesellenabschieds, seiner Nachbarn in Syrien. Die Braut ist in meinem Alter und möchte wie Heidi offenbar keinen festlichen Akt ohne das entsprechende Mass an Glitzer begehen.

Bleistiftrock: 12,99 Euro
Top: 9,99 Euro
Salbe für den Ausschlag: kostenfrei aus der Haushaltsapotheke gekramt

1. Weihnachtsfeiertag

Ich lege nicht viel Wert auf Weihnachten, aber als die ersten Freunde bei Facebook Bilder ihrer Festtafeln posten, verfalle auch ich in einen sentimentalen Christmas-Spirit. Während ich mich für mein Weihnachts-Dinner zurecht mache, rufe ich den London-Typen an und sage: "Manchmal schaue ich dich an und bin froh, dass es dich gibt." Er antwortet: "Manchmal schaue ich dich an und muss blinzeln. Deine Klamotten tun so weh in meinen Augen." Der mit roségoldenen, rechteckigen Pailletten besetzte Blazer funkelt freudig im Licht meiner Deckenlampe.

Auch meine Freundin runzelt den ganzen Abend lang die Stirn, als ich Essen von der Küche zum Tisch trage und mir dabei wiederholt die Hose hochziehe. "Es ist wirklich verwunderlich", sagt sie, "dass eine schlecht geschnittene Hose selbst eine gute Figur ruinieren kann." Tatsächlich hatte ich schon in meiner ersten Heidi-Projektwoche Probleme mit dem Schnitt der Anzughosen: An den Oberschenkeln spannen sie, mein Hintern passt nicht komplett in den dafür vorgesehenen Stoffteil. Dafür sitzt am Bauch und an den Hüften alles so lose, dass die Hose dauernd verrutscht. Auch die Konzeption des Blazers wirft Fragen auf: Sollen die umgeknickten Leisten einen Kragen simulieren? Und warum heissen die Polsterungen Schulterpads, wenn sie an meinem Rücken hängen?

Hose: 12,99 Euro
Top: 6,99 Euro
Blazer: 19,99 Euro

2. Weihnachtsfeiertag

Mein letztes Outfit ist optisch akzeptabel: ein schwarzer Jumpsuit mit Neckholder-Kragen. In ihrem Style Guide präsentiert Heidi ihn vor einem goldenen Hintergrund zur "Dinner Party Deluxe". Auch ich koche am Abend des 26. Dezember ein festliches Abendessen, stranguliere mich dabei aber mehrmals beinahe selbst: Weil die Hosenbeine viel zu lang sind, trete ich dauernd auf den Stoff, und ziehe den ohnehin engen Neckholder-Kragen zusätzlich enger. Mit meinen Locken, dem dramatischen Augen Make-Up und den Creolen fühle ich mich wie eine würgende R’n’B-Diva.

Genau wie bei der Anzughose brauche ich eine halbe Ewigkeit auf der Toilette. Diesmal liegt das allerdings eher daran, dass der billige Reissverschluss in dem aufgenähten Taillen-Streifen ein unüberwindbares Hindernis sieht. Am Ende des Abends krempele ich die mindestens zehn Zentimeter zu langen Schlaghosen-Beine nach oben und frage mich: Warum zur Hölle ist es so schwer, Mode für Frauen ohne Modelmasse so zu konzipieren, dass sie auch Frauen ohne Modelmasse passen?

Es macht mir nichts aus, das menschliche Äquivalent zu meinem Weihnachtsbaum zu bilden. Mein Problem mit der Heidi-Kollektion für Lidl, die Mode "für jeden erlebbar" machen will, ist ein ganz anderes: Sie erfüllt ihren eigenen Anspruch an Inklusion nicht.

Das teuerste Stück der Kollektion ist ein schwarzer Polyester-Mantel mit Kunstfellkragen für 29,99 Euro. Damit wird die Mode für Frauen in 27 europäischen Ländern und den USA – also dort, wo Lidl die Sachen verkauft – zwar erschwinglich. Aber mit den Tiefpreisen vergisst der Konzern die Frauen, die in grossen Teilen für die Mode verantwortlich sind: die Näherinnen, die sie in Fabriken in Myanmar und China herstellen.

Lidl gehört zu den Unternehmen, die das Bangladesch-Abkommen für Brandschutz und Sicherheit in den Fabriken unterzeichnet haben. Ausserdem arbeite der Discounter daran, die Produktionsvorgänge transparenter zu gestalten und die Adressen und die Anzahl seiner Zulieferer zu veröffentlichen, berichtete der Verein FEMNET im April, der sich für bessere Arbeitsbedingungen für Näherinnen einsetzt. Erst 2016 hatte der Guardian allerdings ausgerechnet, wie die Preise einer Discounter-Jeans zustande kommen: Die Näherinnen, die Lidl damals in Bangladesch für sich arbeiten liess, bekamen den Mindestlohn von 5.300 Taka monatlich – etwa 53 Euro. Wieviel die Näherinnen dafür bekommen, um für Heidi Klums kreischende Festtags-Mode Pailletten auf Polyester zu nähen, ist nicht bekannt.

Das fairste Geschäftsmodell ist das nicht, aber das haben schon Marx und Engels geschrieben. Am Ende des Tages muss jeder selber entscheiden, wie er seinen Konsum verantwortet. Und das kann nicht einmal ich: Ich habe drei Tage lang Heidis Billig-Outfits getragen, damit ich darüber einen Artikel schreiben kann. Und dabei Geschenke ausgepackt, üppige Abendessen gekocht und ein Fest gefeiert, an das ich nicht einmal glaube. Heidi mag beschissene Klamotten designen, aber immerhin ist sie eins: konsequenter als ich.

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