Auf der Flucht mit dem Bankräuber Enric Duran

Enric Duran stahl 2008 Hunderttausende Euro von europäischen Banken, um eine progressive Hacktivisten-Kommune zu gründen. Nathan Schneider hat sich mit ihm in Katalonien getroffen, wo er sich noch immer vor der Polizei versteckt.

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Juli 4 2015, 4:00am


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Das mit dem Untertauchen nimmt Enric Duran quasi wörtlich: Eines Nachts Ende Januar reiste er von Keller zu Keller. In einem Hackerspace unter einer winzigen Bibliothek südlich von Paris traf er sich mit einer Gruppe Aktivisten aus ganz Frankreich, zusammen machte man sich mit Bus und U-Bahn auf den Weg zu einem weiteren Treffpunkt in einem alten Schloss im Norden der Stadt. Das Erdgeschoss erinnerte mit den weißen Wänden und weiten Räumen an eine Galerie, doch der Keller darunter glich einer Höhle mit kahlem Gestein. Duran stellte für alle Anwesenden Stühle auf. Sie einigten sich gerade auf eine Sprache, als zwei Leute von oben, wo ein Vortrag über freie Lizenzen stattfand, durch die offene Tür hinunterschauten. Die Frau konnte kaum ihre Aufregung verbergen, als sie Duran erkannte. Nach dem Treffen kam sie auf ihn zu. „Du bist der Bankräuber!", sagte sie.

Duran hielt in dem Keller Hof. Der 38-jährige antikapitalistische Aktivist hat eine krumme Haltung und eine kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen, Haar und Bart sind struppig und schwarz, ein paar graue Strähnen darunter. Trotz seiner zurückhaltenden und steifen Ausstrahlung hatte er in diesem Raum spürbare Autorität.

Er hatte die Gruppe versammelt, um sein neuestes Projekt, FairCoop, vorzustellen, das er nach und nach als ein völlig neues globales Finanzsystem entwarf. Duran sagte, mit FairCoop könnten Menschen in aller Welt miteinander handeln, Wachstum fördern, Wohlstand umverteilen und kollektive Entscheidungen treffen. Sie würden Währungsmärkte hacken, um sich selbst zu finanzieren, und kapitalistische Konkurrenz mit Kooperation ersetzen. Er zählt die Bestandteile des Projekts auf: FairMarket, FairCredits, Fairtoearth, der Global South Fund und so weiter. „Wir werden in der Lage sein, Transaktionen ohne Regierungskontrollen durchzuführen", versprach er in gebrochenem Englisch. Um das Projekt in die Gänge zu kriegen, hatte er sich eine Bitcoin-artige Kryptowährung namens FairCoin angeeignet.

Die französischen Aktivisten stellten artig Fragen, soweit sie ihn verstanden hatten, manche davon politischer, manche technischer Natur. Die meisten kamen von den überwiegend jungen Männern, die sich beim Zuhören übers Kinn strichen. Durans Stimme war monoton, doch die Reaktionen auf ihn waren lebhaft. Er beantwortete viele Fragen mit Variationen des Satzes: „Das können wir selbst entscheiden."

Der einzige Grund, warum die Gruppe überhaupt gewillt war, diese seltsamen Vorstellungen ernst zu nehmen, war, dass Duran tatsächlich ein bekannter Bankräuber ist. Er war der Mann, der am Vorabend der Finanzkrise von 2008 mehrere Hunderttausend Euro von spanischen Banken stahl, weswegen er sich noch immer versteckt hält. Er nutzte seinen großen Bankraub als Sprungbrett, um die Cooperativa Integral Catalana zu organisieren, ein Netzwerk von Genossenschaften, das die gesamte Region Katalonien überzieht. Die französischen Aktivisten wollten nun ein landesweites Netzwerk nach diesem Vorbild aufbauen. Durans Pläne schienen oft aufzugehen, warum also nicht auch dieser?


Aurea Social, das Hauptquartier der Cooperativa Integral Catalana, hat etwa 75 Mitarbeiter. Fotos von Daniel Molina

Enric Durans Hauptbeschäftigung, bevor er zum Bankräuber wurde, war der Aufbau von Netzwerken. Als Jugendlicher war er Profi-Tischtennisspieler und setzte sich für eine gerechtere Umstrukturierung des Turniersystems ein. Anfang 20 widmete er sich größeren Ungerechtigkeiten, nachdem er Erich Fromms Analyse der materialistischen Gesellschaft und Henry David Thoreaus Aufruf zum Ungehorsam gelesen hatte. Das war Ende der 1990er, als die Antiglobalisierungsbewegung großen Zulauf hatte. Die Zapatisten waren in Mexiko erstarkt, und nur Wochen vor der Jahrtausendwende versammelten sich in Seattle unzählige Demonstranten, um gegen den Gipfel der Welthandelsorganisation zu protestieren. Laut Jeffrey Juris, einem Anthropologen an der Northeastern University, war Duran in Barcelona „der Hauptknotenpunkt jeglicher Organisation", weswegen er für Juris' Buch über Netzwerkkultur zu einer wichtigen Quelle wurde.

