Fragen, die der Dieb aufwirft, der sieben Tüten Damenunterwäsche hortete

Liess er sich von einer Hornbach-Werbung inspirieren? Hatte er eine feste Diebesroute? Klaute er nur, weil er sich gegen den kapitalistischen Verkaufswahn für getragene Unterwäsche wehren wollte?

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11 April 2019, 12:26pm

Foto: imago | Steinach

Googelt man nach dem Ort Perdöhl, dann findet man nicht viel. Auf Google Maps zeigt das einzige Bild ein weites Ackerfeld, gelbe Rapsblüten unter dunklen Wolken, es sieht aus wie ein Zusammenschnitt aus The Day After Tomorrow und Bibi und Tina auf dem Martinshof. Und es wirkt wie ein Symbolbild für den Schrecken, der Perdöhl in den letzten Wochen heimsuchte.

In Perdöhl verschwindet Damenunterwäsche. Regelmässig. Laut einem Sprecher der Polizei Ludwigslust seit etwa einem halben Jahr. Und seit Mittwochmorgen könnte der mutmassliche Täter gefasst sein. Anwohner von Perdöhl überraschten einen 43-jährigen Mann, als er sich mutmasslich an einer Wäscheleine bedienen wollte. Den Besitzern des Grundstücks wurde bereits zweimal Wäsche geklaut. Als die Polizei den Mann festnahm und kurz darauf seine Wohnung durchsuchte, fand sie noch mehr Damenwäsche – sieben Einkaufstüten voll. Wir haben Fragen.

Liess der mutmassliche Dieb sich von der klischeehaften Hornbach-Werbung inspirieren?

Fangen wir mit der offensichtlichsten Frage an: Warum? Warum sollte jemand, mutmasslich natürlich, die Wäscheleinen seiner Mitmenschen nach BHs und Slips absuchen und dann so viele einsammeln, dass er sieben Einkaufstüten füllen kann? Die einfachste Antwort ist vermutlich, dass der mutmassliche Dieb auch ein mutmasslicher Unterwäsche-Fetischist ist. Die Tatmotive sind der Polizei jedenfalls noch nicht bekannt.

Eine alternative Erklärung ist, dass der Mann sich die Frühjahrswerbung von Hornbach reingezogen hat. Kurzer Background: In der Werbung "So riecht das Frühjahr" schuften drei behaarte Typen im Garten und ziehen sich dann aus. Zwei kitteltragende Wissenschaftler sammeln die vor Schweiss triefenden Klamotten ein, vakuumieren und verschiffen sie in eine versmogte, anscheinend asiatische Stadt, wo eine junge Asiatin eine Packung Schweissklamotten wie eine Coladose aus einem Getränkeautomaten kauft, die Tüte öffnet, daran riecht und kurz darauf vor Begeisterung fast hyperventiliert. Rassistisch? Wahrscheinlich. Aber ist es auch inspirierend? Vielleicht hortete der Typ so viel Unterwäsche, um sie ebenfalls an Fetischisten zu verschachern. Das Problem dabei: Die geklaute Wäsche hing zum Trocknen draussen, war also sauber. Er müsste sie also selbst erst mal für längere Zeit tragen und vollschwitzen. Bei sieben vollen Plastiktüten klingt das nach sehr viel Arbeit.

Was für eine Erklärung lieferte der Typ den Anwohnern, als sie ihn ertappten?

Nachdem bereits zwei Fuhren Unterwäsche verschwanden, legten sich Anwohner von Perdöhl "auf die Lauer", so erzählt es ein Sprecher der Polizei Ludwigslust. Am Mittwochmorgen stellten sie ihn auf frischer Tat am Grundstückszaun, als er sich vermutlich an einer Wäscheleine bedienen wollte. Was dann passierte, können wir nur vermuten. Vielleicht sprangen mehrere Perdöhler, die sich zu einer Bürgerwehr organisiert hatten, aus dem Gebüsch, umzingelten ihn und riefen: "HA! HABEN WIR DICH DU TANGA-DIEB!" Oder sie blieben cool und fragten einfach: "Was machen Sie da eigentlich?" Keine Ahnung. Viel interessanter ist, was er möglicherweise geantwortet hat.

