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Probleme, die man hat, wenn man sich nicht mit dem gegebenen Geschlecht identitifiziert

Auf dem Papier gibt es in Österreich nur Mann und Frau. Mit der Realität hat das nur wenig zu tun.

von Hanna Herbst
24 Juni 2016, 5:00am
Fotos mit freundlicher Genehmigung von NaGeH.

Ich sitze mit vier Menschen im Besprechungszimmer unserer Redaktion. Alex trägt Jeans und T-Shirt, hat dunkle, auf den Seiten abrasierte Haare, Kathi hat kurze lockige Haare und trägt einen schwarzen Pullover. Esther ist groß, blond, trägt Jeans, T-Shirt und ein Halstuch. Lena hat lila Locken und trägt ein geblümtes Sommerkleid.

Wir sitzen hier, weil die vier mit ihrer Initiative "NaGeH" eigentlich auf Probleme an österreichischen Unis aufmerksam machen möchten, aber immer wieder driften wir ab und sprechen über Hürden, die sie bei Behörden, Ärzten oder im Alltag zu überwinden versuchen. Warum? Keiner der vier anwesenden Menschen ist cis. Lena erklärt, was das bedeutet: "Sogar auf der Uni wird als Gegenbegriff zu 'trans', 'inter*' oder 'nicht-binär' oft 'normal' verwendet." Dabei gehe es doch einfach darum, dass es Menschen gibt, die sich mit dem ihnen bei Geburt zugewiesenen Geschlecht "Frau" oder "Mann" identifizieren können und andere nicht.

"Dann gibt es auch jene, bei denen von Anfang an schon körperlich ersichtlich ist, dass ihnen weder 'männlich' noch 'weiblich' zugewiesen werden kann, weil sie es offensichtlich nicht sind." Trotzdem werde hier eine der beiden Kategorien zugewiesen. In jedem Fall sei es jede Person selbst, die wisse und bestimme, wer sie ist und welchen Geschlechtseintrag sie haben mag—das sollte leicht und unbürokratisch für alle möglich sein und sei rechtlich auch verankert. Kathi, Lena, Esther und Alex setzen sich für all jene ein, die die Box, in die sie eingeteilt werden, frei wählen wollen. Egal, ob es sich bei dieser um "männlich", "weiblich" oder eine weitere Option wie "x", "inter" oder "weitere" handelt." Sehr viel mehr haben sie, was das angeht, nicht gemein.

"Diese Gruppe besteht aus Menschen, die aus dem Geschlechter-Normensystem in irgendeiner Form rausfallen; sie ist alles andere als homogen", sagt Alex. "Es gibt so viele unterschiedliche und widersprüchliche Ansichten innerhalb der Gruppe." "Auch innerhalb eurer Gruppe?", frage ich. "Ja sicher. Schau uns an!", antwortet Esther und alle lachen.

Kathi und Alex sind nicht-binär und möchten deshalb mit keinem Pronomen angesprochen werden. Esther und Lena hingegen mit dem Pronomen sie. An diesen Punkt zu kommen, war für alle nicht einfach. Und es ist allen wichtig, zu betonen, dass es kein Endpunkt ist, an dem sie sich gerade befinden. Kathi erzählt, sich früher als lesbisch bezeichnet zu haben. Heute geht das nicht mehr, weil Kathi sich nicht mehr als Frau definiert. Auch nicht als Mann. In Österreich gibt es (noch) kein drittes Geschlecht, deswegen fällt es vielen schwer, aus diesem Schwarzweiß-Denken auszubrechen.

"Es hat lange gedauert, bis ich gewusst habe, dass Identität nichts Statisches ist, sondern etwas Dynamisches", erzählt Kathi. "Wenn ich jetzt sage, ich bin nicht-binär, kann ich morgen trotzdem draufkommen, dass das nicht stimmt und ich doch nicht nicht-binär bin. Früher war ich lesbisch. Und es war wichtig für mich, jetzt draufzukommen, dass die Identität nicht mehr zu mir passt. Das war vor allem mein damaliges Umfeld; das verliere ich nur jetzt ein bisschen, weil ich eben keine Lesbe mehr bin—und überhaupt keine Frau mehr." Per Mail schreibt mir Alex nach dem Gespräch noch etwas, das ihnen allen sehr wichtig ist: "Bei Identität und Geschlechtseintrag geht es nicht um Sexualität." Oft wird Identität mit Sexualität verwechselt. Dabei geht es nicht darum, mit wem jemand abends ins Bett gehen möchte, sondern als wer.

Non-binary oder nicht-binär zu sein, bedeutet, sich nicht eindeutig mit einem der beiden von der Gesellschaft angebotenen Geschlechtern zu identifizieren. Ist man dann beides oder gar nichts? Das ist die Entscheidung jedes einzelnen Individuums: Dazwischen, abwechselnd, außerhalb. Oder gar keines. Beides. Ein ganz anderes. Manchmal mehr von einem, manchmal weniger davon oder einfach wechselnd.