Duran half 2000 dabei, katalanische Demonstranten zum Gipfel der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds in Prag zu bringen. Er rief zum Ende der Erdölabhängigkeit und zur Schuldentilgung für arme Länder auf. Zu dieser Zeit lebte er von einem bescheidenen Unterhalt, den ihm sein Vater zahlte, doch 2003 verwendete er den Rest davon auf die Gründung eines Infoladens namens Infoespai in Barcelona. Er hatte gehofft, davon leben zu können, aber der Laden bekam bald Geldprobleme, wie die Projekte so vieler Aktivistengruppen. Sie brauchten neue Einkünfte, die der Kapitalismus ihnen vermutlich nicht bringen würde.

Duran hatte das Wesen des Geldsystems studiert und betrachtete Geld zunehmend als Instrument der globalen Schuldenknechtschaft, für immer befleckt von den Wuchergeschäften der Finanzeliten. Er gelang zu der Überzeugung, große Banken seien die Hauptverursacher der weltweiten Ungerechtigkeit. Doch, so dachte er sich, vielleicht konnten sie auch Teil der Lösung sein.
Ein befreundeter Unternehmer schlug Duran vor, Geld von Banken zu leihen und es nicht zurückzuzahlen. Nachdem der Freund bei einem Autounfall starb, entschloss sich Duran dazu, alleine zu handeln. Im Herbst 2005 fing er an, Briefkastenfirmen anzumelden und Kredite zu beantragen. Bald darauf hatte er eine Hypothek von der Bank Caixa Terrassa im Wert von 200.000 Euro. Es war die erste von 68 Leihaktionen bei 39 Banken, darunter Autokredite und Kreditkarten. Die Kredite hatten laut Duran einen Gesamtwert von 492.000 Euro—360.000 ohne Zinsen und Gebühren.

Fast drei Jahre lang arbeitete Duran methodisch weiter. „Ich ging absolut systematisch vor", schreibt er in seinem Buch Abolir la banca (Banken abschaffen). „Ich arbeitete wie am Fließband." Er nahm zu Terminen mit Bankern eine Aktentasche mit, doch zu einer Krawatte konnte er sich nicht durchringen. Er holte sich für die Anschaffung einzelner Gegenstände, zum Beispiel einer Videokamera, gleich bei mehreren Banken Kredite. Als er einiges an Geld angehäuft hatte, förderte er damit Gruppen, die er kannte und denen er vertraute.

Der Anfang vom Ende kam 2007. Duran bemerkte Anzeichen für die bevorstehende Hypothekenkrise in den USA und beschloss, an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Laufe des nächsten Jahres versammelte er ein Kollektiv, das die Verbrechen der Banken und Durans Aktion dokumentierte. Er wählte den 17. September 2008 als Veröffentlichungsdatum.

Das Timing war unglaublich. Am 15. September beantragte Lehman Brothers Insolvenz und besiegelte damit die globale Wirtschaftskrise. An jenem Morgen flog Duran von Barcelona nach Lissabon und am nächsten Tag von dort aus weiter nach São Paulo in Brasilien, wo seine Freundin Lirca lebte. Am 17. September—auf den Tag genau drei Jahre, bevor Occupy-Wall-Street-Aktivisten den Zucotti Park in New York besetzten—verteilten freiwillige Helfer in ganz Katalonien 200.000 Exemplare seiner Zeitung Crisis. Einen Tag zuvor hatten die meisten von ihnen noch keine Ahnung, was für Nachrichten sie verbreiten würden. Medien in verschiedenen Ländern brachten die Geschichte.

Heute nennt er das Ganze seine „öffentliche Aktion". Sein Plan war von Anfang an, ein Spektakel zu inszenieren, das Netzwerke und Schwung für andere Projekte generieren würde. „Dies ist nicht die Geschichte einer Aktion", sagte er. „Es ist der Entstehungsprozess eines alternativen Wirtschaftssystems."

In Brasilien richtete Duran eine Website ein, auf der Unterstützer die nächsten Schritte besprechen konnten. Gegen Ende 2008 wandten sich Duran, Lirca und ihre Freunde einem neuen Ansatz zu: der integralen Genossenschaft und schließlich der integralen Revolution.

Wie schon die Bankenaktion hatte diese Idee sowohl einen politischen als auch einen praktischen Hintergrund. Infoespai bereitete Duran finanzielle Probleme, doch das machte ihn überhaupt erst auf die Vorteile einer Genossenschaft aufmerksam. In Spanien sind Selbstständige zur Zahlung eines Sozialversicherungsbeitrags in Höhe von etwa 30 Prozent des Einkommens verpflichtet, der Mindestbeitrag betrug 2008 etwa 250 Euro. Dazu kommt noch die Einkommensteuer. Der hohe Sozialversicherungsbeitrag erschwerte den vielen Arbeitslosen der eskalierenden Finanzkrise den Zugang zu Nebeneinkünften. Doch dieser Beitrag entfällt, wenn die Arbeit innerhalb einer Genossenschaft stattfindet. Duran hatte nicht vor, ein konventionelles Genossenschaftsunternehmen zu gründen. Stattdessen wollte er eine Dachorganisation erschaffen, unter der Menschen ihren Bedürfnissen entsprechend leben und arbeiten konnten. Der Grundgedanke war es, Menschen zu helfen und sie gleichzeitig zu radikalisieren.

