"Es ist schwer, Blochers Dunstkreis zu entkommen" – Ex-BaZ-Besitzer Rolf Bollmann im Interview

Wir haben mit Blochers Geschäftspartner über den Verkauf der 'Basler Zeitung', Lokaljournalismus und die Gefahr, zum Steigbügelhalter der Politik zu werden, gesprochen.

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19 April 2018, 7:27am

Alle Fotos von David Zehnder

Die Basler Zeitung ist eines der umstrittensten Medien der Schweiz. Mit ihrer politisch rechten Berichterstattung hat sie sich nicht wenige Feinde gemacht. Aber wo Feinde sind, sind auch Freunde – im Fall der Basler Zeitung insbesondere in Deutschland. Dort kann die Zeitung dank ihrem rechten Kurs vor allem in den sozialen Medien auf eine stabile Leserbasis setzen.

Am 18. April 2018 wurde der Verkauf der Basler Zeitung an das Verlagshaus Tamedia bekanntgegeben. Im Gegenzug erhalten die drei bisherigen Inhaber der Basler Zeitung, Christoph Blocher, Markus Somm und Rolf Bollmann, das städtische Lokalmedium Zürcher Tagblatt sowie die Hälfte der beiden grössten Lokalanzeiger der Westschweiz, Lausanne Cités und GHI. Damit fahren sie ihre Strategie weiter, im lokalen Journalismus Fuss zu fassen. Bereits im Sommer 2018 kauften sie 25 Lokalzeitungen mit wöchentlich rund 800.000 Lesern.

Auch wenn die Investoren betonen, keine politische Mission zu verfolgen, befürchten viele eine Entwicklung in diese Richtung – ähnlich wie sie in den USA zu beobachten ist. Die Sinclair Broadcast Group erreicht dort mit ihren lokalen News-Sendern rund 40 Prozent der Haushalte. Die Gruppe rückte in den Fokus der Medien, weil sie in erster Linie stark konservative, pro-Trump-orientierte Nachrichten ausstrahlt.


Auch John Oliver hat sich bereits mit der Sinclair Broadcast Group beschäftigt:


Anlässlich des Verkaufs der Basler Zeitung haben wir mit Rolf Bollmann gesprochen. Bollmann ist in der Medienbranche als Gründer von 20 Minuten bekannt und heute Verwaltungsratspräsident der Zeitungshaus AG, die Firma von Christoph Blocher, Markus Somm und ihm selbst.

VICE: Der Verkauf der BaZ wurde heute Morgen bekanntgegeben, Sie kommen gerade von der Tamedia-Mitarbeiterinformation. Wie waren die Reaktionen?
Rolf Bollmann: Ich hatte einen Vorteil, weil ich vor der Basler Zeitung bereits sieben Jahre bei Tamedia war und etwa die Hälfte der anwesenden Crew bereits kenne. Trotzdem war auch Angst da. Was passiert mit uns? Werden wir verkauft? Können wir unseren Arbeitsplatz behalten? Wird jetzt alles geändert? Ich bin bekannt als einer, der in Vergangenheit viel sanieren und auf Kosten achten musste. Vor allem aber auch: Wird das Tagblatt jetzt ein SVP-Kampfblatt?

Blocher hat natürlich das Interesse, eine politische Botschaft im Medium zu haben. Aber nicht das Interesse, dass ausschliesslich nur seine Botschaft oder nur jene der SVP drin ist. Das glauben die Mitarbeiter natürlich aber nicht. Christoph Blocher ist Unternehmer und möchte vor allem Geld verdienen – auch wenn er bereits so viel Geld hat. Dass das Tagblatt zum SVP-Blatt wird, ist darüber hinaus auch rein vertraglich gar nicht möglich. Im Tagblatt-Vertrag mit der Stadt Zürich steht, dass das Tagblatt alle Parteien abbilden muss. Würden wir das Tagblatt politisch missbrauchen, kann der Vertrag gekündigt werden. Zudem möchte ich nicht unser Geschäftsmodell der Lokalzeitungen zerstören, indem wir Kunden verärgern.

