Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Ich habe einen Tag lang wie Karl Lagerfeld gelebt

"Wenn man fest daran glaubt, der absolut coolste Mensch im Raum zu sein, funktioniert es auch."

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14 November 2018, 9:42am

Alle Fotos: Viktoria Grünwald

Als ich 15 war, kaufte ich einmal ein Kissen bei einer Discounterkette. Die grosse Tüte mit dem Namen drauf war mir als Teenager so peinlich, dass mein Vater mir einen Zettel ausdruckte, auf dem "CHANEL" stand, und es auf die Tüte klebte. Damals habe ich mir vorgenommen, irgendwann mal eine echte Chanel-Tasche zu besitzen. Mein grösstes Vorbild: natürlich Karl Lagerfeld.

Als Chefdesigner von Chanel ist Karl Lagerfeld so jemand, den Kritiker als einen "Modegott" bezeichnen, eine lebende Legende. Die Tatsache, dass man niemandem erklären muss, wer er ist und was er tut, sagt alles. Der Designer ist mittlerweile (vermutlich) 85 Jahre alt und wahrscheinlich seit 85 Jahren unantastbar, unnahbar und unglaublich arrogant. Ich feier ihn.

Karl Lagerfeld ist kein Vorbild. Es wäre falsch zu versuchen, wie er zu sein. Man würde es nicht schaffen. Was man aber versuchen kann, ist, einen Tag wie er zu leben. Es ist alles öffentlich, steht im Internet. Seine Tagesroutine wurde so genau und penibel dokumentiert, dass sogar Kim Kardashians Leben dagegen langweilig wirkt. Sieben Stunden Schlaf, zehn Dosen Cola, 30.000 Bücher. "Ich koche nicht, ich kaufe nicht ein, ich fahre kein Auto, lese keine Sportzeitung, weil ich anderes zu tun habe." Klingt so, als würde das ein sehr guter Tag werden.

7 Uhr: Frühstück bei Karl

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"Stress? Das kenne ich nicht. Ich kenne nur Strass."

Nach genau sieben Stunden wacht Karl Lagerfeld in seinem weissen Nachthemd auf. Er braucht keinen Wecker, das passiert von alleine. Ich brauche schon einen und ich bin noch ziemlich müde. Glücklicherweise beginnt der Tag entspannt, so entspannt wie Lagerfeld eben sein kann. Es wird im Nachthemd gefrühstückt. Zwei Schoko-Proteinshakes und gedünstete Äpfel, dazu eine Cola Light. Die Cola Light ist für Karl das, was für Kim K das Drama ist. Immer, zu jeder Zeit und so viel wie möglich. Ich liege also mit meinem Nachthemd im Bett mit weisser Bettwäsche (wichtig) und nippe an meinem Proteinshake im Weinglas.

Die nächsten Stunden verbringe ich äusserst kultiviert. Die verschiedensten Zeitungen stapeln sich neben mir. Karls Favoriten: die Zeit und die New York Times. Die AfD und die Flüchtlingspolitik überspringe ich, so eine Negativität brauche ich nicht am Morgen. Alles ist sehr streng geplant, wirklich viel passiert aber nicht.

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"Scham ist eine Frage der Selbstachtung."

Nun wird es Zeit, sich wirklich in Karl Lagerfeld zu verwandeln. Ich gehe zuerst baden, mit Badesalz, damit die Haare sich nicht kräuseln, und verschaffe mir den ikonischen Karl Lagerfeld Look. Weisser Stehkragen, Blazer, Handschuhe, Sonnenbrille, Perlenketten und Silberringe, und natürlich den grauen Zopf. Obwohl all diese Sachen tatsächlich aus meinem Kleiderschrank stammen, fühle ich mich verkleidet. Könnte auch an der Perücke liegen, die ich in einem Karnevalsladen gefunden habe.

Tagträumen ist sehr wichtig, sagt King K. Dadurch wird die Fantasie stimuliert. Karl hat viele Visionen und mit dem Träumen schon ganze Chanel-Kollektionen erschaffen. Ich träume von Pancakes, während ich gedünstete Äpfel snacke. Alles sehr chanel.

12 Uhr: Transformation

Nach drei Dosen Cola Light mache ich mich auf den Weg zum Chanel-Store, da ist schliesslich mein Ort der Inspiration. Obwohl ich mit Sicherheit nicht die erste Person bin, die mit Sonnenbrille in der Berliner U-Bahn sitzt, werde ich schräg angeschaut. Ob die Leute mich erkennen? Kein Wunder, dass Karl selbst kaum in der Öffentlichkeit unterwegs ist. Während der Fahrt übe ich meinen arroganten Blick im Spiegelbild der Fensterscheibe. Ich fühle mich unantastbar.

Die Verinnerlichung der Karl-Attitüde und der Fakt, dass ich seit Stunden eine Sonnenbrille trage, haben zur Folge, dass ich schlechte Laune kriege, "une attitude", wie man in Paris jetzt sagen würde. Ich versuche zu vergessen, dass ich eigentlich ziemlich lächerlich aussehe.

14 Uhr: Chanel

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"Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt."

Ich stehe sehr nervös vor dem Chanel-Store. Ich denke an die Sicherheitsleute und Türsteher, die mir mehr Angst machen als die vor einem Club. Mit ihren schwarzen Anzügen und Headsets sehen sie aus wie eine kleine Karl-Armee. Ob sie mich in diesem Aufzug reinlassen?

Als ich mich vor der neuen Winterkollektion im Schaufenster ablichten lasse, wird der Türsteher schon auf mich aufmerksam. Langsam schreitet er die Treppe des Stores herunter. Sofort steigt Panik in mir auf und ich beschliesse, erstmal hinter Cartier zu verschwinden.

