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Was die österreichische Neutralität mit Science-Fiction zu tun hat

Mit dem Sci-fi-Film ,1. April 2000' startete die österreichische Regierung 1952 eine Gehirnwäsche der Gemütlichkeit, die immer noch anhält. Das Prinzip: Wir spielen der Welt was vor.

von Markus Lust
26 Oktober 2015, 8:00am

Fotos via Hoanzl, Edition Der österreichische Film

Im Jahr 1952 beschloss die österreichische Regierung, ein bisschen Propaganda für die Unabhängigkeit zu machen, indem sie UFOs vor Schönbrunn landen ließ und eine gigantische Theater-Show mit viel „Küss die Hand"-Charme für unsere Kritiker veranstaltete. Weil wir aber immer noch von Österreich reden, passierte das Ganze natürlich nicht echt, sondern in schön überschaubarer Film-Form.

Das Ergebnis heißt 1. April 2000 und sollte als filmische Studie über die österreichische Mentalität auf jedem Oberstufen-Lehrplan im Fach Psychologie stehen. Hier kurz die Zusammenfassung für alle, die dieses B-Movie-Meisterwerk nicht gesehen haben: Im Jahr 2000 steht Österreich immer noch unter Aufsicht der vier Besatzungsmächte. Weil bereits mehrere Verhandlungen mit den Aliierten gescheitert sind, beschließt der neu gewählte Ministerpräsident auf eigene Faust, die Unabhängigkeit zu erklären. Das lässt bei der Weltregierung natürlich die Alarmglocken läuten und die Weltpräsidentin fliegt persönlich vorbei, um sich von diesem „Bruch des Weltfriedens" zu überzeugen.

Was darauf folgt, ist das Nächstbeste zu einer Gehirnwäsche der Gemütlichkeit, das man unter dem Etikett „Sci-fi-Satire" und mit Nebenrollen von Hans Moser und Helmut Qualtinger in Spielfilmlänge packen kann.

Das offizielle Österreich tut, was es am besten kann: Es spielt seinen Kritikern etwas vor. Die gesamte Geschichte Österreichs wird in szenischen Bildern nacherzählt—und die Weltpräsidentin wird durch die Bauerntheater-Aufführungen geschoben, als wäre jede einzelne Situation davon echt; vom lieben Augustin bis zur Sympathieträgerin Sissi. Am Ende siegt der Wiener Charme und die Herrscherin, die natürlich eigentlich nur bezirzt werden will (hey, es ist immer noch 1952), lässt sich durch die Gentleman-Offensive unseres Ministerpräsidenten von der friedliebenden Natur des österreichischen Volkes überzeugen.

Heute ist der Film auf mehr als nur eine Art überholt. Nur drei Jahre nach der Fertigstellung hatte Österreich schon den Staatsvertrag, für den der 1. April 2000 nicht ganz subtil werben sollte, und feierte seine Unabhängigkeit. Weitere 60 Jahre danach sind wir von Raumschiffen vor Schönbrunn und einer vereinten Weltregierung wahrscheinlich weiter entfernt als damals.

Andere Aspekte sind dafür merkwürdig aktuell geblieben. Nur zwei Monate vor dem echten 1. April 2000 verkündete die Europäische Union tatsächlich Sanktionen gegen Österreich. Dabei ging es zwar nicht um die Staatssouveränität, sondern um die Regierungsbeteiligung der FPÖ und es kam auch nicht die Weltpräsidentin, sondern nur ein EU-Rat der „drei Weisen", aber die Angst vor einem neuen österreichischen Extremismus ist überraschend ähnlich. 15 Jahre später sorgt die FPÖ-Regierungsbeteiligung auf mehreren Landesebenen für ähnliche Bedenken—aber genau wie im Film lassen wir uns ebenfalls von einfachen Antworten und komplexen Inszenierungen beschwichtigen.

Auch die Neutralität, die ja Bedingung für die Unabhängigkeit Österreichs war, ist immer noch ein großes Thema—zumindest immer dann, wenn der Nationalfeiertag näher kommt. Inhaltlich geht es damals wie heute um dasselbe: nämlich die Frage, ob sie überhaupt existiert (damals: schon, heute: noch).

In einem Standard-Gastbeitrag wird die Neutralität mit dem vielbemühten Gedankenexperiment von Schrödingers Katze verglichen; sie befinde sich in einem unbestimmten Zustand, weil Österreich sie damals zwar ausgerufen habe, aber die Siegerstaaten die Neutralität nie mit einer „Garantieerklärung" legitimiert hätten.

