Ernährung

Immer mehr vegane Influencer essen wieder tierische Produkte

Und ihre Follower hassen sie dafür.

von Cassidy Dawn Graves
06 September 2019, 7:28am

Collage: VICE Staff

Im März veröffentlichte die YouTuberin Yovana Mendoza in ihrem Channel Rawvana ein Video, das ihre Follower entsetzte. "Ich war definitiv noch nicht bereit, darüber zu sprechen", sagt Mendoza darin mit ernster Miene.

Sie hatte es mit ihren Videos zu veganer Rohkost, aka Raw Vegan, zu fast zwei Millionen Followern gebracht. Dann wurde sie mit einem Teller Fisch erwischt und landete am Kommentare-Pranger. Im Video, das inzwischen auf privat gestellt ist, erklärte die Influencerin, dass sechs Jahre vegane Rohkost zwar ihren Horizont erweitert hätten, ihre Gesundheit habe jedoch darunter gelitten. Ihre Periode blieb aus, sie war "im Grunde anämisch" und litt unter Verdauungsproblemen. Irgendwann, sagte sie, habe sie es nicht mehr ausgehalten und begonnen, Fisch und Eier zu essen. "Ich stellte meine Gesundheit wieder an erste Stelle. Eine Zeit lang hatte ich das nicht getan", so Mendoza.


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Ihre Fans zeigten wenig Verständnis für ihre Entscheidung. "Du ermunterst deine Follower zu einer Ernährungsweise, die dich fast umgebracht hat … Wow, einfach nur wow!!", kommentierte ein User. Andere pflasterten die Kommentarspalte ihres Instagram-Posts mit Fisch-Emojis zu.

Mendoza ist nicht die einzige Food-Vloggerin, die sich nicht länger vegan ernährt. Im November 2018 gestand Sportler Tim Shieff in einem Video, Eier und Lachs gegessen zu haben. Als Konsequenz zog er sich aus seiner veganen Modemarke zurück, die er selbst gegründet hatte. Im Januar 2019 veröffentlichten Bonny Rebecca und Stella Rae Videos, in denen sie ihre Abkehr von einer pflanzlichen Ernährung bekanntgaben. Etwa zur gleichen Zeit wie Rawvana gab auch Alyse Parker von Raw Alignment bekannt, wieder Tiere zu essen. "Die vegane YouTube-Community bröckelt", verkündete The Daily Beast im März.

Mendoza war nicht die einzige, die nach ihrer Bekanntgabe auf Ablehnung und Enttäuschung stiess. In den Kommentarbereichen und unter anderen Vegan-Vloggern begann ein regelrechter Wettstreit darum, die Influencerinnen für ihren vermeintlichen Frevel zu verurteilen.

"Wie arm du bist. Wie wäre es mit einem Video, in dem du genau erklärst, was an Hühnerperiode und totem Fisch deine Gesundheitsprobleme verschwinden lässt??? Auf den Versuch bin ich wirklich gespannt!! Du hättest auch auf eine oxalsäurearme Ernährung umsteigen und vegan bleiben können, Idiotin!", heisst es in einem Instagram-Kommentar an Bonny Rebecca.

"Es bricht mir so sehr das Herz, das zu hören. Und ich bin total angeekelt", schrieb jemand unter Tim Shieffs Video.

Einige dieser Vloggerinnen und Vlogger, die für besonders strenge Ernährungsrichtlinien bekannt sind, hatten anscheinend Wochen oder Monate heimlich tierische Produkte gegessen, bevor sie ihren Fans davon erzählten. Viele von ihnen sagen in ihren Videos, dass sie in ihren Augen keine andere Wahl hatten.

Diese Symptome sind laut Nestle eher typisch für eine Mangelernährung.