Die Gruppe wählte das Wort „integral", Spanisch und Katalanisch nicht nur für „ganzheitlich", sondern auch für „Vollkorn", um die Ganzheitlichkeit, Synthese und Vielfalt des Projekts widerzuspiegeln. Mit neuem Mut versprach Duran seinen Mitstreitern seine Rückkehr nach Katalonien. Er investierte den Großteil des verbliebenen Geldes in eine zweite Zeitung: Podemos! vivir sin capitalismo (Wir können! Ohne Kapitalismus leben). Während Crisis sich hauptsächlich mit den Problemen des Bankensystems auseinandergesetzt hatte, konzentrierte sich Podemos! auf Lösungen. Duran umriss darin die Vision, die er und seine Freunde für die Entwicklung einer integralen Genossenschaft hegten. Am 17. März 2009, genau sechs Monate nach dem Erscheinen von Crisis, tauchten 350.000 Exemplare von Podemos! in ganz Spanien auf. Am selben Tag erschien Duran auf dem Campus der Universität von Barcelona und wurde sofort verhaftet. Mehrere Banken hatten Anzeige erstattet. Die spanische Strafverfolgung verlangte eine achtjährige Haftstrafe.

Duran musste ins Gefängnis, doch nur zwei Monate da­rauf kam er wieder frei, nachdem ein anonymer Spender seine Kaution bezahlt hatte. Fast vier Jahre lang arbeitete er mit seinen Freunden an der Genossenschaft. Sie richteten sie von Anfang an offiziell ein, um mit den Steuervorteilen Menschen für das System zu interessieren. Die nächste Priorität waren die Grundbedürfnisse: Lebensmittel von Bauern, Wohnraum in besetzten Häusern und Kommunen, ganzheitliche und bezahlbare medizinische Versorgung. Anfang 2010 war die Cooperativa Integral Catalana (CIC) Wirklichkeit geworden, mit Ausschüssen und monatlichen Versammlungen. Im folgenden Jahr eroberte die Bewegung 15. Mai, ein Vorbote von Occupy Wall Street, öffentliche Plätze in ganz Spanien, um gegen Sparmaßnahmen und Korruption zu demonstrieren. Viele Anhänger der Bewegung traten der CIC bei. Ähnliche Genossenschaften entstanden in anderen spanischen Regionen und in Frankreich.

Nur wenige Blocks von Antoni Gaudís unfertiger Basilika Sagrada Família befindet sich seit Februar 2012 Aurea Social, das Hauptquartier der CIC. Hinter den Glasschiebetüren und dem Empfang liegt ein Korridor, in dem von Mitgliedern produzierte Waren ausgestellt sind: Seifen, Kinderkleidung, Holzspielzeug, Vogelfutterhäuschen, ein solarbetriebener Kochtopf. Es gibt Broschüren von Espai de l'Harmonia, einem Hostel und Wellnesscenter. Dahinter liegen eine kleine Bibliothek, ein Bitcoin-Geldautomat und Büros für einige der 75 bezahlten Mitarbeiter. An bestimmten Tagen findet im Aurea Social ein Markt mit frischen Waren vom CIC-Versorgungszentrum statt. Dieses Umschlagslager etwa eine Autostunde südlich von Barcelona versorgt die anderen Genossenschaftsmärkte der Region monatlich mit ca. 4.500 Tonnen Ware, die größtenteils von den Bauern und Herstellern der CIC stammen.

Jedes von Aurea Social beworbene Projekt agiert mehr oder weniger selbstständig und ist zu unterschiedlichen Graden mit der CIC verbunden. Bei der letzten Zählung bestand die CIC aus 674 verschiedenen Projekten mit 954 Mitarbeitern aus ganz Katalonien. Die CIC bietet den Projekten eine gesetzliche Grundlage im Hinblick auf Steuern und Gesellschaftsform, und Mitglieder handeln untereinander mit ihrer eigenen sozialen Währung namens Ecos. Sie finanzieren einander mit dem jährlichen Budget der CIC von 408.000 Euro, einer Crowdfunding-Plattform und einer zinsfreien Anlagenbank namens Casx. Um der CIC beizutreten, müssen Projekte ihre Beschlüsse durch Konsens fassen und gewisse Grundprinzipien wie Transparenz und Nachhaltigkeit befolgen. Wenn die Versammlung ein neues Projekt zulässt, läuft dessen Umsatz durch die CIC-Buchhaltung, die einen Teil davon zur Finanzierung der gemeinsamen Infrastruktur einbehält. Jedes Mitglied kann die Dienste nutzen und mitentscheiden, wie die Gelder verwendet werden.

Partner können in einem der CIC zugehörigen Wohnblocks in Barcelona leben oder in Lung Ta, einer Bauernkommune mit Tipis, Jurten, Steinkreisen und Pferden, in der die Bewohner sich nach ihren Maya-Sternzeichen in „Familien" aufteilen. Andere ziehen nach Calafou, eine „postkapitalistische ökoindustrielle Kolonie" in den Ruinen einer Textilfabrik, die Duran zusammen mit einigen anderen im Internet erstanden hat. (Weitere Details über Calafou können wir nicht drucken, da VICE nicht unter einer freien Lizenz erscheint, was die Kolonie zur Bedingung für Berichterstatter gemacht hat.) Unweit von Calafou betreibt eine Gruppe Anarchisten eine Bar und ein Siebdruckstudio in einem Gebäude, das einst der CNT gehörte, der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft, die während des Bürgerkriegs der 1930er kollektivistische Fabriken und Milizen gründete und damit zweifellos den größten Praxisversuch einer funktionierenden Anarchie darstellt. Aus der Sicht der Utopisten erschafft die CIC heute, ganz wie die CNT damals, eine neue Welt in der Hülle der alten.

