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Weed Week

Brauchen wir mit legalem CBD-Gras überhaupt noch THC?

Wir haben einen Arzt gefragt.

von Lisa Brombach
20 April 2017, 2:05pm

Foto von Laurie Avocado | Wikimedia | CC BY 2.0

Seit ein paar Monaten kann man in der Schweiz ganz legal kiffen, unter einer Bedingung: Der THC-Gehalt im Cannabis muss unter einem Prozent liegen. Der legale Stoff, der trotzdem noch seine Wirkung entfalten kann, ist Cannabidiol (CBD). Das CBD-Cannabis kannst du mittlerweile in gefühlt jedem zweiten Eck-Kiosk kaufen.

Es sind vor allem gesundheitliche Versprechen, die CBD-Produkte so populär machen. Das Internet ist voll mit Erfahrungsberichten, die CBD als Wundermittel feiern. Dabei ist CBD in der Schweiz explizit kein Medikament und darf auch nicht als solches angepriesen werden. Der Grund dafür ist, dass die gesundheitlichen Effekte von CBD nicht umfassend belegt sind – dasselbe gilt für THC. Durch die Stigmatisierung und den illegalen Status von Cannabis wurde die Wissenschaft lange daran gehindert, ernsthafte Forschung im Bereich von THC und CBD zu betreiben.

Obwohl CBD jetzt legal ist und frei gekauft werden kann, setzen sich weiterhin Gruppen für die medizinische Legalisierung von THC ein. Dr. Stohler war leitender Arzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich und beschäftigt sich unter anderem mit den medizinischen Anwendungsmöglichkeiten von CBD und THC. Er erklärt uns, ob eine Legalisierung von THC aus medizinischer Sicht überhaupt noch notwendig ist und wo der Gebrauch von Cannabis Potential hat.

Dr. Rudolf Stohler war Leitender Arzt im Zentrum für Abhängigkeitserkrankungen der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich | Foto von der Autorin

VICE: Cannabis mit CBD wurde legalisiert. Ist die Legalisierung von Cannabis mit THC jetzt noch nötig?
PD Dr. med. Rudolf Stohler: Die Wirkung von THC kann nicht immer durch CBD ersetzt werden. Die meisten Untersuchungen wurden mit der Pflanze und THC, meist in Kombination mit zusätzlichen Cannabinoiden, gemacht. Mit CBD allein gibt es sehr wenige kontrollierte Studien. Man müsste einfach alle Studien, die mit THC durchgeführt wurden, auch für CBD machen. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass CBD effektiv bei gewissen Formen von Epilepsie helfen kann. Bei Karzinomen zum Beispiel ist das nicht so klar. THC und CBD sind vermutlich für verschiedene Krankheiten anwendbar. Bei manchen Dingen ist CBD besser, bei anderen THC, bei dritten Kombinationen oder nochmals andere Cannabinoide. Es wurden ja mittlerweile 140 Cannabinoide entdeckt, das ist eine komplexe Sache. Es gibt so viele mögliche Kombinationen und Anwendungsgebiete und darum dauert es halt einfach Jahre, um all diese Komponenten zu untersuchen.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Cannabis als Medizin zu befassen?
Ich hatte nie grosse Angst, dass Cannabis schizophren macht. Epidemiologische Daten zeigen keine Erhöhung von Schizophrenie, sondern eher eine Abnahme. Obwohl der Konsum sicherlich zugenommen hat, was natürlich dagegen spricht. Es ist keine so wahnsinnig gefährliche Substanz und darum hatte ich keine Berührungsängste damit. Als die Rezeptoren dann gefunden wurden, gab es eine regelrechte Explosion von Wissen und ich habe begonnen, mich einzulesen.

