Collage: VICE || TV: Max Pixel | CC0 || Zweige: maciej326 | Pixabay | CC0 || Filmbilder: imago | United Archives

Ich habe einen Tag lang Weihnachtsfilme geguckt, um mein Weihnachtstrauma zu überwinden

Eigentlich wollte ich mich nur in Feiertagsstimmung bringen. Stattdessen habe ich sehr viel über Einsamkeit gelernt.

|
22 Dezember 2018, 5:00am

Collage: VICE || TV: Max Pixel | CC0 || Zweige: maciej326 | Pixabay | CC0 || Filmbilder: imago | United Archives

Weihnachten. Die Zeit, der Besinnlichkeit und des familiären Zusammenhalts, der frischgebackenen Plätzchen und selbstgebastelten Adventskränze. Oder, wenn es nach vielen jungen Menschen geht, die allein leben: eine Zeit wie jede andere, nur kälter und mit Glühwein statt Pfeffi. Wenn man erwachsen ist und arbeitet, studiert oder eine Ausbildung macht, ziehen die Jahreszeiten an einem vorbei, ohne Spuren zu hinterlassen. Weihnachten ist die Zeit des Jahres, in der man zwei bis drei Tage frei hat und vorher Geld für Geschenke beiseite legen muss. Besonders engagierte Weihnachtsfreunde kaufen beim Discounter ihrer Wahl vielleicht sogar ein paar Tannenzweige für die WG-Küche. Das war’s dann aber auch schon. Sad.

Doch nicht mit mir, habe ich beschlossen. Dieses Jahr werde ich versuchen, den vorweihnachtlichen Zauber meiner Kindheit zurück in mein Leben zu bringen und das auf eine Art und Weise, wie es nur Millennials können: mit Netflix. Und einem ganzen Tag, an dem ich ausschliesslich Weihnachtsfilme gucke.

Kevin – Allein zu Haus

Plot: Familie fliegt über die Weihnachtstage nach Paris, vergisst aber den jüngsten Sohn zu Hause. Der kommt ganz wundervoll alleine klar und denkt sich grenzpsychotische (aber lustige!) Fallen für die beiden Einbrecher aus, die die Nachbarschaft ausrauben wollen.

Es ist 9 Uhr morgens und ich beginne mit einem Klassiker. Die Geschichte von einen Jungen, der vor dem Weihnachtsurlaub von seiner Familie zu Hause vergessen wird und sich im verlassenen Haus mit Einbrechern herumschlagen muss, ist definitiv sehr weihnachtlich – ertrinkt aber nicht im rotgrüngoldenen Familienkitsch. Und ist so gesehen ein sanfter Einstieg in das Projekt "Wie viel Weihnachtsstimmung kann ich in 12 Stunden erzeugen, ohne Lebkuchen zu essen und mich mit Glühwein zu betrinken, bis ich die Familienstreits der letzten zehn Jahre vergessen habe?". Eigentlich dachte ich immer, Kevin – Allein zu Haus ist ein Kinderfilm. Jetzt fällt mir allerdings auf: Er ist das Gegenteil.

Wenn Kevin zu Beginn brüllt "Dieses Haus ist so voller Menschen, das macht mich krank!", dann ist das exakt das, was jeder Erwachsene nach zwei Tagen mit der Familie denkt. Statt kindliche Freude auf Geschenke und Kekse abzubilden, zeigt es Eltern beim organisatorischen Stress, Kinder und Gepäck rechtzeitig zum Flughafen zu kriegen, obwohl man verschlafen hat. Und dass die Eltern Erste Klasse fliegen, während ihre Kinder sich und alle anderen in der Economy abfucken müssen, mag für Kinder ein krasser Arschlochmove sein, ist für Erwachsene aber absolut verständlich. Vor allem, wenn die eigene Sippschaft die soziopathische Energie eines Kommentarspalten-Trolls aufweist.

Nichts an diesem Film ist idyllisch-weihnachtlich. Niemand hat Spass. Auch nicht die Familie in Paris. Die weihnachtlichste Situation ist die, in der Kevin so tut, als wäre die Familie zu Hause, und laute Weihnachtsmusik spielt, um Einbrecher abzuschrecken. "Es ist Weihnachten, die Zeit der immerwährenden Hoffnung!", schreit Kevins Mutter an irgendeinem Flughafen, von dem aus sie verzweifelt versucht, zu ihrem Sohn zu kommen. Eine Aussage, die sie offensichtlich nicht mal selbst glaubt. Viel mehr ist Weihnachten die Zeit der vorgespielten Nächstenliebe, des Selbstbelügens, und weil es wahnsinnig anstrengend ist, eine Fassade aufrecht zu erhalten, wenn nicht alle Beteiligten brav mitspielen, kann einen das schon mal an den Rand eines Nervenzusammenbruchs treiben. Ich bin urplötzlich doch sehr froh, mit fast 30 Jahren noch keine Kinder zu haben. Mich stresst es schließlich schon, meinen Neffen im Auge behalten zu müssen, damit der beim Essen nicht in die weihnachtliche Echtkerzenbeleuchtung fasst. Oder die dritte passiv-aggressive Nachfrage zu meinem Beziehungsstatus von Seiten der erweiterten Verwandtschaft in billigem Rotwein ertränken zu müssen, weil die guten Flaschen schon lange leer sind.