Seit Jahren befindet sich Spanien im Sinkflug: Die Arbeitslosenrate liegt für die Gesamtbevölkerung bei mehr als 20 Prozent und für Menschen unter 25 bei um die 50 Prozent. Dies führte zur Gründung von Podemos, einer neuen populistischen Partei, die Sparmaßnahmen kritisiert und die etablierten Parteien verdrängen will. Doch der unauffälligere Teil dieses Volksaufstands sind Bewegungen wie die CIC, deren Arbeit die Alltagsstrukturen unmittelbarer beeinflusst.


Der Dachgarten von Aurea Social.

Das Büro des fünfköpfigen Wirtschaftsausschusses der CIC im ersten Stock von Aurea Social sieht nicht aus wie eine gewöhnliche Buchhaltungsabteilung. Ein Schwarm von der Decke hängender Papiervögel scheint auf das Whiteboard zu fliegen, das eine ganze Wand bedeckt und an dem „All you need is love" steht. Die gegenüberliegende Wand hängt voller Kinderzeichnungen. Die Mitarbeiter verwenden ein Open-Source-Betriebssystem von Linux und die vom IT-Ausschuss programmierte Software, um die Einkünfte der genossenschaftlichen Projekte zu verwalten, die Gebührenzahlung abzuwickeln und die restlichen Mittel auf Anfrage an die Projektmitglieder auszuzahlen.

Wenn das Finanzamt mal bei CIC-Mitgliedern klingelt, wissen diese, was sie sagen müssen: Sie sind Freiwillige bei einer Genossenschaft, und der Wirtschaftsausschuss könne die richtigen Dokumente bereitstellen. (Offiziell gibt es gar keine CIC; sie funktioniert über eine Reihe juristischer Einheiten, wodurch sie auch nicht übermäßig von einer einzelnen abhängig wird.) Ihr System und die damit verbundenen Steuervorzüge nennen sie „fiskalischer Ungehorsam", „Gesellschaftsformen" oder schlicht „das Werkzeug".

Die Buchhaltung wird sowohl in Euros als auch in der CIC-Währung Eco geführt. Bei Ecos handelt es sich nicht um eine Kryptowährung wie Bitcoins, sondern schlicht um ein Guthabennetzwerk. Während das Konzept hinter Bitcoins die Digitalisierung aller Transaktionen ist, um nicht zentralen Behörden und fehlbaren Menschen trauen zu müssen, bedarf es bei Ecos einer Gemeinschaft von Menschen, die einander voll vertrauen. Mitglieder mit einem der mehr als 2.200 Konten können über das Web-Interface des gemeinschaftlichen Börsensystems die Kontostände der anderen Mitglieder sehen und Ecos überweisen. Vermögen wird auf eine völlig andere Weise betrachtet. Es gilt nicht als negativ, einen niedrigen Kontostand zu haben oder ein wenig im Minus zu sein; es ist lediglich schlecht, wenn ein Kontostand sehr weit in die roten Zahlen gerät und dort bleibt. Weil es keine Zinsen gibt, bringt es keine Vorteile, viele Ecos auf dem Konto zu lagern. Kreditwürdigkeit basiert in diesem System nicht auf angehäuftem Wohlstand, sondern auf dem Ausgeben der Ecos und einem Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen.

Die Antwort der CIC auf die Zentralbank ist der Sozialwährungs-Überwachungsausschuss, dessen Aufgabe es ist, Mitglieder zu kontaktieren, die kaum Transaktionen ausführen, und ihnen dabei zu helfen, ihre Bedürfnisse innerhalb des Systems zu erfüllen. Wenn jemand zum Beispiel eine Hose braucht und in seiner Gegend keine mit Ecos kaufen kann, könnte er versuchen, einen Schneider zu überreden, die Währung anzunehmen. Doch auch der Schneider kann Ecos nur so weit annehmen, wie er selbst benötigte Waren damit kaufen kann. Dieses Wirtschaftssystem ist wie ein Puzzle, das nach und nach zusammengefügt werden muss. Die Währung ist nicht nur Tauschmedium; sie zeigt auch das Maß an Unabhängigkeit, das die CIC vom Kapitalismus erlangt hat.

Ein Wort, das man in der CIC oft hört, ist autogestió. Die Mitglieder übersetzen es als „Selbstverwaltung", doch es scheint mehr um Gemeinschaft als um das individuelle „Selbst" zu gehen. Die Überzeugung, dass Ressourcen zum Teilen bestimmt sind, hat in der CIC einen höheren Stellenwert als jede Gesetzeslücke; die Steuervorteile sind lediglich Köder, die bei den Menschen Interesse wecken sollen. Je mehr das Konzept der Selbstverwaltung in Arbeit und Freizeit umgesetzt wird, desto näher rückt die integrale Revolution.


Espai de l'Harmonia, ein der CIC zugehöriges Hostel und Wellnesscenter.

Die CIC-Projekte und ihre jeweiligen Mitglieder passen optisch oft so gut zusammen wie Menschen und ihre Haustiere. Sie haben diese Projekte selbst erschaffen, anstatt sich irgendwo um eine Stelle zu bewerben, und das merkt man. Eine der integrativen Glanzleistungen der CIC ist es, zwei gegensätzliche Subkulturen Barcelonas, die Punks und die Hippies, in relativem Frieden vereint zu haben. Sie bleiben getrennte Gruppen, doch sie unterstützen einander.

