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Warum 'Chernobyl' so erschreckend akkurat ist

In der Miniserie von HBO und Sky stimmt jedes Detail, vom Nummernschild bis zur Tapete. Wir haben mit Macher Craig Mazin über seine Obsession für die Katastrophe gesprochen.

von Drew Schwartz
07 Juni 2019, 8:10am

Alle Standbilder mit freundlicher Genehmigung von HBO

Craig Mazin wurde nicht in der Sowjetunion geboren. Er spricht kein Russisch. Er war 1986 nicht dabei, als Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschernobyl explodierte und ungeheure Mengen radioaktiver Strahlung in die Atmosphäre blies, ganze Städte unbewohnbar machte und unseren Blick auf die Atomenergie für immer veränderte. Tausende, wenn nicht sogar 1,4 Millionen Menschen kamen durch die Atomkatastrophe ums Leben – die genaue Zahl ist heute noch umstritten.

Craig Mazin hat all das nicht miterlebt. Er wurde in Brooklyn geboren und war noch ein Teenager, als das Unglück geschah. Dennoch hat der Autor und ausführende Produzent von Chernobyl es geschafft, die Katastrophe und das Leben der Betroffenen in seiner fünfteiligen Miniserie so detailliert und eindringlich darzustellen, dass man glaubt, selbst dabei zu sein.


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Die Serie, eine Co-Produktion von Sky und HBO, erzählt viel mehr als das, was damals in dem Atomkraftwerk schief ging. Chernobyl handelt auch vom Versagen des Sowjetsystems und den Problemen, die es sich selbst geschaffen hatte. In Chernobyl geht es um "den Preis der Lüge" und eine Welt, in der es keine Wahrheit gibt. Aber viel mehr noch geht es um Menschen: um die Verantwortlichen, die Ersthelfer und die Bürgerinnen und Bürger, deren Leben für immer verändert wurde.

Um dieses Leben bis ins kleinste Detail nachzuempfinden, haben die Macher der Serie zweieinhalb Jahre recherchiert. Die Kleidung, Autos, Zigaretten, Geschirr, sogar die Tapeten: Alles stimmt bis ins kleinste Detail. Bis auf die Atomphysikerin Ulana Khomyuk (Emily Watson) haben alle Hauptfiguren wirklich gelebt.

Wir haben mit dem 48-jährigen Drehbuchautor über die historische Genauigkeit, seine Obsession damit und, natürlich, Tschernobyl gesprochen.

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Jared Harris als Waleri Legassow

VICE: Wie bist du auf die Idee gekommen, eine Serie über Tschernobyl zu machen?
Craig Mazin: Ich war 15, als die Katastrophe passierte. Tschernobyl hat mich seitdem immer irgendwie begleitet. Aber etwa 2015 ist mir aufgefallen, dass ich nicht wirklich wusste, was und wie es eigentlich passiert war. Also habe ich angefangen, zu lesen. Ich wollte einfach wissen, was genau in dieser Nacht schiefgelaufen war. Und was ich las, hat mich schockiert und nicht mehr losgelassen. Es war, als wäre ich auf einen Krieg gestoßen, über den noch niemand ausführlich berichtet hat. Natürlich merkte ich schnell, dass Menschen ausführlich über Tschernobyl geschrieben hatten, aber nichts davon war ins gesellschaftliche Bewusstsein der USA durchgedrungen.

Mit was für Quellen hast du gearbeitet?
Wissenschaftliche Aufsätze, Regierungsberichte, Bücher von früheren sowjetischen Wissenschaftlern, die in Tschernobyl waren – alles, was ich finden konnte. Ich habe Bücher von westlichen Historikerinnen gelesen und Erfahrungsberichte aus erster Hand. Außerdem habe ich eine Menge Dokumentationen geschaut.

Dann stieß ich auf Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft, ein einzigartiges Buch. Die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch hat darin einen Teil der Geschichte festgehalten, den wir nur selten sehen. Normalerweise blicken wir auf historische Ereignisse aus der Sicht von berühmten Persönlichkeiten. Sie macht keinen Unterschied zwischen Parteikadern, Generälen oder Bauern. Für sie ist die Perspektive der normalen Menschen genauso wichtig. Das hat mich inspiriert.

Wie lange hast du recherchiert, bevor du dich wirklich ans Drehbuch gesetzt hast?
Etwa zweieinhalb Jahre, inklusive Vorbereitung und Strukturierung. Aber ich hatte auch noch andere Projekte laufen und bin Ehemann und Vater. Ich hatte also eine Menge zu tun.