In einem binären Geschlechtersystem, wie es in Österreich existiert, stößt man als nicht-binäre Person oft auf Unverständnis. Lena ist binär—sie ist eine Frau, der nach der Geburt das Geschlecht "männlich" und ein dementsprechender Name zugewiesen wurden: "Wenn alles noch nicht offiziell ist, dann kann man auf der Uni vor dem Kurs zur Lehrperson gehen und sagen, wie man bitte genannt werden möchte. Das kann funktionieren, muss aber nicht. Und wenn es nicht funktioniert, dann wird ein Name aufgerufen, alle schauen dich an und fragen sich: 'Du bist das?' Weil man noch einen Männernamen hat, aber wie eine Frau aussieht. Schlimmer ist das noch für nicht-binäre Leute, weil viele Menschen mit keinen oder anderen Pronomen nicht zurechtkommen."

Wegen genau solcher Probleme gibt es die Initiative "NaGeH". Damit auch auf Universitäten trans-, inter*- und nicht-binäre Lebensrealitäten eingeschlossen werden. "Wir hätten sehr gerne ein drittes Kästchen, weil nicht alles entweder Mann oder Frau ist", sagt Alex. "Ein Freifeld wär natürlich am schönsten. Es sollte auf jeden Fall eine dritte Option geben."

Diesen Kampf kämpft gerade ein anderer* Alex vor Gericht. Alex Jürgen möchte in offiziellen Dokumenten als intergeschlechtlich anerkannt werden. Das Standesamt verwehrt den Wunsch, jetzt wird vor Gericht entschieden, ob das Land ein drittes Geschlecht anerkennen muss. Alex Jürgen ist intergeschlechtlich geboren. In seinem* Fall trafen damals die Ärzte eine Entscheidung über die Geschlechtsidentität des Kindes, nachdem die Geschlechtsmerkmale bei der Geburt "uneindeutig" waren. Die Geschichte hat Alex selbst in einem Artikel für uns erzählt.

"Ärzte denken da nur an das Chirurgische und wie man das jetzt anpassen kann, anstatt zu sehen, dass das ein gesunder Körper ist."

NaGeH-Mitglied Alex, mir gegenüber im Besprechungszimmer, findet gut, dass dieser Fall vielleicht über eine dritte Option neben männlich und weiblich entscheiden könnte. "Dass immer noch gelehrt wird, dass Intergeschlechtlichkeit eine Missbildung ist", wundert Alex sich. "Ärzte denken da nur an das Chirurgische und wie man das jetzt anpassen kann, anstatt zu sehen, dass das ein gesunder Körper ist. Dieses neugeborene Menschlein bewegt sich und hat alles, was es braucht, lassen wir es doch gedeihen. Warum operieren, wenn es nicht im Interesse der Person liegt? Und ein Interesse kann das Kind nicht artikulieren. Was machst du als Elternteil, wenn Ärzt_innen zu dir kommen und sagen, das gehört gemacht und du hast dich nie damit beschäftigt?" Bei uns kann ein Kind derzeit sehr schnell in eine der beiden Schubladen gesteckt werden: Junge oder Mädchen, etwas dazwischen oder außerhalb gibt es auf dem Papier nicht. In der Realität schon.

Die vier Menschen, die mir gegenüber sitzen, stehen mittlerweile dazu, dass sie nicht in das binäre System fallen, in das wir alle bei unserer Geburt einsortiert werden. Sie sprechen es an, klären und stehen auf. "Aber es gibt genügend trans-, inter*- und nicht-binäre Menschen, die das nicht machen. Und die jede Woche wieder über sich ergehen lassen, dass sie zum Beispiel beim falschen Namen genannt oder mit Herr angesprochen werden, obwohl sie es nicht sind." Lena fügt hinzu: "Und manche, die nicht aufstehen und nicht laut sind, die zerbrechen daran."

Es gibt genügend trans-, inter*- und nicht-binäre Menschen, die jede Woche wieder über sich ergehen lassen, dass sie beim falschen Namen genannt oder mit Herr angesprochen werden, obwohl sie es nicht sind.

Aber auch sie verstecken sich manchmal. Kathi ist vor der Familie nicht geoutet. "Es war schon so schwer zu sagen, dass ich lesbisch bin. Meine Oma hat das jahrelang ignoriert und immer gefragt, ob ich endlich einen Freund hab. Ich will sie nicht überfordern, weil ich weiß, dass sie sich selbst dafür verantwortlich machen würden, was ja auch völlig absurd ist."