Didac Costa bezeichnet sich selbst nicht ohne Stolz als Hippie. Er plant eine der CIC angeschlossene Kommune mit dem einstweiligen Namen Walden Bas, nach Henry David Thoreaus See und einem alten katalanischen Wort für Wald. Das Land, das er kaufen will, ist größtenteils rau und bergig. Hier und da stehen ein paar alte Bauernhäuser, doch die Steinruinen sind bereits fast vollständig überwuchert. Er führte mich wie ein erfahrener Bergführer über das Gelände und erklärte mir dabei, was später einmal wo sein würde. Er sprach von Details wie Schwimmteich und WLAN-Antenne mit einer Vertrautheit und Genauigkeit, die mehr was von einer Erinnerung als von einer Zukunftsvision hatte. Hier wolle er den Rest seines Lebens verbringen, sagte er mir. Costa, der sich als „undogmatischer Libertarist", Soziologe und Spiritist beschreibt, hat eine eindrucksvoll besonnene Ausstrahlung, verstärkt durch Ayahuasca-Sessions mit brasilianischen Schamanen und Marihuana, das er in einer länglichen Dose aufbewahrt. Seine Leidenschaften speisen sich aus dicken Büchern, doch er ist sich auch nicht zu fein, in wochenlanger Arbeit ein paar Meter Straße aus dem Schlamm zu graben, vorbei an den Ruinen, die er noch nicht besitzt; er sagt, er genieße es als Meditation. Mit 39 ist er noch ein wenig jünger, als seine ergrauenden Locken und die Knitter um seine Augen vermuten lassen.

Costa verwendete bereits Sozialwährungen, bevor es die CIC gab. Er studierte sie ein paar Jahre lang in Argentinien und Brasilien, bevor er in sein Heimatdorf Montseny in Katalonien zurückkehrte und seine eigene Währung gründete. (Das war am 4. Januar 2009, einen Tag, nachdem Bitcoin online ging.) Er kannte Duran bereits von einem „verrückten", niemals umgesetzten Projekt, bei dem ein Boot voller Hippies von Brasilien nach Indien hätte segeln sollen. Doch nachdem Duran aus dem Gefängnis kam, fingen die zwei an, richtig zusammenzuarbeiten. Ende 2009, während der Vorbereitungen für die CIC, trafen sie sich in der Region Tarragona mit Aktivisten, die ein unabhängiges Sozialwährungsnetzwerk gegründet hatten. Sie beschlossen, ihre Währungen zu einem gemeinsamen System zu verbinden. Heute vereint die CIC mindestens 20 regionale Sozialwährungsnetzwerke in ganz Katalonien.


Didac Costa baut eine ­Kommune mit dem einst­weiligen Namen Walden Bas, nach Henry David Thoreaus See.

Costa half 2011 bei der Gründung von Calafou. Er ließ sich dort nieder, doch er stellte bald fest, dass er mit den verbitterten Punks, die die Mehrheit der Koloniebewohner ausmachten, nicht zurechtkam. Im Gegensatz dazu wird das Ökodorf, das er plant, so hippiemäßig, wie es nur geht: Musikfestivals, Rainbow Gatherings, Ayahuasca, Jurten, Yoga, Vipassana-Meditation. Mit der Finanzierung hat er bisher noch Schwierigkeiten, vor allem, seit ihm bei einem Hackerangriff auf die Bitstamp-Börse 80 Bitcoins (ca. 18.000 Euro) gestohlen wurden. Er bespricht regelmäßig alles mit Duran, den er als seinen Finanzberater bezeichnet. Er hat sich für die Zeit bis zum Vertragsabschluss eine Wohnung in der Nähe des Areals genommen, um es besuchen zu können und Pläne zu schmieden.

Etwa eine einstündige Fahrt in Richtung der Küste im Osten entfernt lebt einer der Oberpunks der CIC in einem winzigen mittelalterlichen Dorf mit dem Death-Metal-Namen Ultramort. Raquel Benedicto trägt oft einen Clockwork Orange-Pulli und hat rotgefärbtes Haar. Ihre Ohren sind voller Ringe und ihre Nase ist an Nasenbein und Septum gepierct. Allerdings trägt sie die Nasenpiercings nicht mehr täglich und vermeidet Demos, denn wenn Bullen sie angreifen, dann wehrt sie sich auch, und das kann sie nicht mehr riskieren, seit sie Mutter ist.

Mit ihrem Bruder, der vor Kurzem nach Jahren der Gastronomiearbeit und des Surfens aus Großbritannien zurückgekehrt ist, gründete sie Ende 2014 das einzige Restaurant des Dorfs, Restaurant Terra. Es ist durch und durch ein CIC-Projekt: Mahlzeiten können mit Ecos bezahlt werden und regelmäßig finden dort Regionalversammlungen statt. Mitglieder der örtlichen Forstgenossenschaft, die mithilfe eines Esels Holzstämme abtransportieren, holen sich bei Benedicto ihren Lohn ab. Nebenher ist sie damit beschäftigt, eine Schule zu gründen. Ihr Sohn Roc ist drei Jahre alt.


Das CIC-Projekt Restaurant Terra. Hinter dem Gebäude entsteht eine Schule.

