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So unmoralisch ist es, Kokain zu nehmen

Für dein kleines Tütchen mit weißem Pulver wurden Menschen enthauptet und gefoltert und der Regenwald abgeholzt.

von Mike Pearl
28 Mai 2016, 4:00am

Foto: Zxc | Wikimedia Commons | Public Domain

Kokain hat einige gute Seiten: Ein paar Minuten lang gibt es einem ein interessantes und kribbeliges Gefühl, außerdem sind die Leute viel netter zu dir, wenn du ihnen etwas abgibst. Zu den Nachteilen gehört ein bitterer Geschmack auf deiner Zunge, das Risiko einer Überdosis oder Suchtgefahr—außerdem ist es verboten.

Ach, und dann ist da noch dieses dumpfe Gefühl, dass irgendjemand irgendwo enthauptet oder gefoltert wurde, nur damit du für einen kurzen Moment dieses interessante Kribbeln spürst.

Diese Vermutung ist nichts Neues. 1982 veröffentlichte das Harper's Magazine einen Kommentar von David Owen mit dem Titel "Boycott Cocaine", der beim amerikanischen Bildungsbürgertum der Reagan-Ära Schuldgefühle wegen des Kokainkonsums wecken sollte. "Mord gehört genauso zur Kokainkultur wie kleine silberne Löffel und zusammengerollte Hundert-Dollar-Scheine", schrieb David Owen damals. Er erwähnt Dutzende Morde 1981 in Miami und merkt außerdem an, dass "1979 in den ersten vier Monaten im kolumbianischen Ferienort Santa Maria 240 Menschen bei Fehden zwischen Drogenbanden gestorben sind".

Wen die Idee eines Kokain-Boykotts wegen der vielen Toten damals überzeugte, der würde sich jetzt noch mehr darin bestätigt fühlen, Kokain den Rücken zu kehren, wenn man sich die jüngsten Zahlen einmal anguckt. Wie PBS letztes Jahr unter Berufung auf die mexikanische Regierung berichtete, wurden zwischen 2007 und 2014 164.000 Menschen in Mexiko getötet—allein 2011 waren es 27.000. In einem Bericht wurden laut PBC 55 Prozent aller Morde in Mexiko den Kartellen zugeschrieben, allerdings stießen diese Schätzungen auch auf Kritik. Daher bleibt unklar, wie viele Tote tatsächlich im Zusammenhang mit Kokain stehen.

Es gibt allerdings auch andere Zahlen, mit denen man solche Gewalttaten auf Kokain zurückführen kann. 2011, dem Jahr mit den meisten Morden in Mexiko, wurden laut Angaben des Office of National Drug Control Policy, der obersten Drogenkontrollbehörde der USA, schätzungsweise 546 Tonnen Kokain in die USA geschmuggelt—meist über Mexiko. Im jüngsten Drogenbericht des US-Justizministeriums heißt es zudem, dass es, basierend auf den aktuellsten Zahlen von 2013, "fünfmal so viele Kokain-Konsumenten wie Heroin-Konsumenten gibt".

Und die Kartelle sind noch für mehr verantwortlich als steigende Zahlen bei Mordopfern. Ein ganzes Land ist von Straftaten mit Drogenbezug betroffen und erschüttert, zum Beispiel als 2014 43 mexikanische Studenten entführt wurden, anscheinend vom Drogenkartell Guerreros Unidos. Die langsame Reaktion der Behörden führte zu monatelangen Unruhen. Die Mexikaner haben nur wenig Vertrauen in die Polizei und das Strafverfolgungssystem; bei einer Umfrage kam kürzlich heraus, dass nur etwa 10 Prozent der Gewaltverbrechen in Mexiko überhaupt angezeigt werden.

Motherboard: Euer Fingerabdruck verrät euren Kokainkonsum

"Als Konsument ist man Teil des Systems", so David Schwartz, Professor für Philosophie am Randolph College und Autor des Buches Consuming Choices: Ethics in a Global Consumer Age. Wie diejenigen, die das Kokain produzieren und verbreiten, so Schwartz, "tragen auch Konsumenten die moralische Schuld für dieses skrupellose Vorgehen, denn am Ende profitieren auch sie davon: Sie nutzen ein Konsumprodukt, egal ob das Kleidung oder Kokain ist."

Ein junger Kokaindealer aus L.A., der sich selbst "Ra" nennt, erzählt, dass sich nur wenige der erschreckenden "Nebenwirkungen" des Drogenhandels bewusst sind. "Irgendwelche Leute werden umgelegt und so weiter? Davon weiß ich nichts", meinte er gegenüber VICE. Er kannte allerdings Dealer, die Verwandte in Mexiko haben, die in Gefahr gewesen sind, aber er hat bisher von keinem Kunden gehört, der sich darüber besorgt geäußert hat. "Den Käufern ist es gerade scheißegal. Das können Veganer sein und die ziehen sich immer noch eine Line. Tiere schlachten geht gar nicht, aber bei Menschen ist es OK. So gesehen ist das ganz schön mies."

