Monatsbudget

Ein Gamedesigner zeigt, wofür er sein Geld ausgibt

Livio Lunin entwickelt Spiele und glaubt, dass Geld die zwischenmenschlichen Beziehungen zerstört. Deshalb lebte er freiwillig ein Jahr lang als Obdachloser.

von Rebecca Breitenstein
25 Oktober 2018, 7:05am

Alle Fotos von Tom Huber

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Diese Geschichte wird dir präsentiert von Bank Cler.

In unserer Serie "Monatsbudget" zeigen Menschen aus den verschiedensten Schichten und Lebensrealitäten der Schweiz, wofür sie ihr monatliches Einkommen ausgeben.

Zwischen Gummitieren und Gamecontrollern ist Livio in seinem Element. Hier, im Gamelab der Zürcher Hochschule der Künste, lässt der 33-Jährige sich inspirieren. In dem kleinen Labor stapeln sich Kartenspiele, Brettspiele und Videogames. Livio ist Gamedesigner und entwickelt unter anderem edukative Video- und Brettspiele. Er weiss, was Menschen dazu bringt, voller Begeisterung stundenlang dieselben Knöpfe zu drücken. Er bestimmt die Regeln und fordert die Spieler und Spielerinnen immer wieder heraus. Auch in seinem eigenen Leben liebt Livio neue Herausforderungen. Für ein Selbstexperiment lebte er eineinhalb Jahre auf der Strasse. Jetzt wohnt er in einer WG in Zürich und arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Zürcher Hochschule der Künste.

VICE: Wieviel Geld hast du im Monat zur Verfügung?
Livio: Momentan arbeite ich nur fünf Prozent an der Hochschule. Das heisst, ich mache dieses Semester einen einwöchigen Blockkurs mit den Studenten. Dabei verdiene ich ca. 400 Franken. Da ich noch Erspartes habe, kann ich noch etwa einen Monat davon leben. Demnächst arbeite ich wieder 45 Prozent, um über die Runden zu kommen. Es steht ein Projekt in Kooperation mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) an. Wir entwickeln ein Sensibilisierungsspiel zum Thema Grundwasser für chinesische Bauern.

Gamelab Spiele

Welche Fixkosten hast du?
Mein WG-Zimmer in Zürich kostet mich 400 Franken. Für die Krankenkasse bezahle ich etwa 80 Franken. Ein Handy habe ich nicht und mein Laptop gehört der Hochschule. Wenn ich es mir leisten kann, gönne ich mir teure Bio-Lebensmittel. Insgesamt brauche ich um die 700 Franken im Monat.


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Wie wohnst du?
Momentan lebe ich in einer WG zusammen mit einem Paar. Davor habe ich eineinhalb Jahre auf der Strasse gelebt. Nicht, weil ich mir kein WG-Zimmer leisten konnte, sondern für ein Selbstexperiment.

Was war das Ziel dieses Experiments?
Ich wollte mich in einen anderen Zustand versetzen und herausfinden, wie es ist, ohne den gewohnten Komfort zu leben. Ich habe unter Brücken oder in Wäldern geschlafen. Das Ziel dieses Experiments war, meinen Lebensstandard so weit wie möglich runterzuschrauben und mich dadurch besser kennenzulernen.

Gamelab Spielfigur

Was bedeutet Luxus für dich?
Luxus bedeutet für mich, dass ich mich gut ernähren, genügend schlafen und viel Zeit mit meinen Mitmenschen verbringen kann. Auch meine innere Ruhe schätze ich extrem. Ich habe ein tiefes Vertrauen in mich. Das hatte ich sogar, als ich auf der Strasse gelebt habe. Dieses Gefühl der Sicherheit bedeutet Luxus für mich.

Was ist das Wertvollste, das du besitzt?
Zwischenmenschliche Beziehungen besitze ich zwar nicht, aber sie sind für mich das Wertvollste in meinem Leben. Bei materiellen Dingen ist es der Laptop, aber der gehört der Hochschule. Vieles, was ich habe, kommt und geht. Ich bekomme Dinge geschenkt und gebe sie wieder weg, wenn ich sie nicht mehr brauche.

Livio Lunin

Würdest du gerne mehr verdienen?
Nein, im Gegenteil: ich möchte in Zukunft möglichst wenig Lohnarbeit machen. Mir ist es wichtiger, mehr Zeit direkt mit meinen Mitmenschen zu verbringen. Deshalb konzentriere ich mich immer mehr auf Projekte, bei denen kein Geld involviert ist.

Du bist also kein Freund von Geld?
Geld ist ein absoluter Wert. Stell dir vor, wir hätten einen Kuchen und müssten drei Tage davon leben. Hätten wir keine Währung, müssten wir gemeinsam eine Lösung finden, wie wir den Kuchen aufteilen. Mit einer Währung hingegen ist klar, dass derjenige, der sich das grössere Stück leisten kann, am längeren Hebel sitzt. Wir müssen also gar nicht mehr miteinander diskutieren und uns mit unseren Bedürfnissen auseinandersetzen. Das ist ein Beispiel, wie Geld zwischenmenschliche Beziehungen zerstört.

Gamelab Gamecontroller

Also sollten alle gleich viel Geld haben?
Man sollte Geld ganz abschaffen. Geld prägt, wie wir miteinander umgehen. Da wir in einem System aufwachsen, welches einen absoluten Wert hat, denken wir auch mit diesem Wert. Der absolute Wert muss weg, wenn man den Menschen auf Augenhöhe begegnen möchte.

Wie finden deine Freunde diesen Ansatz?
Mir ist eine authentische Verbindung zu den Menschen wichtiger als mein Idealismus. Falls es mein Gegenüber interessiert, diskutiere ich gerne über Geld. Aber bei meinen meisten Freundschaften spielt meine Einstellung zu Geld keine Rolle.

Gamelab Spielekonsole

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