Benedicto lernte Duran 2011 während der Bewegung 15. Mai kennen. Wütend war sie ohnehin schon, doch er zeigte ihr, wohin mit ihrer Wut. Sie fing an, im Willkommensausschuss der CIC zu arbeiten, wobei sie sich mit der Integral-Logik vertraut machte, indem sie andere unterrichtete und so viel wie möglich mit Duran sprach. Bald war sie Mitglied des Koordinationsausschusses, der Versammlungen organisiert und den anderen Ausschüssen bei der Zusammenarbeit hilft. Doch diese Arbeit hat sie ausgelaugt und nun versucht sie, sich ein wenig zurückzuziehen und sich stattdessen auf das Restaurant zu konzentrieren. „Ich mache endlich etwas, auf das ich Lust habe", sagte sie mir.

Gleichzeitig arbeitet sie allerdings daran, einen größeren Anteil der CIC-Verwaltung aus Barcelona heraus in die Versammlungen der gesamten Region zu verlegen. Duran und Benedicto stehen im Austausch über diese Dinge, doch sie müssen vorsichtig sein. Einmal beschlagnahmte die Polizei ihr Handy, und Freunde von ihr wurden bereits zu Durans Aufenthaltsort befragt. Sie legt ihr Handy weg, wenn sie von ihm spricht, und verschlüsselt ihre E-Mails. Sie ist eine der Personen, die die CIC in Durans Abwesenheit am Laufen halten und dafür sorgen, dass sie nicht länger von Duran abhängig ist.

An einem Wochenende Ende Januar hielt die CIC ihre Jahresversammlung ab, bei der das Budget des kommenden Jahres geplant wurde. Etwa 60 Menschen saßen im großen Hinterzimmer von Aurea Social im Kreis, über ihren Köpfen eine projizierte Tabelle. Weiter hinten stillte eine Mutter ihr Kind, während ältere Kinder im restlichen Gebäude spielten. Benedicto machte sich auf ihrem Linux-betriebenen Laptop Notizen zu den verschiedenen Diskussionen. Es ging darum, wie die Ausschüsse effektiver organisiert werden konnten, und darum, wer wie bezahlt werden sollte. Außerdem wurde beschlossen, EcoBasic einzustellen. Mit der Entscheidung, diese vorsichtige, vom Euro abgesicherte Hybridwährung abzusetzen, kam die CIC der reinen Sozialwährung einen Schritt näher. Über der ermüdenden und frustrierenden Detailarbeit konnte man übersehen, dass es eigentlich ein kleines Wunder ist, wenn Menschen in einer Organisation dieser Größe es schaffen, detaillierte und wichtige Beschlüsse durch Konsens zu fassen.

„Enric denkt etwas und alle fangen an zu zittern", erzählte mir Benedicto während einer Pause. „Nein, nein—wir haben so viel zu tun, und jetzt willst du dich auch noch darum kümmern?"


Raquel Benedicto hilft, die CIC in Enric Durans Abwesenheit am Laufen zu halten.

In Frankreich arbeitet Duran Tag und Nacht für den Integralismus—soweit es sein Status als Justizflüchtiger zulässt. Er bewegt sich in der Öffentlichkeit und läuft ohne mit der Wimper zu zucken an Polizisten vorbei, doch er wechselt sowohl privat als auch beruflich häufiger die Adresse, um nicht so leicht auffindbar zu sein. Er teilt seinen Aufenthaltsort anderen nur mit, wenn es wirklich nötig ist. Der vielleicht seltsamste Aspekt seines Alltags ist die ruhige und zuversichtliche Art, mit der er auf seine so hochgesteckten Ziele hinarbeitet. „Ich denke, ich habe die nötigen Kompetenzen", sagte er mir.

An einem wolkenverhangenen Tag in Paris, nach einem Nachmittagsmeeting mit einem Entwickler für die FairMarket-Website, machte sich Duran auf den Weg zu einem der Hackerspaces, die er regelmäßig besucht. Die WLAN-Verbindung dort ließ E-Mail-Verkehr über ein VPN zu, sodass er seinen Aufenthaltsort nicht preisgeben musste, um den 10.000 Menschen in seiner Verteilerliste einen Lagebericht zu senden. Als Nächstes traf er sich im Büro einer Denkfabrik mit einer französischen Expertin für Genossenschaftsbanken. Ihre Schroffheit und Skepsis gegenüber FairCoop irritierte ihn nicht im Geringsten. Es war zwar keine erfolgreiche Besprechung gewesen, doch danach grübelte Duran, wie er ihr Netzwerk am besten nutzen konnte. Gegen Mitternacht stellte er den Köpfen eines Share-Economy-Verbands im Hinterzimmer ihres Büros FairCoop vor. Um die Unterhaltung später fortsetzen zu können, zeigte er ihnen, wie man ein sicheres Chatprogramm verwendet.

Nach der kleinen Kryptografiestunde kehrte er in seine Airbnb-Wohnung zurück und setzte sich vor seinen Computer. Dort arbeitete er hochkonzentriert bis 4:30 Uhr, wobei er gelegentlich einen Keks aß, über eine E-Mail oder einen Forum-Thread lächelte und mit zwei Fingern seine Antwort tippte. Im Zimmer stand noch ein zweiter Laptop, auf dem Tag und Nacht die elektronische FairCoin-Geldbörse lief, um bei der Sicherung des dezentralen Währungsnetzwerks zu helfen. Duran schläft normalerweise vier bis fünf Stunden pro Nacht. Keine Zigaretten, kein Kaffee, kaum Bier. Er kocht nicht. Man bekommt regelrecht das Bedürfnis, sich um ihn zu kümmern und ihn zu bemuttern.