Stimmung: Jeder Mensch ist sich selbst seine eigene Hölle, aber die Verwandtschaft macht auch nichts besser.

Zwei Weihnachtsmänner – Teil 1

Plot: Zwei Männer stranden nach einem umgeleiteten Flug in der Slowakei und versuchen von da aus mit allen Mitteln, noch rechtzeitig zu Weihnachten nach Berlin zu kommen.

Und mit Stress geht es gleich weiter. Zwei Weihnachtsmänner, eigentlich eine Sat.1-Produktion, mittlerweile aber auch auf Netflix, führt das Konzept "Weihnachten als planerischer Albtraum" nämlich nahtlos fort. Christoph Maria Herbst (als reicher, gefühlskalter Anwalt) und Bastian Pastewka (als Vertreter für Schwimmbadartikel, der alle Gefühle auf einmal hat) haben ihre letzten Business-Termine absolviert und freuen sich auf die Festtage mit ihren Liebsten in Berlin. Nur landet der Flug nicht in Berlin, sondern in Bratislava, weswegen sich die beiden UNGLEICHEN MÄNNER (der Plot jeder zweiten Komödie, die jemals gedreht wurde) auf eine abenteuerliche Reise durch Osteuropa begeben müssen.

Ob sie jemals heil in Berlin ankommen? Keine Ahnung. Zwei Weihnachtsmänner ist nämlich ein Zweiteiler, der erste Teil endet mit einer Leiche im Kofferraum in Tschechien und so leiderprobt ich in Sachen Film und Fernsehen auch bin – ich habe es nicht übers Herz gebracht, mir das Ganze noch weitere eineinhalb Stunden anzugucken. Eine Szene gab es allerdings, die das ganz grosse Weihnachtsdilemma meiner Generation (oder zumindest meines direkten beruflichen und privaten Umfelds) sehr gut auf den Punkt bringen: Der Anwalt bekommt einen halben Nervenzusammenbruch, als ihm eröffnet wird, dass es keinen Ersatzflug nach Berlin gibt. Er müsse nach den Weihnachtsfeiertagen direkt wieder arbeiten, sagt er. Und: "Jede verdammte Stunde zählt, die ich mit meiner Familie habe."

Um das zu verstehen, muss man kein krasser Businesstyp im perfekt sitzenden Anzug sein. Es reicht schon, als junger, berufstätiger Mensch zwischen den Jahren nicht frei bekommen zu haben und mit sich zu ringen, ob man grosse Teile seines übriggebliebenen Monatsbudgets in ein Zugticket investiert, oder doch lieber beim Ticket spart, dafür aber doppelt so viel Reisezeit einrechnet und den Fernbus nimmt. Zeit ist viel wert, gerade die, die man in vermeintlicher Harmonie mit der Familie verbringt. Als Kind versteht man das noch nicht, als erwachsener Mensch hingegen viel zu gut. Ich werde sehr nachdenklich. Sollte ich öfter meine Eltern besuchen, die praktischerweise jeweils an komplett unterschiedlichen Enden Deutschlands leben?

Stimmung: Weihnachten ist ein Termin von vielen. Aber zumindest muss man dabei nicht im Büro sitzen.

Tatsächlich … Liebe

Plot: Weihnachten ist das Fest der Liebe, deswegen finden verschiedene Menschen auf ganz unterschiedliche Art und Weise Liebe – oder zumindest Frieden damit, keine Liebe zu finden.

Ich möchte endlich etwas fühlen und fahre jetzt die ganz schweren Geschütze auf. Tatsächlich … Liebe ist weniger ein Weihnachtsfilm als ein Liebesfilm, der zur Weihnachtszeit spielt. Mal mehr, mal weniger einsame Menschen finden sich gerade noch rechtzeitig zusammen, um sich unterm Mistelzweig gegenseitig die Zunge in den Hals zu schieben oder sich mit grossen romantischen Gesten zumindest der Tatsache zu vergewissern, dass es da draussen doch noch irgendwo Liebe gibt, man muss sie nur finden.

