Das Schöne an 'Alien'

Da ist 1979 im Weltall was geschlüpft und seitdem bekommen wir es nicht mehr aus dem Kopf.

von Josef Zorn
19 Mai 2017, 3:06pm

Bild: © 2017 20th Century Fox

Alle leicht nerdigen werdenden Eltern denken im Laufe der Schwangerschaft mindestens einmal an Alien. Das ist jetzt vielleicht nicht sonderlich schön, aber auf alle Fälle bezeugt es, wie einschneidend diese Filme und deren fantastischen Kreaturen sind.

Ridley Scott hat mit Ende der 70er den Weltraum zum Horror-Standard gemacht. Das Ausserirdische, die ungewisse Weite des Alls und Furcht vor den unendlichen Möglichkeiten da draussen – wie es auch die Monstermythen auf den Sieben Weltmeeren gab – brachte Alien damals kompakt auf den Punkt. Was darauf folgte, war Trash, Philosophie und Weltenbildung, wie es Comic Book-Universen nicht besser hinbekommen könnten. Hier die schönsten schrecklichen Seiten dieses Universums.

Das Zentrum der Alien Filme ist der Xenomorph. Das ist schon mal alleine deshalb schön, weil es ein konzeptionelles Kunstwerk von H. R. Giger ist, einem wundervoll irren Schweizer. Ein metallisch-schwarz schimmerndes Monster mit einem gigantischen, lang gebogenen Schädel – den ich irgendwie voll gerne angreifen würde –, Säure anstatt Blut und einem eigenartigen verrenkten Skelettkörper, der in einer Mundzunge in der Mundzunge mit messerscharfen Zähnen mündet. Das grauenhaft Tolle an Xenomorphs? Sie brauchen fremde organische Körper, um in ihnen zu brüten. Die Alptraum-Fabrik ist komplett.

Es gibt auch noch die "Facehugger" – nein, nicht das letzte Schmusi auf deiner Hausparty. Diese glitschigen Spinnentier-Rochen-Wesen springen aus riesigen Gothic-Eiern, saugen sich an deinem Kopf fest und implantieren Xenomorph-Embryos in deinem Oberkörper, die dann wiederum als kleine "Chestburster" aus dem Wirtskörper platzen. Stellt euch dazu einfach "Circle of Life" vom König der Löwen vor.

Das Allerschönste an Alien ist aber definitiv, dass der Film uns die grösste Action-Protagonistin der Kinogeschichte beschert hat: Ellen Ripley. Sie ist die einzige mit Hirn und Vernunft, wehrt sich erfolgreich sowohl gegen Macho-Typen aus dem Maschinenraum als auch gegen durchgedrehte Androiden, die ihr ein zusammengerolltes Porno-Magazin in den Hals schieben wollen.

Ripley ist im ersten Film ein Warrant Officer auf einem Rohstoffförderungs-Raumschiff und gerät ziemlich in die Scheisse, weil keiner auf sie und ihre Quarantäne-Bestimmungen hören wollte. Was darauf folgt, sind Jahrzehnte des Leids und Prüfungen ihrer Standhaftigkeit gegen diese Alien-Plage. Sie wird sogar ungefragt geklont, verdammt noch mal!

Ripley ist die einzige mit Hirn und Vernunft, wehrt sich erfolgreich sowohl gegen Macho-Typen aus dem Maschinenraum als auch gegen durchgedrehte Androiden.

Im Laufe der Franchise ist ihre Figur zum Idol der Fem-Power geworden und allgemein nicht wegzudenken im Kanon der ganz grossen Filmprotagonisten. Jenseits von Tomb Raider-Busen oder Red Sonja-Metallbikini hat sie sich ihren Platz im "Bad Ass"-Olymp hart erkämpft. Ripleys Charakter hat einen besonderen Stellenwert in der lesbischen und Bi-Community. Und keine sonst, sagt so schön "Bitch" zu Computern namens "Mother" oder haushohen Muttertier-Aliens.

Ripleys smarte, hübsche und einnehmende Präsenz wird Gigers unheiligem Art-Design gegenübergestellt. Triefende Schnörkel der dämonisch organischen Rippen-Architektur, die unmöglichen sinnbefreiten Schiffsmaschinerien und der surreale Xenomorph stehen im krassen Gegensatz zu der Katzen abschmusenden Frau – obwohl, sie hat einen Flammenwerfer. Das ist einer der schönsten ästhetischen Kontraste der Filmgeschichte.

Kurz habe ich schon Comics und Weltenbildung erwähnt. Scotts Debut-Film hat nicht nur Space Horror erfunden, sondern auch den "Space Hackler". Der dreckige Alltag im All mit der Routine von Mechanikern und Schichtarbeitern beflügelt einfach sofort die Fantasie in 1000 Sci-Fi-Richtungen. Und dass diese von nichts zu beeindruckende Arbeiterklasse plötzlich auf ausserirdisches Leben trifft und vor allem wie, ist eine filmisch kreative Meisterleistung. Die Handlung klingt wie direkt aus H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns. Menschen betreten ein verlassenes Raumschiff fremder Herkunft und finden Überreste einer extraterrestrischen Zivilisation – die wiederum von einer fremden Alien-Spezies getötet wurde. I love this shit.