In der Kommune Lung Ta teilen sich die Bewohner nach Maya-Astrologie in „Familien" auf.

Duran ist gerade dabei, seinen dritten großen Hack zu starten. Der erste war seine „öffentliche Aktion"—ein Hack des Finanzsystems zum Vorteil der Aktivisten. Der zweite war die CIC mit ihrem „fiskalischen Ungehorsam"—ein Hack des Rechtssystems, um eine neue Art Genossenschaft zu erfinden. Der dritte ist FairCoop—ein Währungshack, um ein globales Finanzsystem zu fördern. Wie schon der zweite Hack entstand der dritte im Verborgenen.

Durans Prozess sollte im Februar 2013 endlich beginnen. Zu diesem Zeitpunkt sah es für ihn nicht besonders gut aus. Keiner der Verteidigungszeugen war zugelassen worden; die Behörden wollten nicht, dass der Gerichtssaal zur politischen Bühne wurde. Ein paar Tage vor der ersten Verhandlung tauchte Duran wieder unter. Zuerst versteckte er sich in einem Haus in Katalonien, doch als er sich dort zu eingeschränkt fühlte, ging er nach Frankreich, wo er größeren Abstand zur spanischen Polizei hatte und sich weniger Sorgen machen musste, auf der Straße erkannt zu werden.

Da er sonst nicht viel zu tun hatte, fing er an, sich über Kryptowährungen zu informieren, die neuen, digitalen Zahlungsmittel, von denen Bitcoins lediglich die bekannteste und verbreitetste Variante sind. Kryptografische Berechnungen ermöglichen die Aufzeichnung von Transaktionen in einem gemeinsamen Netzwerk, das weder auf eine Regierung noch auf eine Zentralbank angewiesen ist. Freunde Durans hatten an der Entwicklung von Bitcoin-verwandter Software gearbeitet. In ihrer Gründungszeit war die Kommune Calafou als wichtiges Zentrum der Bitcoin-Bewegung bekannt. Anfang 2013 begann Bitcoin seinen rasanten Aufstieg zu einem Höchstwert von mehr als 1.100 Euro pro Einheit. Früheinsteiger wurden über Nacht reich. Was Duran störte war der Hang der Kryptowährungsszene zu marktverliebtem Individualismus und er fragte sich, ob es eine bessere Verwendung für die Technologie gäbe. „Ich überlegte, wie man so etwas hacken könnte, um die integrale Revolution zu finanzieren", erinnerte er sich.

Unter den Hunderten von Bitcoin-Klonen, die es gibt, alle mit ihren jeweiligen Anpassungen des Codes, fand Duran FairCoin. „Das ist ein guter Name", sagte er sich. Unter anderem sollte FairCoin angeblich deshalb so fair sein, weil es sich nicht auf Bitcoins Proof-of-Work-Algorithmus verlässt, der „Miner" belohnt, die ganze Lagerhallen mit Maschinen haben, die nichts anderes tun, als Strom zu fressen und Berechnungen durchzuführen. FairCoins schienen hingegen im Geiste der Fairness verteilt zu werden. Der ursprüngliche Entwickler gab sie allen Interessenten, als das System im März 2014 online ging. Doch die ganze Sache könnte eine Betrugsmasche gewesen sein: Die Währung durchlief einen schnellen Boom-Bust-Zyklus, woraufhin der Entwickler verschwand, höchstwahrscheinlich mit einer ganzen Menge Geld.

Der Wert von FairCoins erreichte am 15. April letzten Jahres mit einem Börsenwert von fast 1 Million Euro seinen Höhepunkt. Während des Absturzes, der darauf folgte, machte Duran am 21. April eine Ankündigung auf dem FairCoin-Forum und auf Reddit: Er habe begonnen, FairCoins zu kaufen. „FairCoin zum Erfolg zu verhelfen sollte eine kollektive Bemühung sein", schrieb er. „FairCoin sollte die Währung des fairen Handels werden." Zwischen April und September kaufte Duran mit den Bitcoins, von denen er bis dato gelebt hatte, etwa 10 Millionen FairCoins—20 Prozent des Gesamtvorrats. Während dieser Zeit war die Währung fast wertlos und von ihren Unterstützern vergessen. Mit einem kleinen Team an seiner Seite fing Duran an, zu kaufen und zu planen, während Thomas König, ein Web-Entwickler in Österreich, den Code anpasste und Sicherheitslücken schloss. Sie experimentierten mit verschiedenen Optionen, um die Konkurrenzmechanismen, die FairCoin von Bitcoin geerbt hatte, mit Kooperationsmechanismen zu ersetzen, die besser in die FairCoop-Struktur passten. Ende September investierten CIC-Mitglieder bereits in FairCoins, wodurch der Wert wieder um das 15-Fache stieg.

