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Das Sperma meines Mannes und der Kinderwunsch eines lesbischen Pärchens

„Nachdem er den beiden das Ergebnis in einem Becher überreicht hatte, sprachen wir bei Burgern und Pommes darüber, vielleicht einen zukünftigen Nobelpreisgewinner oder Diktator erzeugt zu haben."

von Alexander Coggin
01 März 2016, 5:00am

Foto: bereitgestellt vom Autor

Mein Mann Michael ist ein 1,93 Meter großer, blendend aussehender Traum mit deutschen, irischen und schwedischen Wurzeln. In seiner Familie herrscht ein hoher Bildungsstandard. Sein Großvater wurde 90 Jahre alt. Kurz gesagt: Sein Sperma ist flüssiges Gold.

Bei Valentina und Alissa handelt es sich um ein lesbisches Pärchen und gleichzeitig zwei unserer engsten Freundinnen. Die beiden haben zweieinhalb Jahre lang erfolglos versucht, Alissa schwanger werden zu lassen—das Ganze hat sie auch 20.000 Dollar ärmer gemacht. Dabei haben sie auf anonyme Spender von Samenbanken in Oakland gesetzt und als sie sich Nachschub holen wollten, mussten sie erfahren, dass der sorgfältig ausgewählte Spender nicht mehr vorrätig war.

Als mein Mann und ich vergangenen Sommer heirateten, traten die beiden deshalb an Michael heran und fragten ihn ganz formal, ob er ihnen seinen Samen spenden würde. Er willigte ganz enthusiastisch ein. Ein paar Monate später flogen wir dann von Berlin aus nach San Francisco, wo Michael dann so viel Sperma spenden wollte, wie es einem Menschen in zwei Wochen nur möglich ist. Das bedeutete natürlich auch, dass ich keinen Sex haben und mein Mann ziemlich wundgerieben sein würde—aber das sind Opfer, die man im Namen des Familienglücks schon mal bringen kann.

Der Prozess an sich war dann doch sehr biologisch-mechanisch: Michael spritzte seine Ladung immer in einen Plastikbecher, reichte ihn dann an Alissa und Valentina weiter und die beiden zogen sich anschließend in ihr Schlafzimmer zurück, wo dann mithilfe des Spermas und einer Spritze (ohne Nadel) die Befruchtung stattfinden sollte. Mein Mann ließ außerdem noch ein paar Spenden bei einer Samenbank einfrieren—für zukünftige Versuche oder etwaige Geschwister.

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Und dann war da noch der ganze Papierkram. Wir mussten Verträge unterschreiben und notariell beglaubigen lassen, in denen festgelegt wurde, dass wir niemals auf das Sorgerecht und Valentina und Alissa niemals auf Unterhaltszahlungen pochen würden. Standard eben. Für das Sperma bezahlten die beiden natürlich nichts—das erschien uns unethisch—, aber sie übernahmen dafür die Kosten für unsere Flüge, unsere Unterbringung, den Mietwagen, die Arzttermine, die Behandlungen und die rechtliche Beratung. Und bevor Michael seinen Lendenbereich zur Verfügung stellen durfte, musste er natürlich noch alle möglichen genetischen Tests, gesundheitlichen Checks und Blutabnahmen über sich ergehen lassen—eine Vorschrift der Samenbank, um sich gegen alle Eventualitäten abzusichern.

Alle Fotos: bereitgestellt vom Autor

Am ersten Abend grillten wir ein Hühnchen und redeten nochmals über unsere Wünsche und Ängste. Valentina und Alissa versicherten uns, dass wir im Leben des Kindes präsent sein sollen—zumindest so präsent, wie es unser Wohnort in Europa eben zulässt. Wir wären dann wohl so etwas wie Onkel und auf diese in unseren Augen spannende Aufgabe freuten wir uns sehr. Michaels Worst Case: Beim Treffen mit seinem Nachwuchs fängt seine eigene biologische Uhr an zu ticken. Mein Wort Case: Michaels Mutter kann nicht damit aufhören, selbstgehäkelte Babyschühchen nach San Francisco zu schicken, was eine mögliche Überschreitung der Spender-Oma-Pflichten darstellen könnte.

Im Sprechzimmer der Samenbank saß Michael ganz ruhig da und hörte sich die Liste der genetischen Schwächen seiner Familie an—Asperger, Brustkrebs und Colitis ulcerosa. Ich hingegen war total nervös. Als dann auch noch Valentina anfing, Sorgenfalten zu bekommen, dachte ich spontan daran, mich selbst als Samenspender zur Verfügung zu stellen. Nach einer kurzen Überlegung wurde mir jedoch klar, dass die Krankheitsgeschichte meiner Familie nicht gerade besser klingen würde.