Tatsächlich ist Tatsächlich … Liebe ist ein Film, der sich vor allem mit dem diffusen Gefühl beschäftigt, das Weihnachten auslösen soll. Liebe, Geborgenheit, auch emotional zur Ruhe kommen, und das alles so kitschig und vorhersehbar, dass ich mich für mich selbst schäme, als ich feststellen muss: Es berührt mich. "Same!", sage ich laut und nehmen einen tiefen Schluck aus meinem Kaffeebecher, als Heike Makatschs Figur zugibt, sich nur deswegen allein unter dem Mistelzweig aufzuhalten, weil sie hofft, dass sie dann jemand küsst. Als einer der Charaktere seinem besten Freund zuruft "Du bist ein einsames, hässliches Arschloch. Finde dich einfach damit ab!", fühle ich mich persönlich angegriffen.

"Zu Weihnachten sagt man die Wahrheit", steht auf einem der Poster, die Andrew Lincoln gegen Ende des Films seiner heimlichen Liebe Keira Knightley entgegenhält. (Ihr kennt definitiv Bilder von der Szene, auch wenn ihr den Film noch nie gesehen habt.) Ein Mindstate, der sich einmal komplett durch den Film zieht. Sexuelle Spannung baut sich auf, doch niemand tut was – bis eine Person schliesslich ausspricht, was eigentlich beide wissen, dass da nämlich Gefühle im Spiel sind, und wann kann man sowas zugeben, wenn nicht an Weihnachten? Das ist natürlich Quatsch, denn Weihnachten ist nur dann die Zeit der Ehrlichkeit, wenn sich die vermeintlich glücklichen Eltern nach einem desaströsen Abendessen endlich ganz offen ins Gesicht sagen, wie sehr sie sich ankotzen.

Überhaupt: Warum muss eigentlich jeder ständig verliebt sein? Und warum gerade an den Feiertagen, an denen man für traute Zweisamkeit sowieso keine Zeit hat, weil Tante Gudrun aus Bottrop unbedingt möchte, dass man ihr beim Befüllen der Gans hilft? Ist das wirklich der Wunsch danach, eine bessere Hälfte zu finden, oder viel mehr eine Angst, allein zu sein – oder sich vor der Familie dafür rechtfertigen zu müssen, emotional gesehen versagt zu haben? Als Andrew Lincoln zu "Here With Me" von Dido emotional zerstört durchs Bild läuft, weine ich ein bisschen. Kann man eigentlich einsam sein, wenn man sich bewusst dazu entscheidet, 73 Nachrichten bei Tinder und 102 Nachrichten bei Inner Circle ungelesen und unbeantwortet zu lassen? Und wenn nicht, warum bin ich dann plötzlich so traurig?

Stimmung: Ich weine nicht. Dass ist das Fett meiner ungewaschenen Haare, das mir in die Augen läuft!

Verrückte Weihnachten

Plot: Weil die Tochter aus dem Haus ist, beschliesst ein Ehepaar, Weihnachten einfach mal ausfallen zu lassen. Was im christlich-konservativen Amerika natürlich nahezu unmöglich ist.

Machen wir es kurz: Verrückte Weihnachten ist ein richtiger, richtiger Weihnachtsfilm. Das wirklich Verrückte an ihm ist allerdings nicht, dass zwei wohlsituierte Erwachsene beschliessen, das Weihnachtsfest ausfallen zu lassen und stattdessen eine Kreuzfahrt zu machen. Das Verrückte ist, dass das "Happy End" daraus besteht, dass sie Weihnachten eben doch feiern müssen. Weil die Tochter überraschend nach Hause kommt und die Nachbarn in einer richtiggehenden Psychoterror-Kampagne dafür gesorgt haben, dass das Ehepaar sich wegen seines "verrückten" Plans so richtig scheisse fühlt.

Weihnachten ist in diesem Film eine gesellschaftliche Verpflichtung, der man sich auf gar keinen Fall entziehen darf, sonst wird man ausgeschlossen. Weihnachten ist nur dann "die schönste Zeit im Jahr", wenn man sich ins System einfügt. Wer nicht mitmacht, macht sich verdächtig. Und irgendwo tippt gerade jemand in eine Facebook-Kommentarspalte, dass das Abendland untergeht, weil man niemandem mehr "Frohe Weihnachten!" wünschen "darf".