Natürlich leben die allermeisten Veganer und Veganerinnen vollkommen gesund. "Die meisten gesunden Menschen sollten sich problemlos auf eine pflanzliche Ernährung umstellen können", sagt Marion Nestle, Ernährungswissenschaftlerin und preisgekrönte Autorin. Dabei sei es wichtig, "abwechslungsreiche, pflanzliche Nahrungsquellen, ausreichend Kalorien und eine gute Quelle für Vitamin B12 zu finden".

Aber Samantha Elkrief, Therapeutin und ganzheitlicher Gesundheitscoach, sagt, es sei ausserdem wichtig für Veganer, auf ausreichend Eiweiss, Eisen und Omega-3 Fettsäuren zu achten. B12- und Eisenmangel können Gedächtnisprobleme, Schwindel und Müdigkeit auslösen.

Die abtrünnigen Vloggerinnen und Influencer berichteten in ihren Erklärungen von Gesundheitsproblemen wie dem Ausbleiben der Periode, von Ausschlägen und Akne, Gedächtnisschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen und Verdauungsproblemen.

Diese Symptome sind laut Nestle eher typisch für eine Mangelernährung. Eine ausgewogene vegane Ernährung sollte "nicht zu Gewichtsverlusten oder einem dieser Probleme führen". Allerdings kann eine Ernährungsweise, die viele ballaststoffreiche Pflanzen enthält, laut Nestle eine gewisse Gewöhnungszeit brauchen. Menschen, die sich ballaststoffarm ernähren sollen, "dürften Probleme haben, sich abwechslungsreich pflanzlich zu ernähren, um ihren Nährstoffbedarf zu decken".

Aber: Viele Influencer stehen unter besonderem Druck. Ihre zahlreichen Fans und Sponsoren erwarten von ihnen eine Marke, die verlässlich ist. In einem Guardian-Artikel über Influencer heisst es, dass sich viele "an eine statische, unauthentische Identität gefesselt fühlen". Das schlage sich früher oder später auf die psychische Verfassung nieder. Einige von ihnen heuern Coaches an, um mit dem Druck fertigzuwerden. Wenn obendrein auch noch das, was du täglich konsumierst, die Grundlage deiner Influencerinnen-Persönlichkeit wird, kann das gesundheitliche Folgen haben.

"Ich arbeite mit einigen grossen Foodbloggerinnen", sagt Elkrief. "Das Zeug, das sie online stellen, essen sie nicht. Sie machen sich selbst total kirre mit ihren Posts – es ist recht zeitaufwändig, alles zuzubereiten und zu fotografieren. Ich glaube, das ist sehr ungesund für die Influencer und für die Menschen, deren Lebensinhalt das zu sein scheint."

Veganismus heisse einfach, dass man keine tierischen Produkte esse, so Elkrief weiter. "Das ist nicht automatisch gesünder und wir vergessen das oft." Sie wurde mit fünf Jahren Vegetarierin und war "den Grossteil ihres Lebens" vegan. 2008 musste sie aufgrund von Gesundheitsproblemen auch noch auf Hülsenfrüchte und Getreide verzichten.

Um sich weiterhin ausgewogen ernähren zu können, begann sie Fisch und Eier zu essen – und seit Kurzem auch etwas Fleisch. "Ich esse es nicht oft, ich geniesse es noch nicht mal, aber ich habe mich entschieden, das für meine Gesundheit zu tun", sagt sie. "Es geht dabei um mich. Irgendeinem Trend zu folgen, ist einfach nicht der richtige Weg."

"Eine ungesunde Obsession mit gesundem Essen."

Aber gerade Ernährungstrends eignen sich perfekt für Influencer. Food-Bloggerin Carina Wolff schiebt das auch auf die Hashtag-Struktur von Instagram. Es sei schliesslich einfacher, nach Schlagwörtern wie "raw" oder "vegan" zu suchen, als nach "ausgewogene Ernährung mit reichlich Obst und Gemüse".