Auch wenn die meisten Berichte über Gewalt im Zusammenhang mit Drogen heutzutage aus Mexiko kommen, hat Kokain auch einen spürbaren Einfluss auf die Kokainhochburg der 80er, Kolumbien, genauso wie auf die Nachbarländer Peru und Bolivien, wo die meisten Kokasträucher—aus deren Blättern Kokain gemacht wird—angebaut werden. Paradoxerweise, so Sanho Tree, Leiter eines Projekts zur Drogenpolitik am Institute for Policy Studies, wollen die Koka-Bauern selbst, dass dieser endlos scheinende Teufelskreis durchbrochen wird. "Das ist für [die Farmer] keine Lebensgrundlage. Viele von ihnen wollen das nicht mehr, weil es einfach zu viel Blutvergießen und Gewalt gibt", so Sanho Tree, der den Koka-Anbau und die Kokain-Produktion in Kolumbien vor Ort studiert, gegenüber VICE.

Die Regierungen Kolumbiens und der USA versuchen allerdings schon seit Jahren, das Bewusstsein der Kunden für die Umweltauswirkungen von Kokain zu schärfen. Der ehemalige kolumbianische Vizepräsident Francisco Santos Calderón hat 2008 in Großbritannien und 2009 in den USA eine Art Umweltkampagne ins Leben gerufen und von "gemeinsamer Verantwortung" gesprochen, um so Kokainkonsumenten der Mittel- und Oberschicht dazu zu bewegen, ihr geliebtes Koks endlich aufzugeben. Wenn man allerdings bedenkt, dass die USA und Kolumbien mit dafür verantwortlich sind, dass im Amazonasregenwald massenhaft Herbizide versprüht werden, um die Koka-Plantagen zu zerstören—mit verheerenden Folgen—, wirken solche Kampagnen ziemlich heuchlerisch. "Gelinde gesagt, ist das unaufrichtig", meint Sanho Tree.

David Schwartz bleibt allerdings optimistisch und hofft, dass ein Kokain-Boykott den ökologischen und humanitären Fußabdruck der Droge verbessern kann. "Ich glaube, dass einige Konsumenten die Auswirkungen ihres Konsums falsch einschätzen", meint er. Als Beispiel nennt er den Fall, als die grauenhaften Kuhschlachtungen bei McDonald's-Zulieferern einen Aufschrei ausgelöst haben, der zu umfangreichen Reformen in den Schlachthäusern geführt hat. "Natürlich kann einer allein das System nicht verändern", sagt er und fügt hinzu, dass es mithilfe sozialer Medien "viel einfacherer ist, die Leute auf etwas aufmerksam zu machen".

Von der fast schon lachhaften Vorstellung, wie die gefährlichsten Gangs der Welt auf einmal auf Friedfertigkeit und nachhaltige Landwirtschaft setzen, sind wir weit entfernt. Schwer vorstellbar also, wie da eine Veränderung zum Positiven aussehen könnte. Aber selbst Koksdealer Ra wünscht sich Verbesserungen. Seiner Meinung nach könnten sich Drogendealer doch mit den Bauern zusammentun und für "einen menschenwürdigen Anbau" sorgen. Entweder das oder "irgendjemand muss es endlich in den USA anbauen. Aber das wäre doch verrückt. Wo soll man das denn machen?"

Sanho Tree hält das Klima in Florida für geeignet und erwähnt, dass "es früher auf Hawaii Koka-Plantagen gab", und merkt zudem an, dass die Inseln klein und demzufolge leichter zu überwachen sind als die vergleichsweise gesetzlosen Gebiete rund um den Äquator in Lateinamerika. Mit Marihuana, das sich auf kleinem Raum, zum Beispiel in einem Schrank, anbauen lässt, kann man sich ein kleines Nebengeschäft aufbauen. Bei Kokain funktioniert das nicht so. Um genug von dem weißen Zeug zu produzieren, braucht man umgerechnet mindestens 4.000 Quadratmeter, meint Sanho Tree: "So etwas wie positive Skaleneffekte gibt es nicht."

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Kurzum: So bald wird wohl kein Kokain in den USA produziert werden—und auch keines, auf dem Dinge stehen wie "Für dieses Produkt wurden keine Menschen gequält oder getötet".

Wenn du dir aber weiter unbedingt die Nase pudern musst, dann kannst du, so David Schwartz, genau das tun, was alle tun, die wegen ihres CO2-Fußabdrucks ein schlechtes Gewissen haben: Kompensier deine Sünden einfach mit Spenden für wohltätige Zwecke. "Um seine Schuld ein wenig zu verringern, wenn man ein Produkt wie Kokain kauft, das so eng mit solch problematischen Methoden verknüpft ist, kann man soziale Initiativen oder anderen Gruppen, die den Opfern helfen, finanziell unterstützen", meint er.

Ra findet einen gemeinsamen Kampf für Veränderung großartig, aber "noch nicht jetzt", sagt er. Sein größtes Problem bis dahin ist es, "nicht auf die Fresse [zu] bekommen."

Wenn du an eine Organisation spenden willst, die die Menschen in Südamerika unterstützt—egal ob du wegen deines Kokains Schuldgefühle hast oder nicht—, dann schau dir mal an, was ACCION International, OXFAM oder Save the Children in der Region so machen.