"Ihr habt uns gezeigt, was es heisst, eine wahre Gemeinde zu sein!", sagt der erleichterte Familienvater, nachdem das spontane Weihnachtsfest mit Hilfe der Feiertagsfaschisten von nebenan doch noch auf den letzten Drücker umgesetzt werden konnte. Und ignoriert dabei, dass er von ebenjener Gemeinde noch einen Tag vorher terrorisiert wurde. Moral der Geschichte: Bei Weihnachten geht es nicht darum, dass es einem als Einzelperson gut geht. Harmonie ist, wenn man sich von der Mehrheit zu etwas zwingen lässt. Wie besinnlich.

Stimmung: Warum habe ich keinen Glühwein zu Hause?

Das Wunder von Manhattan

Plot: Der echte Weihnachtsmann wandelt unter uns, aber niemand erkennt ihn, nur die Kinder. Der Rest hält ihn für verrückt.

Ich fühle mich langsam ausgelaugt, aber auf eine gemütliche Art und Weise. So wie man sich das vorstellt, wenn Leute in Filmen mit seligem Lächeln wegnicken, dann aber erfrieren. Wie eine dicke Decke hat sich die Weihnachtsstimmung über mir ausgebreitet und ich wehre mich nicht einmal mehr gegen den Gedanken, genau jetzt meine Familie zu vermissen. Ach, Familie. Dieses bedeutungsschwer aufgeladene Konstrukt, das es uns auch noch kurz vor der ersten verfrühten Midlife-Crisis ermöglicht, uns wie Kinder zu fühlen, im Positiven wie im Negativen.

Das Wunder von Manhattan spielt mit dieser kindlichen Begeisterung und dem Wunsch, an etwas zu glauben – sei es nun, dass der Weihnachtsmann echt ist, oder dass so etwas wie das perfekte Familienidyll wirklich existiert. Der Film gibt sich sogar einen konsumkritischen Anstrich, als der echte Weihnachtsmann in einem Kaufhaus anheuert und dort den Kindern erklärt, wo sie ihr Lieblingsspielzeug günstiger bekommen können. Die Kritik daran, dass Geld bestimmt, wie glücklich Weihnachten sein kann, bleibt aber natürlich oberflächlich. Schliesslich geht es ganz am Schluss eben doch nur um Konsum. Glänzende Kinderaugen sind nichts wert, wenn man daran nicht irgendwas verdienen kann. Wäre der echte Weihnachtsmann wirklich ein strammer Antikapitalist, würde er keinen Job in einem Kaufhaus annehmen.

Ich möchte ehrlich sein: Ich musste auf Wikipedia nachgucken, wie Das Wunder von Manhattan endet. Mir ist nämlich bei all den Geschenkverpackungen und Kaufhaus-Storylines eingefallen, dass ich noch nicht alle Weihnachtsgeschenke bestellt habe, was ich umgehend nachgeholt habe. Ausserdem ist es mir nach mehreren Stunden vor dem Fernseher unmöglich geworden, bei Weihnachtsglockengebimmel und penetrant unpenetranter Weihnachtsmusik gedanklich nicht abzuschweifen. Und das scheint auch nicht schlimm, denn Das Wunder von Manhatten endet, wie alle Weihnachtsfilme enden: mit sehr viel Glück. Sowohl bei den Kindern, die den Glauben an den echten Weihnachtsmann wiedergefunden haben, als auch bei den Erwachsenen, die das Äquivalent zum Glauben an den Weihnachtsmann erneuert haben – den Glauben an eine funktionierende Beziehung.

Stimmung: Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Und jetzt lasst euch diesen Spruch für nur 14,99 Euro auf einen Jutebeutel drucken.

Interessanterweise ist es ausgerechnet eine Szene aus Das Wunder von Manhattan, die mir am Schluss meines Weihnachtsfilmtages in Erinnerung bleibt: Die, in der der echte Weihnachtsmann auf einen falschen Weihnachtsmann stösst, der sich vor der grossen Weihnachtsparade noch ein bisschen Schnaps einverleibt. "Sie sind ja BERAUSCHT, Sir!" ruft der echte Weihnachtsmann entsetzt. Und da möchte ich sagen: Ja und zwar zu Recht. Weihnachten ist nämlich auch die Zeit der Völlerei, des Rausches, des kompletten Sich-Gehenlassens, bevor der Arbeitsalltag wieder einsetzt und einem das neue Jahr mit seinen guten Vorsätzen in die angefressene Wampe tritt. Ein Durchatmen, bevor wieder Leistung gebracht werden muss. Und das kann man auch dann feiern, wenn man nicht an den Weihnachtsmann, das Christkind oder irgendeine andere ausgedachte Figur glaubt.

Folge Lisa auf Twitter und VICE auf Facebook , Twitter und Instagram.

Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.

Mehr VICE
VICE-Kanäle