Wo könnte es medizinisches Potential für Cannabis geben, das noch nicht ausgeschöpft wird?
Ich denke, über den Einfluss auf entzündliche Darmkrankheiten gibt es noch sehr wenige Untersuchungen und die sind vielversprechend. Es gibt auch ganz wenige Studien zu ADHS. Auch diese sind sehr aussichtsreich. Die ganze Frage der Schizophrenie ist ein interessantes und brisantes Anwendungsgebiet. Die Anwendung bei Multipler Sklerose kennt man etwas besser. Und die Anwendung in der Karzinomprävention ist auch ein interessantes Feld.

Wo liegen die Grenzen der Behandlung mit Cannabis?
Die momentane Euphorie finde ich ein bisschen gefährlich. Man tendiert dazu, Cannabis als Wundersubstanz darzustellen. Das ist nicht der Fall. Es gibt Leute, die darauf ansprechen und andere, die nicht darauf ansprechen.

Es gibt zwar Fallstudien zur Wirksamkeit von Cannabis, aber klinische Studien gibt es nur wenige. Warum ist dem so?
Ich glaube, es gab zu Beginn eine sehr grosse Abwehrreaktion. Cannabis hatte ein Drogen-Image und darum konnte man gar nicht damit arbeiten. 90 Prozent der Untersuchungen wurden in Amerika gemacht und das "National Institute on Drug Abuse" handhabte den Umgang sehr restriktiv. Zudem sind diese Studien teuer und potenzielle Anwendungsgebiete sehr vielseitig.

Das Bundesamt für Gesundheit hat Gruppen definiert, die legal Cannabis erhalten können. Für welche Beschwerden werden bisher die meisten Rezepte verschrieben?
Da gibt es noch keine Berichte darüber, das kann ich nicht sagen. Es läuft aber so ab: Eine Expertengruppe gibt ihre Einschätzung ab, ob ein Patient THC verschrieben bekommen sollte und teilt diese dem BAG mit. Ich hatte zum Beispiel eine Bewilligung für einen Patienten, der einen erhöhten Augeninnendruck hatte. Das ist eine relativ bekannte Anwendung.

In welcher Form wird Cannabis in der Schweiz am häufigsten verschrieben?
Als Alkohollösung oder als Öl in verschiedenen Kombinationen von CBD und THC.

Verschreiben Schweizer Ärzte ihren Patienten THC oder gibt es da ein Stigma?
Ich glaube, die meisten Ärzte lassen die Finger davon. Aber es gibt Zentren wie das Muskelzentrum des Spital St. Gallen, die sehr viele Verschreibungen machen. Aber die meisten Ärzte haben Angst. Zwei wichtige Gründe, warum in der Schweiz nicht viel verschrieben wird, sind wohl der bürokratische Aufwand und dass die Krankenkasse die Kosten meistens nicht übernimmt.

Momentan kann CBD nur in speziellen Shops gekauft werden, aber nicht in Apotheken. Zudem dürfen die Kunden bei der Wahl der CBD-Produkte nicht beraten werden. Ist das nicht absurd?
Doch, das ist absurd. Aber ich bin mir jetzt auch nicht sicher, ob das wirklich so ist (Anm. d. Red.: Es dürfen keine spezifischen Heilversprechen gemacht werden). Man darf es nicht als Arzneimittel verordnen, es ist kein registriertes Medikament. Aber es ist auch wirklich schwierig, Empfehlungen zu geben, da es keine gesicherten Befunde gibt. Es ist mehr Forschung nötig.

Wie stehen Sie zur Legalisierung von Cannabis für den Freizeitgebrauch? Würde eine Legalisierung der Diskussion um medizinales Cannabis eher schaden oder helfen?
Sie stellen mir da eine schwierige Frage. Aber die Grenze zwischen medizinischem und "recreational" Gebrauch ist auch fliessend. Die Zustimmung zur medizinischen Verwendung ist in der Bevölkerung sicher grösser. In den USA haben wir aber gesehen, dass zuerst der medizinische Gebrauch bewilligt worden ist und der Freizeitkonsum nun langsam dekriminalisiert wird.

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