Alex' Familie weiß auch nicht, dass Alex nicht binär ist. "Aber ich hab ein bisschen Angst, dass sie es rein theoretisch rausfinden könnten. Jedes Mal, wenn ich zu ihnen fahre, verkleide ich mich. Ich passe mich halt an, damit ich nicht in Frage gestellt werde." Lena erzählt, dass sie vor Jahren einmal so heimgefahren ist, wie sie immer aussieht. "Und dann war die Reaktion: Schämst du dich nicht? Sie hatten Angst, dass ich Übergriffe erleben würde. Es war eine Mischung aus Angst und Unverständnis. Und irgendwann haben sie ein gutes Buch gefunden und dann waren sie völlig hinter mir. Sie haben mir sogar meinen neuen Namen vorgeschlagen."

Aber damit man seinen offiziellen Namen ändern kann, muss man erst eine Therapie machen und ein Gutachten bekommen. Das kostet Geld, Zeit und belastet. "Die Therapie ist eigentlich dazu gedacht, dass du deinen Transitionsprozess hinter dich bringen kannst, ohne permanent anzuecken", erzählt Esther. "Aber wenn du zum Beispiel als trans-feminine Person in die Therapiestunde gehst, von der Arbeit kommst und Jeans und T-Shirt trägst, dann kann es dir passieren, dass der Psychiater oder die Psychiaterin reinschreibt: 'Die Anpassung an die weibliche Rolle ist noch nicht ganz geglückt.' Und drei Wochen später kommst du dann mit High-Heels und Make-up hin, dann schaut's schon viel besser aus. Du musst oft taktieren, damit du dem Bild entsprichst, das der Psychiater von einer Frau hat. Das ist unglaublich Kräfte zehrend."

Auch Lena sagt, sie habe sich in Therapie sehr stereotyp verhalten, weil die Therapie und so auch der Transitionsprozess länger gedauert hätte. "Du brauchst echt harte Nerven", erzählt Esther. "Mir hat einmal jemand fast beleidigt vorgeworfen, dass ich kein Make-up trage. Aber Frauen tragen doch Make-up! Und wenn ich kein Make-up trage, dann kann ich keine richtige Frau sein. Weil wenn ich eine Frau bin, und noch dazu trans, dann muss ich das doch wollen! Wie du es machst, machst du es in ihren Augen falsch."

Oft würden Menschen auch gar nicht merken, wie sehr ihr Blick an einem selbst heftet, erzählt Alex. "Sie schauen dich in der U-Bahn an und lesen deine Kleidung, aber dein Gesicht passt da nicht dazu. Und dann siehst du, wie sie gewisse Körperregionen begutachten und versuchen, eine Liste zu erstellen. So und so viel Punkte sprechen für männlich, so viele für weiblich und das, was überwiegt, das musst du halt sein."

Lena erzählt von einer Situation, in der jemand "Was bist du eigentlich?" gefragt habe. Kathi von einem Freund, dem ein Mann im Zug zwischen die Beine gegriffen habe, weil er das Geschlecht rausfinden wollte. Kathi selbst sei im Supermarkt einmal jemand hinterhergelaufen und habe, als Kathi o.b. kaufen wollte, gesagt: "Ah, bist doch eine Frau."

"Es gibt auch transfrauenfeindliche Feministinnen. Weil sie 'biologisch' und 'echt' sind und 'wir nicht'. Natürlich sind wir genauso biologisch und echt", sagt Lena. "Man sollte einfach lehren, dass Menschen verschieden ausschauen können."

"Man sollte einfach lehren, dass Menschen verschieden ausschauen können."

Dieses eindeutige, nur in männlich und weiblich eingeteilte System ist in unseren Köpfen verankert, es fällt vielen schwer, Menschen nicht eindeutig zuordnen zu können und, wichtiger, es nicht zu müssen. "Es war immer schon so systematisiert und dann glauben die Menschen, es gehört dann auch so", sagt Alex.

Alex und Lena bringen es gemeinsam sehr schön auf den Punkt: Lena erzählt, dass ja auch ein Beruf nichts Statisches sei: "Ich war früher in der IT und arbeite jetzt an der Uni." Worauf Alex antwortet: "Und das macht dich nicht weniger glaubwürdig. Als du IT gemacht hast, warst du eine IT-Person und das war genau so legitim, auch wenn du es jetzt nicht mehr bist." Nur muss das auch in anderen Köpfen ankommen.

Aufklärung müsse überall passieren, auch schon in der Schule—aber all das zeige auch, so Alex, wie wichtig es sei, auch auf der Uni aufzuklären. "Weil alle zukünftigen Richter_innen, Anwält_innen, Lehrer_innen, Sozialarbeiter_innen, Mediziner_innen, und und und jetzt ausgebildet werden", sagt Alex. "Wenn wir es jetzt auf der Uni schaffen, dann macht das auch die Möglichkeiten für die Zukunft so viel größer. Das ist eine ganze Uni-Generation mehr, die mit mehr Vorwissen und einem besseren Verständnis in die Arbeitswelt geht. Und die Uni soll ein Ort sein, an dem in die Zukunft blickende politische und gesellschaftspolitische Arbeit betrieben wird."

Hanna auf Twitter: @HHumorlos

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