Ich trinke mir mit meiner Cola Light Mut an und starte den zweiten Versuch. "What would K do?", frage ich mich und steige mit der grössten Selbstverständlichkeit die Treppen zu meinem Imperium hoch. Gut, dass ich eine Sonnenbrille aufhabe und man nicht sieht, dass ich grosse Angst vor der Demütigung habe, diese Treppen sofort wieder runterzulaufen.

Dann passiert etwas Verrücktes: Sie lassen mich tatsächlich herein. Man begrüsst mich so freundlich, als wäre ich Karl Lagerfeld persönlich. Ich bleibe ganz cool und winke mit meinen schwarzen Handschuhen. Das Plastik meiner Perücke leuchtet heller als die Schmuckkollektion. Kritisch schleiche ich durch den Laden und freue mich innerlich wie mein Teenager-Ich, das seine erste Vogue kauft.

"Du siehst aus wie Karl Lagerfeld!", sagt plötzlich einer der Mini-Karls vor der Schuhabteilung. Er meint es ernst. Ich weiss nicht, woher die Selbstsicherheit aus mir gekommen ist, mit der ich lässig antworte: "Ich bin sein grösster Fan." "Aber wirklich, genau der Look! Das Outfit, die Brille!" Ich muss es noch einmal betonen: Er meint es wirklich ernst. Wir tauschen kurz ein paar Karl-Facts aus, sein Bart, seine Katze, die letzte Show. Gut, dass ich vorbereitet bin und jederzeit mit Karl-Lagerfeld-Sprüchen um mich werfen kann. Ich frage den Verkäufer, ob der echte Karl hier ist. Aber der ist in Paris. "Siehst super aus!", sagt der Verkäufer mir und macht Komplimente zu meinem Look. Ich nicke ihm zu, lasse mir die Tür aufhalten und verlasse mit atemberaubender Coolness den Laden.

Langsam verstehe ich Karl Lagerfelds Erfolgsgeheimnis. Es ist wirklich seine Attitüde. Wenn man fest daran glaubt, der absolut coolste Mensch im Raum zu sein, funktioniert es auch. Dann kommt man sogar mit Karnevalsperücke in einen Chanel-Store.


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16 Uhr: Selbstreflexion

Ich weiss nicht, ob es an meinem Erfolg auf dem Kurfürstendamm liegt, aber ich fühle mich dort deutlich wohler als in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit. Ich erinnere mich, wieso ich damals der Modewelt verfallen bin und mein ganzes Taschengeld für Klamotten ausgegeben habe. Weil alles glitzert und magisch ist, alles sieht schön aus und alle sind nett. Es ist diese "la chapelle belle" und sie lässt meine Augen leuchten. Neben mir teilen sich zwei Obdachlose eine Tomate.

17 Uhr: Karl bei der Arbeit

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"Jammerlapen bewegen nichts, Selbstmitleid ist out."

Die Arbeit als Karl stelle ich mir mehr als entspannt vor. Ich kann kommen, wann ich will, machen, was ich will, und gehen, wann ich will. Also komme ich am späten Nachmittag und suche mir einen Ort, an dem ich in Ruhe ein wenig zeichnen kann. Karl ist bekanntlich ein grosser Freund vom Alleinesein. Einsamkeit ist Luxus.

Ich sitze in einem kleinen Konferenzraum und versuche angestrengt, mit Handschuhen die richtigen Tasten zu treffen. Mittlerweile habe ich sieben Dosen Cola Light getrunken, das sind mehr als zwei Liter. Mir ist schlecht und ich bin müde. Meine starke, innere Haltung schwindet. Langsam nervt es mich, genervt zu sein. Ich verstehe, warum Onkel Karl seine Ruhe braucht.

In der Doku Karl Confidential lerne ich, dass Karl oft nur Ideen skizziert, erste Einfälle oder Inspirationen. Den Rest übernehmen seine Angestellten. Das gibt mir Hoffnung. Muss ich also meinen Artikel nicht selbst schreiben, sondern kann das an meine Kollegen weitergeben?

Nach zehn Minuten im Einzelbüro klopft es an die Tür. Vor mir stehen leicht genervte Kollegen. Sie haben den Raum reserviert und sie scheint es nicht zu interessieren, dass ich Karl bin und nun mal meine Ruhe brauche.

20 Uhr: Einsames Dinner

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"Zwischen mir und dem Rest der Welt steht eine Glaswand."

Diniert wird laut der Karl-Bibel alleine. Er hat keine Lust auf soziale Umgebungen (die Zeiten sind vorbei) und lässt sich ein Abendessen von einem seiner beiden Köche zubereiten. Ich fühle mich ein wenig einsam, wie ich bei Kerzenschein vor meinem Wildblütensalat sitze. Vielleicht bin ich für sowas noch zu jung. Vielleicht habe ich auch einfach genug von Karl. "Ich leide an einer Überdosis meiner selbst", sagte Karl in einem Interview und ich verstehe nach 12 Stunden Lagerfeldleben zum ersten Mal, was das wirklich heisst.

Den Rest des Abends ziehe ich mich nun zurück. Ich schlüpfe wieder in das weisse Nachthemd, wähle eines von Karls 30.000 Büchern aus, die in seiner Bibliothek stehen, und lege mich in das weisse, frisch bezogene Bett. Ich bin erschöpft, obwohl ich kaum etwas getan habe. Diese ganzen Regeln, Strukturen und fast drei Liter Cola Light haben mich müde gemacht. Ich möchte jetzt keine Fotos mehr, bitte, danke. Müde sein ist nicht sehr chanel.

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Dieser Artikel erschien ursprünglich auf VICE DE.