Also versuchte ich, mich ein wenig abzulenken, und schnappte mir meine Kamera. Ich gab vor, aufs Klo zu müssen, wollte mich aber eigentlich in das Masturbations-Zimmer schleichen und mich dort ein bisschen umschauen. Was ich vorfand, war ein umgebautes Behinderten-WC mit einem Haufen Porno-Filme und -Zeitschriften. Ich war aufgrund der fehlenden Schwulen-Pornos kurz davor, einen Shitstorm loszutreten, aber dann fielen mir zum Glück ein paar Bareback- und Soldaten-DVDs auf. Ich hätte mir eigentlich schon denken können, dass in einer Samenbank vor allem Creampie- und Bareback-Filmchen zu finden sind.

Als Michael ein wenig später im gleichen Zimmer in einen Becher masturbierte (ich durfte ihm dabei leider keine Gesellschaft leisten), informierte sich Valentina im Internet ganz nervös über einige der Krankheiten, die meinem Mann während der Untersuchungen genannt worden waren. Kurz darauf verließ dieser siegreich den Masturbationsraum und wurde gleich wieder von einer Mitarbeiterin weggezerrt, um noch mehr Blutproben abzugeben.

Später fanden wir uns alle bei einem Gruppentherapiegespräch wieder, bei dem die etwas feineren Komplikationen besprochen wurden, die bei einem bekannten Samenspender auftreten können. So wurden wir auch vor gewissen Ausdrücken gewarnt: Zum Beispiel könnte „Biologischer Vater" im Unterbewusstsein ungewollte elterliche Assoziation hervorrufen. Außerdem lernten wir, dass auch dem Kind Freiheiten eingeräumt werden müssen. Wir können unsere Vorstellungen in der Vierergruppe darlegen und Valentina und Alissa können ihre Wünsche als Eltern aussprechen, aber niemand von uns weiß letztendlich genau, was das Kind mal wollen oder was es interessieren wird.

Als wir am darauffolgenden Tag aufwachten, wurde uns direkt mitgeteilt, dass Valentinas Lutropin-Spiegel anstieg—ein Anzeichen dafür, dass der Körper für den Eisprung bereit ist. Dieser Eisprung hält normalerweise 24 bis 48 Stunden an. Somit musste der Samen noch an diesem Tag eingeführt werden.

Also schauten Valentina, Alissa und ich im Wohnzimmer eine Folge Real Housewives of Atlanta, während wir so taten, als würde sich Michael im Nebenraum nicht gerade einen runterholen. Als er den beiden Frauen schließlich das Ergebnis in einem Becher überreicht hatte, fuhren wir beide zum nächstgelegenen Fastfood-Tempel, wo wir bei Burgern und Pommes darüber sprachen, da vielleicht einen zukünftigen Nobelpreisgewinner oder Diktator erzeugt zu haben. Derweilen führten Valentina und Alissa das Sperma in Valentinas Vagina ein. Es lag jetzt nur noch an ihnen, mein Mann und ich hatten unsere Pflicht getan.

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Als wir San Francisco wieder verließen, spürte ich doch eine gewisse Erleichterung darüber, dass unsere Verpflichtungen jetzt vorbei waren. Gleichzeitig fiel mir auch auf, dass ich nicht mehr so viel Angst hatte wie am Anfang. Ich kam mir nicht mehr länger vor wie ein Mittelsmann, sondern wie ein integraler Teil unserer Vierergruppe. Kurz nachdem unser Flieger wieder in Berlin gelandet war, erfuhren wir dann, dass Valentina ihre Tage bekommen hatte—wieder nichts gewesen. Die ersten Versuche bleiben oft erfolglos, aber beim nächsten oder übernächsten Mal haben die beiden vielleicht Glück. Es kann allerdings auch fünf Jahre dauern. Unter Umständen werden meine Freundinnen mithilfe von Michaels Sperma nie schwanger. Die Biologie lässt sich hier nicht steuern, aber zumindest haben mein Mann und ich unser Bestes gegeben. Und wenn alle Stricke reißen sollten, dann bin ich immer noch davon überzeugt, dass Freunde eine richtige Familie darstellen können, die man sich sogar aussuchen kann.

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