"Viele dieser Menschen haben nach viel strengeren Einschränkungen gelebt, als einfach nur auf tierische Produkte zu verzichten", sagt die vegane Autorin Alicia Kennedy.

Diese extrem eingeschränkte und vermeintlich "gesundheitsbewusste" Ernährungsweise nennt man auch "Orthorexie". Dr. Steven Bratman, von dem dieser Begriff stammt, versteht darunter eine Essstörung mit "einer ungesunden Obsession mit gesundem Essen".

Aber die Vlogger wenden sich nicht nur aus gesundheitlichen Gründen von einer veganen Ernährungsweise ab. Für die kalifornischen Food- und Wellness-Influencerin Amber St. Peter zum Beispiel kam der Sinneswandel während ihrer Flitterwochen in Europa.

"Ich bin einfach durchgedreht", sagt sie. "Ich dachte mir, 'Ich kann nicht alles essen, ich geniesse meine Zeit nicht und ich mache nicht alles, was ich machen will.'" Nach fast zehn Jahren veganer Ernährung ist sie jetzt auf Vollwertkost umgestiegen. Nur Soja und Milchprodukte muss sie aufgrund von Allergien weiterhin meiden.

St. Peter, heute 28, hat eine Theorie, warum momentan so viele YouTuber ihren Veganismus aufgeben. "Für mich persönlich und viele andere spielt wahrscheinlich eine Rolle, dass diese Schwarz-Weiss-Entscheidungen, die wir mit 18, 19 getroffen haben, an Gültigkeit verlieren, wenn wir uns auf die 30 zubewegen", sagt sie. "Ich will damit nichts Schlechtes über junge Menschen sagen, aber du entwickelst in diesem Alter einfach so viel Leidenschaft für die Dinge, die dir wichtig sind. Allerdings ist das nicht immer gut durchdacht."

Autorin Kennedy ergänzt: "Diese absolutistische Einstellung zum Veganismus schreckt viele Menschen ab." Wie weit verbreitet dieses Denken allerdings ist, bekommen die Influener schnell zu spüren.

Und es sind nicht nur die Kommentare. Andere vegane Vloggerinnen und Vlogger machen gerne Videos über andere Personen in der Community. Und so werden viele Ex-Veganerinnen zum Ziel kritischer "Response"-Videos mit Hunderttausenden Views.

Die ganze Enttäuschung, Wut und Ankündigungen, entsprechenden Kanal nicht weiter zu abonnieren, kommen allerdings nicht nur von militanten Veganerinnen und Veganern. Die Abtrünnigen bekommen auch viel Gegenwind, weil sie vorher Werbung für Cleanses, Kochbücher und Coachingprogramme gemacht haben, die im kompletten Widerspruch zu ihren neuen Ernährungsgewohnheiten zu stehen scheinen. Der Followerschwund, aus welchem Grund auch immer, kann für die Influencer spürbare Folgen haben. Um interessant für Marken zu sein, Produkte zu verkaufen und Geld mit YouTube-Werbung zu machen, brauchen sie eine gewisse Reichweite.

St. Peter sagt, dass sie "mehrere tausend" Follower verloren habe, nachdem sie ihren Ernährungswandel bekannt gab. Aber es schlug ihr nicht nur Hass entgegen. "Ich würde sagen, grösstenteils war das Feedback 'Oh mein Gott, ich bin so froh, dass du das gesagt hast. Ich sage Menschen, dass ich seit zehn Jahren vegan lebe, aber in Wirklichkeit habe ich die letzten vier Jahre tierische Produkte verwendet und traue mich nicht, es jemandem zu sagen'", sagt St. Peter.

"Auch wenn vegan nicht gut für mich war, hat es mir geholfen, die richtige Ernährungsweise für mich zu finden", sagt St. Peter. "Niemand sollte irgendwas als 'die eine Antwort auf Alles' verkaufen." Das sei in der Regel nämlich Bullshit.

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This article originally appeared on VICE US.