"Die Leute wollen keine tiefgründigen Geschichten. Sie wollen Fotos von ihren Bekannten im Turnverein."

Man kann aber auch über die Besetzung der Positionen die Ausrichtung eines Mediums prägen.
Natürlich, ja. Aber hätten sich die linken Journalisten einmal die Mühe gemacht, nachzuschauen, wer überhaupt für die Basler Zeitung schreibt, hätten sie gesehen, dass etwa 30 Prozent der Leute Lokaljournalisten sind. Die haben ein eher linksbürgerliches Gedankengut. Markus Somm hat noch nie jemandem vorgeschrieben, wie er schreiben soll. Er schreibt nur vor, dass Artikel interessant sein müssen. Das Problem war, dass Markus Somm mit seinem wöchentlichen, klar rechts positionierten Kommentar dem Medium dem Stempel aufgedrückt hat. Aber die Basler Zeitung ist eine Forumszeitung.

Sie haben immer wieder betont, dass die Basler Zeitung nicht schlechter dasteht als andere Printmedien in der Schweiz. Was war dann der Grund für den Tausch?
Zum Unternehmertum gehört auch, in die Zukunft zu blicken. Es ist ein offenes Geheimnis, dass abonnierte Tageszeitungen einen schweren Stand haben. Und zwar alle. Wir haben den Konzern in Basel seinerzeit in einem sehr schlechten Zustand übernommen. Er hatte 800 Mitarbeiter, heute sind wir noch um die 90. Neben der Basler Zeitung waren damals noch etwas zehn andere AGs involviert. Dazu kommt, alle grossen Tageszeitungen in der Schweiz haben in den letzten fünf Jahren 50 Prozent des Werbemarktes verloren. Das ist brutal. Da müssen auch Kosten gesenkt werden und unter anderem Entlassungen ausgesprochen werden. Und online kann das nicht ausgeglichen werden, hier gilt wiederum: The winner takes it all. Und das ist 20 Minuten. Alle anderen verdienen kein Geld.

"Wäre ich jung und müsste noch auf meine Karriere achten, hätte ich mich nicht in Blochers Dunstkreis begeben."

Sie sehen den Erfolg im Lokaljournalismus. Warum lesen Leute lieber Lokaljournalismus als überregionalen?
Unabhängig vom Alter interessiert es die Leute mehr, was dort passiert, wo man zuhause ist, als in der grossen Welt. Zu dieser wird man den ganzen Tag mit negativen Informationen berieselt. Was den Leuten vertraut ist, ist ihnen wichtiger.

Wir haben dabei bei unseren aktuellen 24 Swiss Regiomedia-Titeln noch viele publizistische Produkte, die journalistisch eher anspruchslos sind. In denen sind ein paar Bildchen von der Feuerwehr und der Eröffnung eines Coiffeur-Salons, aber sonst steht nichts drin. Unsere Analysen haben aber ergeben: Das wird gelesen. Die Leute wollen keine tiefgründigen Geschichten. Sie wollen Fotos von ihren Bekannten im Turnverein sehen. Sie schauen gratis Lokalmedien auch an, wenn der grösste "Mist" drin steht. So simpel ist das. Und, was für uns auch ein grosser Vorteil ist: Wir landen mit der Gratiszeitung im Briefkasten der Leute und können so den "Werbung Stopp"-Aufkleber umgehen. Und auch, dass wir im Werbemarkt nicht auf wenige grosse Werbekunden angewiesen sind, sondern auf mehrere Tausend kleine. Schliesst eine Autogarage, öffnet die nächste.

Sie haben einen rein ökonomischen Anspruch an Ihre Arbeit. Christoph Blocher hat aber auch einen politischen Antrieb. Läuft man in Ihrer Position nicht Gefahr, zum Steigbügelhalter politischer Ansichten zu werden?
Da ist im Kern Wahrheit dabei. Es ist schwer, wenn man einmal im Dunstkreis der Figur Blocher war, da wieder rauszukommen. Wäre ich jung und müsste noch auf meine Karriere achten, hätte ich mich nicht da hinein begeben. Markus Somm leidet aktuell darunter, dass er nicht mehr aus diesem Dunstkreis herauskommt. Er hat den Stempel aufgedrückt bekommen – obwohl er eigentlich gar nicht so ist. Somm ist erst 50 Jahre alt und muss auf seine Zukunft achten. Ich habe zudem den Vorteil, dass ich mich nicht politisch geäussert habe und mit einer rein ökonomischen Perspektive unterwegs bin.

