Fragen, die der Polizist aufwirft, der seiner Kollegin eine Hundeleine anlegen wollte

Wer nimmt eine Hundeleine mit auf einen Betriebsausflug? Wieso biss die Polizeianwärterin ihrem Kollegen in die Hand? Oder war das alles nur ein perfides SM-Manöver?

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07 Februar 2019, 3:37pm

Polizisten: imago | Lem

Im Gegensatz zur Polizei ist Alkohol niemals dein Freund und Helfer. Vielmehr verwandelt er dich in einen komisch riechenden, quengeligen Schatten deiner Selbst. Du machst Dinge, die man nüchtern nie verstehen würde. Plötzlich hältst du Streifenwagen für Taxis oder kommst auf die zweifelhafte, aber doch irgendwie grossartige Idee, aus deinem Speichel noch mehr Alkohol zu produzieren (Spoiler: Es ist wirklich eklig). Das gilt selbstverständlich auch für Polizisten.

Im Juli vergangenen Jahres soffen sich Stuttgarter Polizisten bei einem Betriebsausflug so die Hucke voll, dass einer von ihnen auf die Idee kam, einer Auszubildenden eine Hundeleine anlegen zu wollen. Zuvor spielten die Beamtinnen und Beamten ein Spiel, bei dem sie in "Hundeposen" Süssigkeiten mit dem Mund auffangen sollten. Ob sie "Männchen" machten oder im Vierfüssler-Stand hechelten, ist unbekannt. Fest steht: Die Frau wollte sich dabei nicht anleinen lassen und biss dem Kollegen als Retour in die Hand. Eigentlich wäre der Vorfall für die Anwärterin damit gegessen gewesen, so eine Meldung der Stuttgarter Nachrichten. Wenn nicht die Vorgesetzten davon gehört hätten. Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft Stuttgart gegen den Hundeleinen-Polizist und gegen zwei weitere Beamte wegen versuchter Nötigung. Und wir haben Fragen.

Warum tun Polizisten beim Betriebsausflug so, als seien sie Hunde?

Was wir wissen: Die Polizistinnen und Polizisten machten einen "Betriebsausflug" in den Nordschwarzwald und mieteten sich dafür mehrere Tage ein Ferienhaus. Welches Ziel der "Betriebsausflug" genau hatte, ist nicht bekannt. "Eine Gemeinschaftsveranstaltung eben", sagt ein Sprecher der Polizei Stuttgart auf Nachfrage von VICE. Wie üblich es sei, dass man sich auf solchen dienstlichen Veranstaltungen betrinkt? "Tja, das dürfen sie sich gerne fragen!", sagt der Sprecher lachend. Tatsache ist aber, dass es zu einem "geselligen Abend" mit viel Alkohol in der Küche und zu besagtem Hunde-Posing-Spiel kam. Wie die Idee entstand, können wir nur mit einer spekulativen Fall-Rekonstruktion nachstellen:

Sacht mal Leude, finnet ihr nicht auch, dass Dieter wie'n Mmmops aussieht? Die süssen Bäckchen? Und der Blick, aaahh, nein, Dieter, ich mag dich wüaklich gern und Möpse auch, aber verdammt, meine Ex hatte mal'n Mops, und der sah echt aus wie du, hihihi, Dieter mach mal "Sitz", jetzt stell dich nicht so an, Mensch, komm wir machen alle mit! Wer is' dafür, dass ich Dieter Gummibärchen mit der Verkehrskelle in den Mund schiesse?!


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So oder so ähnlich könnte es abgelaufen sein. Die viel wichtigere Frage aber lautet:

Wer packt eine Hundeleine für den Betriebsausflug ein?

Zur Polizei gehört ein Hund. Das wissen wir nicht nur, weil Kommissar Rex drei Meilen gegen den Wind riecht, ob sich ein Einbrecher in die Hose pisst. Auch dieser Onlineshop ordnet Hundeleinen unter "Polizeibedarf & Kriminaltechnik" ein ("Kurzführerleine Cobra in verschiedenen Farben, 79,96 Euro"). Aber ist die Liebe zum Schäferhund so gross, dass man überall einen Erinnerungsgegenstand mitnehmen muss? Vielleicht ist der Polizist, gegen den nun ermittelt wird, tatsächlich ein grosser Hundefreund. Vielleicht soll ihn die Leine immer daran erinnern, wie er zusammen mit seinem Wuff nach Kokain gestöbert hat. Vielleicht waren es auch keine Schoko-Bons, die sich die Polizisten gegenseitig in den Mund geworfen haben, sondern Welpen-Leckerlis. Aber vielleicht war der Polizist auch ein notgeiler Typ, der die "Betriebsausflug"-Stimmung nutzen wollte, um sich an eine untergebene, wahrscheinlich jüngere Kollegin ranzumachen? Vielleicht hat die Polizeianwärterin also einfach passend reagiert, als sie sich gegen die Leine wehren wollte. Trotzdem fragen wir uns:

Wieso biss die Anwärterin ihrem Kollegen in die Hand?

Nein heisst Nein, das muss klar sein. Ob das ein neckisches Knabbern ("Fass!") und damit im Sinne des Spiels war, oder ob die angehende Beamtin sich tatsächlich körperlich gegen sexualisierte Gewalt eines creepy Kollegen gewehrt hat, ist unbekannt. Ebenfalls unklar ist, inwieweit die Frau das Spiel freiwillig mitgemacht hat bzw. ab wann nicht mehr. Laut Stuttgarter Nachrichten sollte die Auszubildende Praxiserfahrung auf dem Revier sammeln. Fraglich bleibt, ob ein Sauf-Ausflug mit Hundespielen dazu gehörte. Andererseits könnte man sich fragen:

War das alles nur ein perfides SM-Manöver?

Auch Polizisten sind nur Menschen mit Bedürfnissen. Und nachdem wir in unserer Investigativ-Recherche zu Polizeischülern geklärt haben, dass "Pimmel-Bingo" keine fragwürdige Sexstellung, sondern der Amateur-Porno eines Auszubildenden der Berliner Polizei ist, fragen wir uns: Ist der Kollege bei der Polizei Stuttgart eine Art tierliebe Version von Christian Grey?

Darling, erst betrinken wir uns, werfen uns gegenseitig Leckerlis zu, dann setzen wir uns Hundemasken auf, beschnuppern gegenseitig unseren Anus und geben uns Tiernamen.

Was dann passiert wäre, bleibt eine Fantasie, die in die Tiefen der Pornowelt verbannt werden sollte. Der Polizist entschuldigte sich, nachdem sich die Auszubildende ihn gebissen hatte. Und er muss sich die nächsten Monate fragen:

Was für Konsequenzen hat das?

Der Polizist mit der Leine, ein weiterer Beteiligter und der Dienstgruppenführer wurden wegen des Vorfalls vor den Polizeipräsidenten zitiert. Die drei bekamen Disziplinarmassnahmen und wurden in andere Reviere versetzt. Zusätzlich ermittelt nun die Staatsanwaltschaft gegen die drei Beamten wegen versuchter Nötigung.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

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