Viele Sequels, Comics und auch Massen an Videospiel-Adaptionen (Oh Gott, Alien: Isolation ist so scary) waren die logische Folge dieser Weltenbildung. James Cameron konzentrierte sich in seiner Fortsetzung Aliens auf diesen Weltall-Realismus des Originals, aber mehr in Punkto Militär und Space Marines – Rest in Peace, Bill "Hudson" Baxton, du liebenswerter Halunke. Aliens ist Plural, was diesen grandiosen Film auch super zusammenfasst. Ein paar Jahre später mit Terminator 2 bewies Cameron wieder ein Händchen für "zweite Teile" – bin also gespannt auf Avatar 2.

Ab dem Zeitpunkt explodierte die Alien-Saat intermedial so richtig – ich meine, es gibt sogar Muppets Spoofs. Oder man nehme Predator 2, im Hintergrund einer dessen Szenen ist der Alien-Kopf klar im intergalaktischen Trophäenschrank zu sehen. Das hat wiederum eine Alien vs. Predator-Reihe losgetreten, die durchaus einen Trash-Chic aufweisen. David Fincher hat zwar mit dem dritten Alien ziemlich versagt. Offenbar war das ein Produktionsalptraum und Ridley Scott, der Teil 3 erst viele Jahre später gesehen hat, hasst ihn mit ganzem Herzen. Aber schön trotzdem, dass Fincher mit diesem Debut ins Business und in unser Bewusstsein getreten ist.

Die unterschwellige Sexualität von Ripley, ihre kleinen weissen Unterhöschen und die französischen Liebe für Wrongness sind für den Regisseur des vierten Teils, Jean-Pierre Jeunet, wohl sehr wichtig gewesen. Das Alien wird zu einer intersexuellen Metapher zwischen einer sinnlichen Winona Ryder und Sigourney Weaver (das sind schon zwei recht eigenartige Namen, merk ich gerade). Das wirklich Schöne an Alien: Resurrection ist aber, dass ich und so ziemlich jeder, der den Film gesehen hat, ihn sofort nach dem Schauen wieder vergessen hat.

Die Handlung klingt wie direkt aus H. P. Lovecrafts Berge des Wahnsinns. Menschen betreten ein Raumschiff fremder Herkunft und finden Überreste einer extraterrestrischen Zivilisation – die wiederum von einer fremden Alien-Spezies getötet wurde. I love this shit.

Mit Prometheus hat Ridley Scott sich die leicht vermurkste Mythologie wieder ans Herz genommen, was sicherlich das schönste Highlight dieses Films ist. Das Alien-Universum wird komplett aufgesprengt, bekommt einen neuen Look (weniger Giger, mehr Hochglanz-Tech) und einen philosophischeren Ansatz. Aber im Herzen pocht schon noch die schöne parasitäre Ungewissheit und schreiend werden diverse Höllenkreaturen geboren. Leider brachte Prometheus viele Fragen auf.

Der neue Alien beantwortet wenige davon und wirft dafür gleich noch ein paar 100 neue auf – wenn auch eher nur für Nerds, die Timelines und Kausalitäten zwischen den verschiedenen Filmen sinnvoll verbunden sehen wollen. Das Schöne an Alien: Covenant ist kurz und bündig gesagt: Michael Fassbender. Nicht nur, dass dieser Type schauspielerische Meisterleistungen abliefert, die ich in so einer Form noch nie gesehen habe, es ist auch ein netter sexy Moment dabei für Leute, die nachts manchmal weirde Träume von multiplen Fassbendern haben.

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Auch wenn ich wie ein Bergbauer klinge dabei: Bei Alien weiss man einfach, was man bekommt. Ich dachte kurz daran, einen augenzwinkernden Artikel zu schreiben, mit dem Titel "Was die neue Whitney Houston-Doku und der neue Alien gemeinsam haben". Das reicht gerade mal für einen schlechten Scherz, aber bei genauerer Betrachtung, fallen sogar wirklich gewisse grundsätzliche Eigenheiten auf. Bei Whitney weiss man genau, dass an einem Punkt in ihrem Leben Crack und Bobby Brown einen Auftritt haben. Genauso ist es in Alien mit Sicherheit gegeben, dass zu einem gewissen Zeitpunkt ein blutiger Monsterwurm aus einem Körper explodieren wird und trügerische Androide zusätzlichen Schaden anrichten. Darauf kann man sich verlassen.

Das Schöne an Alien: Covenant ist der Schöpferkomplex, der eine abstrakte Meta-Ebene bekommt, wenn man ihn genau durchdenkt. Gott, tatsächlich ist eine ganz neue philosophische Sichtweise auf das Ganze hinzu gekommen. Die Definition der "Entstehungsgeschichte" wird noch komplexer, obwohl das eigentlich im Vorgänger-Film schon verwirrend genug war. Ein gleichgeschlechtliches Pärchen, ohne Resurrection-Peinlichkeiten, ist auch dabei und Danny McBride probiert sich als neuer "Hudson" mit Strohhut. Ein paar Macken gibt's schon, aber ich bin mit Covenant wieder direkt in die genetisch verklebte Ursuppe der Alien-Welt reingekippt.

Ein Freund von mir meinte, das Schöne an Alien sei für ihn, dass immer alle sterben, bis auf die Katze. Auch ein guter Punkt. Ich mag diesen dunklen Parasiten einfach, der die Fantasie so beflügelt und tiefsten Schrecken vor der eigenen Kaltblütigkeit ins Herzen schiesst. Ihr müsst wissen, der Xenomorph ist schliesslich halb Mensch. Schlaft schön, ihr kleinen Facehugger.

Josef auf Twitter: @theZeffo

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