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Monatsbudget

Eine alleinerziehende Mutter zeigt, wofür sie ihr Geld ausgibt

"Von Sozialhilfe zu leben ist alles andere als entspannt. Es ist das pure Gegenteil."

von Aleksandra Novitovic
07 Mai 2019, 9:45am

Alle Fotos von Pius Bacher
 

In unserer Serie "Monatsbudget" zeigen Menschen aus den verschiedensten Schichten und Lebensrealitäten der Schweiz, wofür sie ihr monatliches Einkommen ausgeben.

Die warme Frühlingssonne scheint durch die grossen Wohnzimmerfenster und durchflutet Ginas Wohnzimmer mit Licht. Sie sitzt auf dem Sofa, auf dem Schoss ihre vier Monate alte Tochter. Sie beantwortet die ersten Fragen, als das Baby plötzlich anfängt zu zu weinen.
"Ist es okay, wenn ich sie stille?", fragt Gina und lächelt. 8 bis 12 Mal pro Tag stillt Gina ihre Tochter. "Ein Baby braucht rund um die Uhr Liebe, Aufmerksamkeit und Nahrung."

Gina ist 22 Jahre alt und alleinerziehend. Ihr Freund lebt in Holland; eine Ausbildung hat sie noch nicht abgeschlossen. Sie sagt: "Das Muttersein ist nicht einfach. Was mich von allen Dingen anstrengt und ermüdet, ist meine unsichere finanzielle Lage."

Gina, die mit richtigem Namen anders heisst, ist eine von rund 172.000 alleinerziehenden Müttern in der Schweiz, jede sechste Alleinerziehende ist von Armut betroffen, ein gleich grosser Anteil bezieht Sozialhilfe, so wie Gina. Obwohl sie uns erzählt, dass man über Sozialhilfe offen reden sollte, möchte sie anonym bleiben. In einem der reichsten Länder dieser Welt Sozialhilfe zu beziehen und trotzdem jeden Monat nur knapp über die Runden zu kommen, ist für sie beschämend. "Von Sozialhilfe zu leben ist alles andere als entspannt. Es ist das pure Gegenteil."

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VICE: Wie viel Geld steht dir pro Monat zur Verfügung?
Gina: Das Sozialamt überweist mir pro Monat 3.100 Franken.

Warum bist du auf Sozialhilfe angewiesen?
Momentan kann ich einfach nicht arbeiten. Mein Kind ist erst vier Monate alt. Ich möchte sie nicht in die Kita geben. Ich habe meine Ausbildung noch nicht abgeschlossen. Das heisst, das Geld, das ich verdienen würde, wäre nicht mal ausreichend, um zu überleben. Sogar mit einer Arbeit müsste ich noch Sozialgeld beziehen, um mich und mein Kind durchzufüttern. Ich kriege keine finanzielle Unterstützung von meinen Eltern.


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Hast du noch ein Nebeneinkommen?
Mein Freund, der in Holland lebt, überweist mir monatlich um die 500 Franken. Manchmal ist es mehr, manchmal weniger.

Wofür gibst du am meisten Geld aus?
Für meine Miete. Und für Essen und den Haushalt.

Was sind deine monatlichen Fixkosten?
Die Miete beträgt 1.290 Franken, die Krankenkasse 540 Franken für uns beide. Für Fernsehen, Internet und Handyabo bezahle ich 70 Franken pro Monat. Dazu kommen noch 900 Franken für Essen und Haushalt, wie Putzmittel, Hygieneprodukte und Windeln.

Wie viel Geld bleibt dir Ende Monat übrig?
Mir bleibt selten etwas übrig. Wenn ich sehr knapp dran bin, rufe ich meinen Freund an und frage ihn, ob er mir Geld überweisen kann. So überbrücke ich die Tage bis zur Überweisung des Sozialgeldes.

Was bedeutet für dich Luxus?
Meinen Freund in Holland besuchen zu können. Es sind aber auch die kleine Dinge, wie auszuschlafen oder in Ruhe zu duschen.

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Was ist das Teuerste, das du dir in den letzten Wochen gekauft hast?
Das war mein Makeup für 60 Franken. Es sind nur 30 Milliliter, aber es hält ein ganzes Jahr.

Erstellt du ein Budget? Planst du deine Ausgaben und hältst du dich daran?
Weder noch. Ausser ich plane, zu meinem Freund nach Holland zu fahren. In diesem Fall beginne ich immer früh genug Geld auf die Seite zu legen. Ich habe keine grossen Ausgaben, somit reicht das Geld für das Nötigste.

Wann bist du das letzte Mal verreist und wohin?
Vor etwa zwei Monaten war ich mit meiner Tochter bei meinem Freund in Holland. Wir haben ihn dort für einen Monat besucht.Das Interrail-Ticket kostete insgesamt 200 Franken. Dort habe ich in einem Monat etwa 600 Euro ausgegeben.

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder dieser Welt. Wie fühlt es sich an, in solch einer Gesellschaft Sozialhilfe zu beziehen?
Je nachdem in welchen Kreisen ich mich bewege, schäme ich mich dafür. Manche Menschen sehen Sozialhilfebezüger als Schmarotzer, die nicht arbeiten wollen. Ich habe aber Menschen um mich, die wissen, dass man auch unverschuldet in die Sozialhilfe rutschen kann. Wenn man auf sich alleine gestellt ist, keine Arbeit hat und keine Ersparnisse – dann kann es wirklich jeden treffen. Ein Kind macht es noch schwerer, da man nicht nur die Verantwortung für sich selbst trägt, sondern auch für das Kind.

Welche Bedürfnisse steckst du für dein Kind zurück?
Hauptsächlich die Zeit für mich selbst: Spontan zu verreisen oder mit Freunden etwas zu unternehmen geht nicht mit einem Kind.

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Was ist für dich als alleinerziehende Mutter das Schwierigste im Alltag?
Wenn meine Pläne von einer Minute auf die andere auf den Kopf gestellt werden. Es kommt immer wieder vor, dass ich wichtige Termine beim Sozialamt oder Arztuntersuchungen habe und meine Kleine kurz davor zu weinen beginnt. Ich kann nicht mit einem schreienden Kind bei solchen Terminen auftauchen.

Was würdest du dir gerne leisten, kannst es aber nicht
Ich würde mir gerne Strandferien mit meiner Kleinen oder die Führerscheinprüfung leisten können.

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