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Umwelt

So ekelhaft kann es werden, wenn du Feuchttücher im Klo runterspülst

In London hat das Ganze schon zu einem ernsthaften Umweltproblem geführt.

von Jessica Furseth
06 August 2019, 9:01am

Gebrauchte Feuchttücher landen in der Themse | Alle Fotos: 

"Wenn die beiden nur wüssten, was sie da gerade betrachten", denke ich mir, als ich an dem Pärchen vorbeigehe und die Treppe hinab zum Themse-Ufer im Westen Londons steige. Die Sandbank vor uns besteht nämlich nicht nur aus Sand und Zweigen, sondern auch aus unzähligen runtergespülten, dreckigen Feuchttüchern.

Zwar helfen diese Feuchttücher uns bei unserer täglichen Hygiene, aber deshalb sind sie noch lange nicht umweltfreundlich. OK, sie erleichtern es uns, Make-up zu entfernen, Oberflächen zu putzen, Hände zu desinfizieren und unsere Hintern abzuwischen. Dafür sind sie aber auch ein Hauptbestandteil der sogenannten "Fettberge" in der Kanalisation Londons und landen häufig in der Themse.

"Die Bank ist seit September einen Meter höher geworden. Im April haben wir 23.000 Feuchttücher entfernt, aber es kommen einfach immer wieder neue nach", sagt Kirsten Downer von der Umweltorganisation Thames21, während wir zusammen am Ufer stehen.

Auch in Deutschland entwickeln sich die Allzweckhilfen zu einem immer grösseren Problem: Weil sie sich im Gegensatz zu trockenem Klopapier nicht von selbst zersetzen, sammeln sich achtlos runtergespülte Feuchttücher in den Kanalisationen und Klärwerken und verstopfen dort die Rohre und Pumpen. Notdienste müssen teure Reparaturen erledigen, damit das Abwassersystem nicht zusammenbricht.

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Diese Sandbank an der Themse besteht zum Grossteil aus angeschwemmten Feuchttüchern, Zweigen und Hygieneprodukten

Ich gehe an den Strand und will eines der Feuchttücher, das sich mit Zweigen und Hygieneprodukten verknotet hat, hochheben. Es dehnt sich immer weiter und reisst nicht. Als mir klar wird, was ich da eigentlich gerade Ekelhaftes in der Hand halte, lasse ich den nassen, sandigen Klumpen sofort wieder fallen.

Warum die Tücher nicht reissen? Sie enthalten Plastik. "Polyester und andere Polymere sind in Feuchttüchern keine Seltenheit, weil die dadurch beständiger werden", sagt Dave Morritt, ein Professor für Meeresbiologie an der Royal-Holloway-Universität. "Leider führt das Plastik auch dazu, dass sich runtergespülte Feuchttücher nicht richtig zersetzen. So gelangen Kunststofffasern und Mikroplastik in das Abwassersystem und letztendlich auch in die Flüsse."

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Wegen des Plastikgehalts zersetzen sich die Feuchttücher nicht richtig

Jetzt nickst du vielleicht, weil du all das schon weisst und deswegen nur Feuchttücher benutzt, die laut Verpackung "spülbar" oder "biologisch abbaubar" sind. Leider habe ich da schlechte Nachrichten für dich: Solche Marketing-Buzzwörter sind wertlos.

"Die Hersteller können auf die Verpackung schreiben, was sie wollen. 'Spülbar' bedeutet hier einfach nur, dass es möglich ist, die Feuchttücher die Toilette runterzuspülen", sagt Morritt. "Man könnte theoretisch auch ein Paar Leggins im Klo runterspülen. Das bedeutet aber nicht, dass das eine gute Idee ist", fügt Downer hinzu.

Genauso wie Plastiktüten sind auch Feuchttücher erst nach Hunderten Jahren komplett abgebaut.

Die Bezeichnung "biologisch abbaubar" ist genauso irreführend. Die Hersteller der Feuchttücher sagen, dass die ihre Produkte getestet haben und diese sich zersetzen. Dabei lassen sie laut den Experten allerdings ein wichtiges Detail weg: Die Feuchttücher sind nur unter bestimmten Voraussetzungen biologisch abbaubar. Und diese Voraussetzungen sind in unseren Abwasserkanälen, Klärwerken und Gewässern nicht gegeben.

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Der Polyestergehalt der Feuchttücher verhindert, dass sie sich von allein auflösen

Wie die BBC letztes Jahr herausgefunden hat, bestehen in Grossbritannien keine der als spülbar verkauften Feuchttücher die Auflösungstests der britischen Wasserindustrie. Natürlich müssen es laut den Herstellern die Standardvarianten der Allzwecktücher sein, die die Abwasserkanäle und Flussufer verschmutzen. Den Recherchen der BBC zufolge müssen aber selbst die angeblich biologisch abbaubaren Feuchttücher erst eingehend behandelt werden, damit sie sich zersetzen. Und diese Behandlung gibt es in normalen Abflüssen nicht. Genauso wie Plastiktüten sind auch Feuchttücher also erst nach Hunderten Jahren komplett abgebaut.

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Was wir dringend brauchen, sind klarere Labels auf den Verpackungen der Feuchttücher. Und wir müssen genauer bestimmen, was "spülbar" wirklich bedeutet. Als ich anderen Leuten die Fotos vom zugemüllten Themse-Ufer zeige, fühlen sich viele von ihnen von den aktuellen Labels verarscht.

"Wenn auf meinen Abschminktüchern 'spülbar' stand, habe ich sie auch im Klo runtergespült", sagt die 22-jährige Jessica. "Als ich dann herausfand, dass sich normale Feuchttücher nicht richtig auflösen, habe ich mir direkt abwaschbare Make-up-Pads gekauft." Anderen fällt diese Umstellung nicht so leicht. "Ich nutze 'spülbare' Allzwecktücher, wenn ich das Haus putze. Eigentlich will ich nicht darauf verzichten, weil ich damit alles sauber bekomme", sagt der 24 Jahre alte Dec. Immerhin wirft er die gebrauchten Tücher jetzt in den Mülleimer und nicht mehr in die Toilette. Selbst das ist keine Selbstverständlichkeit. Ist ja bequem, die Tücher schnell runterzuspülen.

Die Umweltaktivistin Downer empfiehlt, Feuchttücher einfach nie im Klo runterzuspülen – ganz egal, was alles auf der Packung steht. Für sie gehören nur drei Dinge in die Toilette: Pipi, Kacke und Klopapier. Bis vor ungefähr sechs Jahren seien Feuchttücher zumindest bezüglich der Themse auch noch gar kein so grosses Problem gewesen, so Downer. Sie macht die Hersteller verantwortlich, weil die immer wieder neue Wege finden, den Verbrauchern ihre Feuchttücher schmackhaft zu machen. "Ich komme mir vor wie im Wilden Westen der Feuchtis", sagt sie.

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Das Feuchttücher-Angebot in einer britischen Drogerie

Der Aufschrei gegen Plastik wird zum Glück immer lauter. In der Politik denkt man über landesweite Verbote von Strohhalmen und Rührstäbchen aus Kunststoff nach, einige Unternehmen haben sich bereits von solchen Dingen losgesagt. Jetzt geht es bei Feuchttüchern in die gleiche Richtung: Die britische Bioladen-Kette Holland & Barrett hat bereits keine mehr im Sortiment. Aber brauchen wir wirklich erst ein Verbot, um keine Feuchttücher mehr zu benutzen? Nach meinem Ausflug an die Themse weiss ich auf jeden Fall, dass ich keine mehr benutzen werde.

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This article originally appeared on VICE UK.