Möglichkeit 1: Er sagt gar nichts

Ja, diese awkward silence, wenn man bei einem Tinder-Date im Restaurant sitzt und einander absolut nichts zu sagen hat. Oder wenn man gerade nach einem Leo-String greifen wollte und ein Mob wütender String-Besitzerinnen dich überrascht und in die Enge treibt.

Möglichkeit 2: Er sagt die Wahrheit

"Ja, also, das klingt jetzt vielleicht komisch, aber ich finde Ihre Unterwäsche sehr schön. Und ich werde sie deshalb mitnehmen."

Möglichkeit 3: Er lügt

"GOTT SEI DANK sind Sie da!! Äh, also da war ein sehr verdächtiger Typ, der durch die Gärten schlich und sagte, er wäre von irgendeinem Weiss-Magazin und mache einen Selbstversuch, von wegen 'Ich habe einen Monat lang fremde Unterwäsche getragen, damit ihr es nicht müsst', GANZ, GANZ KOMISCH! Der ist gerade den Berg runtergerannt."


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Was der Mann letztendlich gesagt hat, ist nicht bekannt. Bisher schweigt er zu seinen Motiven. Vielleicht hält er auch aus anderen Gründen dicht. Gründe, die wir Unwissenden nicht verstehen und die ihn zu einem Rebell, zu einem Gegner des Unterwäsche-Kapitalismus machen.

Klaute er, um sich gegen den kapitalistischen Verkaufswahn für getragene Unterwäsche zu wehren?

Getragene Unterwäsche kann verdammt viel Kohle bringen. Es gibt sogar Frauen, die nicht nur ihre eigene Unterwäsche verkaufen, sondern auch noch Mitarbeiterinnen einstellen. Ein Unternehmen für getragene Unterwäsche, 2.500 Euro im Monat soll eine Frau damit verdienen können.

Die Nachfrage für dieses Business scheint rasant zu steigen. Und vielleicht steigen damit auch die Preise für einen Slip, schneller und höher als der Kurs für ein Pfund Markenbutter. Kapitalistenschweine! Immer mehr Konkurrenz und Ausbeutung, man stelle sich nur Discounter für verramschte, getragene Unterwäsche vor. Ja, vielleicht war dem Unterwäschedieb das alles zu viel.

Hatte er eine feste Diebesroute?

Als die Polizei die Wohnung des Verdächtigen durchsuchte, fand sie sieben volle Einkaufstüten mit Damenunterwäsche. Theoretisch würde das zu den Vorfällen in Perdöhl passen: Bei den Anwohnern, die ihn erwischten, fehlte bereits zum zweiten Mal Unterwäsche. Auch die Polizei geht laut Pressemeldung davon aus, dass der Verdächtige für weitere Diebstähle in Frage kommt, die noch nicht gemeldet sind. Ein Sprecher der Polizei Ludwigslust sagte gegenüber VICE, man vermute, dass der Täter etwa ein halbes Jahr lang seiner Beschäftigung nachging. Die geografischen Gegebenheiten von Perdöhl bieten sich jedenfalls für eine feste Route an: Die meisten Häuser reihen sich entlang der Dorfstrasse, die wiederum für eine schnelle Flucht in die Hauptstrasse mündet. Und schliesslich wurde ihm die Routine auch zum Verhängnis.

Welche Strafe droht ihm jetzt?

Laut Polizeisprecher sitzt der Mann nicht in Untersuchungshaft, sondern vermutlich wieder zu Hause. "Der Verdächtigte wird angeschrieben und dann vorgeladen." Die Polizei ermittelt nun wegen mehrfachen Diebstahls. Ein Sexualdelikt kommt nicht in Frage, da diese sich gegen Menschen richten müssen. Dafür verliert er vermutlich Karmapunkte – Sieben Einkaufstüten voll.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.