Genau wie die CIC viel mehr ist als nur ein Flickenteppich ihrer lokalen Währungen, ist FairCoop viel mehr als nur FairCoin. Duran möchte, dass FairCoop zu einem von Mitgliedern selbstverwalteten Finanznetzwerk für Genossenschaften wird. Sie können ihre Produkte im FairMarket verkaufen, über FairCredit miteinander handeln und ihr Wachstum mit FairFunding finanzieren. Sie können auf GetFairCoin.net kaufen und auf Fairtoearth.com auszahlen lassen. Es soll für die ganze Welt das sein, was die CIC für Katalonien ist. Er hat eine grobe Struktur vorgegeben: Räte und Ausschüsse, Märkte und Börsen, alle entwickelt mithilfe von FairCoins. Ein Fonds hat die Aufgabe, Software für das Ökosystem zu entwickeln, ein anderer soll Wohlstand zum Vorteil von Entwicklungsländern umverteilen. Dank einem Freund aus seiner Antiglobalisierungszeit bekam Duran von dem Kosmetikhersteller Lush 13.000 Euro zur Verfügung gestellt, was ihm bei seiner unermüdlichen Rekrutierungsarbeit für FairCoop ungemein hilft.

Die Kombination aus Coins und Community könnte dafür sorgen, dass dieser Hack tatsächlich funktioniert. Je mehr lokale Genossenschaften Teil des Netzwerks werden und seine Werkzeuge einsetzen, desto höher steigt der Wert von FairCoins in Kryptowährungsmärkten, wo die Anzahl der Nutzer den Wert der Währung direkt beeinflusst. Der Aufbau der Gemeinschaft ist auch gleichzeitig ihre Finanzierung. Würde der Preis von FairCoins jetzt den Preis von Bitcoins erreichen, wäre Durans ursprüngliche Investition zum Beispiel fast 2 Milliarden Euro wert.

Allerdings können Kryptowährungen ihren Wert auch genauso schnell verlieren. Der Preis von Bitcoins sinkt inzwischen seit über einem Jahr und liegt nun etwa bei einem Fünftel des einstigen Spitzenwerts—ein Verlust, der für eine kleine Genossenschaft, die in FairCoin investieren will, verheerend wäre. Doch der Erfolg von FairCoop soll nicht komplett von FairCoin abhängig sein. Duran sieht in der Währung nicht die erlösende Software, die Menschen vor ihrer eigenen Fehlbarkeit rettet, wie wir es von der IT-Kultur gelernt haben. Er will sie nutzen, um zwischenmenschliches Vertrauen zu fördern, und nicht, um Vertrauen mit einem überlegenen Algorithmus zu ersetzen. „Wenn du keine neuen kulturellen Beziehungen erschaffst", sagte er mir, „dann veränderst du nichts." Genau wie die CIC-Mitglieder versuchen, ihre Genossenschaft auf einem starken Fundament aus mehreren juristischen Einheiten zu bauen, möchte Duran FairCoop stark und ausdauernd genug machen, um über FairCoin hinauszuwachsen.

Der Plan mag zwar unglaublich komplex sein, doch er folgt auch logisch aus Durans bisherigen Aktivitäten: Überliste den Kapitalismus, um die Bewegung zu finanzieren, nimm bereits vorhandene Ressourcen und kombiniere sie neu. Aber nicht einmal Durans beeindruckende Karriere kann garantieren, dass der Hack gelingt. Nachdem Duran den französischen Genossenschaftern im Pariser Hackerspace-Keller sein neues Projekt vorgestellt hatte, sagte er beiläufig: „Wir wissen nicht, ob das funktionieren wird."


CIC-Mitglieder sprechen oft vom Ziel der autogestió, oder Selbstverwaltung.

In seiner einstweiligen Wohnung in der Nähe des Berghangs, auf dem seine Hippiekommune entstehen soll, verfolgte Didac Costa gebannt die Fernsehnachrichten. Podemos hatte vor Kurzem fünf Sitze im Europaparlament gewonnen und Umfragen deuteten auf einen möglichen Sieg bei den diesjährigen Parlamentswahlen hin. Costa kandidierte um einen Sitz im Regionalrat von Podemos. Er beabsichtigte, innerhalb der Partei zu agitieren, um mehr Unterstützung für die katalanische Unabhängigkeit und Bewegungen wie die CIC zu sichern.

Zur selben Zeit las Duran in Frankreich die Nachrichten aus Spanien auf seinem Computer. Mayo Fuster Morell, seine erste Freundin und heute eine prominente Medienforscherin, gehört zur Führungsriege von Podemos, ebenso wie einige ehemalige politische Weggefährten Durans. Er verfolgte auch die Geschehnisse in Griechenland, wo die linke Partei Syriza die Wahlen gewonnen hatte und ihre Regierung vorbereitete. Er scannte die Ministerriege nach jemandem, der an FairCoop interessiert sein könnte. Duran suchte einen Weg, das neue politische Klima in Südeuropa zu hacken.

Außerdem beschäftigte ihn seine eigene Rückkehr zu einem Leben in Freiheit. Im Winter versammelte er ein kleines Team, das persönlich mit ihm sowohl an FairCoop als auch an seiner eigenen Sache arbeitet. Seine Freunde in Katalonien bemühen sich bisher mit wenig Erfolg um eine Ausgleichslösung anstelle von Prozess und Haftstrafe. Als sein Vater letztes Jahr starb, konnte er nicht zur Beerdigung. Was ihn allerdings stärker zu belasten scheint, ist die Vorstellung, was er alles für FairCoop tun könnte, wenn er sich nicht verstecken müsste.

Er muss Investoren finden, Treffen organisieren und sich um die verschiedenen Aufgaben kümmern, die bei einem neuen Unternehmen anfallen. Auch ohne die Einschränkungen eines Lebens auf der Flucht wäre all das eine Herausforderung. Im Gefängnis sitzen wäre natürlich schlimmer, doch Duran reicht es. Der Bankräuber ist bereit, Banker zu werden.

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