Nach derselben Logik könnte man auch sagen, die Zweite Republik befinde sich in einem unbestimmten Zustand, weil der letzte österreichisch-ungarische Kaiser, Karl I., formell nie abgedankt und seine Armee nie von ihrem Treueeid entbunden hat. Von hier ist es nur einmal falsch abbiegen zu Verschwörungstheorien wie der Reichsbürgerbewegung, die darauf beharrt, dass auch das Deutsche Reich formell nie aufgelöst worden ist.

Ironischerweise sind es genau solche I-Tüpfel-Reitereien, die dafür sorgen, dass sich auch die Neutralitätsdebatte keinen Millimeter bewegt—was wahrscheinlich nicht schlimm ist, weil es kaum etwas Österreichischeres gibt.

Apropos: Auch in Sachen Blackface waren wir 2014 noch nicht viel weiter als damals.

Was genau die Eckpfeiler dieser Neutralität sind, hat Bundespräsident Heinz Fischer erst am Freitag in einer ZIB 2 History nochmal in drei Punkten erklärt: Erstens, wir beteiligen uns (im völkerrechtlichen Sinne) an keinen Kriegen; zweitens, wir treten keinem Militärpakt (wie etwa der NATO) bei; und drittens, wir erlauben keinen ausländischen Truppen, sich auf unserem Territorium zu stationieren. „Das ist keine ideologische Neutralität", sagte Fischer weiter, „und schon gar keine Neutralität gegenüber Terrorismus oder gegen Verbrechen."

Das Problem mit der „immerwährenden Neutralität" aus dem Neutralitätsgesetz im Vergleich zu dem, was wir umgangssprachlich darunter verstehen, vor allem ein begriffliches—genauso wie eine „Theorie" in der Wissenschaft nicht dasselbe ist wie im Alltagssprachgebrauch. Ein anderes Problem, das sich nicht so einfach mit Sprache beseitigen lässt, ist der Bereich, in dem Österreich laut Bundespräsident Fischer eben nicht neutral ist.

Denn wenn wir weltanschaulich gegenüber dem Terror der IS-Miliz und gegenüber den Verbrechen des Assad-Regimes nicht neutral sind, dann können wir es auch nicht gegenüber deren Opfern sein, die gerade aus den Kriegsgebieten zu uns fliehen, weil sie zuhause um ihr Leben fürchten.

Genau wie im 1. April 2000 kommt auch unserer echten Regierung nicht in den Sinn, dass sie ihre Energie in Taten, statt in Inszenierungen stecken könnte.

Trotzdem versagt unsere Hilfe. Trotzdem winden wir uns aus der Verantwortung. Trotzdem sehen wir uns als die Opfer. Trotzdem lassen wir Menschen ausgerechnet am Wochenende vor unserem Nationalfeiertag an der steirischen Grenze in Spielfeld bei 1° Celsius auf dem Betonboden schlafen.

Hier kommen—ganze 63 Jahre nach seiner Veröffentlichung—die Moral und die Mentalität aus 1. April 2000 zur vollen Entfaltung. Wie im Film kommt auch unserer echten Regierung kein einziges Mal in den Sinn, dass sie ihre Energie nicht nur in aufwändige Inszenierungen, sondern auch in echte Taten investieren könnte.

Es reicht nicht, wenn Bundesministerin Mikl-Leitner sich einmal in Nickelsdorf zeigt, oder die ÖVP einen „Aktionsplan Asyl" aus Schlagworten präsentiert. Es reicht nicht, wenn die Bundesregierung und der Bundespräsident einen Betroffenheitsausflug nach Traiskirchen machen. Und es reicht auch nicht, wenn das Bundesheer zur antiquierten Materialschau am Heldenplatz abberufen wird.

Was wir mehr brauchen, ist nicht Extremismus oder Inszenierung, sondern etwas, womit wir Österreicher kein ganz so traditionsreiches Verhältnis haben: Verantwortungsbewusstsein und Handlungsbereitschaft, auch von offizieller Seite. Dazu gehört die Öffnung der Kasernen, die Prüfung leerstehender Gebäude, das Ende der „Festung Europa"-Kampfrhetorik und echte Katastropheneinsätze unseres Heers zur Hilfe der Menschen an den Grenzen. Zugegeben, das alles würde vielleicht nicht die UFOs vor Schönbrunn vertreiben. Aber vielleicht ist das mit dem Vertreiben auch nicht mehr ganz die passende Strategie für 2015.

Markus auf Twitter: @wurstzombie

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