Warum war es dir so wichtig, die Serie so akkurat wie möglich zu machen?
Bei Chernobyl geht es im Kern um die Frage, was passiert, wenn wir uns von der Wahrheit abwenden. Lügen spielten in der Sowjetunion eine gigantische Rolle. Lügen wurden dort zu einer Kunst. Man belog sich gegenseitig, man belog die Menschen über einem, man belog die Menschen unter einem. Sie taten es aus einer Art Selbsterhaltungstrieb. Irgendwann wurden Lügen zur Norm und die Wahrheit hatte keinen Wert mehr. Wenn sie doch mal ihren Kopf rausstreckte, wurde sie sofort angegriffen. In meinen Augen wäre es deswegen fatal gewesen, diese Geschichte zu fiktionalisieren und zu überdramatisieren.

Natürlich musst du Änderungen vornehmen. Du kannst nicht zwei Jahre in fünf Stunden erzählen, ohne etwas zu ändern. Aber das ist auch ein Grund, warum ich einen dazugehörigen Podcast mit Peter Sagal gemacht habe: um über diese Änderungen zu sprechen und zu erklären, warum ich sie gemacht habe.

Wie eng orientieren sich deine Dialoge an dem, was wirklich gesagt wurde?
Es gibt Zitate von Menschen, die ich einfach nur unglaublich fand. Und wenn ich die unglaublich finde, warum sollte ich sie dann ändern? Wenn Schichtleiter Alexander Akimow sagt: "Wir haben alles richtig gemacht", und direkt nach der Explosion: "Etwas Sonderbares ist geschehen", dann kann ich mir auch nichts Besseres ausdenken. Und warum sollte ich das? Das sind einfach tolle, sehr menschliche Zitate.

Paul Ritter in 'Chernobyl'
Paul Ritter als Anatoli Djatlow

Der Journalist Slava Malamud, der selbst in der UdSSR aufgewachsen ist, sagte, dass die Art, wie die Figuren in der Serie sprechen, perfekt wiedergibt, wie die Menschen damals gesprochen haben – auch wenn sie britische oder irische Akzente haben. Wie habt ihr das geschafft?
Ich habe gesehen, dass er das geschrieben hat, und es hat mich wirklich sehr gefreut. Meine ehrliche Antwort lautet: Ich weiß nicht, wie ich das geschafft habe. Ich absorbiere wohl einfach viel beim Lesen. Außerdem habe ich mir viele Dokumentationen mit Originalaufnahmen angeschaut. Ich weiß, dass Regisseur Johan Renck intensiv mit den Schauspielerinnen und Schauspielern daran gearbeitet hat, sie mental in der damaligen Sowjetunion zu verorten. Es gibt da eine gewisse Schwere. 1986 hatten die Menschen in der Sowjetunion fast ein Jahrhundert Mühsal, Elend, Krieg und Hunger hinter sich. Das steckte in ihren Knochen. Und dann kam Tschernobyl.

Ich habe gehört, dass du dein Skript auch von einer Frau gegenlesen lassen hast, die damals in der Sowjetunion gelebt hat?
Ich habe mit mehreren Menschen gesprochen, aber vor allem mit dieser Frau. Ein Kollege von mir ist mit ihr verheiratet. Sie hat 1986 in der sowjetischen Ukraine gelebt, als es passiert ist. Natürlich hatte ich einige Fragen und habe sie dann quasi interviewt.

Wenn du eine Geschichte erzählst, die du nicht selbst erlebt hast, dann erzähle sie mit dem größtmöglichen Respekt für diejenigen, die dabei waren – das ist mein Prinzip. Und das erreicht man unter anderem damit, auf kleinste Details zu achten. Wir waren geradezu besessen. Außerdem hatten wir den Vorteil, dass unsere Crew größtenteils aus Litauen stammte. Viele von ihnen waren in der Sowjetunion aufgewachsen. Zwischendurch sagten sie immer wieder: "Also, wir würden das eigentlich so machen und nicht so."

Stellan Skarsgård as Boris Shscherbina in 'Chernobyl'
Stellan Skarsgård als Boris Schtscherbina

Mit welchen Menschen hast du noch gesprochen?
Wir haben Leute getroffen, die damals in der Stadt Prypjat neben dem Kraftwerk gewohnt haben. Heute ist das eine Geisterstadt. Und wir haben mit ehemaligen Liquidatoren gesprochen, so werden die Aufräumteams von Tschernobyl genannt. Mit einigen der wichtigsten Personen hatte ich aber schon gesprochen, bevor ich überhaupt ein Wort geschrieben hatte oder nach Osteuropa gereist war. Die allererste Person, mit der ich gesprochen habe, war ein Atomphysiker an der University of Southern California, der mir eine Stunde lang grundlegend erklärt hat, wie das alles passiert ist.