Christoph Blocher ist ja durchaus dafür bekannt, sich gerne zu streiten. Wie ist es, mit ihm zusammenzuarbeiten?
Diese Frage haben sie lustigerweise bei der Tamedia auch gestellt. Er hat mich vorhin noch angerufen, er war ja gerade bei der Information der Basler Zeitung. Er war bei der Mitarbeiter-Information in Basel fürs Alte zuständig, ich fürs Neue, also die neuen Titel. Er hat mich gefragt, wie es beim Tagblatt lief. Ich habe ihm gesagt: "Sie wollen dich vor allem einmal sehen. Ich habe versprochen, mit dir vorbeizukommen. Sie haben das Gefühl, du seist ein riesiges Arschloch." So kann ich mittlerweile mit ihm sprechen.

"Ich war natürlich einer von denen, die für Blocher gearbeitet haben. Und musste Sparmassnahmen umsetzen, damit der 'reiche Sack' noch reicher wird."

Sässe Christoph Blocher jetzt hier, würdest du anschliessend deinen Freunden sagen, dass er gar nicht so ein Arschloch ist, wie du gemeint hast. Er ist ein hoch interessanter Gesprächspartner. Er weiss extrem viel. Und er spricht wie wir. Er ist knallhart in der politischen Auseinandersetzung. Aber ich habe noch nie erlebt, dass die Leute nach einer persönlichen Begegnung nicht begeistert von ihm sind.

Blocher ist noch immer Politiker und kann zudem nicht Nein sagen. Er ist immer unterwegs. Jetzt hat er wieder ein neue Mission damit, die Schweiz aus dem Rahmenvertrag zu halten – und weiss der Teufel, über was er noch alles spricht. Er sagt bei einem Forum von Economiesuisse genauso zu wie bei einer Anfrage vom Turnverein Illnau-Effretikon. Er kann einfach nicht Nein sagen.

Rückblickend auf Ihren Start bei der Basler Zeitung haben sie geschrieben: "Hätte ich mich vor Beginn meiner Aufgabe erkundigt, wie es mit der Basler Zeitung wirklich steht, wäre ich schnellstmöglich wieder zu Fuss nach Zürich zurückgerannt."
Da habe ich übertrieben, das mache ich nicht mehr zu Fuss.


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Aber Sie sind froh, von Basel wegzugehen?
Ja. Die Leute in der Redaktion sind mir ans Herz gewachsen. Aber mit der Basler Mentalität konnte ich mich nie anfreunden. Ich habe mich nie willkommen gefühlt.

In Basel ist die Trennung der Gesellschaft viel stärker. Es gibt ganz reiche Leute, die sich absondern, aber auch sehr viel Arme. Und man darf nicht vergessen: In Basel Stadt haben 52 Prozent der Haushalte einen Migrationshintergrund. Von denen abonniert erfahrungsgemäss niemand die Basler Zeitung. Zudem gibt es auch viele Sozialhilfeempfänger, die gar kein Geld für ein Zeitungsabo haben. Und auch von den 38.000 Expats liest keiner die Basler Zeitung. Die Zielgruppe für eine klassische Abonnementszeitung, vor allem für eine rechtsbürgerliche, ist also enorm klein.

Basel ist eine schöne Stadt, aber man hat auch gespürt, dass man nicht willkommen ist. Vielleicht hat auch daran Blocher schuld. Ich war natürlich auch einer von denen, die für ihn gearbeitet haben und musste Sparmassnahmen umsetzen, damit der "reiche Sack" noch reicher wird. Diese Vorwürfe habe ich schon immer gehört. Dementsprechend fällt es mir nicht sonderlich schwer, Basel hinter mir zu lassen.

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