Warum war es dir so wichtig, die ganzen wissenschaftlichen Details so akkurat darzustellen?
Weil ich die Wissenschaft respektiere. Und ich respektiere die Wissenschaftler, die das Problem gelöst haben. Wenn ich also eine Serie mache, in der Wissenschaft eine Rolle spielt, will ich, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sich das anschauen und sagen können: "Danke! Gut gemacht." Ich will, dass die Leute merken, dass ich mir Mühe gegeben habe, alles richtig darzustellen. Wenn du die wissenschaftlichen Grundlagen einer Geschichte nicht verstehst, bei der Wissenschaft eine Rolle spielt, dann solltest du darüber nicht schreiben. So sehe ich das.

Sprechen wir über das Set-Design. Die Feuerwehruniformen sind genau nachempfunden, die Rucksäcke der Kinder, die Teetassen, die Essensrationen. Wie viel Arbeit war es, das alles so hinzukriegen?
Diese Serie sollte nicht noch ein US-amerikanischer Fiebertraum vom Alltag in der Sowjetunion werden. Für uns war von Anfang an klar, dass Genauigkeit unser oberstes Gebot ist. Ich wollte, dass Menschen in der Ukraine, Russland und Weißrussland Chernobyl sehen und sagen: "Ihr habt euch mit uns auseinandergesetzt." Luke Hall war verantwortlich für das Produktionsdesign und er hat unglaubliche Arbeit geleistet. Er hatte ein ganzes Team unter sich, das an der Dekoration, den Einrichtungen, den Tapeten und diesen ganzen Sachen gearbeitet hat. Wir haben viele Orte besucht, von denen wir wussten, dass sie sich seit der Sowjetzeit kaum verändert haben.

Wie vielen Leuten im Westen wird auffallen, dass auf einem Nummernschild das richtige Kürzel für die Oblast Kiew steht? Ich will, dass diejenigen, für die Tschernobyl ein furchtbares Unglück war, das erkennen. Damit sie merken, dass wir die Serie auch für sie gemacht haben.

Was sagen die Leute aus der ehemaligen UdSSR zu Chernobyl ?
Abgesehen von ein paar Menschen, die der Sowjetunion hinterhertrauern, so komisch das auch klingt, habe ich nur Positives gehört. Das liegt auch daran, dass der Bösewicht in dieser Geschichte das sowjetische System ist. Die Menschen der Sowjetunion aber sind die Helden. Ich hoffe, dass die Serie sie stolz macht.

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Die Bergleute in 'Chernobyl'

Wie bist du vorgegangen, wenn du im Drehbuch von der Realität abweichen musstest?
Wir hatten eine Regel: Du kannst nur etwas verändern, wenn du die Geschichte sonst nicht erzählen könntest. Nichts sollte unheimlicher, dramatischer oder schrecklicher gemacht werden, als es damals war. Die Realität war verstörend genug. Bevor wir die erste Szene gedreht haben, habe ich Sky gesagt, dass ich vorhabe, einen Podcast zur Serie zu machen. Das war mir wichtig, um erklären zu können, warum ich etwas geändert habe.

Sind dir die Abweichungen von der Realität schwergefallen?
Ja. Sagen wir es mal so: Ich habe die Änderungen jedes Mal richtig gespürt. Und ich habe jedes Mal versucht, ohne sie auszukommen. Aber du kannst so eine Serie nicht hundertprozentig historisch akkurat und gleichzeitig so machen, dass Menschen sie auch gucken wollen. Zumindest in diesem Format ist das nicht möglich. Ich glaube nicht, dass irgendjemand 100 Stunden Chernobyl sehen will, wo auch das kleinste Detail stimmt. Mir würde auch kein Sender Geld dafür geben. Du musst also gewisse Entscheidungen treffen.

Viele Menschen beginnen sofort, nachdem sie eine Folge Chernobyl gesehen haben, zum echten Vorfall zu recherchieren. Wie findest du das?
Ich liebe das, weil sie von der gleichen Sache fasziniert sind, wie ich. Es ist eine außergewöhnliche Geschichte. Ich glaube außerdem, dass wir im Westen den Alltag und das Leben der sowjetischen Bürgerinnen und Bürger während des Kalten Krieges nie wirklich verstanden haben. Auch in der Sowjetunion gab es Gelächter, Glück, Liebe und Mut. Das wurde uns nie wirklich beigebracht. Regierungen unterscheiden sich, Philosophien unterscheiden sich, aber wenn du es runterbrichst, ist ein Lehrer ein Lehrer und eine Metzgerin eine Metzgerin. Wir alle sind Menschen und uns viel ähnlicher, als wir es uns vorstellen können.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE US.